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Wirtschaftsjournalismus

It’s the economy, stupid! Über die vielen Facetten des Wirtschaftsjournalismus

Das Wissen darüber, was Wirtschaftsjournalismus bedeutet, was er ist und was er kann, wird maßgeblich durch die etablierten und marktführenden Medien beeinflusst. Doch dass es nicht nur den einen Wirtschaftsjournalismus geben kann, sondern vielmehr viele einzelne Wirtschaftsjournalismen geben muss, zeigt ein Blick auf dessen Rolle innerhalb unserer sich ausdifferenzierenden Gesellschaft.

Es war der Stratege James Carville, der in Bill Clintons Präsidentschaftswahlkampf 1992 diese Worte zu einem Mantra für die Wahlkampagne werden ließ: “The economy, stupid!” sollte Clinton und seine Wahlhelfer stets daran erinnern, den Fokus vor allem auf die Wirtschaft und die “working people” (Huffington Post 2016) zu legen. Dieser inzwischen geflügelte Ausspruch verdeutlicht in seiner Intention die Allgegenwärtigkeit wirtschaftlicher Bezüge innerhalb unserer Gesellschaften und die deshalb notwendige Fokussierung der Politiker (und auch Journalisten) auf eben dieses Themengebiet.

Doch nicht nur die nüchterne wie ausführliche Betrachtung des Systems Wirtschaft wird von den Medien erbracht, auch die multiperspektivische Wahrnehmung aller wirtschaftlicher Teilbereiche und ihrer thematisch bedingten Subsysteme ist Gegenstand des Journalismus.

Dabei gewinnt die breit aufgestellte und thematisch vielschichtige Wirtschaftsberichterstattung gerade in Zeiten der Unsicherheit und Instabilität, wie wir sie momentan auf vielen gesellschaftspolitischen und globalen Ebenen verspüren und erleben, kontinuierlich an Bedeutung. Sie bildet “das Scharnier (…), das Wirtschaft, Politik und Gesellschaft verbindet” (Mast 2012, S. 22), und schafft es damit, das komplexe Konstrukt Wirtschaft in journalistisch aufbereiteten Betrachtungen für die breite Bevölkerung bereitzustellen.

Während dabei die General-Interest-Medien in klassischen Formaten wie beispielsweise Reportagen und Nachrichten, Kommentar, TV- oder Radiomagazin durch eine meist ereignisgebundene Herangehensweise das System Wirtschaft im Gesamtzusammenhang betrachten und andere gesellschaftliche Teilsysteme mit in ihre Überlegungen und Beobachtungen einbeziehen, legen die Special-Interest-Medien ihren Fokus vielmehr auf das Wirtschaftssystem selbst und seine einzelnen Bereiche (vgl. Beck et al. 2012, S. 12).

Sie berichten losgelöst von Ereignissen über gesellschaftspolitisch passende Themenbereiche oder präsentieren Themengebiete, die erst in zweiter Instanz dem Dachgebiet Wirtschaft zugeordnet werden. Dies ist der Fall, wenn sie sich mit den Endergebnissen wirtschaftlicher Prozesse auf Unternehmensebene auseinandersetzen – mit Produkten, Dienstleistungen, brancheninternen Entwicklungen – oder aber gesellschaftliche Trendbewegungen aufgreifen (z. B. gesunde Ernährung, die insbesondere im Online- und Fachzeitschriftensegment viel Fläche erhält). Letztlich ergeben sich so Kaufanreize, die das Konsumverhalten der Leser ankurbeln sollen.

Das Interesse an der Wirtschaft wächst

Das stark wachsende Interesse der Bevölkerung an Wirtschaftsthemen ist allerdings keine Entwicklung der letzten Jahre. Markanten Bedeutungs- und vor allem Interessenzuwachs erhielten wirtschaftsjournalistische Publikationen vermehrt in den Jahren um Clintons erfolgreichen Präsidentschaftswahlkampf. Die Wirtschaftsberichterstattung erfuhr eine bisher unbekannte gesellschaftliche Aufmerksamkeit: Es waren die Jahre nach dem Mauerfall, nach dem Kalten Krieg, die Zeiten der ökonomisch noch problematischen Wiedervereinigung und der europäischen Integration (vgl. Eckhardt 2002, S. 21) – das Bewusstsein über die Fragilität des deutschen Wirtschaftsgefüges entwickelte sich nach den strahlenden Nachkriegs-Wirtschaftswunderjahren zu einem Risikobewusstsein. Unsicherheiten in der Bevölkerung – sei es wegen der Umverteilung finanzieller Mittel von West- nach Ostdeutschland oder wegen der neuen gesetzlichen Altersvorsorge – ließen die Bürger wachsamer werden und steigerten die Nachfrage nach Wirtschaftsnachrichten. Dieser Zustand hält bis heute an.

