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Journalismus_Beratung

Journalistische Berater im Ausland: Botschafter der Meinungsfreiheit

Die Förderung der Demokratie ist ein erklärtes Ziel der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Als Schlüsselfaktor gelten unabhängige und professionelle Medien. Doch die abstrakten Ziele Demokratisierung und Professionalisierung mit Leben zu füllen, stellt für Entwicklungsberater eine große Herausforderung dar – vor allem, wenn die Meinungsfreiheit unterdrückt wird.

Algerien: Eine Pressekonferenz der Regierung anlässlich der Wahlen zur nationalen Volksversammlung. Der Minister verliest ein ausuferndes Statement, Fragen sind nicht zugelassen. Am Ende der Konferenz wird dann vorgegeben, welche Teile der Ansprache im Fernsehen zu verwenden sind. Die Journalisten des algerischen Fernsehens – es gibt nur den staatlichen Sender – reagieren gehorsam. Die Gängelung der Presse dagegen öffentlich zu machen, steht in der Redaktion nicht zur Disposition. Eine schwierige Situation für den Berater: Soll er jetzt stur auf die Pressefreiheit pochen? Mit welchen Konsequenzen müssten die Kollegen rechnen?

Wer als Berater für journalistische Organisationen wie Fernsehen, Radio oder Zeitung ins Ausland geht, steht vor den Problemen, die jeder kennt, der schon im Ausland tätig war: Es gibt Sprachbarrieren, die klimatische und ökonomische Situation zwingen zu Improvisationen, es kommt zu Missverständnissen bei der Kommunikation. Doch bei der Beratung von Medienorganisationen gibt es oft noch eine große zusätzliche Hürde: die politische Unterdrückung der Meinungsfreiheit. Die Arbeitsbedingungen von Journalisten sind in hohem Maße davon abhängig, inwiefern die Pressefreiheit, die Unabhängigkeit der Medien und die Sicherheit von kritischen Beobachtern gewährleistet sind. Die entscheidende Frage für den Berater lautet daher: Wie weit können Journalisten in ihrer Berichterstattung gehen, ohne persönliche Konsequenzen befürchten zu müssen?

Einschränkungen der Pressefreiheit

Transparency International unterscheidet unterschiedliche Formen von Einschränkungen der Pressefreiheit. Sie reichen von bürokratischen Hürden bei der Akkreditierung (Saudi Arabien, Weißrussland) über die direkte Zensur (China) bis hin zur Gewalt gegen Journalisten (Eritrea, Usbekistan, Syrien). In einigen Staaten Afrikas (Ghana, Mozambique, Nigeria, Senegal oder Sambia) existieren auch Gesetze, die eine Verleumdung der Regierung unter Strafe stellen (vgl. Menders 2013, S.2ff). Darüber hinaus gibt es Länder, in denen trotz Internet und sozialen Medien immer noch die Staatsmedien die öffentliche Meinung bestimmen. Ein Beispiel ist Algerien, ein Land, an dem der arabische Frühling fast spurlos vorbeigegangen ist und das im Demokratieindex der Zeitschrift “The Economist” als autoritäres Regime eingestuft wird.

„Socializing“ als Zugang zu delikaten Themen

TV-Consultant Martin Gläser: "Die machen die gleichen derben Witze wie bei uns."

TV-Consultant Martin Gläser: “Die machen die gleichen derben Witze wie bei uns.”

Martin Gläser, Professor für Medienmanagement an der dualen Hochschule Baden-Württemberg und langjähriger Mitarbeiter beim Süddeutschen Rundfunk, kennt solche Dilemmas. Er hat im Auftrag der ARD Sender in Rumänien, Bulgarien, Polen und der Slowakei in Sachen Programmwirtschaft und Finanzen beraten und war mehrfach als TV-Consultant in Vietnam. Mit konkreten Hinweisen zu Kostenrechnung und Finanzplanung sei er überall auf offene Ohren gestoßen, sagt Gläser – “vor allem wenn es darum ging, Geld einzusparen”. Doch bei Themen wie zum Beispiel der Staatsunabhängigkeit der Berichterstattung oder der gesellschaftlichen Aufgabe eines öffentlich-rechtlichen Senders, also der Kritik und Kontrolle der Regierung, habe er höchstens “Nadelstiche setzen” können. “Viele Probleme kann man nicht direkt ansprechen, ohne die Beziehung zu zerstören”, sagt Gläser.

