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Sportjournalismus in Social Media: eine Frage der Qualität

Studie über Qualitätsstandard und Verbesserungspotenziale des Sportjournalismus in sozialen Netzwerken

Der Sportjournalismus muss um seine Bedeutung als Verbreiter von Sportinformationen mächtig kämpfen. Vor allem in sozialen Netzwerken sieht er sich einer neuen Konkurrenz ausgesetzt: Kanäle von Vereinen, Verbänden oder Sportakteuren produzieren dort eigene Inhalte und erzielen damit oft eine höhere Reichweite als klassische Sportberichterstatter. Wirkt sich diese Entwicklung auf die Qualität des klassischen Sportjournalismus in Social Media aus?

Der Frage, welchen Herausforderungen sich der Sportjournalismus im Social-Media-Zeitalter stellen muss, ging eine an der Hochschule Darmstadt erstellte Studie nach. Die Frage war mit der These verbunden, dass sich sportjournalistische Angebote vor allem durch ihre journalistische Qualität von Sport-PR-Inhalten von Vereinen und anderen Anbietern abgrenzen können. Um zu untersuchen, ob diese Qualität vorhanden ist, wurde die Facebook-Berichterstattung von zwei weit verbreiteten Sportkanälen – Sportschau und Sky Sport News HD  – einer sowohl quantitativen als auch qualitativen Inhaltsanalyse unterzogen. Das zentrale Ergebnis der Untersuchung: Die Social-Media-Berichterstattung bietet journalistische Qualität vor allem bei kurzen und sachlichen Informationen. Tiefe und Kreativität lassen noch viele Wünsche offen. Die damit gebotene journalistische Qualität ist damit eher auf niedrigem Niveau und bietet große Verbesserungspotenziale.

Wo liegt eigentlich das Problem?

Drastisch formuliert muss der Sportjournalismus durch die Folgen der verbreiteten Nutzung von Social Media in der Gesellschaft um seine Relevanz bei den Rezipienten bangen. Zwar begleiten dieses Ressort bereits seit Jahrzehnten große Herausforderungen, zum Beispiel der Kampf um Übertragungsrechte, und es gibt auch immer wieder Reizthemen wie den Vorwurf der “klebrigen Nähe” (Leyendecker 2006) zu Sportakteuren, oder den einer reinen Unterhaltungsberichterstattung.

Die wohl akuteste Herausforderung aber ist die Konkurrenz von Vereinen, Verbänden und Sportakteuren, die sich insbesondere im Profifußball rasant zu eigenen Medienhäusern entwickelt haben. Sie publizieren Journalismus-ähnliche Inhalte, die in sozialen Netzwerken Millionen Rezipienten – meist Fans – direkt und ungefiltert erreichen. So hat der FC Bayern München als Spitze dieser Entwicklung in Deutschland mehr als 40-mal so viele Facebook-Abonnenten wie die Sportschau. Das Allermeiste, was um den Klub herum geschieht, wird zuerst exklusiv auf dem eigenen Kanal veröffentlicht. Aus Sicht des Vereins ist das nur allzu verständlich. Traditionelle Sportberichterstatter aber verlieren damit stark an Bedeutung.

Dem klassischen Sportjournalismus stellt sich also die Frage, wie er seinen Rezipienten insbesondere in den Social Media noch einen Mehrwert bieten kann. Mit Exklusivität sicherlich nicht, denn kein Medium kommt so nah heran an die Akteure eines Vereins wie der Verein selbst. Mit journalistischer Qualität dagegen schon – denn kein Verein oder Sportler braucht diese zu erfüllen, dienen Inhalte hier doch vielmehr PR- und Marketingzwecken. Also ist Qualität für sportjournalistische Kanäle in sozialen Netzwerken besonders wichtig, um sich von Sport-PR-Inhalten abzugrenzen. Grund genug, näher zu untersuchen, ob sie auch gegeben ist.

Das Vorgehen bei der Inhaltsanalyse

Die quantitative und qualitative Inhaltsanalyse untersuchte über einen Zeitraum von drei Wochen mehr als 200 Facebook-Posts von Sportschau und Sky Sport News HD in Bezug auf journalistische Qualitätskriterien. Eine vergleichbare Analyse von sportjournalistischen Facebook-Inhalten hat es in Deutschland bisher nicht gegeben oder war dem Autor zumindest nicht bekannt. Daher konnte sich die Untersuchung nicht an vorhandenen Beispielen orientieren. Umso mehr soll das Vorgehen für künftige Forschungen als möglicher Orientierungspunkt dienen – mit all seinen Stärken und Schwächen. Denn Teile des Vorgehens sind sicherlich noch verbesserungswürdig.

