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Fachjournalistische Ausbildung in Deutschland

Um Verfahrensfehler in Gerichtsprozessen aufzudecken oder die technische Leistungsfähigkeit von Offshore-Windparks zu hinterfragen, wenn Wirtschaftszahlen von Dax-Unternehmen angezweifelt werden, die Strategie der Bundeswehr bei Auslandseinsätzen nicht stimmig scheint; auch zum Auffinden von Lecks im Vatikan: Es braucht Menschen, die tief mit der Materie befasst sind, um jenseits der Oberfläche Angriffspunkte für journalistische Recherchen zu finden. 

Es ist die Stunde der Gerichtsreporter, Technik-, Wirtschafts- und Finanzjournalisten und vieler anderer Spezialisten. Sie sind Experten in ihrem Themengebiet und können daher die Kontrollfunktion der Medien auch in gesellschaftlichen und ökonomischen Bereichen wahrnehmen. Dort wo ein explizites Fachverständnis notwendig ist, um Zusammenhänge und Innovationen darzustellen oder etwa auf Gefahren, fehlerhafte Darstellungen und Manipulationen hinzuweisen.

Welche Ausbildungswege in Deutschland in den Fachjournalismus führen können, welche neuen Angebote es mittlerweile gibt und wo es weiterer Qualifizierungsmöglichkeiten bedarf, damit befasst sich dieser Beitrag.

Fachjournalisten: für die Gesellschaft unentbehrlich

Durch die Globalisierung der Märkte und der Politik und durch eine Individualisierung der Probleme sind Gesellschaft und Ökonomie komplexer geworden. Aber auch die Entwicklung zur Wissensgesellschaft trägt durch die Fragmentierung von Wissen dazu bei. Bei dieser Vervielfältigung und Ausdifferenzierung von Themenfeldern kann der Journalismus seiner gesellschaftlichen Kontrollfunktion nur mit Expertenwissen nachkommen. Generalisten haben keine Chance, sich gleichzeitig in den Spezifika ärztlicher Honorarabrechnungen und den Fehlern beim Einspritzmodus von Düsentriebwerken auszukennen.

Es braucht also Fachjournalisten, die sowohl das journalistische Handwerkszeug beherrschen, Methoden der Recherche kennen und Techniken und Stilformen richtig einsetzen, um komplexe Sachverhalte verständlich darzustellen – und journalistische Neugier besitzen als auch konkrete Kenntnisse in einem bestimmten Fachgebiet als Alleinstellungsmerkmal aufweisen. Neben ihrer Vermittlungskompetenz benötigen Journalisten auch Sachkompetenz, fasst Silke Liebig-Braunholz (2008, S. 6) zusammen.

Die Arbeitsmarktsituation

Die Interessenvertretung der deutschen Fachverlage, die „Deutsche Fachpresse“, sieht als Branchenverband einen positiven Trend für Fachmedien und dementsprechend auch für Fachjournalisten. 2011 erwirtschaftete die Branche mehr als drei Milliarden Euro. So gibt es bereits über 500 Verlage, die über 4.000 Fachmedien zu nahezu jedem Thema herstellen. Mehrheitlich handelt es sich dabei um Zeitschriften, aber insbesondere Onlinemedien und Web-TV sind wachsende Formate. Konkrete Zahlen zum Arbeitsmarkt konnte jedoch selbst der Branchenverband auf Anfrage nicht nennen.

„Bei Fachmedien sind die Stellen weniger hart umkämpft als bei Publikumsmedien, da die Anforderungsprofile so spezifisch sind und oft nur wenige Bewerber diese erfüllen. Fachkompetenz wie zum Beispiel Expertise als Maschinenbauer oder Chemiker ist hier ein wichtiges Ausschlusskriterium“, bewertet Professor Lutz Frühbrodt, Juryvorsitzender des Medienpreises  „Fachjournalist des Jahres“, die Arbeitsmarktsituation in einem Interview für diesen Beitrag. Da Fachinformationen aus zahlreichen Quellen im Internet leicht verfügbar sind und so auch ein breiteres Publikum darauf zurückgreifen kann, steigt der Druck auf die Fachmedien, ihre Onlineaktivitäten auszubauen. Im Rahmen dieser Entwicklung stiegen 2011 die Erlöse von elektronischen Fachmedien um 17,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die darstellerisch-journalistische Komponente werde immer wichtiger, sagt Frühbrodt und erwartet deshalb, dass „journalistische Sach- und Vermittlungskompetenz bei den Fachmedien in Zukunft noch mehr an Bedeutung gewinnen wird“.

Insgesamt bewertet der Deutsche Fachjournalisten-Verband (DFJV) die Entwicklung am Arbeitsmarkt für Fachjournalisten als befriedigend. Die Personalreduktion in nahezu allen Medienhäusern trifft vor allem Mainstream- und Allroundjournalisten. Ausgedünnte Personaldecken wiederum lassen es oft nicht zu, dass sich Redakteure vertieft spezifischen  Finanz-, Umwelt oder Gesundheitsthemen widmen. Sie sind auf Fachjournalisten als externe Dienstleister angewiesen. Die Honorare von Fachjournalisten liegen daher laut DFJV auch über denen der Generalisten.

