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Konstruktiver Journalismus

Konstruktiver Journalismus: Sagen, was ist – und zeigen, wie es weitergeht

Journalisten sind darauf gepolt, über Missstände zu berichten. Das ist einerseits richtig, andererseits für den Zuschauer ermüdend. Der konstruktive Journalismus zeigt darüber hinaus auf, wie Probleme gelöst werden können. Bernd Oswald stellt dieses journalistische Genre anhand von Frequently Asked Questions (FAQ) vor.

Was ist konstruktiver Journalismus?

Konstruktiver Journalismus ist eine Art der Berichterstattung, die nicht bei der Beschreibung von Missständen, Krisen und Fehlentwicklungen stehen bleibt, sondern gleichzeitig den Blick nach vorn richtet und Lösungsansätze aufzeigt. Übertragen auf Rudolf Augsteins Maxime, dass Journalisten immer sagen sollten, “was ist”, zeigen konstruktive Journalisten darüber hinaus auf, “was geht”.

Konstruktiver Journalismus im Vergleich

So grenzt das Constructive Institute den konstruktiven Journalismus gegen Nachrichtenjournalismus und investigativen Journalismus ab.

Und was ist konstruktiver Journalismus nicht?

Konstruktiver Journalismus ist nicht zu verwechseln mit positivem Journalismus, der sich mehr mit guten Nachrichten beschäftigt und auch sprachlich mehr zu positiven Formulierungen greift.1 Der konstruktive Journalismus schildert hingegen auch das Problem und den Kontext, bevor er Lösungen oder Lösungsansätze präsentiert.

Konstruktiver Journalismus macht sich auch nicht zum Anwalt für eine Sache. Er stellt Lösungsansätze und Perspektiven vor, überlässt aber das Urteil, was davon die beste Möglichkeit ist, dem Leser.

Wie funktioniert konstruktiver Journalismus?

Konstruktiver Journalismus ist aufwendig, besonders bei der Recherche. Das Problem sollte genau analysiert und in verschiedene Aspekte aufgeschlüsselt werden. Um ein ganzheitliches Bild zeigen zu können, gilt es, eine Reihe von Fragen zu beantworten, zum Beispiel: Wer ist davon betroffen? Wie genau ist jemand betroffen? Welche Lösungsansätze haben die Betroffenen? Welche Lösungsansätze haben Politik, Verwaltung oder Wissenschaft? Was spricht für die jeweiligen Vorschläge, was dagegen? Wie wurde ein ähnliches Problem in einem anderen Ort bzw. anderen Land gelöst? Lässt sich das ganz oder teilweise auf das geschilderte Problem übertragen? Gibt es Langzeitanalysen? Auch konstruktiver Journalismus beantwortet die klassischen W-Fragen – Wer? Wann? Wo? Was? Wie? Warum? –, geht aber noch einen Schritt weiter und liefert auch Antworten auf die Fragen “Was nun?” beziehungsweise “Wie weiter?”. Besonders interessant sind dabei neue und/oder überraschende Lösungsansätze.

Wer macht konstruktiven Journalismus?

Konstruktiven Journalismus gibt es im Prinzip schon so lange, wie es Qualitätsmedien gibt, die umfassend, hintergründig, lösungs- und zukunftsorientiert berichten. Oft wird zum Beispiel das Wirtschaftsmagazin Brandeins als Beispiel für einen durchgängig konstruktiven Journalismus genannt, obwohl die Redaktion dieses Etikett nicht explizit für sich in Anspruch nimmt. Auch beim evangelischen Gesellschaftsmagazin Chrismon gehört der konstruktive Ansatz zur redaktionellen DNA. Allerdings sind in den letzten zwei, drei Jahren immer mehr Medien dazu übergegangen, konstruktive Formate auch explizit als solche zu bewerben: Die Sächsische Zeitung mit der Rubrik “Gut zu wissen“, das ZDF mit der Sendung “Plan B“, der NDR mit dem Format “NDR Info Perspektiven“, die BBC mit der Serie “Worldhacks“, “What’s working” bei der Huffington Post oder der Guardian mit der Rubrik “Solutions and innovations“. Eine Sonderstellung nimmt das deutsche Onlinemagazin Perspective Daily ein, das komplett nach dem Prinzip des konstruktiven Journalismus arbeitet. Perspective Daily veröffentlicht jeden Tag nur einen Artikel, der dafür aber entsprechend umfassend, evidenzbasiert und zukunftsorientiert geschrieben ist. Auch wirtschaftlich geht das Start-up eigene Wege: Es ist komplett werbefrei und wird von den Beiträgen seiner Mitglieder finanziert.

Wozu braucht es mehr konstruktiven Journalismus?

Journalisten, die ihre Ausbildung im westlichen Kulturkreis absolviert haben, wählen Themen nach sogenannten Nachrichtenfaktoren aus. In der Praxis dominieren negative Nachrichtenfaktoren wie Misserfolg, Gewalt oder Konflikt. Ganz nach der Devise: “If it bleeds, it leads.” Themen, die sich um diese Kriterien drehen, erzeugen beim Nutzer erfahrungsgemäß viel Aufmerksamkeit.

Die Kehrseite der Medaille: Weil Medien oft über negative Ereignisse berichten, nehmen viele Menschen die Welt negativer war, als sie tatsächlich ist. Das ist in Studien immer wieder belegt worden. Zu viel Negativismus in den Medien kann bei den Nutzern zu Zynismus, Stress und Hoffnungslosigkeit führen. Oder einfach nur dazu, Medien, die so arbeiten, zu ignorieren.