Dass dieses Interesse durchaus schwankt wird hauptsächlich durch aktuelle wirtschaftspolitische nationale wie internationale Geschehnisse beeinflusst. Als beispielsweise die sogenannten Rettungsschirme zur Rettung verschuldeter EU-Länder vermehrt von den Medien thematisiert wurden, wuchs die persönliche Unsicherheit in der Bevölkerung über Konsequenzen und die Bedeutung für die eigene Existenz und damit wiederum der Wunsch nach mehr Information darüber und zu benachbarten Themen. Und wenn es sich nicht um die eigene, private Existenz dreht, so steigert die “Globalisierung der Wirtschaft” (Dernbach 2010, S. 238) inzwischen den Bedarf, als Verkäufer, Händler, Produzent, generell als zum Wirtschaftsgeschehen Beitragender über die Welthandelsmärkte und jeweiligen Branchen auch auf der anderen Seite des Globus Bescheid zu wissen.

Die Intensität des Interesses steht dabei häufig in engem Zusammenhang mit dem Level der eigenen Betroffenheit. Sie bildet somit die Grundmotivation für das wirtschaftsjournalistische System, sich immer schneller und anpassungsfähiger auf die Leser- und Zuschauerschaft  einzulassen und durch Flexibilität bei den Darstellungen die (neuen) Zielgruppen genau im Blick zu haben. Denn: Je mehr wirtschaftliche Geschehnisse Überschneidungspunkte mit dem eigenen Leben, der eigenen Existenz der Leser oder Zuschauer aufweisen oder bedeuten könnten, desto höher ist der individuelle Bedarf nach mehr und vor allem tiefgründiger Information. Und da dieser Bedarf von Mensch zu Mensch verschieden und von soziodemografischen Faktoren abhängig ist und damit variiert, kann und darf es nicht nur einen auf eine Art Bedürfnisse zugeschnittenen Wirtschaftsjournalismus geben. Dies ist der Ausgangspunkt für die Frage: Existiert 2018 in der deutschen Medienlandschaft nur eine Form des Wirtschaftsjournalismus oder sind es nicht vielmehr viele verschiedene Wirtschaftsjournalismen?

Neuer Blick auf die Wirtschaftsberichterstattung

Diese Fragestellung ist immer wieder relevant (siehe z. B. bereits Moss 2009, Dernbach 2010), da der Einfluss des klassischen Wirtschaftsressorts um ein Vielfaches höher eingeschätzt werden kann als der anderer etablierter Ressorts und Sparten (vgl. Heinrich/Moss 2006, S. 12). Aufgrund der Allgegenwart wirtschaftlicher Bezüge in unserer vollkapitalisierten Gesellschaft steht die Wirtschaftsberichterstattung in der Verantwortung, als Sensor, Kontroll- und Warnelement ökonomische Zusammenhänge zu analysieren, zu hinterfragen, so transparent wie möglich an die Rezipienten weiterzugeben und Lösungsansätze zu liefern für wirtschaftliche Problemstellungen jeglicher Art (vgl. Dernbach 2010, S. 236). Darüber hinaus – und hier finden die erweiterten oder neuen Wirtschaftsjournalismen ihre Berechtigung – informiert die Wirtschaftsberichterstattung auch über unternehmerische Innovationen, Produktneuheiten, Gesellschaftstrends oder berufsrelevante Entwicklungen. Dabei spiegelt sie mit ihrer wachsenden thematischen Vielfalt (nicht mehr nur in den klassischen Medien) die sich fortwährend ausdifferenzierende Gesellschaft wider, wächst mit Globalisierung und Internationalisierung mit und erreicht die sehr heterogenen Zielgruppen neben der “Ausweitung der Berichterstattung in bereits bestehenden Medienformaten” zugleich auch über neue Kanäle und Plattformen wie Fachzeitschriften, Online-Blogs oder Verbrauchermagazine (Jackob/Zerback/Arens 2008, S. 6).

