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Doppelrezension

Doppelrezension: Nutzwertjournalismus

Der Ratgeber-, Service- und Nutzwertjournalismus ist mittlerweile fester Bestandteil vieler Medien wie TV und Hörfunk, Tageszeitungen und Zeitschriften. Dies reicht vom TV-Schuldnerberater über den Druckervergleich der Stiftung Warentest bis hin zu den Apothekenöffnungszeiten in der Lokalzeitung. Konkreten Anwendungsnutzen durch Tests und Aktientipps liefern auch viele Fachtitel wie Computerzeitschriften und Wirtschaftsjournale. Bedauerlich ist, dass die Bearbeitung von Ratgeber- und Servicethemen in der journalistischen Ausbildung bisher kaum vorkommt – obwohl der Nutzwert eine wichtige journalistische Komponente darstellt.

Zwei Bücher, die sich mit dem Thema Nutzwertjournalismus beschäftigen, sollen hier vorgestellt werden. Bücher, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Einerseits ein Praxishandbuch, das Hilfestellung in der täglichen Arbeit verspricht, andererseits eine theoretische Abhandlung über die Entwicklung dieses Zweigs des Jounalismus, seine Charakteristika und seine Arbeitsfelder.

Beginnen wir mit der Theorie: Welche Leistungen erbringt der Nutzwertjournalismus? Wie lässt er sich von anderen Journalismustypen unterscheiden? Wie hat er sich entwickelt? Dieser umfassenden Fragestellung hat sich Andreas Eickelkamp in seiner Doktorarbeit an der Universität Leipzig gewidmet.

Geschichte und Praxis

Zu Beginn der Arbeit weist Eickelkamp Nutzwertartikel – als Oberbegriff zu allen Ratgeberinformationen, Servicetexten, Tests usw. – bereits in Medien des 18. Jahrhunderts nach. So enthält das 1853 gegründete Familienblatt „Die Gartenlaube“ schon zu seinen Anfangszeiten Gesundheitstipps, Testamentsfragen und Einschätzungen der Chancen in verschiedenen Berufen.

Heutzutage wird der Nutzwert in der Praxis in zahlreichen Formen präsentiert: als detaillierte Tabelle, Einzeltest, Marktübersicht, Kaufberatung, Schritt-für-Schritt-Anleitung, in Form von Fragen und Antworten, Regeln und Geboten, weiterführenden Hinweisen oder Testberichten. Als „Service“ können kurze Formen wie Stauhinweise, Veranstaltungstipps oder Tariftabellen bezeichnet werden. Die Recherche ist in aller Regel wesentlich tiefer und aufwendiger als im Informationsjournalismus; die Sorgfaltspflichten sind größer, weil sich Fehler im Extremfall auf das Leben der Rezipienten auswirken können – eine falsch berichtete Tatsache in einem Unfallbericht nicht. Zudem müssen die Themen sprachlich und für die praktische Umsetzung verständlich präsentiert werden.

Nutzwert vs. PR

Weil viele der Themen die Menschen als Käufer und Nutzer von Konsumprodukten ansprechen, steht der Nutzwertjournalismus in einem Spannungsverhältnis zu den PR- Aktivitäten von Unternehmen, insbesondere denen der Konsumproduktehersteller, der Finanzbranche und der Pharmaindustrie. Die PR-Seite hat sich längst professionalisiert und auch quantitativ aufgerüstet, während Redaktionen immer weniger Ressourcen zur Verfügung stehen und sie dadurch weniger Zeit für eigene Recherchen haben. Eine der Folgen kann Schleichwerbung sein, indem eine Redaktion etwa auf vorgefertigte Pressemitteilungen der Unternehmen zurückgreift, ohne diese kritisch zu hinterfragen. Dem Nutzwertjournalismus wird daher gelegentlich mangelnde Distanz und Schaffung eines Konsumklimas vorgeworfen.

Theoretische Hintergründe

Weiter untersucht der Autor, wie sich nutzwertjournalistische Phänomene in Systemtheorie, Handlungstheorie und Medienwirkungsforschung einordnen lassen. Unterschieden werden nutzwertjournalistische Funktionen erster Ordnung (Anleitungs-, Appell-, Problem/Diagnose-, Problemlösungs- und Warn-Funktion) und zweiter Ordnung (Beratungs-, Verbraucherschutz-, Surveillance- und Service-Funktion). Während Funktionen erster Ordnung eng an den Gegenstand der journalistischen Produkte geknüpft sind, betreffen Funktionen zweiter Ordnung mehr die Publikumserwartungen – wegen der Überschneidungen eine nicht immer ganz nachvollziehbare Unterscheidung.

