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Der Fachkommentar – Überzeugen mit Methode

Kommentare in Fachmedien unterscheiden sich von Kommentaren in Publikumsmedien weder im Aufbau noch im Stil, sondern in Bezug auf das Publikum, das sie erreichen sollen: Die Leser haben mehr spezifisches Wissen, als man bei einem Breitband-Publikum voraussetzen darf, und sie sind stärker betroffen von der jeweiligen Thematik, weil sie ihre Aufmerksamkeit von vornherein darauf gerichtet haben. Kommentare in Fachmedien scheitern genau deswegen.

Wer kommentiert, sagt am besten gleich zu Beginn, was er kommentiert und warum. Die Leser haben ja nicht ewig Zeit. Am Anfang des Kommentars stehen deshalb Problem und These. Der Aufriss des Problems – hier: die Definition der Zielgruppe – sollte unstrittig sein. Sonst wird die These, also die aufgestellte Behauptung, als irrelevant aussortiert, der Text nicht gelesen.

Sind Problem und These stimmig und von Interesse, ist der nächste Schritt, die These zu belegen. Die Leser sollen das, was strittig ist, annehmen und aus der neu gewonnenen Überzeugung heraus (um-)denken oder handeln. Herzstück eines Kommentars ist daher die Argumentation: Meinen allein nützt wenig – Kommentieren begründet Meinung.

Die Argumentation beansprucht günstigstenfalls drei Viertel der gesamten Textmenge und mündet in eine Konklusion. Der Schluss umfasst idealtypisch etwa 15 Prozent des Gesamttextes, also etwa so viel wie der Anfang mit Ausgangsproblematik und These.

Das Herzstück: die Argumentation

Zunächst zur Argumentation. Unsere These, dass Kommentare in Fachtexten häufig scheitern, lässt sich nicht beweisen – das „Scheitern“ eines Textes ist ja kein Vorgang als unbestreitbare Tatsache (im Sinne von: Das Schiff ist gesunken), sondern eine Einschätzung, die sich auf die Qualität eines Textes bezieht.

Die These lässt sich aber immerhin plausibilisieren. Damit das gelingt, müssen Gründe genannt werden, die Argumente. Also: Fachkommentare scheitern vor allem, weil Kommentatoren in Fachmedien tendenziell zwei Fehler begehen:

a) Während die Kollegen von Breitbandmedien wie Boulevardblättern oder People-Magazinen häufig oberflächlich bleiben und im Nebel ihres Nichtwissens und mangelhafter Recherche stochern, neigen Fachautoren dazu, ihr Wissen übermäßig zu betonen und/oder vorauszusetzen. Sie schreiben Fachchinesisch.

b) Wo Autoren von Breitbandmedien im Zweifel lieber zu hart auftreten als zu weich, um Emotionen zu schüren und damit Energie für das Lesen freizusetzen, neigen Autoren in Fachmedien dazu, die eigene Leserschaft (und die Anzeigenabteilung) zu hofieren. Sie meiden komplexe Thesen oder solche, die die eigenen Einstellungen auf die Probe stellen. Sie schreiben mutlos analytisch und/oder verwechseln Kommentar und Bericht.

Verfahren des Argumentierens

Aber reicht das Nennen von Gründen schon aus, um die Leserschaft zu überzeugen? So viel scheint sicher: Die Argumente müssen ihrerseits begründet werden. Folgende objektivierende Verfahren des Argumentierens bieten sich an:

• Deduktion – die Ableitung aus einer anerkannten Regel;
• empirischer Beweis – Leserforschung (Reader Scan, Blickaufzeichnungsstudien);
• Eminenzbeweis – das Zurückführen des eigenen Arguments auf die Aussage einer (anerkannten) Autorität (Nobelpreisträger, Professoren, Richter etc.);
• Vergleich – das Ungewisse durch das Gewisse annehmbar machen, wie es der Lateiner Quintilian nannte;
• Beispiel – durch Veranschaulichung vorstellbar und damit annehmbar machen;
• Induktion – das Ausgehen vom Einzelfall;
• Anekdote – das eigene Erleben thematisieren.