Daraus ergibt sich ein Spannungsverhältnis zwischen breiterer, wachsender Themenspanne, breiterem, wachsenden Interesse einerseits und unterschiedlichem wirtschaftlichen (Vor-)Wissen andererseits, das zu einer hohen Veränderungsdynamik innerhalb des wirtschaftsjournalistischen Systems führt (vgl. Moss 2009, S. 147).

Erweiterung des journalistischen Themenspektrums

Für die Wechselbeziehung Wirtschaftsjournalismus – Rezipient bedeutet das, sich allmählich von den starren Mustern des klassischen Wirtschaftsressorts zu emanzipieren.

Es gibt die klassische Wirtschaftsberichterstattung mit traditionell im Wirtschaftsteil behandelten Themen – wie Börse, Fusionen, Insolvenzen, Anlagetrends etc. Hinzu kommen allerdings all die Teilbereiche mit meist angeschlossenen Fachjournalismen, die sich mit wirtschaftlichen Gebilden jeglicher Art auseinandersetzen. Um sich in dieser breitgefächerten Aufstellung von Wirtschaftsthemen und Themen mit wirtschaftlichem Bezug den Bedürfnissen, aber auch dem Verständnislevel der einzelnen Zielgruppen anpassen zu können, werden neue oder modifizierte Alleskönner und Spezialisten gebraucht, die sich durch Ausschöpfen der zur Verfügung stehenden Darstellungs- und Publikationsmöglichkeiten (von klassischen Medien in Form von Nachricht und Reportage bis hin zu bunten, personalisierten und leicht zugänglichen Inhalten über Fachzeitschriften, Onlineseiten, sozialen Netzwerken oder TV- und Radiobeiträgen) den Herausforderungen einer wachsenden und heterogenen Zielgruppe stellen. Es bedeutet aber auch, sich als Rezipient im wirtschaftsjournalistischen Kosmos selbst das zu suchen, was die eigenen Bedürfnisse befriedigt. Das können zum Beispiel aktuelle Börsentrends sein oder aber Informationen über den besten Entsafter, getestet und verglichen in einer Fachzeitschrift für vegane Ernährung.

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Das System Wirtschaft und seine wirtschaftlichen Subsysteme, deren Teilbereiche in thematisch anhängenden Fachjournalismen behandelt werden. Quelle: eigene Darstellung

Da diese Bedürfnisse in fast unserer gesamten uns zur Verfügung stehenden Zeit entstehen, die wir hauptsächlich für “Aktivitäten im System Wirtschaft: für Arbeit und Einkommenserwerb, für Konsum und Einkommensverwendung (…)” (Heinrich/Moss 2006, S. 12) aufbringen, gilt es, die Veränderungsdynamiken anzunehmen und neue Journalist-Rezipient-Beziehungen zu ermöglichen. Es genügt also nicht, das heterogene Interesse der Leser und Zuschauer zu erkennen. Es ist notwendig, das Themenspektrum zu erweitern, neu und vor allem über die traditionellen Grenzen der Wirtschaftsberichterstattung hinaus zu denken und aus dem einen klassischen Wirtschaftsjournalisten, der sich stereotyp-nüchtern ausschließlich mit Zahlen und Fakten auseinandersetzt, einen von vielen Wirtschaftsjournalistentypen werden zu lassen.

Die vielen Facetten des Wirtschaftsjournalisten

Doch welche Typen werden gebraucht? Christoph Moss, der sich 2009 bereits mit der Frage nach dem einen Wirtschaftsjournalismus auseinandersetzte und dazu die Bandbreite der Journalisten vom “crossmedialen Alleskönner bis zum Konjunkturexperten” (Moss 2009, S. 147) beschrieb, führt dazu folgende Journalistentypen auf: den Generalisten, den Unternehmensreporter, Finanzjournalisten, Verbraucherjournalisten, wirtschaftliche Berichterstatter und Journalisten mit besonderen Vermittlungskompetenzen (Moss 2009, S. 146). Diese Auflistung ist hier noch zu erweitern mit Wirtschaftsspezialisten, Konjunkturexperten und Fachjournalisten jeglicher Couleur, deren journalistische Inhalte ein hohes Maß an wirtschaftlichen Bezügen aufweisen, sowie “Hobbywirtschaftsberichterstatter”, die als Quereinsteiger zwar keine journalistische und/oder wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung haben, sich aber in ihrer Freizeit intensiv mit wirtschaftlichen Themen auseinandersetzen und darüber berichten.

Generalisten versus Spezialisten

Generalisten vs. Spezialisten – Journalistentypen im Vergleich. Quelle: eigene Darstellung, ergänzt durch Dernbach 2009; Jackob/Zerback/Arens 2008.