In diesem theoretischen Teil werden dann auch verschiedene Begriffe wissenschaftlich betrachtet und definiert: Die Beratung stellt eine Handlung dar, die durch eine Wissensasymmetrie zwischen Berater und Ratsuchendem charakterisiert ist. Die Themen des Verbraucherschutzes sind Marktberichte, Produkt- und Dienstleistungsinformationen sowie Fragen und Entscheidungen des Verbraucherrechts. Die Surveillance erlaubt es dem Leser, die eigene Position in der Wirtschafts- und Politikgeschehen zu bestimmen. Die Servicefunktion liefert dem Rezipienten umsetzbare, nützliche Informationen.

Kommunikation statt Nachricht

Der Unterschied des Nutzwertjournalismus gegenüber anderen journalistischen Formen liegt in seiner dominierenden Kommunikationsabsicht: Der Leser, Zuhörer, Zuschauer oder Onlinenutzer soll in seinem praktischen Leben individuelle Vorteile erhalten. Themenangebot und Umsetzung unterscheiden sich damit von anderen, ereignisorientierten Kommunikationsabsichten, die fragen: „Was ist passiert?“ Der Rezipient wird nicht nur als Verbraucher von Gütern angesprochen, sondern auch in seiner Rolle als Privatperson im intimen, familiären, sozialen Bereich, in seiner Berufsrolle und als Bürger etwa im Verhältnis zu Behörden.

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Kommen wir nun zur Praxis des Nutzwertjournalismus. In den letzten Jahren ist es um diese journalistische Gattung an der Fachbuchfront still geworden. Der 2004 aufgelegte Band „Nutzwertjournalismus“ von Christoph Fasel hat immer noch keine Neuauflage erfahren, doch nun hat sich Jutta Gröschl das Thema auf ihre Fahne geschrieben. Mit ihrem „Praxishandbuch Ratgeber-/Nutzwertjournalismus. So kommen ihre Texte an“ will sie einen praktischen Zugang zum Thema Nutzwertjournalismus liefern.

Informationsjournalismus vs. Nutzwertjournalismus

Im ersten Kapitel befasst sie sich mit der Frage nach dem Unterschied zwischen Ratgeber- und Nutzwertjournalismus – Begriffe, die häufig synonym verwendet werden. Ihre Antwort: Der Nutzwertjournalismus „versucht dem Leser so viel Wissen an die Hand zu geben, dass dieser selbst anschließend konkrete Entscheidungen treffen kann“. Letztlich soll damit eine Dienstleistung erbracht werden. Dagegen verbindet Gröschl mit Ratgeberbeiträgen kurze Artikel mit konkreten Anweisungen, so etwa der Monatstipp für Hobbygärtner in einer Tageszeitung: „Ein bisschen Laub auf den Beeten tut gut.“ Und was unterscheidet Nutzwertjournalismus vom Informationsjournalismus? Der Informationsjournalismus befasst sich mit Neuigkeiten, während der Nutzwertbeitrag nur 5 Prozent Newsanteil beinhaltet, aber 15 Prozent Alltagsnähe und 80 Prozent Nutzen.

Charakteristika

Schwerpunktmässig befasst sich das Buch in den folgenden Kapiteln mit den Print- und Onlinemedien. Die Autorin, Medienverantwortliche des Instituts für Mittelstandsforschung (Bonn), vermittelt dabei auf verständliche Weise Charakteristika des Nutzwertberichts: etwa nutzwertige Textelemente wie Pro und Contra, Vergleiche, Tests, Checklisten, Schritt-für-Schritt-Anleitungen, Veranschaulichungen mit Modellen und Service-Kästen. Weiter finden sich Tipps und Beispiele für prägnante Einstiege. Interessant ist eine Liste mit den „7 Todsünden des Nutzwertjournalismus“. Viele der angeführten Schreibregeln sind altbekannt (etwa Veranschaulichen mit Beispielen, Praxisbezug, Lesespaß, im Aktiv schreiben), gelten sie doch auch für andere journalistische Genre. Kurz angesprochen werden Plagiate, das Finden von Quellen und die Konkurrenzbeobachtung/Konkurrenzanalyse. Und auch der „Mut zur Lücke“ – viele Journalisten wollen gerne viel schreiben, wenn sie viel recherchiert haben.

