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Verbraucherjournalismus: Lösungen für Alltagsprobleme

Interview mit "Finanztip"-Chefredakteur Hermann-Josef Tenhagen

Jeder kann und soll von ihrer Arbeit profitieren. Verbraucherjournalisten liefern Informationen, die uns zu besseren Entscheidungen befähigen sollen. Hermann-Josef Tenhagen als Vertreter dieses Genres erzählt, welches Lebensmotto ihn antreibt, wo er seine Verantwortung sieht und warum das Ressort attraktiver ist, als viele denken.

Herr Tenhagen, Sie sind Deutschlands wohl bekanntester Verbraucherjournalist. Was hat Ihnen zu Ihrer Reputation verholfen?

Als Chefredakteur der deutschen Institution „Stiftung Warentest“ bekommt man Autorität geliehen – das hilft. Das war ich seit 1999. Eine wichtige Episode in der Zeit war, dass wir 2002 einen Riester-Test noch mal gedruckt haben, weil die erste Fassung einen Fehler enthielt – der neue Text wurde später online noch 250.000 Mal abgerufen. Dieser Umgang mit einem Fehler war damals noch eine durchaus ungewöhnliche Maßnahme für einen Chefredakteur – aber uns war es bei der Stiftung wichtig, dass wir die Leute mit den richtigen Informationen versorgen. Das hieß: Irrtümer wie dieser werden korrigiert. Und für richtige Ergebnisse kämpft man – notfalls bis vor den Bundesgerichtshof.

In der Finanzkrise 2008 bis 2010 habe ich dann regelmäßig in Talkshows erklärt, wie der Finanzmarkt funktioniert und welche Auswirkungen das auf den Einzelnen hat, was da hinter den Kulissen passiert. Die Banker haben damals gekniffen. Das alles zusammen hat dazu geführt, dass ich zu einer relativ öffentlichen Person wurde.

Mit 50 Jahren haben Sie den Chefredakteurs-Posten von „Stiftung Warentest“ niedergelegt und das Online-Start-up finanztip.de aufgezogen …

Viele hat interessiert – manche auch irritiert –, dass ich mit 50 noch mal neue Wege gehe und nicht der Rente entgegenschaukele. Ich habe damals mit meinem Papa auf dessen Bauernhof am Niederrhein zusammengesessen und ihm auf die Frage „Warum willst du das tun?“ geantwortet: „Du hättest doch auch nicht mit 50 gesagt, jetzt melke ich jedes Jahr eine Kuh weniger.“

Ich habe den Anspruch, dass die Arbeit, die ich mache, Wumms hat. Ich möchte, dass die Menschen dadurch ein bisschen mehr finanzielle Freiheit haben und schöne Weihnachtsgeschenke kaufen können, obwohl ihr Auto gerade in der Werkstatt ist. Und zwar möglichst viele Menschen. Die erreicht man heute am besten im Netz.

Was war generell Ihre Antriebsfeder, verbraucherorientiert zu arbeiten?

Ich bin im katholischen Milieu aufgewachsen und geprägt worden. Besser als Fische zu verschenken ist, den Menschen das Angeln beizubringen. Oder heute in Englisch: „Make the world a better place“ – dieses Ziel ist etwas, was mich schon als Politologe und dann als Redakteur bei der taz angetrieben hat. Aktuell geht das am besten im Netz. Über das „wie“ denke ich eigentlich ständig nach.

Bei Finanztip starten wir damit, uns mit der finanziellen Ausstattung eines normalen Haushalts zu beschäftigen. Als Verbraucherjournalist möchte ich, dass den Verbrauchern dieselbe Qualität an Informationen zur Verfügung steht wie den Firmen. Die Unternehmen sind ansonsten klar im Vorteil. Denn der Verbraucher beschäftigt sich bei jedem Kauf eben nur ausnahmsweise mit dem, was für den Anbieter des Produkts Alltag ist. Gute Anbieter stehen für Transparenz, nicht so gute Anbieter arbeiten mit viel Energie an der Intransparenz, die Vergleiche unmöglich machen soll.

Service für den Mediennutzer in allen Bereichen des Alltags ist das Metier des Verbraucherjournalisten. Was leistet guter Verbraucherjournalismus?

Verbraucherjournalismus bedeutet, in den Redaktionen die Perspektive der Verbraucher einzunehmen. Zu überlegen: Welche Fragen könnten sich die Leser zu dem jeweiligen Thema stellen?