Der Untersuchungszeitraum lag im April 2017. In den drei Wochen wurden jeweils fünf Facebook-Posts pro Tag von Sportschau und Sky Sport News HD mittels Stichprobenverfahren zufällig ausgewählt. Sie wurden zunächst auf quantitative Kriterien untersucht, etwa auf die thematisierte Sportart oder geteilte Inhalte aus anderen Facebook-Kanälen.

Der Fokus der Untersuchung lag jedoch auf der qualitativen Inhaltsanalyse. Um journalistische Qualität messbar zu machen, wurde sie zunächst in die fünf Kriterien Relevanz, Aktualität, Objektivität, inhaltliche Vielfalt sowie Unterhaltung untergliedert. Jedes Kriterium wurde anhand von drei Definitionen aus der Journalistik charakterisiert. Je nachdem, wie viele der drei Definitionen ein Facebook-Inhalt erfüllte, galt ein Kriterium als eindeutig feststellbar, vermutet oder nicht feststellbar. Über den Erfüllungsgrad aller Kriterien lässt sich so auf journalistische Qualität schließen.

Da Sportjournalismus eine Mischform aus Information und Unterhaltung darstellt, wurden diese beiden Kriterien bewusst in die Untersuchung mit aufgenommen. Diese Mischung sollte auch in den Kriterien sportjournalistischer Qualität abgebildet werden.

Bei der inhaltlichen Vielfalt wurden einzelne Posts daraufhin analysiert, ob sie beispielsweise verschiedene Perspektiven, Stimmen und Informationen enthielten. Der Grad der Unterhaltung eines Posts lässt sich zwar nur bedingt messen, da für jeden Rezipienten etwas anderes unterhaltend wirkt. Es lässt sich aber messen, ob ein Inhalt redaktionell unterhaltend aufbereitet wurde: Zum Beispiel, indem er Informationen mit Sprachgewandtheit, Spaß und Witz vermittelt oder Spannung durch "Aha-Effekte" (Göpfert 1993) erzeugt. Dann ist Unterhaltung die "Kür, die auf die Pflicht folgt" (Schlegel 2007,S. 427).

Die Ergebnisse im Detail

Die Inhaltsanalyse zeigt, dass Sportschau und Sky Sport News HD in ihrer Facebook-Berichterstattung durchaus qualitativ hochwertigen Sportjournalismus bieten. Insbesondere die Qualitätskriterien Aktualität, Relevanz und Objektivität sind stark ausgeprägt. Alle drei Kriterien waren in mehr als 90 Prozent der untersuchten Inhalte eindeutig feststellbar oder galten als zumindest vermutet. Dieses Ergebnis ist aus journalistischer Sicht erfreulich und fördert die klare Abgrenzung gegenüber Sport-PR-Inhalten.

Sachlich, kurz und knapp: So sind die Facebook-Posts von Sky Sport News HD und Sportschau häufig formuliert.

Sachlich, kurz und knapp: So sind die Facebook-Posts von Sky Sport News HD und Sportschau häufig formuliert.

Bei der inhaltlichen Vielfalt sowie bei der Unterhaltung zeigte die Inhaltsanalyse ein anderes Bild. Nur etwas mehr als zehn Prozent der Beiträge waren eindeutig inhaltlich vielfältig. Häufiger waren die einzelnen Beiträge stark komplexitätsreduziert und vermittelten nur eine Information oder Perspektive. Beide Kanäle berichten via Facebook eher kurz und aktualitätsgetrieben. Sie konzentrieren sich inhaltlich auf Nachrichten sowie die Sportart Fußball (mehr als drei Viertel (!) aller Beiträge). Hintergründige Berichterstattung war bei beiden Kanälen zwar vorhanden, allerdings in geringem Ausmaß (weniger als 20 Prozent der Inhalte).

Beiträge, bei denen Informationen für die Rezipienten durch unterhaltende Elemente ansprechender und origineller vermittelt wurden, waren bei Sky Sport News HD beinahe nicht messbar. Bei der Sportschau wurde das Kriterium immerhin neunmal eindeutig festgestellt, was allerdings immer noch weniger als einem Zehntel der untersuchten Sportschau-Beiträge entspricht. Interessanterweise korrelierte dieser seltene Befund auffällig häufig mit den ebenso seltenen Fällen nicht objektiver Inhalte. Hier galt oft: entweder unterhaltend oder objektiv. Als Randnotiz ist anzumerken, dass beide Kanäle selten Fremdinhalte nicht-journalistischer Plattformen weiterverbreiten (insgesamt zwölfmal, alle Sportschau).

Mit Witz und Sprachgewandtheit wurde dieser Sportschau-Post unterhaltend aufbereitet.

