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Das Feature: Schreiben mit der „So-wie“-Formel

Zu oft noch beschränken sich Journalisten in Print- und Onlinemedien auf das nackte Berichten. Dabei gibt es eine Darstellungsform, mit der Fakten und Nachrichten viel besser und für den Leser anregender transportiert werden können: das Feature.

„Der Journalist Markus Reiter starrt auf seinen Bildschirm. Seine Augen verengen sich. Er presst die Lippen aufeinander. ‚Mist‘, denkt er. ,Keine Ahnung, wie ich dieses trockene Thema knacken soll.‘ Sein Auftraggeber wünscht sich rund 10.000 Zeichen über eine bestimmte journalistische Darstellungsform. Doch wie macht man ein solches Thema für den Leser lebendig? Der erfahrene Autor atmet tief durch und beginnt, in die Tasten zu hacken. So wie Markus Reiter geht es täglich Hunderten von Redakteuren …“

Zugegeben: Das war jetzt ein ziemlich billiger Trick, um in das Thema „Feature“ einzusteigen. Aber der Einstieg macht deutlich, wie eine der schillerndsten journalistischen Darstellungsformen, das Feature,  funktioniert. In vielen Redaktionen könnte es hervorragend eingesetzt werden – was jedoch oft daran scheitert, dass die Beteiligten nicht genau wissen, was eigentlich damit gemeint ist.

Feature – Was ist das eigentlich?

Der Begriff „Feature“ wird in den einzelnen Medien, oft sogar in einzelnen Redaktionen, unterschiedlich verstanden. Generell handelt es sich um ein Stück mit sowohl szenischen, also erzählenden, als auch berichtenden, also tatsachenbetonten Elementen. Oft beginnt es mit einer konkreten Szene als Türöffner, um von dort aus wesentliche Themenaspekte allgemein zu betrachten. Am Ende erfolgt häufig der Rücksprung zur Eingangsszene als Spannungsbogen. Dem Feature gelingt es, einen allgemeinen Sachverhalt an Einzelfällen anschaulich zu machen, indem es sich des Reportage-Stils bedient. (vgl. Haller, M. (2005), S. 408 ff.)

Im Print- und Onlinejournalismus handelt es sich bei einem Feature um eine berichtende Textsorte, die wesentliche Punkte eines Themas darstellt. Das Feature modelliert als Ausgangspunkt einen Fall zur Allgemeingültigkeit, zeigt dabei Hintergründe, klärt auf und schafft Orientierung, auch durch Ratschläge und Tipps. Mit der (kurzen) Szene als Klammer und der (schwachen) Personalisierung bzw. Individualisierung der Handelnden trägt die Textsorte auch Züge der Reportage. Daher fällt es vielen Journalisten schwer, zwischen einer Reportage und einem Feature zu unterscheiden. (vgl. LaRoche, W.  (2008), S. 140 ff.)

Manchmal ist zudem vom „Angefietscherten“ die Rede. Der Unterschied zum Feature lässt sich gut anhand eines Berichts in einer Tageszeitung veranschaulichen. Die Überschrift zum Beitrag lautete: „Immer weniger echte Metzger im Stadtgebiet.“ Der Autor hatte diese Erkenntnis auf einer Messe für das Metzgerhandwerk gewonnen, beließ es aber bei einem Bericht ohne Szenen und ohne Beispiele. Journalistisch vergab er damit leider eine Chance, das Thema für seine Leser spannend aufzubereiten, denn er hätte sich sowohl für eine Reportage als auch für ein Feature entscheiden können.

Was das Feature von der Reportage trennt

Eine Reportage ist eine erzählende Textsorte und braucht einen Reporter, der vor Ort war. Sie berichtet nicht über etwas, sie erzählt es – und arbeitet dabei mit Sinneseindrücken. Eine Reportage spekuliert nicht, kommentiert nicht, wertet nicht und lässt dem Leser Raum, sich selbst ein Urteil zu bilden. Wie sähe also eine Reportage über das Thema aus und wie müsste der Redakteur vorgehen?