Bei den ersten fünf Verfahren wird objektiviert. Dies ist in Kommentaren der übliche Weg, um zu überzeugen. Deshalb wird auch in der Regel nicht in der Ichform geschrieben, man spricht Leser nicht direkt an. Er soll sich ganz auf die Sache konzentrieren und die Logik nachvollziehen können. Dazu dienen in erster Linie Konjunktionen wie „denn“, „weil“, „deshalb“, „dennoch“.
Der letzte der sechs Punkte subjektiviert. Dies ist das Mittel der Wahl in den kommentierenden Genres Kolumne, Blog, Newsletter, Editorial, Essay. Die Überzeugungskraft muss das nicht mindern. Hauptsache, die Verknüpfung der Ebene des Persönlichen mit der des zu Zeigenden ist nachvollziehbar.

Zum Beispiel …

Wir setzen im Folgenden auf die Kraft des Beispiels, um die beiden oben (unter a und b) genannten Fehler zu veranschaulichen.

Ein Beispiel für Beobachtung a: Ein Professor der Medizin leitet einen Kommentar für den Berufsverband Deutscher Anästhesisten so ein:

„Bekanntermaßen wirken rasch ansteigende Kaliumspiegel kardioplegisch, weshalb eine Bolusgabe obsolet ist. Von den Herstellern wird eine maximale Infusionsgeschwindigkeit von 20 mmol/h über einen zentralvenösen Zugang angegeben.“

Das ist Fachchinesisch. „Bekanntermaßen“ ist das Signalwort, das diesen Fachjargon von Beginn an legitimiert. Anders gesagt: Der Text ist extrem voraussetzungsreich geschrieben. Unser Argument ist nun also durch ein Beispiel und den Schluss daraus belegt.

Auch unser Argument zu Beobachtung b ist ein Beispiel: Die Autorin eines Blattes für Kfz-Händler schreibt in ihrem Fachkommentar zum Dieselskandal:

„Kein Verständnis kann man aber dafür haben, dass auch die verkaufenden Händler von diesen Käufern und ihren Anwälten verklagt werden. Schließlich ist allgemein bekannt, dass die Händler, die diese Diesel-Pkws verkauft haben, genauso ahnungslos gewesen sind wie die Käufer. Jedenfalls bis zu jenen Septembertagen im Jahr 2015, als die ersten Berichte über die Manipulationen der Hersteller aufgetaucht sind.“

Das wirkt selbstgefällig und vereinnahmend. Wieso sollte „man“ kein Verständnis dafür haben, dass …? „Weil“, so erfährt man im nächsten Satz, „allgemein“ bekannt sei, „dass …“. Die Voraussetzung für die Generalisierung („man“) wird nicht näher ausgeführt, und das „Jedenfalls“ im nächsten Satz bringt das wackelige gedankliche Konstrukt zusätzlich ins Wanken. Zudem werden am Ende des Textes ausführlich Urteile von Oberverwaltungsgerichten geschildert, die den Händlern recht gaben – in berichtender statt in kommentierender Weise.

Wer sich seiner Sache zu sicher ist, läuft Gefahr, das Problem nur darzustellen, die Nachricht zu paraphrasieren. Der Zweck der Textgattung Kommentar verliert sich auf diese Weise im Ungefähren, der Begriff „Fachkommentar“ wird zum Etikettenschwindel. Texte unter dieser Rubrik würden die Leser künftig meiden.

Überzeugend argumentieren

Wirken die beiden Beispiele und ihre jeweiligen Begründungen nun schon überzeugend?

Zu Beispiel a: Die Voraussetzungen für das Urteil „Fachchinesisch“ muss nicht jeder anerkennen. Der Autor könnte einwenden: Na und? Genau das wollen die Leser, da sie vom Fach sind. Darauf ließe sich erwidern: Es mag diese Leser geben, vielleicht sind sie sogar in der Mehrheit. Aber der Nachwuchs wird durch Jargon ausgeschlossen. Ebenso Menschen, die sich für die Thematik interessieren, ohne sie vertieft studiert zu haben, oder Entscheidungsträger, etwa Politiker. Und um die sollte es einem allemal gehen, wenn man überleben will.