Auch die horizontale Ausdifferenzierung der Zielgruppen und die speziell für diese Zielgruppen entwickelten Medienangebote fördern den Fachjournalismus. Eine bisher kaum dagewesene Menge an Fachzeitschriften und -magazinen und eine stetig zunehmende Anzahl an Spartenkanälen zeigen, dass der Fachjournalismus komplementär zum Mainstreamjournalismus wächst. „Die Zukunft der Printmedien liegt im Fachjournalismus“, bestätigt Doris Leuthard, die als Schweizer Bundesrätin für das Schweizer Bundesamt für Kommunikation (BAKOM) zuständig ist, diesen Trend. Belastbare Zahlen zum Bedarf an Fachjournalisten auf dem Arbeitsmarkt liegen aber weder für die Schweiz noch für Deutschland vor.

Die Ausbildung: kein Prototyp erkennbar

Fand man bisher nicht selten Quereinsteiger aus der Praxis unter den Fachjournalisten, legen die stetig steigenden Anforderungen heute eine Hochschulausbildung nahe. Die anfängliche Furcht, dass dies in einer praxisfernen Ausbildung im wissenschaftlichen Elfenbeinturm mündet, ist weitestgehend gewichen. An den Hochschulen haben sich vielfältige Angebote etabliert, die Theorie und Praxis miteinander verbinden, zum Beispiel durch integrierte Praxissemester oder Volontariate. Allerdings reicht ein klassisches Studium der Journalistik oft nicht aus, um tiefer gehende Sachkenntnisse in einem speziellen Fachgebiet zu erwerben.

Das Journalistikstudium bildet auf geradem Wege Generalisten aus. Eine Alternative ist die Integration von Fachgebietswissen in die hochschulgebundene Journalistenausbildung. Waren es früher Magisterstudiengänge, die vielseitige Fachkombinationen erlaubten, sind es heute die Bachelor- und Masterstudiengänge mit ihren speziellen Fachschwerpunkten. Diese sind praxisbezogen und auf einen engen Spezialbereich im Journalismus fokussiert. Hier haben sich zahlreiche Studiengänge in der vergangenen Dekade weiterentwickelt.

Unterscheiden kann man dabei zwischen Angeboten, die sich auf spezielle Mediengattungen fokussieren, wie zum Beispiel Crossmedia-, Hörfunk- oder Fernsehjournalismus, und Angeboten, die fachspezifische Inhalte behandeln, wie zum Beispiel Musik-, Kultur-, Technik-, oder Politikjournalismus. Der Deutsche Fachjournalisten-Verband bezieht den Terminus „Fachjournalismus“ auf die inhaltliche Ebene.

Die Fachausrichtung der Studiengänge mit speziellen Schwerpunkten orientiert sich an klassischen Ressorts wie Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft. Entsprechend gibt es ressortspezifische Studiengänge: beispielsweise Kulturjournalismus an der Universität der Künste in Berlin und der MHMK Hochschule für Medien und Kommunikation, Wissenschaftsjournalismus an der TU Dortmund und der Hochschule Darmstadt sowie Wirtschaftsjournalismus an der privaten „Hochschule Business and Information Technology School“ in Iserlohn und Berlin.

Durch diese klare Zuordnung zu Redaktionsressorts lassen sich auch die so ausgebildeten Fachjournalisten eindeutig bestimmten Ressorts zuordnen − und die möglichen Arbeitgeber für solche „Ressortjournalisten“ stehen dann mit eben jenen Redaktionen auch schon fest. Dennoch kann man in diesen Fällen nur von einer eingeschränkten Spezialisierung sprechen, denn Wissenschaftsjournalismus ist beispielsweise ein Allroundjournalismus, der alle wissenschaftlichen Fächer einbezieht (Quandt 1995, S. 16).

Neu sind vertiefende Spezialisierungen in bestimmten Themengebieten, die sich nicht bestimmten Ressorts zuordnen lassen. Diese neuen Fachjournalismus-Ausbildungsschwerpunkte sind häufig an kleineren Hochschulen zu finden, die auf diesem Weg ihr vorhandenes Know-how in einem bestimmten Fachgebiet für die Journalistenausbildung nutzen und so zu ihrer Profilbildung beitragen. Studiengänge wie Musikjournalismus an der TU Dortmund (als Bachelor- und Masterstudiengang), der Hochschule für Musik in Karlsruhe und der Hochschule für Musik und Theater in München sowie der Studiengang Modejournalismus an der privaten „Akademie Mode & Design“ in München, der Studiengang Technikjournalismus an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg oder der Studiengang Theater-, Film-, und Fernsehkritik an der Bayerischen Theaterakademie in München zeigen diese Entwicklung deutlich.

