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Amelie Fried über das Schreiben: „Richtig reich wird man als Autor nur mit millionenfach verkauften Bestsellern“, Teil 2

Wie organisiere ich mich beim Schreiben? Wie löse ich eine Schreibblockade auf? Und: Wie veröffentliche ich nach getaner Arbeit das Buch? All diese Fragen beantwortet Amelie Fried (aktuelles Buch „Die Spur des Schweigens“) im Interview mit dem Fachjournalist. Die Journalistin und Bestseller-Autorin gibt mit ihrem Mann Peter Probst, einem Drehbuchautor, Schreibseminare.

Wie sieht Ihr Schreiballtag aus?

Relativ unspektakulär. Man stellt sich das Buchschreiben ja manchmal so glamourös vor: Der Autor sitzt mit einem Glas Rotwein unter einem Olivenbaum in der Toskana, lässt seinen Blick über die Landschaft schweifen und wartet, bis die Muse ihn küsst und ihm das Buch in die Feder diktiert. In Wirklichkeit ist es jedoch eine Mischung aus Inspiration und Sitzfleisch. Man muss gute Ideen haben, die gut strukturieren, den Roman vorher konzipieren – und dann braucht man Disziplin und Ausdauer.

Ich sitze morgens am Schreibtisch wie andere auch, nur dass mein Büro eben bei mir zu Hause ist. Zwischendurch mache ich mal Pause, gehe an die Luft oder trinke einen Kaffee. In Zeiten, in denen ich schreibe, versuche ich, mehrere Wochen am Stück möglichst wenige Termine wahrzunehmen, damit ich nicht immer wieder herausgerissen werde.

Meine Strategie beim Schreiben: einen Schritt vor und zwei zurück. Ich arbeite prinzipiell chronologisch. Aber innerhalb des Textes springe ich auch immer wieder zurück und überarbeite. Manchmal habe ich während des Schreibens so viele neue Ideen, dass ich vorne nochmals etwas ergänzen oder verändern muss, damit das Ende funktioniert. Ich überarbeite schon während des Schreibens sehr viel – im Gegensatz beispielsweise zu Juli Zeh, die, ohne einen Blick zurückzuwerfen, durchschreibt.

Ich höre viele Podcasts von schreibenden Kollegen, weil ich die unterschiedlichen Arbeitsweisen total spannend finde.

Welche Podcasts haben Sie sich angehört?

Ich habe zum Beispiel den ZEIT-Podcast „Alles gesagt“ mit Juli Zeh gehört, außerdem „Hotel Matze“ mit Ferdinand von Schirach und einen anderen mit Martin Suter.

Überlegen Sie sich vorher, wie viele Zeichen Sie am Tag schaffen wollen bzw. müssen?

Ich habe einen Richtwert für gute Tage, der liegt bei fünf Manuskriptseiten. Aber den über- und unterschreite ich immer wieder. Wenn ich einmal mehr schaffe, ist es ein Rekordtag, aber meist schreibe ich nur drei, vier Seiten und überarbeite zehn.

Natürlich weiß ich, dass ich zu einem bestimmten Zeitpunkt im Jahr jeweils mit dem neuen Roman anfangen sollte. Bei meinem letzten Buch habe ich mich verrannt, da hatte ich das Problem, dass ich eine sehr komplexe Handlung mit vielen Figuren aus verschiedenen Perspektiven erzählt habe. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich eine richtige Schreibblockade und bin unter sehr großen Zeitdruck geraten.

Das fand ich nicht angenehm, so in Stress zu kommen. Ich finde es wichtig, Ruhe für die Überarbeitung zu haben. Zum Glück weiß ich, dass der Verlag großzügig ist und dass da immer noch ein Puffer ist, aber ich habe meine Abgabetermine grundsätzlich noch immer eingehalten.

Wie löst man denn eine Schreibblockade auf?

Zum Beispiel, indem man darüber schreibt! Also genau in sich hineinfühlt, was da los ist – und das zu Papier bringt. Oft hilft das schon, den Bann zu brechen.

Manchmal hat die Blockade auch damit zu tun, dass dem Textgebäude noch Baumaterial fehlt. Dann sollte man nachrecherchieren, neuen Stoff und frische Ideen sammeln, danach geht’s meistens weiter.

