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Kollaboratives Arbeiten

Kollaboratives Arbeiten im Investigativjournalismus – Chancen und Herausforderungen

In Zeiten klammer Kassen und komplexer Realitäten müssen Journalisten mehr denn je über Mediengrenzen hinweg zusammenarbeiten. Im Investigativjournalismus schafft Kollaboration neue Möglichkeiten, stellt Journalisten und Medien aber auch vor große Herausforderungen.

Mafiöse Strukturen, geheime Offshore-Konten, Verflechtungen zwischen korrupten Personen in Politik und Wirtschaft über Ländergrenzen hinweg – die Probleme, die Investigativjournalisten heute aufzuspüren und aufzudecken versuchen, sind komplex. Die weltweiten Verbindungen, welche die Globalisierung wie ein engmaschiges Netz über den Globus gesponnen hat, haben die Welt tiefgreifend verändert. Sie stellen Investigativjournalisten und Medien vor große Herausforderungen, wenn es darum geht, aufwendige Recherchen mit den vorhandenen Ressourcen zu stemmen.

Als eine Lösung für die Bearbeitung komplexer Themen werden im Investigativjournalismus kollaborative Arbeitsprozesse gesehen: Medien, die einst miteinander konkurrierten, recherchieren und veröffentlichen nun gemeinsam. Dabei kann es sich um kleine Kooperationen handeln oder um große, weltweite Rechercheverbünde – wie bei den “Panama Papers”, bei denen mehr als 100 Medienpartner im April 2016 ihre Ergebnisse gleichzeitig veröffentlichten.

Was bedeutet kollaboratives Arbeiten?

Bei kooperativen und kollaborativen Arbeitsprozessen1 geht es darum, durch die Nutzung von Synergien im Team gemeinsame Lösungen zu erarbeiten. Auf den Journalismus bezogen bedeutet es, dass zwei oder mehr Medienorganisationen (womöglich auch einzelne Journalisten) darin übereinkommen, gemeinsam arbeiten zu wollen, um die verwendeten Ressourcen zu optimieren und die Wirkung der gemeinsamen Arbeit zu erhöhen. Das Übereinkommen kann formeller Natur sein, das heißt eine vertragliche Grundlage haben – dies ist aber keine Bedingung.

Während sich im englischen Sprachgebrauch die Bezeichnung “collaborative journalism” durchgesetzt hat, werden im deutschen Sprachraum derzeit verschiedene Begriffe verwendet: Die Bezeichnungen “länderübergreifender Journalismus”, “Cross-Border-Journalismus” oder “transnationaler Journalismus” betonen die internationale Arbeitsweise, beziehen aber Kooperationen auf lokaler oder nationaler Ebene nicht mit ein. Die Begriffe “kollaborativer Journalismus” und “Netzwerk-Journalismus” schließen diese mit ein, werden aber teilweise auch verwendet, um die Zusammenarbeit von professionellen Journalisten mit Amateuren zu beschreiben – also das Netzwerken mit der Zielgruppe. In Anlehnung an die internationale Forschung wird in diesem Artikel die Bezeichnung “kollaborativer Journalismus” verwendet.

Kollaboration ist intensiver geworden

Natürlich hat es die Zusammenarbeit zwischen Journalisten verschiedener Medien – formell oder informell – schon immer gegeben. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist die Gründung der ersten Nachrichtenagentur, Associated Press (AP), die Mitte des 19. Jahrhunderts aus einem Übereinkommen von fünf Tageszeitungen in New York entstand, gemeinsam Nachrichten aus dem Krieg zwischen den USA und Mexiko zu beschaffen. Auch nach der zunehmenden Professionalisierung des Journalismus im 20. Jahrhundert – bei der die ökonomische Seite des Journalismus weiter an Bedeutung gewann – gab es zwischen Journalisten und Medien immer wieder – größtenteils informelle – Vereinbarungen der Zusammenarbeit: Reporter, die Notizen austauschten, sich gegenseitig wertvolle Hinweise gaben oder Informationen einer offiziellen Quelle mit anderen Kollegen teilten. Die amerikanischen Journalismusforscher Graves und Konieczna weisen darauf hin, dass es in jeder Phase des Journalismus sowohl Wettbewerb als auch Formen der Kooperation gegeben habe. Die Ökonomisierung der Nachrichten erforderte von den Medien jedoch, sich (in der Konkurrenz um Werbeeinnahmen) sichtbar von anderen abzugrenzen.