Die Auflistung (siehe Abbildung) gruppiert grob in zwei Journalistenkategorien – Generalisten und Spezialisten – und zeigt deutlich, dass sowohl der Spezialisierungsgrad, das Zielgruppenbewusstsein, die thematische Breite als auch die Häufigkeit der Befassung mit wirtschaftsjournalistischen Inhalten von Typ zu Typ variiert und auch variieren muss. Abhängig davon also, für welches Format, welche Zielgruppe und in welchem journalistischen Teilbereich des Systems Wirtschaft gearbeitet wird, und welche Vorbildung und welches Interesse am Thema der Journalist selbst mitbringt, lassen sich für Wirtschaftsjournalisten ganz neue crossmediale und multiperspektivische Berufsprofile entwerfen.

So kann beispielsweise ein Finanzjournalist, der bei einer überregionalen Tageszeitung für das Ressort Wirtschaft im Mantelteil arbeitet, dort als wirtschaftlicher Generalist agieren, hat aber eventuell auch Themenschwerpunkte, mit denen er sich besonders auseinandersetzt. Diese bietet er für ein Extra-Honorar in unregelmäßigen Abständen anderen thematisch fokussierten Publikationen zum Thema Finanzen außerhalb der Tagesmedien an. Und privat schreibt er, als passionierter Freizeit-Koch, vielleicht noch für einen Food-Blog, der verschiedene Kochutensilien starker und qualitativ hochwertiger Marken testet, die dem Leser zeigen sollen, dass ihnen das gesunde Gericht – aus einer anderen Fachzeitschrift für vegane Ernährung ausgesucht – in diesen Töpfen auf jeden Fall gelingt.

Die Grenzen sind häufig fließend, auch wenn das Beispiel zugegebenermaßen etwas übertrieben sein mag.

Der kommende Teil dieser Miniserie widmet sich sowohl den wirtschaftlichen Teilbereichen und den sich ausdifferenzierenden Themen als auch den verschiedenen Darstellungsformen der Wirtschaftsjournalismen. Mehr dazu demnächst im “Fachjournalist”.

Teil eins und zwei der Miniserie über den Wirtschaftsjournalismus beschäftigten sich mit den Anfängen des Wirtschaftsjournalismus vom 15. bis zum 17. Jahrhundert und der geschichtlichen Entwicklung bis heute.

Literatur:

Beck, K.; Berghofer, S.; Dogruel, L.; Greyer, J. (2012). Wirtschaftsberichterstattung in der Boulevardpresse. Wiesbaden.

Dernbach, B. (2009). Spezialisierung im Journalismus. Wiesbaden.

Dernbach, B. (2010). Die Vielfalt des Fachjournalismus. Eine systematische Einführung. Wiesbaden.

Eckhardt, J. (2002). Objektiv – verständlich – unterhaltsam. Das Profil der Wirtschaftsjournalisten. In: Goderbauer-Marchner, G.; Blümlein, C. (Hrsg.): Berufsziel Medienbranche: Wirtschaftsjournalismus. Nürnberg.

Heinrich, J.; Moss, C. (2006). Wirtschaftsjournalistik. Grundlagen und Praxis. Wiesbaden.

Jackob, N.; Zerback, T.; Arens, J.  (2008). General Interest vs. Special Interest – Ähnlichkeiten und Unterschiede in den Arbeits- und Einstellungsprofilen von Immobilienjournalisten. In: Zeitschrift für Immobilienökonomie Nr. 2/2008.

Mast, C. (2012). Neuorientierung im Wirtschaftsjournalismus. Redaktionelle Strategien und Publikumserwartungen. Wiesbaden.

Moss, C. (2009). Den “einen” Wirtschaftsjournalismus gibt es nicht – Spezialisierung vom crossmedialen Alleskönner bis zum Konjunkturexperten. In: Dernbach, B. / Quandt, T. (Hrsg.): Spezialisierung im Journalismus. Wiesbaden.

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Fabienne MakhoulDie Autorin Anna Fabienne Makhoul ist Dozentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Nach ihrem Studium von Publizistik, Jura und Anglistik und nach Stationen unter anderen im ZDF und im SWR arbeitet sie zurzeit neben ihrer Dissertation über deutsche Modejournalisten als freie Journalistin und Autorin im Rhein-Main-Gebiet sowie als Lektorin bei einer großen Lokalzeitung.
Kontakt: anmakhou@uni-mainz.de

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