Perspektivenwechsel

Leider wechselt die Autorin plötzlich ihre Perspektive. Während meist der journalistische Nutzwert-Neuling (als Leser) im Mittelpunkt steht, kommen plötzlich Tipps für den Blattmacher und die Heftplanung („Gestalten Sie schon die Inhaltsangabe als ,Eye-Catcher‘ “, „Nutzen Sie die Chance des Editorials“, „Gewinnen Sie namhafte Autoren durch Ghostwriting“, „Leserbindung“). In aller Regel sind Blattmacher und Nutzwertjournalist aber unterschiedliche Personen und sie haben unterschiedliche Rollen: Welcher Journalist (selbst als angestellter Redakteur) kann schon groß bei der Layoutgestaltung mitreden? Laut Umschlagtext stellt das Praxishandbuch potenzielle Arbeitsmöglichkeiten vor. Indes wird dieses Thema nur mit ein paar Bemerkungen zu Honorarfragen und Adresslisten mit Fachpublikationen abgehandelt. Ob das Feld journalistischen Einsteigern und erfahrenen Journalisten „lukrative Entfaltungsmöglichkeiten“ bietet, dahinter lässt sich ein Fragezeichen setzen. Vielleicht hätte man es so formulieren sollen: Wer auch Nutzwertjournalismus kann, hat größere Chancen, von jungen Jahren bis zur Rente im Journalismusgeschäft zu bleiben.

Negative Beispiele fehlen

Zu kurz kommt, dass nicht wenige Nutzwertartikel doch eher in Richtung PR ausschlagen. Selbst bei größeren Zeitungen wird in den Wohnungs-, Immobilien-, Finanz- und Gesundheitsbeilagen regelmäßig „Nutzwert für den Leser“ angekündigt; nicht selten werden dann aber bestimmte Dienste und Produkte beweihräuchert. Eben diese Vermischungen werden nur wenig thematisiert, schon gar nicht durch Beispiele aufgezeigt, obwohl die Autorin selbst festhält: „Der Nutzwertjournalismus steht in einem starken Spannungsverhältnis zu den interessengeleiteten PR-Aktivitäten.“

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Fazit

Zwei Bücher, zwei Ansätze, zwei Empfehlungen:

Das Buch von Andereas Eickelkamp legt als Dissertation den Schwerpunkt auf Theorie und Hintergründe. Insgesamt eignet sich der 487-seitige Band vor allem für Interessierte, die einen umfassenden Überblick zum Thema Nutzwertjournalismus suchen. Er gibt eine gute Übersicht über dessen Anfänge, Zusammenhänge, Merkmale, Probleme und Aufgaben, auch wenn die hier und da etwas langatmige Verortung des Nutzwertjournalismus in größeren journalistischen und gesellschaftlichen Theorien dem Leser einiges an Aufmerksamkeit abverlangt. Hier hätte auch der akademische Leser sich ein schnelleres Auf-den-Punkt-Kommen gewünscht. Ansonsten zeichnet sich der Text durch einen flüssigen Schreibstil aus.

Das Buch von Jutta Gröschl eignet sich für Personen, die einen ersten, schnellen, praktischen Einstieg ins Thema suchen. Der luftig umbrochene Band bringt auf seinen 135 Seiten (mit Anhang rund 163 Seiten) wenig wirklich Neues. Positiv zu bewerten sind die vielen Checklisten und die Zusammenfassungen am Ende eines jeden Kapitels. Der eigentliche Nutzwertjournalismus wird (gefühlt) allenfalls auf zwei Dritteln des Buches abgehandelt.

Daneben finden sich eine Menge Altbekanntes zu Schreibregeln und allerlei Adressen. Zu wichtigen Kategorien des Nutzwertjournalismus hätte man sich detailliertere Informationen gewünscht – etwa zum Test: Was gibt es für Tests? Wie führt man einen Test durch, was ist da zu beachten? Der Begriff Praxishandbuch ist übertrieben, wenn man damit etwas Umfassendes verbindet.

Die bestehende Lücke bei der Bearbeitung von Ratgeber- und Servicethemen in der journalistischen Ausbildung können beide Werke leider nicht schließen. Aber die Hoffnung besteht, dass diese beiden Bücher als Grundlage für einen weiteren Band mit einem ausgewogenen Mix aus Theorie und Praxis dienen können.

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

 

Manfred_WeiseDer Rezensent Manfred Weise ist Soziologe und Politikwissenschaftler. Er arbeitet als Fachjournalist in den Bereichen IT, Telekommunikation und Sport sowie als Sozialwissenschaftler.

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