Mit Witz und Sprachgewandtheit wurde dieser Sportschau-Post unterhaltend aufbereitet.

Inhaltsanalyse ergänzt durch Experteninterviews

Selbstverständlich lässt die Untersuchung zweier Kanäle sowie einer begrenzten Anzahl an Posts noch keine Verallgemeinerung auf die gesamte sportjournalistische Branche in Deutschland zu. Um die Aussagekraft der Studie zu erhöhen, wurden die Ergebnisse der Inhaltsanalyse daher ergänzt durch sechs Experteninterviews mit Gesprächspartnern aus verschiedenen Bereichen der Sportkommunikation. Dabei wurden zwei Wissenschaftler (Thomas Horky, Hochschule Macromedia, und Christoph Grimmer, ehemals Universität Tübingen), ein Sportjournalist (Matthias Hölscher, ZDF Sport), ein Sportblogger (Kai Pahl, allesaussersport.de) und zwei Social-Media-Redakteure von Vereinen oder Verbänden (Felix Loesner, FC Bayern München, und Jens Behler, DOSB) befragt. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie sich intensiv mit der Sportkommunikation in sozialen Netzwerken auseinandergesetzt haben.

Die Experteninterviews bestätigten einige Ergebnisse der Inhaltsanalyse. So gibt es kaum Zweifel daran, dass die Berichterstattung klassischer Sportmedien in sozialen Netzwerken objektiv ist und qualitätsjournalistische Standards erfüllt. Dennoch wird enormes Verbesserungspotenzial insbesondere bei der Vielfalt der Berichterstattung gesehen. Ihr Unterhaltungsfaktor wird dagegen eher als zu stark wahrgenommen; die Ergebnisse aus der Inhaltsanalyse und den Experteninterviews deckten sich hier nicht. Die Experten sahen deshalb auch kaum Bedarf, den Unterhaltungsfaktor in der Sportberichterstattung auszubauen.

Das lässt zum einen den Schluss zu, dass das Ergebnis aus der Inhaltsanalyse beim Kriterium Unterhaltung nicht auf die gesamte sportjournalistische Branche übertragbar ist; es können von Kanal zu Kanal große Unterschiede in der Ausprägung unterhaltender Informationsvermittlung bestehen. Zum anderen könnte dies aber auch bedeuten, dass die Sportberichterstattung in Social Media durch die unterhaltende Wirkung des Sports an sich und/oder das unterhaltende Umfeld des Ausspielkanals Facebook als unterhaltender wahrgenommen wird, als sie es eigentlich ist. Dies bleibt offen.

Fazit

Der Sportjournalismus in Social Media erfüllt seine Pflicht. Er bietet den Rezipienten sachliche Informationen, objektiv und aktuell aufbereitet. Damit unterscheidet er sich von immer stärker frequentierten Kanälen von beispielsweise Vereinen, Verbänden und vergleichbaren Anbietern. Dennoch ist die sportjournalistische Berichterstattung auf Facebook noch zu selten abwechslungsreich, hintergründig und unterhaltsam. Hier besteht Verbesserungspotenzial. Da ein Ende der Relevanz von sozialen Netzwerken wie Facebook nicht absehbar ist, sollten Sportredaktionen dieses Potenzial stärker nutzen. Dann sind soziale Netzwerke für den Sportjournalismus mehr Chance als Herausforderung.

Literatur

Becht, Thomas (2017): Die Herausforderungen des Sportjournalismus im Social-Media-Zeitalter. Masterarbeit. Hochschule Darmstadt.

Göpfert, Winfried (1993): Publizistische Qualität: Ein Kriterien-Katalog. In: Bammé, Arno; Kotzmann, Ernst; Reschenberg, Hasso (Hrsg.): Publizistische Qualität. Probleme und Perspektiven ihrer Bewertung. S. 99-110. Profil, München/Wien.

Leyendecker, Hans (2006): Klebrige Nähe. Anmerkungen zur Korruption im modernen deutschen Sportjournalismus. In: Weinreich, Jens (Hrsg.): Korruption im Sport. S. 228-240. Forum Verlag, Leipzig.

Schlegel, Simone (2007). Ethik im Sportjournalismus? Medien-SportVerlag, Pulheim.

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Thomas_BechtDer Autor Thomas Becht schloss mit der hier beschriebenen Studie sein Masterstudium im Fach Medienentwicklung an der Hochschule Darmstadt ab. Zuvor absolvierte er bereits den Bachelor Online-Journalismus, ebenfalls an der h_da. Während des Studiums arbeitete Becht in der Social-Media-Redaktion von ZDF Sport. Seit September 2017 volontiert er beim Bayerischen Rundfunk. Er twittert unter: @becht_thomas.

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