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Filmkritik zu Bombshell: Die Würde hinter der Maske

Das Drama Bombshell schildert den Sturz des Fox News-Chefs Roger Ailes und ist, was Fox News einst von sich behauptet hatte: fair und ausgewogen.

Im Sommer 2016, knapp ein Jahr, bevor nahezu 100 Frauen dem Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein sexuelle Belästigung und Übergriffe vorgeworfen und damit die #MeToo-Bewegung losgetreten haben, erreichte den US-amerikanischen Nachrichtensender Fox News ein Skandal, über den hierzulande vergleichsweise wenig berichtet wurde. Mehr als 20 Frauen äußerten in einer internen Untersuchung, der 76-jährige Senderchef Roger Ailes habe sie sexuell belästigt. Ailes, der nicht nur maßgeblich am Aufbau des erzkonservativen und populistischen Senders beteiligt war, sondern auch die US-Präsidenten Richard Nixon, Ronald Reagan und George Bush Senior beraten hatte, galt bis dahin als übermächtige Fernsehgröße, die nicht einmal Rupert Murdoch, Besitzer von Fox News, im Zaum halten konnte.

Bombshell heißt der aktuelle Film von Regisseur Jay Roach (Trumbo) und Drehbuchautor Charles Randolph (The Big Short), der die Geschehnisse bis zum Sturz von Roger Ailes aus der Sicht dreier Frauen schildert. Der Titel ist zweideutig und bezeichnet zum einen den Knalleffekt, mit dem der Fox News-Skandal in die amerikanischen Medien trat. Zum anderen steht „Bombshell“ im Englischen umgangssprachlich und abwertend auch für einen sexuell attraktiven Frauentyp (im Deutschen trifft es wohl am ehesten der Begriff „Sexbombe“). Auf ebendiesen wurden die Nachrichtensprecherinnen von Fox News über Jahrzehnte getrimmt und reduziert.

Masken und Uniformen

Und so stechen auch zuallererst Äußerlichkeiten zu Beginn von Bombshell ins Auge: Charlize Theron spielt die Fernsehjournalistin Megyn Kelly, die 2015 mehrere Sendungen moderierte und als beliebte Galionsfigur von Fox News galt. Sie führt uns zunächst über ein Voice-Over an ihre Arbeit heran und präsentiert dann in einem Rundgang den schmucklosen Redaktionsbunker sowie die in luftiger Höhe gelegenen Chefetagen von Fox News. Theron ist dabei kaum wiederzuerkennen, denn ihr Äußeres wurde mithilfe von Prothesen und präzise gesetztem Make-up genau an das des realen Vorbilds Megyn Kelly angepasst. Genauer hinsehen muss man auch bei Nicole Kidman, der für die Verkörperung der Moderatorin Gretchen Carlson eine ebenso realistische Maske, inklusive falschem Kinn und volleren Wangen, verpasst wurde. Der Disclaimer vor Einsetzen des Films weist deshalb vorsichtshalber darauf hin, dass alle im Film auftretenden Personen von Schauspielern verkörpert werden.

Diese beeindruckende Verwandlung war der Oscar-Akademie in diesem Jahr eine Auszeichnung für den Effekt-Make-up-Künstler Kazu Hiro wert. Der Einsatz dieser zeitaufwendigen visuellen Mittel unterstreicht aber auch einen zentralen Befund von Bombshell: Für die weiblichen Mitarbeiterinnen von Fox News ist ein attraktives Äußeres eine unerlässliche Einstellungsbedingung. „Dies ist ein visuelles Medium“, hören wir den stark übergewichtigen Roger Ailes an einigen Stellen sagen.

Gespielt wird Ailes von John Lithgow, der, wie schon in seiner Rolle als Winston Churchill in der Netflix-Serie The Crown, einen enormen Fatsuit tragen muss, um dem echten Ailes zu ähneln. Seine lapidar vorgetragene Erläuterung, Fernsehen sei ein visuelles Medium, hören die Job-Anwärterinnen in seinem Büro, nachdem er sie zu einer Drehung vor ihm auffordert. Es ist wohl auch die Begründung dafür, dass er mitunter in die Aufnahme einer Sendung hineinplatzt und den Kameramann brüllend auffordert, die Beine der Moderatorin zu filmen. Der Blick auf diese ist ohnehin frei – durch Einsatz von Glastischen in den Studios und die hautengen, kurzen Kleider, die alle Fox News-Moderatorinnen (nicht ganz freiwillig) als Uniform tragen.