Im Bereich Produktvergleich, in dem ich ja auch mal tätig war, gilt es, Vergleichbarkeit herzustellen, wo Intransparenz behauptet wird. Ist das ein gutes Produkt, eine gute Dienstleistung oder nicht? Ist der Preis dafür angemessen oder nicht? Ganz allgemein möchten Verbraucherjournalisten den Kunden Informationen liefern, die sie in die Lage versetzen, Angebote zu verstehen und bessere Entscheidungen für ihr Leben zu treffen. Unsere Arbeit soll also handlungsrelevant sein.

Die Qualität eines Beitrages bemisst der Leser am Nutzwert, den er ihm bietet. Wo sehen Sie Ihre Verantwortung?

Da ich möglichst vielen Menschen helfen will, muss ich mich erstens immer fragen: Können die Leserinnen und Leser das verstehen, etwas damit machen? Man kann bei jeder Analyse natürlich immer noch weiter in die Details hineingehen, aber je komplexer meine Darstellung wird, desto weniger Leute können meine Inhalte in ihre Entscheidung einbeziehen. Man muss es – und das ist ein Kern unserer journalistischen Aufgabe – so runterbrechen, dass alle etwas davon haben. Sonst kapitulieren Kunden und schließen irgendeinen Mist ab.

Was zweitens sehr wichtig ist: sich als Verbraucherjournalist sehr, sehr intensiv mit den Themen zu beschäftigen und die Entscheidungsmöglichkeiten wirklich ausgeleuchtet zu haben. Den Leserinnen und Lesern gute Empfehlungen zu geben, das ist für uns noch viel alltagsrelevanter als in anderen Bereichen. Denn wenn man Schrott schreibt oder empfiehlt, führt das im Zweifelsfall dazu, dass die Leser 1.000 oder auch 5.000 Euro verlieren.

Wie kann ich mir Ihren Alltag als Chefredakteur von Finanztip vorstellen?

Ich bin zum einen Teil Außenminister: Ich stehe in Fernseh- und Radiostudios und gebe Interviews.

Zum anderen Teil bin ich im ständigen Austausch mit meinen Kollegen und arbeite mit ihnen daran: Stimmt unsere Prioritätenliste? Können die Leute das kapieren, was wir schreiben? Wenn sie uns nicht verstehen können, dann haben wir unseren Job nicht gemacht. Das kann man messen, das macht es heute im Internet-Zeitalter einfacher. Früher bekam man nur durch Leserbriefe ein Feedback oder nach dem Kirchgang. Aber das war sporadische Evidenz.

In Deutschland erscheinen immer mehr Zeitschriften für Verbraucher. Auch in Zeitungen und Online-Portalen hat Verbraucherjournalismus seit Jahren Hochkonjunktur. Die Chancen für Nachwuchsjournalisten, in Ihrem Ressort eine berufliche Heimat zu finden, stehen also gut?

Definitiv. Das Problem Nachwuchs im Verbraucherjournalismus ist eher ein ideologisches, wenn man dafür mal so ein pathetisches Wort verwenden will: Wenn man 25 ist, möchte man vielleicht die Welt verbessern, und beschäftigt sich normalerweise eher mit den großen Themen. Und da wirkt die Beschäftigung mit dem preiswertesten Handytarif doch kleinteiliger als das Nachdenken über den arabischen Frühling. Aber im Grunde genommen sind wir im Verbraucherjournalismus an den großen Fragen dran. An den Fragen von Freiheit des Einzelnen und von Gerechtigkeit. Denn zum Verbraucherjournalismus gehören auch Themen wie der VW-Skandal, mit dem Betrug der Konzerne, den Dieselfahrverboten und den Fragen: „Warum darf es die blaue Plakette nicht geben?“ „Was steckt da eigentlich dahinter?“

Und so kleinteilig ist die Frage mit den Handytarifen auch gar nicht. Unsere Leser können ihren Eltern und Geschwistern erklären: „So optimierst Du Deinen Handytarif.“ Wenn eine vierköpfige Familie dann viermal 20 Euro, also 80 Euro im Monat spart, ist das ein Tausender im Jahr – und damit der Urlaub auf den Kanaren, der ansonsten nicht drin ist. Oder sagen wir, eine Autoversicherung kostet zwischen 300 und 900 Euro im Jahr – für den gleichen Schutz! 600 Euro, die man in den Schornstein schreibt, statt gescheite Schulbücher zu kaufen. Man muss sich dabei bewusst machen: Wenn ein Haushalt für eine Versicherung zu viel bezahlt, kann er deshalb vielleicht eine andere, die dringend nötig wäre, nicht abschließen.

