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Politikjournalismus

Politikjournalismus im Superwahljahr 2017: “Analysen wieder mehr in den Vordergrund stellen”

Interview mit der Journalistik-Professorin Marlis Prinzing

24.09.2017 – dieses Datum beherrscht derzeit das politische Berlin. Denn an jenem letzten Sonntag im September findet die Bundestagswahl statt, deren Ausgang – aktuellen Umfragen zufolge – so spannend wie lange nicht mehr werden könnte. Doch nicht nur im Bund wird 2017 gewählt: Nach den bereits erfolgten Wahlen des Bundespräsidenten und im Saarland sind im Mai auch die Bürger in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen aufgefordert, neue Landesparlamente zu bestimmen. Von internationaler Bedeutung ist zudem die französische Präsidenschaftswahl, die für den 23. April terminiert ist. Viel los also in der Politik – und damit auch jede Menge spannende Themen für Politikjournalisten. Doch wie steht es um den Politikjournalismus im Superwahljahr 2017? Diese und weitere Fragen stellten wir der Journalistik-Professorin und Politikexpertin Marlis Prinzing von der Macromedia Hochschule in Köln. Von ihr erscheint demnächst das Grundlagenwerk “Handbuch politischer Journalismus“.

Frau Prof. Prinzing, der Politikjournalismus steht derzeit unter Druck: Das Vertrauen von Teilen der Bevölkerung in die Medien ist getrübt, in den sozialen Medien tobt der Kampf um die Deutungshoheit und der Begriff “Fake News” ist praktisch omnipräsent. Täuscht der Eindruck, oder wird der politische Journalismus gerade besonders herausgefordert?

Was das Vertrauen in die Medien generell betrifft, gibt es sicherlich sehr viel zu tun – immer. Denn eine demokratische Gesellschaft kann nicht ohne einen kritisch-reflektierenden Journalismus funktionieren. Aber im Grunde genommen ist das keine neue Entwicklung, die Sie beschreiben. Sie betrifft die gesamten Medien und nicht ausschließlich den politischen Journalismus. Wenn auch die Bevölkerung schon seit Längerem auf kaum etwas so empfindlich reagiert wie auf Fehler oder auf vermutete Manipulationen in der Politikberichterstattung.

Wie kann das Vertrauen in den Journalismus insgesamt gesteigert werden? Muss noch mehr Wert auf sorgfältige Recherche gelegt werden?

Transparenz über Arbeitsprozesse herzustellen, halte ich für entscheidend, um Vertrauen zu gewinnen. Gründliche Recherche ist dabei natürlich so wichtig wie eh und je. In der Vergangenheit ist es aber versäumt worden, deutlich zu machen, wie recherchiert wird, wo Quellen herkommen und wie eine Redaktion zu einer bestimmten Entscheidung gelangt.

Im Onlinejournalismus muss außerdem der Handwerkskasten noch etwas verfeinert werden. Die Frage, wie man Meldungen aus den sozialen Medien verifizieren kann, steht hier ganz oben. Ein vorbildhaftes Beispiel ist die Initiative des ehemaligen Guardian-Chefredakteurs Alan Rusbridger in Kooperation mit dem Reuters Institut der Universität Oxford. Rusbridger und ein Team aus Wissenschaftlern und Journalisten haben ein kollaboratives Dokument erarbeitet, zu dem Fachkundige ihre Tipps beitragen und Fake News entlarven können. Damit sollen Journalisten angesprochen und der journalistische Werkzeugkasten erweitert werden.

Stichwort Onlinejournalismus: Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Journalist und Leser? Haben Sie das Gefühl, dass Politikjournalisten inzwischen verstanden haben, dass sie mit ihren Lesern im digitalen Zeitalter intensiver kommunizieren müssen, als dies früher der Fall war?

Die meisten Journalisten ahnen zumindest, dass sie ihre Kommunikation mit dem Publikum ändern müssen. Aber noch lange nicht alle setzen es um. Auf der einen Seite ist es Fakt, dass sich manche Leser massiv im Ton vergreifen – das ist oft beleidigend und verletzend. Auf der anderen Seite ist es auch Fakt, dass sich viele Journalisten von gewissen Gewohnheiten nicht gerne verabschieden. Es ist einfacher, wenn man nicht in Dialog treten muss. Die digitale Technik hat aber unumkehrbar das Publikum zu einem publizierenden Publikum gemacht, und das macht es für Medienschaffende unausweichlich, systematisch und bewusst mit ihrem Publikum ins Gespräch zu kommen, wenn sie weiterhin Verbindung zu diesem halten und so auch wirtschaftlich erfolgreich sein wollen; Studien belegen dies.

Und tatsächlich erkennen immer mehr Journalisten, dass der Austausch mit dem Publikum sehr wohl bereichernd sein kann. Es gibt ja nicht nur die Motzer, sondern auch jene, die konstruktive Vorschläge oder Bedenken haben und die einen auf neue Themen bringen können.