Bei Mediennutzern unter 30 Jahren ist diese Gefahr besonders groß, wie Stephan Weichert, Studiengangleiter “Digital Journalism” an der Hamburg Media School, in einer Studie unter Millenials, also Personen, die um die Jahrtausendwende herum geboren wurden, herausgefunden hat: “Wir stellen fest, dass sich gerade junge Zielgruppen immer stärker von klassischen Medien abwenden und dass die Welt, die in den Medien gezeichnet wird, insgesamt als sehr krisenfixiert und negativ wahrgenommen wird”, sagte Weichert im Februar 2018 auf dem “Constructive Journalism Day” in Hamburg. Mit dem konstruktiven Journalismus geht auch die Hoffnung einher, die jüngeren Zielgruppen wieder besser zu erreichen.

Welche Kritik gibt es am konstruktiven Journalismus?

Ein grundsätzlicher Einwand gegen konstruktiven Journalismus lautet, dass er überflüssig ist, zumindest das Etikett. Denn guter Journalismus blicke immer auch nach vorne und biete Lösungen an. Natürlich kann man es mit dem Konstruktivsein übertreiben, zum Beispiel, wenn man einer hoffnungslosen Nachricht – etwa über vollstreckte Todesurteile – unbedingt noch etwas Positives abgewinnen will. Der häufigste Kritikpunkt ist, dass konstruktive Beiträge Werbung und PR für diejenigen Akteure und Institutionen machen, die eine Lösung aufzeigen oder parat haben. Ob das tatsächlich so ist, liegt im Auge des Betrachters. Journalisten sollten beim Verfassen ihrer Beiträge jedenfalls dafür sensibilisiert sein und nicht zu euphorisch über eine Lösung berichten.

Wie wirkt konstruktiver Journalismus?

Zu den Pionieren des konstruktiven Journalismus zählt der Dänische Rundfunk (DR). Der DR hat festgestellt, dass seine TV-Nachrichten nach Einführung regelmäßiger konstruktiver Beiträge wesentlich beliebter geworden seien und mit Begriffen wie “glaubwürdig, relevant, informativ, konstruktiv, nützlich, lösungsorientiert und sozial verantwortlich”2 assoziiert würden. Bei der Sächsischen Zeitung werden Beiträge der Rubrik “Gut zu wissen”, in der konstruktive Artikel angeboten werden, einer eigenen Leseruntersuchung zufolge häufiger als lesenswert bezeichnet als “normale” Artikel. Besonders stark ausgeprägt ist dieser Unterschied im Lokalteil.

Die Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt hat vor Kurzem eine der wenigen empirischen Untersuchungen zur Wirkung von konstruktivem Journalismus durchgeführt. Ergebnis: Die Leser nehmen konstruktiven Journalismus deutlich wahr. Konstruktiver Journalismus könne einer negativen Weltsicht entgegenwirken – allerdings mit einem einzelnen Beitrag eher emotional als rational: “Die Leser fühlen sich nach dem konstruktiven Beitrag emotional, fröhlich und zum Teil auch weniger deprimiert, aber nicht besser informiert, und sie haben kein größeres Interesse am dargestellten Thema.” Für Medienmarken interessant ist die Erkenntnis, dass konstruktive Beiträge eher in sozialen Netzwerken geteilt werden. Auch die Volontäre der Electronic Media School in Potsdam machten in ihrem Konstruktiver-Journalismus-Projekt “Das sechste W” ähnliche Erfahrungen: “In sozialen Netzwerken haben unsere Beiträge im Vergleich deutlich mehr Feedback von den Lesern, Hörern und Zuschauern erhalten”, schreiben sie im Rückblick auf das Experiment.

Eignet sich konstruktiver Journalismus für Fachjournalisten?

Auf jeden Fall. Fachjournalisten haben sogar besonders gute Voraussetzungen dafür, weil sie in ihren Themen tiefer drinstecken als Nachrichtenjournalisten, die ständig wechselnde Themen bearbeiten müssen. Fachjournalisten gehen mit ihren Beiträgen meist mehr in die Tiefe, beschäftigen sich oft mit technischen Innovationen und den damit verbundenen Herausforderungen. Redaktionsberater Christian Sauer sagte 2016 in einem Interview hier auf fachjournalist.de: “Ein modernes Fachmagazin muss Themen so durchdringen, dass es Vor- und Nachteile und damit Entscheidungsalternativen aufzeigen kann. Mehr noch: Es sollte sogar eine qualifizierte Handlungsempfehlung aussprechen.”

Weiterführende Links

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Foto: Andreas Unger

Foto: Andreas Unger

Der Autor Bernd Oswald ist freier Medienjournalist, Trainer und Trendscout im digitalen Journalismus. Er interessiert sich für die Weiterentwicklung des Journalismus an der Schnittstelle zwischen Redaktion, Programmierung und Design. Deswegen hat er Hacks/Hackers München mitgegründet, wo Journalisten, Programmierer und Designer neue Formate diskutieren und konzipieren. Zu diesen Themen twittert er als @berndoswald und bloggt zudem auf www.journalisten-training.de. Eine Auswahl seiner Arbeitsproben präsentiert er auf seinem Torial-Profil.

 

  1. Der Deutsche Fachjournalisten-Verband hat zum positiven Journalismus einen eigenen Sammelband herausgegeben. Mehr dazu finden Sie hier.
  2. Aus: Haagerup, Ulrik (2015): Constructive News. Warum “bad news” die Medien zerstören und wie Journalisten mit einem völlig neuen Ansatz wieder Menschen berühren. Salzburg: Oberauer.
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