Doch nicht nur die konstante Konzentration auf ihr Äußeres prägt den Arbeitsalltag von Gretchen Carlson und Megyn Kelly, wie wir ihn in Bombshell erleben. Ihnen wird auch ein unverhohlener, offener Sexismus von ihren Kollegen entgegengeschleudert – und mitunter von Politikern. So macht Kelly 2015 die unschöne Erfahrung, auf der Abschussliste des damaligen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump zu stehen, nachdem sie ihn bei den Vorwahlendebatten nach seinen frauenfeindlichen Äußerungen befragt hatte. In seinen per Twitter übermittelten Retourkutschen bezeichnet er sie als „Bimbo“ (Slang für eine dumme, aber attraktive Frau), wirft ihr menstruale Aggression vor und macht Bemerkungen über ihre Nasenflügel.

„Die umkämpfteste Branche der Welt“

Während sich Kelly ein Jahr lang mit den desaströsen Folgen herumschlägt, die sich daraus ergeben, ihre journalistische Arbeit getan zu haben, sucht Gretchen Carlson Anwälte auf, um ihre Klage wegen sexueller Belästigung vorzubereiten. Zum einen erträgt sie diese täglich als Co-Moderatorin in der Morgenshow Fox & Friends, wie die in Bombshell eingestreuten Rückblenden offenbaren. Diese scheinen absurd, sind aber exakte Nachstellungen des Originalmaterials, das man bis heute auf Videoportalen abrufen kann. Sie zeigen eine Reihe von anzüglichen Bemerkungen und Blicke ihrer beiden Kollegen (getarnt als Komplimente), gegen die sie sich permanent in der Livesendung behaupten muss. Zum anderen hat Carlson auch einschlägige Erfahrung mit den sexuellen Avancen von Roger Ailes gemacht. Auf diese fokussiert sich das Anwaltsteam.

Im Verlauf von Bombshell wagen sich weitere Mitarbeiterinnen von Fox News mit Anschuldigungen vor, wenn auch sehr zaghaft. Vor allem Megyn Kelly sehen wir in vielen Szenen hadern; schließlich, so ihre Überzeugung, hat sie ihre Karriere als Fernsehjournalistin allein Roger Ailes zu verdanken. Bombshell inszeniert diesen inneren Kampf als Zerrissenheit zwischen Loyalität gegenüber Fox News (und damit zwingend Roger Ailes) und Solidarität mit den Kolleginnen, die über Jahre bedrängt, erniedrigt und geschasst wurden, sofern sie auf unmoralische Angebote nicht eingingen.

Ein Sender voller Angst und Schrecken

Zudem richten Regisseur Jay Roach und Drehbuchautor Charles Randolph ihr Augenmerk auf die besondere Arbeitsatmosphäre bei Fox News. Diese ist von äußerstem Druck, Überwachung und der immerwährenden Angst geprägt, den begehrten Job bei einem Fernsehsender zu verlieren.

So bezeichnet Ailes den Fernsehjournalismus als „umkämpfteste Branche der Welt“, als Kayla Pospisil (Margot Robbie), ein Neuling bei Fox News, sein Büro betritt. Pospisil ist ein sogenannter „composite character“, eine Figur, die aus den realen Berichten von in diesem Fall 20 Frauen erschaffen wurde. An ihr wird die Missbrauchsstrategie von Ailes demonstriert. Er fordert von Pospisil äußerste „Loyalität“, um sie als Anchorwoman in Erwägung zu ziehen. Und Loyalität ist aus seiner Sicht mit sexueller Gefälligkeit gleichzusetzen.

Wie der reale Roger Ailes über Jahrzehnte unbeschadet mit diesem Verhalten davonkommen konnte, ist eine berechtigte Frage. Schließlich wies etwa der Ailes-Biograf Gabriel Sherman in seinem Buch The Loudest Voice in the Room bereits 2014 explizit auf die Gerüchte um sexuellen Missbrauch hin. Wie sich dieser seit Gründung von Fox News im Jahr 1996 über Jahrzehnte vollzog, ist aktuell auch in der auf dieser Biografie basierenden TV-Serie The Loudest Voice zu sehen. Aber es ist auch eine Frage, auf die es nicht nur eine Antwort geben kann, wie man beim Betrachten von Bombshell feststellt.