Er sollte zunächst einen Fleischerbetrieb finden, der noch in Familienhand ist. Er müsste sich im Laden umsehen und bei der Fleischverarbeitung dabei sein. Eventuell könnte er sogar, so er sich das nervlich zutraut, bei einer Schlachtung zuschauen. Er würde seine Nase überall hineinstecken (das heißt, riechen), Salami und Fleischwurst probieren und im besten Fall beim Wurstmachen selbst mit anpacken. Er würde den Fleischermeister interviewen, nach der Geschichte seines Betriebes fragen und von einigen Kunden wissen wollen: Warum bevorzugen Sie die Metzgerei und gehen nicht zum Discounter?

Kurzum: Er wäre wie ein Egon Erwin Kisch am Werke, der seinen Lesern eine spannende Geschichte über eine bestimmte Metzgerei erzählen will. Für die Recherche sollte der Redakteur ein realistisches Zeitfenster einplanen, bei einer regionalen Tageszeitung rund einen Tag. Natürlich nehmen sich der „Stern“ oder „Geo“ mehr Zeit, aber ein solcher Aufwand liegt für die meisten Redaktionen jenseits des Möglichen.

Wie sähe nun ein Feature aus?

Der Journalist könnte seine Recherche ganz ähnlich beginnen, indem er einen alteingesessenen Fleischerbetrieb ausfindig macht. Allerdings müsste er weniger Zeit für die Eindrücke einplanen. In ein bis zwei Stunden vor Ort könnte er bereits genug Sinneseindrücke gesammelt haben, um daraus ein ordentliches Feature zu bauen. Doch reicht diese Recherche nicht aus. Für das Feature benötigt er zusätzlich Fakten und Expertenmeinungen, denn hier geht es darum, einen allgemeinen Sachverhalt zu veranschaulichen.

Genau darin unterscheiden sich Reportage und Feature. Im Fall der Metzgerei bedeutet dies: Das Feature nutzt die besuchte Familienfleischerei, um an ihrem Beispiel die generelle Entwicklung der Branche zu verdeutlichen. Erkennbar wird das an der Formulierung, die sich wörtlich oder in ähnlicher Form in jedem Feature findet; nach dem ersten oder zweiten Absatz heißt es „so wie …“. „So wie der Metzgerei Huber geht es auch den anderen Betrieben in der Stadt …“ Man kann deshalb von der „So-wie“-Formel des Features sprechen.

Sachgeschichte für lesefreudige Erwachsene

„Das Feature ist die Sachgeschichte für den lesefreudigen Erwachsenen“, meint Volker Wolff, Professor für Journalistik an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz. Es bedient sich einer nüchternen und sachlichen Sprache und Darstellung, wie der Bericht. Es wägt in der Regel ab und lässt Experten zu Wort kommen, die auch sich widersprechende Meinungen äußern können – anders als die Magazingeschichte, die sich in Publikumszeitschriften wie „Stern“ und „Spiegel“ findet. Diese hat eine klare Tendenz, möchte den Leser von ihrer Sicht der Dinge überzeugen und nutzt dazu wie das Feature und die Reportage narrative Elemente, um ihre Überzeugungskraft zu steigern. Denn eine gut erzählte Geschichte wirkt für das Gehirn überzeugender als eine lange Liste von Fakten: „Was den Menschen umtreibt, sind nicht die Fakten und Daten, sondern Gefühle, Geschichte und vor allem andere Menschen“, erläutert dazu der bekannte Neurobiologe Manfred Spitzer, Professor an der Universität Ulm. (Spitzer, M. (2007), S. 160)

Wie ein gutes Feature funktioniert, können sich Printjournalisten am besten vorstellen, wenn sie sich in die Lage eines Fernsehredakteurs versetzen, der ein Drei-Minuten-Stück für die „Tagesthemen“ abliefern muss. Der Fernsehredakteur wird sich genau aus jenem Baukasten bedienen, den auch sein schreibender Kollege nutzen kann. Als „Bauanleitung“ – weil es sich anbietet – erneut ein Beispiel über die Lage des Metzgerhandwerks.