Wenn man den Dialog mit dem Publikum systematisch führt, profitiert man als Journalist, und es entsteht eine andere Publikumsbindung und damit auch eine andere Vertrauensbasis. Außerdem lässt sich durch Forschung nachweisen, dass das Niveau der Beiträge oft steigt, wenn sich Redaktionsmitglieder immer wieder auch in die Kommentierungen einmischen und zum Beispiel weitere Informationen ergänzen.

Ein Phänomen unserer Zeit, das auch Journalisten betrifft, ist die sogenannte Filterblase in den sozialen Medien. Umgeben sich Politikjournalisten Ihrer Meinung nach zu sehr mit Gleichgesinnten?

Es ist wichtig, sich als Journalist mit sämtlichen Akteuren und Adressaten von Politik stärker auseinanderzusetzen und ihnen mehr Gehör zu geben sowie zum Beispiel auch in soziale Brennpunkte zu gehen. Es gab in der Vergangenheit eine Neigung im politischen Journalismus, sich eher den politisch Mächtigen zugehörig zu fühlen. Und an einem gemeinsamen Tisch mit Politikern und Funktionsträgern zu sitzen, ist natürlich nicht die primäre Aufgabe von Politikjournalisten.

Die Notwendigkeit, sich im digitalen Zeitalter wieder mehr der Community zuwenden zu müssen, kann manches, was in eine Schieflage geraten ist, wieder in ein besseres Gleichgewicht bringen.

Mit dem Brexit und der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten gab es im vergangenen Jahr zwei Ereignisse, die den Politikjournalismus mehr oder weniger unvorbereitet getroffen haben. Was können Politikjournalisten hierzulande daraus lernen?

Zunächst einmal, dass auch Umfragen kritisch betrachtet werden sollten. Es gilt, genau darauf zu achten, was wie gemessen und auf welcher Basis eine Umfrage erhoben wird.

Darüber hinaus sollte der Politikjournalismus Analysen und Einordnungen wieder mehr in den Vordergrund stellen. Und Politikjournalisten sollten öfter vor Ort gehen, hin zu den Bürgerinnen und Bürgern, und sich direkt ein Bild machen, was die Menschen umtreibt.

Die Medienunternehmen tragen eine Verantwortung für die aktuelle Situation, in der oft eine kurzatmige Berichterstattung dominiert: Journalismus wird unter einen Zeit- und Spardruck gesetzt, deshalb ist es nachvollziehbar, dass das Kurzgesprungene immer mehr in den Vordergrund rückt. Für eine tiefgründige Analyse ist oft keine Zeit mehr vorhanden.

Hier sind die Verlage auch unternehmensethisch in der Pflicht, zu sagen: Wir stürzen unsere Redaktionen nicht in prekäre Arbeitsverhältnisse, denn wir wollen nach wie vor ein gutes Produkt – einen qualitäts- und verantwortungsorientierten Politikjournalismus.

Zu einem qualitäts- und verantwortungsorientierten Politikjournalismus gehört auch der Investigativjournalismus, der gerade eine Renaissance zu erleben scheint. Beispiele hierfür sind der Rechercheverbund von NDR, WDR und SZ, das stiftungsfinanzierte Recherchebüro “Correctiv” oder auch das Netzwerk “Investigate Europe“. Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund die Qualität des politischen Journalismus in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern?

In den Redaktionen wird der Druck in der Breite immer größer. Die Folge ist die bereits beschriebene Häppchen-Kost. Als Gegengewicht werden Investigativressorts gestärkt – wie etwa bei der Washington Post oder auch bei deutschen Medien und den von Ihnen genannten Beispielen.

Ich finde diese Entwicklung sehr positiv. Und es gibt auch weiterhin zahlreiche Beispiele für großartigen Politikjournalismus. Beides darf uns aber nicht den Blick dafür verstellen, dass in vielen Redaktionen die Ressourcen für Analyse und tiefgründige Berichterstattung, die wir als demokratische Gesellschaft eigentlich bräuchten, nicht mehr zur Verfügung gestellt werden.

Was, denken Sie, ist der richtige Umgang mit der AfD im Superwahljahr 2017: Ihren Thesen Gehör zu schenken oder die Berichterstattung über sie auf das Notwendigste zu beschränken?

Die AfD und ihre Forderungen sind ein aktuelles und relevantes Thema, und im Prinzip würde ich als Journalist so vorgehen, wie es bei allen anderen Themen auch geboten ist. Oftmals überwiegt im Politikjournalismus allerdings die Berichterstattung über irgendwelche Ereignisse und die fundierte Analyse fehlt. Ein Anhaltspunkt ist die in der Politikwissenschaft gängige Unterscheidung der Politik in die drei Dimensionen Polity, Politics und Policy – also Form, Prozess und Inhalt. Die Verknüpfung dieser Ebenen und damit das Analysieren von Inhalten kommt meiner Einschätzung nach zu kurz: Was die AfD inhaltlich vorhat, was das bezogen auf die Wertvorstellungen unserer Gesellschaft hieße und wie bestimmte Wahlverfahren funktionieren.

