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„Der nackte König“ – ein Filmessay über Journalisten in der Revolution

Mit seinem Filmessay „Der nackte König“ blickt der Schweizer Journalist und Filmemacher Andreas Hoessli zurück auf zwei folgenreiche Revolutionen des 20. Jahrhunderts: die Islamische Revolution im Iran und den fast zeitgleichen Kampf der Solidarność in Polen. Der Film erkundet, inhaltlich und formal fesselnd, Haltungen und Gedanken von Menschen, die aufbegehren oder die das System verteidigen. Der Film hat seine Online-Premiere am 10.02.

„Alle Bücher über die Revolution beginnen mit einem Kapitel, in dem von der Fäulnis der zerfallenden Macht und vom Leiden des Volkes die Rede ist. Dabei sollten sie eher mit einem Kapitel Psychologie beginnen, das davon handelt, wie ein gepeinigter, furchtsamer Mensch unversehens seine Angst ablegt und Mut fasst. Dieser ungewöhnliche Prozess, der sich manchmal nur über einen Augenblick erstreckt, wie ein Schock, eine Läuterung, müsste bis ins Detail beschrieben werden.“ So Ryszard Kapuscinski in einem Bericht über die Revolution im Iran.

Wie nähert man sich solch einem revolutionären Augenblick im Leben von Menschen? Über Zeitdokumente, Erinnerungen von Zeitzeugen, die eigene Erinnerung? Über einen Besuch der Schauplätze solcher revolutionären Momente?

Der Schweizer Journalist und Dokumentarfilmer Andreas Hoessli hat für seinen Filmessay „Der nackte König – 18 Fragmente der Revolution“ alle diese Möglichkeiten gleichermaßen genutzt. Dafür ist er gereist: zurück in der Zeit, in die eigene Erinnerung und in die Erinnerungen seiner Protagonist*innen, und geografisch, zu den Schauplätzen der Erhebungen, zu Archiven, zu Zeitzeugen, unter anderem nach Warschau und nach Teheran. Entstanden ist keine lineare Dokumentation im TV-üblichen Format, sondern eine kunstvoll verschachtelte, komplexe und intelligente Reflexion über Journalisten in der Revolte.

Der innere Monolog als Taktgeber

Ein Taktgeber des Films ist der innere Monolog des Filmemachers, sein „erzählendes Ich“. Ihm hat der 2019 verstorbene Schweizer Schauspieler Bruno Ganz seine unverwechselbare, ruhige, gänzlich unpathetische Stimme und Diktion geliehen. In diesen Monolog arbeitet Hoessli verschiedenste Materialien ein: historische Filmdokumente der Aufstände im Iran und in Polen, sowohl „offizielle“ Nachrichtenbilder als auch „inoffizielle“ Footage, Interviews von damals und heute und nicht zuletzt auch atmosphärische, teilweise mit Musik unterlegte Impressionen der Schauplätze in der Jetztzeit. Oft sind das ruhige Totalen auf Plätze und Straßen, manchmal Großaufnahmen der Gesichter von Flanierenden, auch Blicke durch Fenster in das Innere von Restaurants und Wohnungen. Sie verleihen dem Off-Kommentar eine emotionale Echokammer.

Von Polen …

Ausgangspunkt des Films ist Hoesslis persönliche Verwicklung in die Ereignisse während des Kampfes der Solidarność für eine freie Gewerkschaft und für gesellschaftliche Mitbestimmung, Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre.

Der damals 28 jährige Schweizer hatte 1978 mit einem Doktorandenstipendium an der Universität Warschau über Machtprozesse und Entscheidungsstrukturen in der Planwirtschaft geforscht. Sein Interesse galt aber auch dem Alltag im real existierenden Sozialismus. So fuhr er zu einer Hochzeit auf dem Land, die aus dem Off beschrieben wird, und er nahm an den Mai-Feierlichkeiten in Warschau teil, wenige Monate vor Beginn der Streiks.