Zu Beispiel b: Die stillschweigende Voraussetzung dafür, dass das Argument (mutlos) zieht, lautet: Kommentare werden gelesen, weil das klare Einordnen oder Bewerten einer Sache oder eines Menschen bei der Orientierung hilft. Was nützt es, wenn die Nadel des Kompasses sich mit demjenigen dreht, der ihn hält? Dann wandert das Fachpublikum gedanklich immer weiter auf ausgetretenen Wegen. Doch auch die Stichhaltigkeit dieser Voraussetzung muss man nicht anerkennen. Ein durchaus möglicher Einwand lautet: Es kann auch ein Zweck des Kommentierens sein, sich selbst und die Richtigkeit des eigenen Anliegens zu bestätigen. Und vielleicht Gründe kennenzulernen, die einem helfen, es selbst besser vertreten zu können.

Eine Argumentation, sei sie noch so schlüssig, wird also immer selbst zum Gegenstand der Kritik. Das bringt die Pluralität der Standpunkte und Perspektiven in einer offenen Gesellschaft so mit sich. Man sollte sich als Autor eines Kommentars also vorstellen, einen Dialog mit dem imaginären idealen Gegner der These zu führen – statt eines Monologs, bei dem es nur auf Logik und Schlüssigkeit der eigenen Argumente ankommt. Wie bei einem Schachspiel müssen die einzelnen Züge (Taktik) auf die Gesamtstrategie (wen will ich von was überzeugen?) abgestimmt sein – aber eben auch auf die möglichen Antworten des Gegners der These.

Es geht beim Argumentieren also letztlich um die Voraussetzungen der Argumente. Die beiden Seiten sollten sie teilen. Einen Abtreibungsgegner, der sich auf ein Gebot Gottes beruft, wird eine Feministin nie und nimmer mit dem aufklärerischen Argument der Selbstbestimmung über den eigenen Körper überzeugen können. Sollte sich jedoch in der Bibel eine Stelle finden, die den Abbruch einer Schwangerschaft rechtfertigen könnte, wäre das der Schlüssel. Auch für einen Atheisten kann es interessant sein, die Bibel zu kennen.

Wenn der Gegner den Geltungsbereich, in dem das Argument nur gültig sein kann, ignoriert, leugnet, gar bekämpft, kommt man mit keinem noch so schlüssigen Argument durch. Vielleicht will der Medizinprofessor ja gar keinen Nachwuchs gewinnen. Oder er geht davon aus, dass der sich halt anzupassen hat, denkt also im Grunde autoritär. Die Argumentation, die sich aus einem Weltbild der flachen Hierarchien oder radikaler Gleichheit speist, wird dann keinesfalls verfangen.

Das Fazit

Am Ende steht das Fazit, in diesem Fall eine Lehre, ein Appell in Bezug auf das Schreiben von Kommentaren:

  • Machen Sie den Ausgangspunkt ihres Kommentars klar! Je einleuchtender ist, worin überhaupt das Problem besteht, desto eher wird er gelesen.
  • Bringen Sie frühzeitig Ihre These und achten sie darauf, dass auch das eigene Publikum sie nicht mühelos schlucken kann! Der Kommentar könnte sonst langweilen und die Skepsis gegenüber der Darstellungsform mindestens in diesem Medium verstärken.
  • Legen Sie größten Wert auf valide und schlüssige Argumente, die ihrerseits legitimiert sind durch Grundannahmen, die Autor und Leserschaft teilen! Sonst wird jedes noch so logisch erscheinende Argument abgelehnt.
  • Machen Sie klar, was aus der Argumentation folgt! Was soll ein Leser nun tun, was nicht? Wie geht es weiter?

Ein Appell wie dieser ist eine der Möglichkeiten, die Ausgangsthese in ein neues Licht zu rücken. Es kann auch eine Folge benannt werden, eine neue Möglichkeit, die sich damit auftut. Auch die logische Folge der Argumente, die zur These zurückführen und sie als bestätigt beglaubigen, ist eine denkbare Schlussfigur.

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Der Autor Christian Bleher, Jahrgang 1963, ist freier Journalist, Dozent unter anderem an der Deutschen Journalistenschule und Lehrbuchautor. Zuletzt von ihm (und Co-Autor Peter Linden) erschienen: Reportage und Feature, UVK 2015 (jetzt Herbert von Halem Verlag). Eine seiner eigenen Reportagen für Fachmedien hat er im Thieme-Verlag zum Thema Organtransplantation geschrieben. Die vollständige Version dieses Textes ist zu finden unter www.christianbleher.de.

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