Wir brauchen also nicht weniger Berichterstattung über die AfD, sondern Berichterstattung mit mehr Hintergrund und Einordnungshilfen für das Publikum. Und das ist noch in weiteren Politikfeldern so, etwa auch beim Thema Brexit und der Entwicklung der Europäischen Union.

Ein Vorwurf an den Mainstream-Journalismus lautet, er berichte zu negativ – frei nach der Devise: “Only bad news are good news!” Teilen Sie diese Einschätzung? Und was halten Sie von Ansätzen wie dem konstruktiven oder dem positiven Journalismus, die eine andere Art der Berichterstattung propagieren?

Ich finde es erst einmal prima, dass durch die Diskussion solcher Ansätze auch die Vielfalt der journalistischen Konzepte wieder mehr in den Blick rückt. Wenn man sich die verschiedenen Konzepte, Rollen und Funktionen vor Augen führt, wird einem erst bewusst, wie vielfältig der Beruf des Journalisten ist – egal, in welchem Ressort man arbeitet.

Die Idee des konstruktiven Journalismus, Lösungsoptionen aufzuzeigen, ist für gewisse Themen sicherlich geeignet. Aber eine Forderung, dass der ganze Journalismus nur noch konstruktiv berichten sollte, wäre verfehlt. Ein Beispiel: Man kann über ein Kapitalverbrechen nicht mit den Kriterien eines positiven oder konstruktiven Journalismus berichten; ein Mord ist nun mal eine negative Nachricht – und die bleibt auch negativ.

Insgesamt geht es meiner Meinung nach darum, das ganze Bild zu zeigen oder zumindest möglichst viel davon. Journalisten sollten nicht nur in die Schattenregionen schauen, sondern auch in die Regionen, in denen die Sonne scheint.

2010 gab es eine Studie des DFJV in Kooperation mit der FU Berlin, die zu dem Ergebnis kommt, dass Politikjournalisten leicht links von der Mitte einzuordnen sind und am stärksten den Grünen zuneigen. Deckt sich dies mit ihren Beobachtungen? Und: Dürfen Politikjournalisten Mitglied einer Partei sein?

Ein gewisser Linksdrall bezogen auf die eigene politische Einstellung ist unter einem größeren Teil der Politikjournalisten nicht von der Hand zu weisen. Doch abgesehen davon gehört zur Professionalität, seine Texte so zu recherchieren, dass die Sachgerechtigkeit gewahrt ist. Es ist die Aufgabe eines Journalisten, in faktenorientierten, referierenden Darstellungsformen wie dem Bericht verschiedene Seiten auszuleuchten. In interpretierenden und kommentierenden Formen kann er über Argumente seine Position in den Vordergrund rücken. Das ist völlig legitim.

Ich persönlich lehne eine Parteimitgliedschaft als Journalist ab. Wer es dennoch tut, sollte aus Gründen der Transparenz zumindest offenlegen, dass er einer Partei angehört. Ein absolutes No-Go ist für mich, wenn – was früher sehr häufig der Fall war – Redaktionsleiter gleichzeitig ein politisches Mandat haben. Das sind einfach zwei verschiedene Hüte.

Ein Blick voraus: Wie wird sich die fortschreitende Digitalisierung auf den politischen Journalismus auswirken?

Es gibt neue Möglichkeiten der Vermittlung: multimediales Erzählen zum Beispiel oder Storytelling mit Virtual-Reality-Technik und 360-Grad-Reportagen. Diese neuen Techniken verlangen einem Politikjournalisten noch stärker als bisher einen ethischen Kompass ab. Etwa als Orientierung, um zu entscheiden, inwiefern Virtual-Reality-Technik sinnvoll ist, um Menschen durch Armenviertel zu führen und ihnen dadurch Empathie abzuverlangen oder ob dies eher dem Voyeurismus Tür und Tor öffnet.

Wenn Medieninnovationen verantwortungsbewusst eingesetzt werden, lassen sich die vielen Chancen, die in neuen Techniken stecken, sinnvoll und bereichernd nutzen.

Frau Prof. Prinzing, vielen Dank für das Gespräch.

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Marlis PrinzingMarlis Prinzing arbeitet als freie Journalistin, Moderatorin und Forscherin. Sie ist Professorin für Journalistik an der Macromedia Hochschule in Köln. In Kürze erscheint von ihr das “Handbuch politischer Journalismus” (Herbert von Halem Verlag), das sie zusammen mit Roger Blum herausgibt. Weitere Informationen zu ihrer Person finden sich auf ihrer Webseite marlisprinzing.de.

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  1. […] Filterbubble und Co. auch bei den Vertretern der Presse ihre Wirkung gezeigt? Gehen sie anders mit politischer Berichterstattung […]



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