Kurz darauf, während der beginnenden Solidarność-Bewegung, kehrte der Schweizer als akkreditierter Berichterstatter für das Zürcher Tagblatt nach Polen zurück. Wieder reiste er durchs Land, dieses Mal, um Kontakte zur Protestbewegung zu knüpfen – und unter Beobachtung des polnischen Geheimdienstes. Der hatte ihm über die Botschaft in Zürich zwar ein Arbeitsvisum ermöglicht, aber nur, um ihn dann in Polen „bearbeiten“ zu können, ihn zu verfolgen und seine Kontakte abzuschöpfen. Diese Episode schildert Hoessli mit Zitaten aus den damals über ihn angelegten Akten und in Interviews mit zwei ehemaligen Geheimdienstlern. Sie schildern den „Vorgang“ technokratisch, rational, kühl distanziert. Man lernt, wie Zielpersonen taxiert, ausgewählt und abgeschöpft wurden.

In Warschau traf Hoessli damals den Journalisten und Schriftsteller Ryszard Kapuscinski (1932 – 2007). Daraufhin liest er dessen Schriften über Revolutionen, Aufstände und Revolten, Kapuscinskis zentrales Thema. Hoessli war von ihm und seinem Blick auf das Thema (siehe Zitat oben) fasziniert.

… in den Iran …

Kapuscinski selbst reiste 1980 für die polnische Presseagentur nach Teheran, um über den sich zuspitzenden Machtkampf zwischen dem Schah-Regime und der Opposition zu berichten. So folgt ihm Hoesslis Filmessay mitten in die Islamische Revolution. Zwischen die ikonografischen Filmbilder der revolutionären Massen auf den Straßen Teherans, etwa nach der Ankunft Khomeinis, schneidet Hoessli ein Interview mit einer „nachgeborenen“ jungen Iranerin, die ihre kindliche Wahrnehmung der Zeit schildert und ihre Irritationen angesichts der Konventionen der nach-revolutionären Gesellschaft im Iran.

Dann springt der Film erneut in die Jetztzeit und Hoesslis Blick (Kamera Peter Zwierko) streift durchs heutige Teheran. Er beobachtet organisierte Feierlichkeiten zum Jahrestag der Revolution und zum Jahrestag der Besetzung der US-Botschaft, aber auch ganz normale Straßenszenen. Er trifft einen Journalisten, der damals Kapuscinski kennenlernte, einen oppositionellen Schriftsteller, einen ehemaligen Revolutionswächter, aber auch die damalige Botschaftsbesetzerin und jetzige Vizepräsidentin des Iran.

… und zurück

Dann springt „Der nackte König“ wieder nach Polen zurück und in die Zeit der Solidarność, erzählt entscheidende Episoden aus den Streiktagen, wie etwa das Treffen der Streikenden mit den Regierungsvertretern, berichtet von der Hoffnung der Solidarność-Anhänger*innen auf einen friedlichen Ausgang, die dann letztlich durch die Verhängung des Kriegsrechts zerstört wurde.

Mit diesen ständigen Bewegungen zwischen Orten, Zeiten und Personen, entlang dem Monolog des Erzählers, wird das Subjekt in der Revolte eingekreist, seine Empfindungen, Gedanken, Motive werden offenbart.

Der Titel „Der nackte König“ bezieht sich auf das Märchen „Des Kaisers neue Kleider” von Hans Christian Andersen und spielt auf den revolutionären Moment an, in dem das Volk die Herrschenden ihrer Macht entkleidet vor sich stehen sieht.

Fazit

Hoesslis Filmessay fordert ständige Aufmerksamkeit, über die vollen 108 Minuten. Die permanente Bewegung, die nonlineare Erzählweise, die assoziative Montage, die hinter den sachlichen Schilderungen der Ereignisse immer das psychologische Moment (siehe Zitat oben) sucht und findet – das alles macht „Der nackte König“ zu einem anspruchsvollen Stück Film. Belohnt wird man als Zuschauer mit ungewöhnlichen Innensichten, berührenden Momenten und Eindrücken von Menschen in revolutionären Situationen.

Unbedingt empfehlenswert: Der Film gewann den Hauptpreis des DOK.fest München 2020.

Online-Premiere am 10.02. unter http://koenig.wfilm.de.

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Gunter Becker schreibt seit Beginn der 1990er Jahre als freier Autor über elektronische Medien, Internet, Multimedia und Kino. Anfangs für die taz, dann für den Tagesspiegel und im neuen Millennium vorwiegend für Fachmagazine, wie ZOOM und Film & TV Kamera. Für das verdi-Magazin Menschen Machen Medien verfolgt er die Entwicklung nachhaltiger Filmproduktion, die Diversität in den Medien und neue Medienberufe.

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