Die Qualität dieser Angebote kann jedoch hinterfragt werden: Wird der journalistischen Kompetenz  neben dem Aufbau von Fachkompetenzen genügend Raum gegeben? Dabei ist festzustellen, dass die Hochschulen fachliche und formale Kompetenzen ganz unterschiedlich stark gewichten:

  • So zeigt sich beim Studiengang Sozial- und Gesundheitsjournalismus der Hochschule Magdeburg-Stendal anhand der zwölf Pflichtmodule, dass mit zehn Modulen zwar auf fachspezifische Inhalte in den Bereichen Soziales, Gesundheit, Psychologie und Recht/Wirtschaft umfassend eingegangen wird, journalistische Inhalte und Fertigkeiten jedoch mit zwei Modulen kaum eine Rolle spielen.
  • Beim Studiengang Technikjournalismus an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg liegt der Schwerpunkt der Lehrinhalte ebenfalls im Fachgebiet, allerdings sind formale und fachliche Inhalte fast ausgewogen. Neben einem journalistischen Grundlagenmodul und einem journalistischen Vertiefungsmodul gibt es jeweils ein Modul zum Schreibtraining, zur Medienproduktion in Bild und Ton, zum Redaktionsmanagement, zum Radio- und Fernsehjournalismus und zum Mediendesign. Diesen sieben Modulen zu formalen Kompetenzen stehen neun fachbezogene Module gegenüber.
  • Die MHMK Macromedia Hochschule für Medien- und Kommunikation in München, Köln, Hamburg, Stuttgart und Berlin mit ihren Schwerpunkten Sportjournalismus und Kulturjournalismus (ab 2013 auch Politikjournalismus) setzt zunächst auf eine journalistische Grundausbildung und baut erst darauf die fachspezifischen Inhalte auf. Hier überwiegen Module zu formalen Kompetenzen.

Diese drei Beispiele zeigen deutlich, wie unterschiedlich einzelne fachjournalistische Studiengänge in Deutschland sind und wie uneinheitlich trotz einheitlichem Bachelorabschluss (B.A.) und nahezu einheitlicher Studiendauer (zwischen sechs und sieben Semestern), Formal- und Fachkompetenzen an den einzelnen Hochschulen gewichtet werden. Dies setzt sich auch in den späteren Beschäftigungsfeldern fest.

Große Unterschiede zeigen sich auch bei den Masterstudiengängen mit Fachspezialisierung. Während beispielsweise der Masterstudiengang Kulturjournalismus an der Berliner Universität der Künste nur drei von neun Modulen der Kultur widmet, sind im Masterstudiengang Musikjournalismus an der TU Dortmund 13 von 19 Modulen dem Fach Musik zuzuordnen.

Während Absolventen von Studiengängen mit geringem fachspezifischen Anteil eher als Redakteure in den klassischen Ressorts bei Zeitung und Rundfunk eine Anstellung finden, da sie eine breitere Wissensbasis haben und so ganze Ressorts abdecken können, werden Absolventen mit einem höheren fachspezifischen Anteil eher bei Fachmedien wie Zeitschriften und Journalen arbeiten oder als freie Journalisten und Experten für ein bestimmtes Themenfeld mehrere Redaktionen beliefern.

Fazit

Wie eingangs dargestellt gibt es eine große Nachfrage nach Fachjournalisten, die Medientitel mit fundierten Beiträgen beliefern können. Entsprechend ist auch in Zukunft von einem zunehmenden Bedarf an gut ausgebildeten Fachjournalisten auszugehen. Eine Reaktion darauf wären engere Kooperationen zwischen Hochschulen und Verlagen, um Lehrinhalte besser an der Praxisrelevanz ausrichten zu können. Beide Seiten würden davon profitieren.

Außerdem sollten Verlage den konkreten Bedarf an Fachjournalisten ermitteln. Universitäten und Fachhochschulen werden darauf reagieren und weitere vielfältig spezialisierte Studiengänge anbieten und so zu einer Ausdifferenzierung der Journalistenausbildung beitragen. Da sich diese trotz einheitlicher Studiendauer und Abschlüsse in ihren Inhalten sehr stark unterscheiden können wird der Bedarf in der Praxis zeigen, welche dieser Angebote verzichtbar sind.

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

 

Der Autor Prof. Dr. Andreas Elter ist Leiter des Studiengangs Journalistik an der MHMK, Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation. Zudem war er mehr als 15 Jahre als CvD, Redakteur, Reporter und Regisseur für Presse, Rundfunk und TV tätig. Bevor er 2000 zu RTL kam, arbeitete er für ZDF, WDR, Deutschlandfunk, Westfälische Rundschau und DPA. Elter ist Sachbuch- und Drehbuchautor (u. a. Suhrkamp Verlag), Lehrbeauftragter an den Universitäten in Leipzig, Köln und München sowie Trainer in der berufspraktischen Ausbildung

Literatur:

Liebig-Braunholz, S. (2008): Spezialisierung im Journalismus, in: Fachjournalist 3/2008, S. 6-7.

Quandt, S. (1995): Fachjournalistik in Giessen 1984-1994, in: Quandt, S.; Schichtel, H. (Hrsg.): Fachjournalismus Geschichte. Das Giessener Modell, Marburg (Hitzeroth), S. 16, Endnote 9.

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