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Fährten lesen: 10 Tipps, wie Fachjournalisten leichter und präziser Themen finden

„In der nächsten Sendung planen wir ein Special über Dämmstoffe!“„In der nächsten Ausgabe bringen wir zehn Seiten über E-Marketing für Hotels!“ Für Fachjournalisten ist das grobe Thema oft schon vorgegeben – sie fischen also nicht gänzlich im Trüben. Wenn es aber darum geht, zu bestimmten Themen konkrete, relevante und „neue“ Fragestellungen zu identifizieren, wird es oft schon schwieriger. Barbara Hallmann, Fachjournalistin und Buchautorin zum Thema, gibt zehn Tipps für die Themenfindung.

Themen finden – das muss man als Journalist, als Redakteur einfach können. Das wissen alle und würden alle auch so unterschreiben. Es ist gewissermaßen eine Grundtugend der Profession, eine feine Spürnase für das Wichtige, das Neue, das Interessante zu haben.

Aber manchmal will auch Profis die Themensuche nicht so recht gelingen: Man stockt, man zweifelt, man steckt in einer Blockade. Damit diese Blockaden gar nicht erst aufkommen, sollte der Themenspeicher immer gut gefüllt sein oder schnell gefüllt werden können – dann kann man dort hineingreifen, wenn der Ideenfluss nicht so sprudelt, wie es die eigene Berufsehre von einem verlangt.

Im Folgenden erhalten Sie zehn Tipps zur Themensuche – vier davon führen raus ins pralle Leben, für die anderen sechs dürfen Sie am Schreibtisch sitzen bleiben. Immer gilt: Jede Themenidee, sei sie auch noch so vage, sollten Sie festhalten: in einer Themenkiste auf dem Schreibtisch, in einem Ordner auf dem PC, einer Mindmap oder an einem anderen Ort. Wichtig ist, dass Sie die Ideen wiederfinden – und als Ausgangspunkt für eine Recherche nutzen, wenn die Zeit gekommen ist. Und generell gilt: Hinter allen Dingen oder Entwicklungen, mit denen jemand ein Problem hat, steckt ein Thema!

Themensuche I: Ab nach draußen!

Tipp 1:. Ein Lob auf die Pinnwand
Fachjournalisten sind häufig in Hochschulen, bei Organisationen und Vereinen oder in Ämtern unterwegs, die etwas mit ihrem Thema zu tun haben. Auf dem Weg zum Termin oder beim Warten treffen sie immer auf Anschlagtafeln oder Pinnwände. Lernen Sie, dieses bunte Wirrwarr als Themenfundgrube zu nutzen! Dabei sind offizielle Aushänge genauso wertvoll wie inoffizielle Mitteilungen: Gibt es neue Direktiven? Aufrufe gegen eine bestimmte Verordnung? Sucht jemand Unterstützung für eine bestimmte Sache? Das alles kann zu einem Thema werden.

Besonders Hochschulen bieten mit ihren vielen unregulierten „Schwarzen Brettern“ für die Themensuche einiges Potenzial.  Hier stoßen Sie mitunter rein durch Zufall auf eine Information,  die den Ausgangspunkt für eine interessante Fragestellung bildet. Und dies kann gegenüber der oft zielorientierten Informationssuche im Internet befruchtend sein.

Ein Beispiel: Beim Warten auf den Bus nach einer Veranstaltung an der ETH in Zürich fiel mir ein Plakat der Studierendenvereinigung Arkitektura auf, die für einen Dialog zwischen Studierenden und Professoren zur Zukunft der Architekturausbildung kämpft. Wie soll die Architekturausbildung künftig aussehen? Das wäre ein Thema für ein Bau-Fachmagazin, für das die Studierendenvereinigung ein möglicher Ansprechpartner wäre.

Tipp 2: Neue Bekannte, neue Themen
Messen, Symposien oder ähnliche Veranstaltungen, die viele Menschen zu einem Oberthema an einem Ort versammeln, bergen großes Themenpotenzial. Als Fachjournalist kennen Sie die einschlägigen Branchenveranstaltungen, das ist klar. Die Teilnahme daran ist ein unbedingtes Muss für Sie – auch wenn es zeitlich wieder einmal überhaupt nicht passt –, denn jede und jeder Anwesende weiß etwas anderes zum Thema, hat einen anderen Blickwinkel – und vieles davon hat noch kein Medium aufgegriffen.

Gerade durch diese Gespräche lernen auch Fachjournalisten neue Ansprechpartner kennen – die einen Zugang zu neuen Themen öffnen. Und denken Sie daran: auch “Bekanntschaften”, die online enstehen – zum Beispiel durch Leserposts – können Thementipps bringen. So arbeitet der amerikanische Journalist Levi Weizenbaum – und hat damit beachtlichen Erfolg.