Da wäre das erwähnte Element von Angst und Schrecken, mit dem Fox News nicht nur in seinen Meinungsformaten das große Geschäft macht, sondern das auch den Arbeitsalltag vornehmlich weiblicher Angestellter prägt. Dieses hat wiederum zur Folge, dass sich auch etablierte Fernsehjournalistinnen wie Kelly und Carlson nie untereinander ausgetauscht haben, wie beide Frauen in aktuellen Interviews zum Film versichern. Es scheint, dass der Konkurrenzdruck und das verbreitete Misstrauen im Fernsehsender die Frauen von Fox News in die Isolation manövrierten. Schmerzhaft deutlich wird dies in einer Szene, in der alle drei in Bombshell fokussierten weiblichen Figuren – Kelly, Carlson und Pospisil – gemeinsam den Fahrstuhl auf dem Weg zur Chefetage betreten, vieldeutig vor sich hin starren, mit ähnlichen Gedanken und Erinnerungen beschäftigt sind, aber doch nicht miteinander reden können. Der Mangel an Solidarität ist hier bedingt durch die Absenz dessen, was Solidarität überhaupt erst ermöglicht: Offenheit, Vertrauen und ein Gefühl von Sicherheit.

Streitbare Heldinnen

Wie es dennoch gelingt, Roger Ailes spektakulär von seinem Sockel als unanfechtbarer Fernsehmacher zu stürzen, schildert Bombshell auf ausgewogene Weise, in der die Absurdität vieler Situationen niemals den dramatischen Kern der Handlung überschattet. Es geht um ein ernstes Thema, das auf realen Fällen sexuellen Missbrauchs basiert, daher hätte ein vollends satirischer Ansatz schnell unpassend gewirkt.

Dennoch gab es einige Kritikerstimmen, die sich ebendies von Bombshell gewünscht hätten. Diese kritisieren im gleichen Zug den Filmemacher, er hätte die Fox News-Veteraninnen Megyn Kelly und Gretchen Carlson hinsichtlich ihrer abstrusen politischen Äußerungen in ihrer Senderlaufbahn nicht kritisch genug beleuchtet. Hinter diesen Kritikeransichten steckt die schwer widerlegbare Überzeugung, dass Fox News weniger als Fernsehsender denn vielmehr als republikanische Propagandamaschine zu betrachten ist.

Obwohl die kritische Betrachtung von Fox News völlig angebracht ist, erscheinen diese Vorwürfe gegenüber Bombshell als ein wenig zu harsch. So stellt der Film sehr wohl Originalaufnahmen nach, in denen Gretchen Carlson während der Regierungszeit von Barack Obama ihre Besorgnis darüber äußert, die USA seien auf dem Weg in einen sozialistischen Staat. Und Megyn Kelly stellt zwischendurch klar, dass die Hautfarbe des Weihnachtsmannes ebenso wie die von Jesus eindeutig Weiß ist.

Ja, als Fernsehjournalistinnen haben sich die beiden den rassistischen, homophoben und xenophoben Leitlinien ihres Senders angedient und müssen sich Kritik gefallen lassen. Doch es ist gerade die Stärke dieses Films, das er differenzieren kann und diese Kritik nicht in den Mittelpunkt stellt.

Bombshell zeigt stattdessen auf, dass keinerlei Gesinnung oder Profession vor sexueller Belästigung schützt. Und hinter der aufwendigen Maske, die Nicole Kidman und Charlize Theron so bravourös nutzen, treten Kelly und Carlson als Menschen hervor, mit deren fragwürdiger Haltung man keineswegs übereinstimmen muss, um ihren Kampf um die Unantastbarkeit ihrer Würde zu unterstützen.

 

Bombshell – Das Ende des Schweigens

(Originaltitel: Bombshell)

USA 2019. 110 Min.

Regie: Jay Roach.

Drehbuch: Charles Randolph

Kamera: Barry Ackroyd

Besetzung: Nicole Kidman, Charlize Theron, John Lithgow, Margot Robbie, Allison Janney, Kate McKinnon, Malcolm McDowell

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=Smj9c6gYz-g

 

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Dobrila_KonticDobrila Kontić, M.A., studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften, Englische Philologie und Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin und Journalismus am Deutschen Journalistenkolleg (DJK). Sie betreibt das Onlinemagazin culturshock.de.

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