Gelingt es allerdings in privater Runde, das Vertrauen zu gewinnen, wird man möglicherweise später als Ansprechpartner für delikatere Themen gesucht. Insofern war für Gläser das “Socializing” ein bedeutender Teil seiner Arbeit als Berater – und “vielleicht auch der anstrengendste”, wie er sagt. Seine eigentliche Beratungstätigkeit in Vietnam war meist schon um 15 Uhr zu Ende. Danach ging es obligatorisch auf Besichtigungstouren. Und abends floss nicht selten der Alkohol – “wobei man es sich als Berater nicht erlauben konnte, nicht mitzutrinken”, sagt Gläser. Das wäre als Affront angesehen worden. Dennoch gelte es, Grenzen zu setzen, denn: “Bei zu viel Zusatzprogramm steigt die Gefahr, dass man selbst Gefallen daran findet. Und dann kommt die Arbeit zu kurz.”

Wichtig bei privaten Begegnungen, aber auch bei seinen Workshops, war für ihn der Humor, sagt Gläser. Mit humorvollen und umgänglichen Menschen stellt sich eine ganz andere Nähe – und damit offenere Zusammenarbeit – ein als mit steifen Bürokraten. Heiterkeit macht die Menschen aktiv. Auch können bei Scherzen die Grenzen des politisch Korrekten und Erwünschten durchaus infrage gestellt werden. Gläser hat in Vietnam beobachtet: “Die machen die gleichen derben Witze wie bei uns.” Die Sprach- und Kulturbarriere sei zum Teil ein Hindernis, sagt Gläser. Bei seinen Aufenthalten in Vietnam hat er immer mit einem Simultan-Dolmetscher gearbeitet. “Der hat aber nicht immer eins zu eins übersetzt”, vermutet Gläser. Das habe er gerade bei kritischen Punkten gespürt. Ergänzend zu seinen Vorträgen hat der Berater deshalb immer übersetzte Handouts verteilt.

Die Situation des Journalismus im Einsatzland genau eruieren

Medienberater Christian Scholz: "Praktische Probleme stehen im Vordergrund."

Medienberater Christian Scholz: “Praktische Probleme stehen im Vordergrund.”

Abstrakte Entwicklungsziele für die praktische Arbeit handhabbar zu machen ist auch ein Thema für Christian Scholz, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität des Saarlandes. Als Forscher und Berater ist er immer wieder in Schwellenländern unterwegs. Seine Expertise war auch im Rahmen eines internationalen Netzwerks im Bereich Medienentwicklung gefragt. Hier kam es laut Scholz zwar regelmäßig zu Diskussionen über die gesellschaftspolitische Verantwortung des Journalismus, der Medien oder des Internets generell. In konkrete Handlungsstrategien umgesetzt wurde das jedoch nicht. Im Vordergrund stand eher der Austausch über rein praktische Probleme – etwa “die Einrichtung eines Newsdesks in Kolumbien”.

Scholz glaubt: Vor dem Start jeglicher Berater-Aktivitäten ist es wichtig, die Situation des Journalismus im jeweiligen Einsatzland genau zu eruieren und einzuordnen. Als Europäer laufe man zum Beispiel schnell Gefahr, Südamerika als homogene Einheit zu betrachten. Dabei existiere in den einzelnen Ländern ein klarer Wunsch nach Abgrenzung voneinander. Schon die berühmten Telenovelas würden nicht nur jeweils landessprachlich neu synchronisiert, sondern sogar im landeskulturellen Kontext völlig neu produziert. Auch hätten die einzelnen Länder Südamerikas einen hohen Nationalstolz: Ecuador oder Panama etwa, die einst Teil des historischen Staatsgebildes Großkolumbien waren, grenzen sich heute scharf von Kolumbien ab. Grundsätzlich gibt es in Lateinamerika eine vielfältige Medienlandschaft, die durch eine klare politische Ausrichtung der einzelnen Medienorganisationen gekennzeichnet ist. Das führt nach den Beobachtungen von Scholz oft zu einer einseitigen, teilweise verfälschenden Berichterstattung.

Organisationsberater Ulrich Erhardt: Bereits in 84 Ländern Medien beraten.

Organisationsberater Ulrich Erhardt: War in 84 Ländern als Berater tätig.