Ein Beispiel: An der BAU in München traf ich an einem Messestand einen Ingenieur aus Berlin, der Matten aus Kunststoffröhrchen unsichtbar in Fassaden einbaut und damit die Wärme aus der Luft für Heizung und Warmwasseraufbereitung nutzbar macht. Dieses energieliefernde System ist zwar noch nicht marktreif, aber eine gute Anregung zum Thema energiesparende Gebäude – jenseits von zweifelhaften Solarpaneelen an Fassaden.

Tipp 3: Ohren auf bei kritischen Bemerkungen
Nach Veranstaltungen oder Vorträgen folgen oft Diskussionsrunden, bei denen auch das Publikum Fragen stellen darf. Da heißt es richtig hinhören, auch abseits vom eigentlichen Thema: Welche Fragen werden nur ausweichend beantwortet, welche Bemerkungen abgewürgt? Wer will sie nicht beantworten?

Als Fachjournalist kennen Sie sich besser als andere im Thema aus und können sich ein Urteil erlauben – oder wissen zumindest, in welcher Richtung man die Recherche beginnen kann: Warum werden diese Fragen abgewürgt? Wieso hat jemand ein Problem damit? Was wäre eine gute Antwort auf diese Bemerkung? Wer hat noch etwas dazu zu sagen? Wie viele Menschen stellen sich diese Frage?

So kann aus einer eher banalen Veranstaltung sehr viel mehr entstehen als nur eine Rückschau.

Tipp 4: Über die Bande gespielt: neue Recherchestrategien kennenlernen
Haben Sie schon einmal an eine Rechercheweiterbildung gedacht?
Das Netzwerk Recherche e. V. bietet auf seiner jährlichen Tagung in Hamburg und auch das ganze Jahr über interessante Workshops an, um den eigenen Werkzeugkasten zu aktualisieren und aufzustocken. Journalistenschulen und Verbände haben ähnliche Weiterbildungsangebote im Portfolio. Das Gute: Wer neue Recherchestrategien und -methoden kennenlernt, wird sie im eigenen Fachgebiet ausprobieren – und damit gleichzeitig auf spannende Themenideen stoßen.

Tipp: Kostenfrei im Internet abrufbar ist bspw. die Präsentation des Seminars „Recherche 2.0: So funktioniert der Faktencheck im (Social) Web“, welches der Journalist, Blogger und Social Median André Vatter für Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten-Verbands in Hamburg gegeben hat. Mit vielen hilfreichen Tipps, Strategien und nützlichen Werkzeugen für die Online-Recherche.

Eine weitere Leseempfehlung ist auch dieses englischsprachige Handbuch, das 80 Seiten umfasst: “Story-based inquiry: a manual for investigative journalists” von Mark Lee Hunter. Kostenfrei als PDF downloadbar.

Ein Beispiel: Mein Kollege, der Wirtschaftsreporter Ole Mikkelsen aus Kopenhagen, hörte bei einer US-Journalistenkonferenz einen Vortrag über die Methoden amerikanischer Reporter, die Rüstungslieferanten der US-Regierung zu recherchieren. Das brachte ihn auf eine Idee: Er recherchierte, wie dänische Unternehmen, unter anderem der dänische Logistikmulti Maersk, am Irakkrieg verdienen, weil sie Aufträge der US-Regierung erhalten.

Themensuche II: Am Schreibtisch geht’s auch!

Tipp 5: Die Konkurrenz als Themenfundgrube
Nein, Sie sollen nicht abschreiben. Das machen ja die anderen schon – und zwar von Ihnen, oder? Wenn Sie Ihre regelmäßige Presseschau betreiben, dann begeben Sie sich lieber auf die Suche nach den blinden Flecken in den Exklusivberichten der Kollegen: Welche Fragen hat das Konkurrenzmagazin unbeantwortet gelassen? Wo gibt es Unstimmigkeiten? Wer kommt im Artikel, im Beitrag nicht zu Wort und warum ist das wohl so?

Nehmen Sie einen farbigen Stift in die Hand und markieren Sie in den Beiträgen die Stellen, an denen man die Frage nach dem Warum stellen könnte. Beginnen Sie eine Recherche! Sie werden sehen, dass sich hinter einigen der unbeantworteten Fragen eine Geschichte verbirgt.