Im Investigativjournalismus zählt das Project Arizona in den USA zu einer der ersten formalen Kooperationen zwischen Journalisten. Den Auslöser gab die Ermordung eines der Gründer des Netzwerkes Investigative Reporters and Editors (IRE), Don Bolles, im Jahr 1976 in Zusammenhang mit seinen Recherchen. Als Reaktion beschlossen fast 40 Reporter und Redakteure von 28 verschiedenen Medien, dessen Arbeit fortzusetzen und gemeinsam zu Korruption in Arizona zu recherchieren.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts erfuhr der kollaborative Journalismus weiteren Aufwind, als Verleger, Stiftungen und Wissenschaftler nach Möglichkeiten suchten, sich das digitale Netzwerken für den Journalismus zunutze zu machen. Wenig später sorgten die Rechercheprojekte des International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) wie die “LuxLeaks” oder “Panama Papers” weltweit für Aufsehen.

Kollaboratives Arbeiten in der Praxis

Kollaborative Projekte sind in der Praxis sehr unterschiedlich ausgeprägt. Die Forscher vom Center for Cooperative Media der Montclair University, USA, unterscheiden Projekte deshalb nach der Intensität der Zusammenarbeit und ihrer Dauer:

  • Kollaborative Projekte können eine intensive Zusammenarbeit bedeuten, bei der gemeinsam recherchiert und veröffentlicht wird und Organisationsstrukturen der Medien sich überlappen.
  • Der Arbeitsprozess kann aber auch separat stattfinden und lediglich die journalistischen Arbeiten werden gegenseitig verlinkt.

Des Weiteren gibt es verschiedene Auslöser und Beweggründe für kollaborative Projekte: Im Fall der “Panama Papers” gab ein Datenleak (von 2,6 Terabyte und 11,5 Millionen Einzeldokumenten) an die Süddeutsche Zeitung durch eine anonyme Quelle den Ausschlag für das gemeinsame Projekt, das dann vom ICIJ koordiniert wurde. Bei den Recherchen zur “Operation Lava Jato” (auch bekannt als Odebrecht-Skandal), einem der größten Korruptionsskandale Brasiliens, gaben die Komplexität und das Ausmaß des Skandals den Anstoß für zwei größere Rechercheverbünde lateinamerikanischer Medien. Ohne die Zusammenarbeit zwischen Journalisten verschiedener Medien hätten die Fälle schlichtweg nicht aufgearbeitet werden können.

Medien können sich aber auch proaktiv zusammenschließen, um gemeinsam ein Thema für umfangreiche Recherchen zu suchen – zum Beispiel, um bei einem sozialen Phänomen Parallelen zwischen verschiedenen Ländern herauszuarbeiten. Und die New York Times kollaborierte mit der Times-Picayune in New Orleans vermutlich nicht nur, um mit der gemeinsamen Recherche die Auswirkungen des Klimawandels auf den Meeresspiegel in Küstenorten in Louisiana zu hinterfragen, sondern auch, um weitere Abonnenten außerhalb ihrer traditionellen Anhängerschaft zu erreichen.

Chancen

Die Gründe für das gemeinsame Arbeiten von Journalisten, Medienunternehmen oder Non-Profit-Organisationen sind vielfältig und abhängig von deren individuellen Strukturen, Zielen und Herausforderungen. Allgemein sprechen die Möglichkeiten dafür, die Kosten der Arbeit zu senken, etwa wenn Reisen der Journalisten durch die Kooperation mit Kollegen vor Ort vermieden werden, und die Bereicherung der gemeinsamen Arbeit durch die Expertise von Kollegen, die in einem anderen Medium, Kontext und womöglich Kulturraum ausgebildet wurden.

Einer der wichtigsten Gründe ist jedoch die Notwendigkeit, komplexe Sachverhalte über den eigenen Einzugskreis hinweg nachzuverfolgen. Will heißen: Die Globalisierung lässt Journalisten immer weniger Wahl und die Nachrichten machen nicht vor dem eigenen Horizont halt. Durch die gemeinsamen Recherchen kann (im besten Fall) die Wirkung der journalistischen Arbeit erhöht werden.

Herausforderungen

Gerade der Investigativjournalismus ist ein Bereich, der hohes Vertrauen erfordert: Journalisten müssen sorgfältig abwägen, mit wem sie brisante Informationen teilen. Die Öffnung nach außen kann oft nicht mehr vermieden werden, muss aber sorgfältig überlegt sein.