Was raten Sie jungen Kollegen?

Hört zu, was die Leute brauchen, was von ihnen als Problem empfunden wird. Und nehmt das als Ausgangspunkt für die eigene Arbeit. Seid neugierig auf Leute. Menschen muss man mögen – ein Misanthrop zu sein ist keine gute Voraussetzung für Journalismus.

Welche Eigenschaften braucht man idealerweise als Verbraucherjournalist?

Hartnäckig sein und fleißig, um Informationen zusammenzutragen. Man darf nicht ängstlich sein, muss Steherqualitäten haben. Mit seiner Arbeit rüttelt man immer auch an Machtstrukturen. Wenn man sich bei einem Shitstorm im Netz oder einem unfreundlichen Anwaltsbrief sofort in die Hosen macht, ist das keine günstige Voraussetzung.

Es ist außerdem vorteilhaft, Sprache zu mögen und mit Zahlen umgehen zu können. Ich schau bei Bewerbungen ganz junger Journalisten immer noch nach den Abiturnoten für Deutsch und Mathematik.

Wie angesehen ist der Verbraucherjournalismus innerhalb der Medienbranche?

Früher war es eher schwierig, in diesem Segment journalistisch unterwegs zu sein. Es war gerne gesehen, sich mit den großen Problemen und Fragen dieser Welt zu befassen, aber es war nicht en vogue, Lösungen im Fokus zu haben.

Aber die Menschen wollen Lösungen für ihre Probleme; Lösungen, die ihnen weiterhelfen. In der ARD laufen Wirtschafts- und Verbrauchersendungen mit nützlichen Tipps heute um 20:15 Uhr. Und damit ist Verbraucherjournalismus da angekommen, wo er hingehört: in der Hauptsendezeit!

Ihre Zielgruppe sind …?

… alle! Jeder Haushalt in Deutschland braucht uns Verbraucherjournalisten. Wir wollen jedem die Möglichkeit geben, Infos zu bekommen – zugeschnitten auf die jeweiligen Bedürfnisse des einzelnen. Das geht bei unserer Website von „Wo finde ich den günstigsten Kredit für das neue Auto?“ über „Wie komme ich an zusätzliche Rente?“ bis hin zu „Wann stehen mir Leistungen vom Sozialamt zu?“

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten für Ihr Ressort …?

… dann wünschte ich mir noch mehr Leser, viel mehr User! Diesem Ziel können wir noch einige Jahre und vielleicht Jahrzehnte hinterherjagen.

Was glauben Sie: Liegt die Zukunft dabei im Online-Journalismus? 

Online-Journalismus ist an vielen Stellen eine riesige Hilfe. Was künftig der richtige Weg sein wird, um die Informationen, die wir erarbeiten, mundgerecht zu servieren, wissen wir noch nicht. Natürlich kann es sein, dass das mithilfe von viel mehr Bewegtbild und Video passieren wird. Aber vielleicht tragen wir demnächst auch tatsächlich eine  smarte Brille, in der Informationen angezeigt werden. Oder wir haben alle einen Avatar, der sich wie ein Butler darum kümmert, dass nur gute Produkte gekauft werden.

Ich weiß nicht, wo genau die Zukunft liegt. Ich weiß nur, dass wir im Moment im Netz viele Leute sehr kostengünstig erreichen können. Online ist – Stand heute – das Mittel der Wahl!

Herr Tenhagen, vielen Dank für das Gespräch.

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Foto: Finanztip

Hermann-Josef Tenhagen, geboren am 22.01.1963 in Wesel, studierte Politikwissenschaft, Volkswirtschaft, Literaturwissenschaft und Pädagogik in Bonn. Nach Stationen als Freier bei der „Rheinischen Post“ und „Associated Press“ arbeitete er zwischen 1991 und 1998 bei der tageszeitung (taz) in Berlin, zuletzt als stellvertretender Chefredakteur. 15 Jahre lang war er Chefredakteur der Zeitschrift „Finanztest“, eines Monatsmagazins der Stiftung Warentest. Seit 2014 ist Tenhagen Chefredakteur und Geschäftsführer des gemeinnützigen Verbraucher-Ratgebers „Finanztip“, der mit einem wöchentlichen Newsletter über aktuelle Verbraucherthemen informiert. 2017 veröffentlichte er das „Finanztip-Buch: Wie Sie mit wenig Aufwand viel Geld sparen“ (Econ). Für „Spiegel Online“ schreibt er eine regelmäßige Kolumne.

 

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