Ein Beispiel: Mein amerikanischer Kollege Russ Baker hat mit dieser eben beschriebenen „Blinde-Fleck-Strategie“ mehrere Geschichten über ein Netzwerk politischer Seilschaften aufgespürt. In einem Zeitungsbericht über Kindesmissbrauch las er, dass der Präsident des beschuldigten Vereins sich zu den genannten Anschuldigungen nicht äußern wollte. Er fragte sich, ob dieser Mann etwas zu verbergen habe – und stieß über die folgenden Recherchen auf das so „themenreiche“ Netzwerk.

Tipp 6: Tiefer graben im Internet
Wussten Sie, dass Google nur einen Bruchteil des Internets sieht? Das Deep Web, sozusagen die Tiefsee des Internets, ist sehr viel größer als das, was wir gemeinhin wahrnehmen, weil es uns dank Suchmaschinenoptimierung immer wieder auf dem silbernen Tablett serviert wird.

Es kann sehr anregend sein, tiefer zu graben. Versuchen Sie doch einmal, Foren, spezialisierte Social Networks, Blogs, Mailinglisten, Social Bookmarks, RSS-Feeds oder Newsletter zu genau Ihrem Fachgebiet zu finden. Wie wäre es, sich jeden Tag auf die Suche nach einer solchen neuen Informationsquelle zu begeben?

Es gibt spezialisierte Suchmaschinen für jede dieser Formen. Beispiele sind etwa www.forensuchmaschine.de, die Google Blogsuche oder auch die Mailinglistensuche. Vielleicht mögen Sie sich auch von dieser Aufstellung zehn neuer Nachrichtenquellen inspirieren lassen. Noch ein Hinweis: Alle diese Suchwege beschreiten Sie am besten, wenn Sie gerade kein Thema brauchen und sich in der Fülle ein wenig treiben lassen können. Aber vergessen Sie nicht, ihre Ideen zu notieren!

Tipp 7: Datensammlungen auswerten
Wann hatten Sie das letzte Mal Kontakt zum statistischen Landes- oder Bundesamt zu Themen Ihres Fachgebiets? Und wussten Sie, dass das Informationsfreiheitsgesetz genau wie das Pressegesetz die Chance bietet, auf jede Menge statistischer Erhebungen von Behörden zuzugreifen? Und surfen Sie doch einmal auf Govdata vorbei – und sie werden sehen: Das Internet ist voll von Datensammlungen!

Lernen Sie, mit Tabellenkalkulationen umzugehen; nehmen Sie sich etwas Zeit und spielen Sie mit den Zahlen, die Ihnen Statistiken bieten – anstatt sich auf die Ergebnisse zu konzentrieren, die Ihnen die Pressemitteilung zum Thema schmackhaft machen will. Stellen Sie Ihre eigenen Untersuchungen an und suchen Sie in den Angaben nach verschiedenen Zahlen zum „Meisten“, „Wenigsten“, „Größten“ oder „Kleinsten“! Vielleicht entdecken Sie dabei Ungereimtheiten oder Entwicklungen, die eine weitere Recherche wert sind: Wie groß sind die Stichproben? Ergeben die Werte zusammen immer 100 Prozent? Warum nicht? Und schon haben Sie ein Thema, dem Sie sich widmen können – und auf das Kollegen wohl nicht so schnell kommen.

Eine gut strukturierte und umfangreiche Link- und Leseliste zum Datenjournalismus hat der Journalist und Dozent Claus Hesseling zusammengestellt. Mit Einführungen zum Thema, Datenquellen, Werkzeugen und Beispielen. Wichtige Links zum Thema, inklusive einiger Handbücher und Online-Crash-Kurse, hat auch der Kölner Journalist Timo Stukenberg gesammelt.

Tipp 8: Corporate Magazine nutzen
Fachjournalisten werden mit Pressemitteilungen von Unternehmen überschüttet, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Was allerdings viel spannender ist: Online- oder Printmagazine von Forschungseinrichtungen zu Ihrem oder – noch besser – einem verwandten Fachgebiet. Denn dort verstecken sich viele Informationen, die gar nicht als Pressemitteilung herausgegeben werden.

Es geht auch hier nicht darum, einfach abzuschreiben. Nutzen Sie die Magazine als Inspirationsquelle, spinnen Sie Geschichten weiter, personalisieren Sie sie oder gehen Sie unbeantworteten Fragen nach –
je nachdem, was sich für Ihr Fachgebiet und Ihr Medium anbietet.

Ein Beispiel: Obwohl für mich als Architekturjournalistin eigentlich nur am Rande interessant, lese ich immer wieder im Magazin der schweizerischen Materialforschungsanstalt EMPA. Vor einigen Jahren druckte das Magazin einen Bericht über ein Projekt zur Wasserverschmutzung durch Fassadenfarben. Mit dem Projektleiter konnte ich ein Interview realisieren, das für Architekten klarstellte, welche Konsequenzen Wärmedämmverbundfassaden und geringe Dachüberstände für die Umwelt haben können – einfach weil durch den Regen Gifte aus den Fassaden ausgewaschen werden und ins Grundwasser gelangen.