Und wenn gar nichts geht: Pause machen, etwas anderes tun, sich gedanklich hie und da an den Text annähern und wenn’s wieder funkt, dann weiter probieren.

Sie bieten bei Ihren Schreibseminaren Yoga an. Was kann dabei helfen, in den schreiberischen Fluss zu kommen?

Yoga ist nur ein Angebot bei unseren Kursen, kein Muss. Aber die meisten Teilnehmenden nutzen es und sind begeistert.

Beim Yoga geht es um Konzentration, das Ausblenden von Störungen, um einen „open mind“ und um den „flow“ – sehr ähnlich wie beim Schreiben. Grundsätzlich ist es so, dass körperliche Bewegung die sitzende Tätigkeit des Schreibens ideal ergänzt.

Wie „asozial“ ist der Beruf des Autors?

Inzwischen habe ich mehr als 20 Bücher geschrieben und eine gewisse Übung. Ich bin nicht mehr ganz so hysterisch wie am Anfang, als ich ausgeflippt bin, wenn ich gestört wurde. Jetzt kann ich sagen: Es nervt zwar, aber ich kann mich um etwas anderes kümmern und dann wieder in den Text zurückfinden.

Es ist einfach befriedigender, wenn man mal ein paar Stunden oder auch ein paar Tage am Stück – am besten ein paar Wochen am Stück – nicht allzu viel anderes regeln muss. Klar läuft mein Alltag weiter mit einkaufen, kochen, Mails beantworten, telefonieren … Man kann nicht alles ausblenden: Besuch, Unternehmungen, Erledigungen …

Der Satz „Ich kann nicht, ich muss arbeiten“ hat sich durch das Zusammenleben mit meinem Mann gezogen, der manchmal an drei, vier Drehbüchern gleichzeitig arbeitet. Diesen Reflex kenne ich auch. Da muss man tatsächlich aufpassen, dass man nicht auf eine Art asozial wird. Dafür ist gute Organisation wichtig und – auch mal den Griffel fallenlassen zu können: „Jetzt ist Feierabend, auch wenn ich vielleicht noch eine Seite schreiben könnte.“

Das finde ich schon wichtig. Das Leben muss ja weiter stattfinden – zumal ich auch etwas erleben muss, um überhaupt etwas erzählen zu können.

Wie kommt man als Neuling an einen Buchvertrag?

Was nicht funktioniert: eine Buchidee oder ein Manuskript einfach an einen Verlag zu schicken. Die Verlage bekommen jeden Tag Hunderte unverlangte Einsendungen. In der Regel erhält man entweder gar keine Antwort oder ein Schreiben mit der höflichen Ausrede: „Tut uns leid, das ist ja sehr schön, aber das passt bei uns nicht ins Programm.“

Die Chance, auf diesem Wege an einen Buchvertrag zu kommen, ist wirklich extrem gering – was gar nicht immer etwas mit der Qualität zu tun haben muss. Wenn man sich vorstellt, dass eine ganze Reihe deutscher Verlage „Harry Potter“ abgelehnt hat, kommt es offensichtlich auch vor, dass das Potenzial eines Buches von den Lektoren nicht erkannt wird.

Realistisch gesehen hat man zwei Möglichkeiten:

  1. Man sucht sich einen Literaturagenten. Es empfiehlt sich für Anfänger, die erste Fassung ihres Manuskripts oder zumindest eine größere Arbeitsprobe plus ein Treatment an die Agentur zu schicken. Denn irgendwelche Absichtserklärungen, was man jetzt gerne schreiben würde oder könnte, nützen gar nichts. Die Agenturen sind bei der Beurteilung gnadenlos, sagen einem sehr klar: Taugt das was oder nicht? Wenn ja, setzen sie alles daran, einen Verlag dafür zu finden, denn davon leben sie ja. Ihr Geschäftsmodell ist, Manuskripte zu verkaufen. Zeigt ein Verlag Interesse an der Veröffentlichung, zahlt man 15 bis 20 Prozent Provision an die Agentur. Das scheint viel, aber wenn die Alternative wäre, nie einen Buchvertrag zu erhalten, ist das immer noch der bessere Weg. Der Literaturagent führt dann auch die Honorarverhandlungen mit dem Verlag. Agenturen und Verlage haben da ihre Standards und in der Regel kann man nicht allzu viel davon abweichen. Als bekannter Autor kann man vielleicht mal ein Prozent mehr Beteiligung am Buchverkauf herausschlagen, ab 20.000 verkauften Exemplaren, oder ein Mitspracherecht an der Cover-Gestaltung erwirken. Oder die Filmrechte behalten. Aber dafür muss man sich erst einmal einen Namen gemacht haben.
  2. Seit einigen Jahren gibt es den zunehmend größer werdenden Markt des Selfpublishing. Am Anfang hatte das den Beigeschmack: Das machen die, die keinen Verlag gefunden haben. Das hat sich aber geändert. Das ist eine eigene, große, sehr selbstbewusste Community von Leuten, die wissen: Mit den E-Books verdiene ich zwar nur kleinere Beträge, aber ich erreiche auch auf diesem Wege relativ viele Leser. Und manchmal werden Bücher, die im Selfpublishing-Bereich erfolgreich sind – wie „Fifty Shades of Grey“ –, von traditionellen Verlagen aufgekauft. In Ausnahmefällen gibt es auch diesen Weg, den Sprung zur Veröffentlichung in der analogen Verlagswelt zu schaffen.

Wird man vom Schreiben reich?

Für einen sehr großen Prozentsatz der Autoren ist Schreiben Liebhaberei. Viele haben entweder noch einen Brotberuf, halten viele Lesungen oder schreiben noch journalistisch. Wann ein Buch erfolgreich ist, hängt – je nachdem, welches Genre man bedient – davon ab, wie viele Exemplare man verkauft.

In Deutschland wird nach wie vor sehr stark unterschieden zwischen „wertvoller“ Literatur und Unterhaltungsliteratur oder Krimis, die sich viel verkaufen, aber nicht im Feuilleton besprochen werden. Für ein literarisches Buch ist es ein Erfolg, wenn es tolle Besprechungen im Feuilleton der großen Tageszeitungen oder in Fachpublikationen bekommt, wenn der Autor Preise oder Stipendien erhält. Dann wird es in der Regel auch kommerziell erfolgreich. Unterhaltungsliteratur im weitesten Sinne wird in der Tat an Verkaufszahlen gemessen. Ich habe mal gehört, wenn man früher eine Million Exemplare verkauft hat, ist man heute froh, wenn es 200.000 sind. In den letzten 20 Jahren gab es einen stetigen Rückgang der Buchverkäufe insgesamt, aber es gibt Ausreißer, die es zum Teil wieder ausgleichen. Einzelne extrem erfolgreiche Titel können ein ganzes Verlagsprogramm auffangen.

Richtig reich wird man als Autor nur mit Bestsellern, die millionenfach verkauft und möglichst noch verfilmt werden. Andere Schriftsteller sind da sicher um einiges erfolgreicher als ich – aber immerhin gehöre ich zu denen, die mit jedem Buch zumindest mal auf die Bestsellerliste kommen und vom Schreiben leben können.

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Fotocredit: Annette Hornischer, Random House

Amelie Fried wurde 1958 in Ulm als Tochter eines Verlegers und einer Buchhändlerin geboren. Sie studierte u. a. Publizistik und Theaterwissenschaften, besuchte später die Hochschule für Fernsehen und Film München. Sie moderierte Sendungen wie „Live aus der alten Oper“, „stern TV“ und „3 nach 9“. Für ihre Fernseharbeit erhielt sie den Grimme-Preis und den Bambi. Alle ihre Bücher wurden Bestseller, viele wurden bereits verfilmt. Ihr Kinderbuch „Hat Opa einen Anzug an?“ wurde mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Ihr aktueller Roman „Die Spur des Schweigens“ (Heyne) handelt von einer Journalistin, die sich mühsam als freie Schreiberin durchschlägt und einen Hinweis auf mögliche sexuelle Übergriffe in einem renommierten Forschungsinstitut bekommt. Mit ihrem Mann, dem Drehbuchautor Peter Probst, verfasste Amelie Fried den Sachbuch-Bestseller „Verliebt, verlobt, verrückt? – Warum alles gegen die Ehe spricht und noch mehr dafür“. Das Paar hat zwei Kinder und lebt in München. Gemeinsam mit ihrem Mann gibt Amelie Fried Schreibseminare. https://www.ameliefried.de/

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