Dabei gilt: Je mehr unterschiedliche Journalisten beteiligt sind, desto größer ist auch die Reibung zwischen den Teammitgliedern. Das Gelingen des gemeinsamen Arbeiten ist kein Automatismus. Der Veröffentlichung gehen oft schmerzhafte Prozesse voraus, in denen die Beteiligten um gemeinsame Ziele, eine effektive Organisation und Planung sowie einen gemeinsamen Ansatz ringen müssen.

Neben ganz menschlichen Aspekten wie der Teamarbeit mit sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten und Charakteren liegen die Schwierigkeiten auch in den unterschiedlichen Rhythmen und Routinen der beteiligten Medien. Für die Organisation der Projekte ist es nach Expertenansicht hilfreich, wenn zusätzliche Ressourcen (wie zum Beispiel ein Projektmanager) zur Verfügung stehen und die Beteiligten ihr Vorhaben ausreichend besprechen. Forscher wie Heather Bryant oder Stefanie Murray sind sich darin einig, dass Medien und Organisationen in Zukunft Hilfe von außen für die Planung der kollaborativen Prozesse benötigen. Sie sehen die Notwendigkeit, dass Medien sich auf Kollaborationen vorbereiten – ähnlich wie in anderen Lebensbereichen vorkehrend Prozesse für den Ernstfall etabliert werden.

Fazit

Das kollaborative Arbeiten im Investigativjournalismus kann diesen tief greifend verändern, weil die Verbindungen, die Journalisten und Medien knüpfen, über die gemeinsamen Projekte hinaus weiter bestehen werden. Gleichzeitig erfordert die Zusammenarbeit im Investigativjournalismus besonderes Vertrauen, was das Netzwerken der Journalisten schwieriger gestaltet als in anderen Berufszweigen.

Die Chancen des kollaborativen Arbeitens liegen darin, Kosten zu senken, sich zusätzliche Expertise zunutze zu machen, sich miteinander und auch persönlich weiterzuentwickeln und die Wirkung und Innovation der Arbeiten zu erhöhen. Dies setzt aber voraus, dass die Teamprozesse gut funktionieren.

Hierfür werden Journalisten und Medien in Zukunft weitere Unterstützung benötigen – sie tun gut daran, sich schon jetzt auf kollaborative Projekte vorzubereiten.

Quellen und Literatur zum Thema

Alfter, Brigitte (2017): Grenzüberschreitender Journalismus. Handbuch zum Cross-Border-Journalismus. Herbert von Halem Verlag, Köln.

Experteninterview mit Heather Bryant am 02.03.2018 (per Skype).

Experteninterview mit Jason Alcorn am 06.03.2018 (per Skype).

Experteninterview mit Stefanie Murray am 28.02.2018 (per appear.in).

Graves, Lucas/Magda Konieczna (2015): Sharing The News: Journalistic Collaboration as Field Repair, in: International Journal of Communication 9/2015, S. 1966-1984.

Monge Duarte, Julia (2018): Kollaboratives Arbeiten im investigativen Journalismus in Lateinamerika – eine Situationsanalyse. Masterarbeit. Hochschule Darmstadt.

Obermayer, Bastian/Frederik Obermaier (2016): Panama Papers. Die Geschichte einer weltweiten Enthüllung. Kiepenheuer & Witsch, Köln.

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

MongeDie Autorin Julia Monge Duarte schloss mit ihrer diesem Beitrag zugrunde liegenden Arbeit zum Thema “Kollaboratives Arbeiten im investigativen Journalismus in Lateinamerika – eine Situationsanalyse” ihr Masterstudium der Medienentwicklung an der Hochschule Darmstadt ab. Wichtige Aspekte dafür lieferten die Interviews mit Experten in Lateinamerika und den USA. Sie arbeitet als freie Journalistin und Übersetzerin, im Netz zu finden unter www.juliamonge.de und als @JuliMond0 (Twitter).

 

  1. Die Begriffe “Kollaboration” und “Kooperation” unterscheidet der Grad der Aufteilung der individuellen Arbeitsleistung im gemeinsamen Arbeitsprozess. Die Übergänge sind jedoch teilweise fließend, sodass die Begriffe in diesem Artikel synonym verwendet werden.
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