Ähnlich sieht das der Organisationsberater Ulrich Erhardt. Erhardt war als Berater in 84 Ländern tätig, unter anderem in Mittel- und Südamerika, und hat einige Jahre in Südamerika gelebt. Er verweist auf das Beispiel Guatemala, eine ehemalige Militärdiktatur mit einer Reihe von Militärregimes unter deren Herrschaft Hunderttausende umkamen. “In Guatemala dominiert ein Journalismus, der stark auf die Auseinandersetzung fixiert ist”, sagt Erhardt, was oft Gräben vertiefe und Gegensätze verstärke. Das genaue Gegenteil dazu bilde Costa Rica. “Das Land ist definiert durch eine pazifistische Kultur”, sagt Erhardt. Das Heer des Landes wurde in den 1950er Jahren zugunsten von Bildungs- und Gesundheitsprogrammen aufgelöst. Die einzige Zeitung im Land, “La Nación“, gilt als konsens- und dialogorientiert. Der Vorteil für einen Berater in Südamerika ist laut Christian Scholz, dass die Strukturen eher transparent sind, da heißt, sie treten offen zutage und sind einfach zu erfassen. Außerdem, so Scholz, könne man im Umgang mit den Menschen laut und deutlich seine Meinung sagen, wenn einem eine Situation nicht passe.

Besondere Herausforderung: Afrika

Afrika dagegen sieht Christian Scholz mit anderen Augen: „In Afrika scheinen die Menschen teilweise mit einem gewissen Minderwertigkeitskomplex gegenüber den Fremden behaftet zu sein: Sie nehmen die Dinge schnell persönlich und beharren auf ihrer Meinung, wenn sie unsicher sind.“ Hier gelte es, als Berater eine besondere Sensibilität zu entwickeln.

Von entscheidender Bedeutung für die Beratung in Afrika sei auch, den richtigen „Point of Entry“ zu finden. In Südamerika stehen laut Scholz neben der Regierung auch Ansprechpartner wie Verbände, Gewerkschaften, Medienunternehmen oder Universitäten zu Verfügung. Es gibt eine hohe Konkurrenz zwischen den einzelnen TV-Kanälen, Radiostationen oder Zeitungen, sodass es immer eine Alternative zum Ausweichen vorhanden ist. In Afrika stellt sich das anders dar, glaubt Scholz. Hier gehe es darum, „die richtige Einzelperson“ zu recherchieren – mit genügend Macht, Einfluss und dem Willen zur Zusammenarbeit – und dann einen Kontakt aufzubauen. Dabei gelte es herauszufinden: Was will dieser Ansprechpartner wirklich? Ist ihm tatsächlich an der Maßnahme gelegen? Wie ist die Zusammenarbeit mit ihm?

Generell hat man es Scholz zufolge in Afrika mit einer kleinen reichen Oberschicht zu tun, bei der sich vieles um Macht, Geld und das eigene Ansehen dreht. So charakterisiert Scholz beispielsweise die Eliten im Sudan folgendermaßen: „Den Leuten ist das Land oft weitgehend egal, Hauptsache, sie kommen selbst nicht zu kurz.“ Ein echter Gegensatz zu Südamerika, wo laut Scholz der Nationalstolz eine große Rolle spielt.

Grundsätzlich empfiehlt Scholz für Afrika: „Niemals eine ‚Facilitation Charge‘ bezahlen“, also Geld dafür, dass man überhaupt mit seiner Maßnahme beginnen kann.” Das führe zu einer Instrumentalisierung des Beraters und erzeuge eine Nehmermentalität: „Die ‚Facilitation Charge‘ begründet einen Rechtsanspruch auf Geld und legitimiert damit im Grunde genommen die Korruption“, sagt Scholz. Bei hartnäckigen Geldforderungen dürfe man sich als Berater auch durchaus die Frage stellen: Will ich in so einem Umfeld überhaupt aktiv werden? Scholz merkt an, er sei gerne in Afrika unterwegs, aber: „In Südamerika hatte ich eher das Gefühl, die Menschen verstanden zu haben.“

Im zweiten Teil des Beitrags über journalistische Trainer im Ausland geht es unter anderem um die Frage, wie viel Verständnis und Anpassung bei der Beratung nötig ist. Außerdem wird prognostiziert, wie die Zukunft der internationalen Beratung im Journalismus aussehen könnte.

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Der Autor Dr. Guido Vogt ist Fernsehjournalist und zertifizierter Change Manager. Als freier Trainer und Berater arbeitet er unter anderem für die Deutsche Welle Akademie – in dieser Funktion hat er zum Beispiel journalistische Organisationen in Nordafrika (Algerien, Tunesien, Marokko) und Ostafrika (Tansania, Sansibar) beraten.

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