Tipp 9: Sprechen Sie Kisuaheli!
Keine Angst: Sie müssen nicht diese ostafrikanische Sprache beherrschen, um den folgenden Tipp anzuwenden. Ganz im Ernst: Welche Sprachen sprechen Sie? Haben Sie schon einmal nach Fachpublikationen zu Ihrem Thema in diesen Sprachen gesucht? Worüber berichten die Kollegen aus dem Ausland? Gibt es die Problematik auch für Ihre Leser?

Ein bisschen persönlicher wird’s, wenn Sie mit Ihren ausländischen Fachkollegen in ständigem Austausch stehen. Vielleicht durften Sie auf Pressereisen Kollegen kennenlernen. Verfolgen Sie doch, worüber sie berichten!

Ein Beispiel: Ich habe eine Bekannte, die als Wissenschaftsjournalistin für kanadische Tageszeitungen arbeitet und ihre Themen oft auf Facebook postet. Ich stelle mir dann die Frage: Gibt es dieses Problem auch bei uns? Gibt es Studien dazu? Wie könnte ich es umsetzen?

Tipp 10: Themenlisten nutzen!
Für jede Profession gibt es Dienstleister, die uns das Leben leichter machen wollen. So auch für Journalisten. Verschiedene Anbieter listen zum Beispiel kommende Jahrestage, Veranstaltungen, Jubliäen, Todestage, Ausstellungen und so weiter auf – und sind damit eine Fundgrube für Themen, von denen sich viele in einer  Fachpublikation gut machen, auch wenn man für manche sicher erst den richtigen Dreh finden muss.

Über newsroom.de sind tausende Themenpläne deutschsprachiger Medien zugänglich – allerdings nur via Premiumabo für 12 Euro/Jahr. Nicht ganz so komfortabel, dafür gänzlich ohne Anmeldung und nur für Fachzeitschriften geht’s mit www.fachzeitschriften-media-info.net. Eine Ereignisübersicht für das laufende und die kommenden Jahre bietet auch Wikipedia – zum Beispiel für 2013. Eine der kostspieligeren Alternativen ist das Themenverzeichnis von Peter Diesler, ehemals Fachjournalist bei Chip. Es umfasst rund 300 Seiten mit rund 2.000 Terminen und Themen, wird per USB-Stick verschickt, enthält zu allen Einträgen klickbare Links und schlägt aktuell mit 130 Euro zu Buche. Erhältlich ist es unter www.journalismus.com.

Nach so vielen konkreten Tipps zum Vorgehen fehlt noch der wichtigste Hinweis: Seien Sie kreativ bei der Themensuche! Kreativität ist nicht ausschließlich angeboren, Kreativität können Sie erlernen. Hierfür gibt es beispielsweise eine Menge Kreativitätstechniken wie Brainstorming, Mindmapping, Reizwort-Analyse, mentale Provokation, Osborn-Liste, Imaginationstechniken etc.  Diese hier alle vorzustellen, sprengt den Rahmen – beginnen Sie Ihre Recherche doch bei Wikipedia und probieren Sie unterschiedliche Techniken aus. Sicher passt nicht jede Technik zu jedem, aber wenn Sie die für Sie richtige Technik gefunden haben, dann werden Sie staunen, auf welche Ideen Sie bei der Themenfindung kommen!

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

 

Literatur:
Langer, Ulrike (2011): Journalisten Werkstatt Datenjournalismus, Freilassing. (www.oberauer.com)

Linden, Peter; Bleher, Christian (2012): Journalisten Werkstatt Themen finden. Freilassing. (www.oberauer.com)

Scheiter, Barbara (2009): Themen finden, Konstanz.

Voigtmann, M. (1997): Genies wie du und ich. Kreativ sein hat System, Heidelberg.

Weidenmann, B. (2010): Handbuch Kreativität, Weinheim.

hallmann_barbaraDie Autorin Barbara Hallmann arbeitet als Fachjournalistin für Bau- und Wohnthemen in Zürich. Sie ist Kulturwissenschaftlerin und volontierte beim MDR. Seit 2006 unterrichtet Barbara Hallmann Nachwuchsjournalisten, unter anderem an den Universitäten Tübingen und Freiburg. Für das Deutsche Journalistenkolleg ist sie als Studienbriefautorin tätig. 2009 erschien ihr Buch „Themen finden“ (unter ihrem Mädchennamen Barbara Scheiter).
www.barbara-hallmann.com

 

 

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