Der Fernsehredakteur sucht sich einen Metzgermeister, Aufnahmen von dessen Laden dienen für die Eröffnungssequenz. Dann folgt ein Interview mit dem Fleischer. Danach wird eine Grafik eingeblendet, die den Niedergang von familieneigenen Metzgerbetrieben zeigt. Als nächstes führt er ein Interview mit dem Präsidenten des Deutschen Fleischer-Verbandes, aus dem er drei bis vier Sätze auswählt. Anschließend werden Kunden befragt, die statt beim heimischen Metzger ihre Wurst lieber beim Discounter kaufen. Die Schlusssequenz mit einigen zusammenfassenden Sätzen wird wieder im Laden des Fleischers gedreht, der zu Beginn vorgestellt wurde.

Das Praktische am Feature: Man kann es aus vielen Einzelteilen zusammensetzen. Wie man in sieben einfachen Schritten ordentliche, handwerklich solide journalistische Ergebnisse erreicht, lesen Sie hier.

„Markus Reiter seufzt erleichtert auf. Der Beitrag über das Feature ist geschafft. Eigentlich die perfekte Form für viele Themen, die in Zeitschriften heute noch als Bericht abgehandelt werden‘, denkt er. Dann klappt er seinen Laptop zu. Morgen ist ein neuer Tag, eine neue Chance für das Feature.“

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

 

Markus ReiterDer Autor Markus Reiter ist mit seinem Büro Klardeutsch (www.klardeutsch.de) als Schreibtrainer für Redaktionen und Unternehmen sowie Experte für Relaunches von Zeitungen und Zeitschriften tätig. Er unterrichtet an zahlreichen Journalistenakademien und hat Lehraufträge an der Universität Tübingen sowie der Hochschule Calw. Für das Deutsche Journalistenkolleg ist er als Dozent und Studienbriefautor tätig. Reiter hat zahlreiche Fach- und Sachbücher verfasst und arbeitet weiterhin als Journalist für Zeitungen und den Hörfunk.

 

Literatur:

Fasel, Christoph (2008): Textsorten. Konstanz, S. 84 ff.

Haller, Michael (2005): Feature/Reportage. In: Weischenberg, S.;Kleinsteuber, Hans-J., Pörksen, B.: Handbuch Journalismus und Medien, Konstanz, S. 408 ff.

Haller, Michael (2008): Die Reportage. 6. Aufl., Konstanz

Klemm, Michael (o.J.): Grundzüge von Reportage, Porträt und Feature (TU Chemnitz)

LaRoche, Walther (2008): Einführung in den praktischen Journalismus, 18. Aufl. Berlin, S.140 ff.

Spitzer, Manfred (2007): Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens, Heidelberg

Wegweiser Journalismus: http://www.wegweiser-journalistenpreis.de/das-handwerkszeug/die-stilformen/das-feature/

Kommentare
  1. Hallo, Herr Reiter. Liebe KollegInnen.

    Der Hinweis auf das Feature kommt genau zum richtigen Zeitpunkt, ich habe nämlich gerade eines geschrieben und nach der Ablehnung durch die Redaktion eines so genannten Fachmagazins dem SPIEGEL angeboten. KollegInnen, die Probe und Korrektur gelesen haben, meinten, das sei genau richtig für ein solches Magazin gemacht. Aber der Herr Ressortleiter lässt mich ebenfalls warten, drei Monate immer wieder Recherche, Umschreiben, neu gestalten. Jetzt erst ist der Text nahezu perfekt und sollte lediglich dem Print- oder TV Medium angepasst werden, das es haben und bezahlen möchte. Leider inzwischen mehr Wunschvorstellung als Realität: wir müssen vorfinanzieren und durchhalten, bis etwas auch verkauft werden kann. Lohnt sich die Mühe noch? Für mich nicht, ich habe mir einen Zweit- und einen Drittberuf gesucht, aus allen zusammen kann ich gerade meinen Unterhalt erstreiten, die Betonung liegt oft leider auf “erstreiten”, mit juristischen Mitteln…

    Trotzdem vielen Dank, Herr Reiter, dass Sie mit Ihrem Feature über das Feature diese Mühe lohnenswert machen
    – inzwischen brauchen wir Freie Agenturen, die uns diese Arbeit des Anbietens und Abrechnens abnehmen?
    Herzliche und kollegiale Grüße
    Karola K. Bady
    Redakteurin