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Europa-Berichterstattung: „In internationalen Rechercheverbünden sehe ich eine große Chance“

Interview mit dem Medienwissenschaftler Stephan Russ-Mohl

Am 26. Mai findet in Deutschland die Wahl zum Europäischen Parlament statt. Das Interesse der Bürger daran ist vergleichsweise gering: Vor fünf Jahren gab weniger als die Hälfte aller Wahlberechtigten ihre Stimme ab. Die grassierende Europaverdrossenheit wird oft mit dem schwer durchschaubaren EU-System erklärt. Doch welchen Anteil haben die Medien an dieser Entwicklung und welche Muster gibt es in der Europa-Berichterstattung? Darüber sprachen wir mit dem Medienwissenschaftler Stephan Russ-Mohl, der 2004 das Europäische Journalismus-Observatorium (EJO) mitgegründet hat. Das Forschungsnetzwerk beobachtet Trends im Journalismus und vergleicht Journalismuskulturen in Europa.

Herr Russ-Mohl, bei der ersten Europawahl 1979 gaben europaweit fast 62 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab, 2014 gingen nur noch 43 Prozent an die Urne. Für die Lustlosigkeit vieler Bürger, an europäischen Wahlen teilzunehmen, machen Wissenschaftler nicht nur Politiker und desinteressierte Bürger verantwortlich, sondern auch die Medien. Was halten Sie von dieser These?

Ich glaube nicht, dass die Medien die Hauptschuldigen für die geringe Wahlbeteiligung sind. Die Bürger haben ein sicheres Gespür dafür, dass das Europäische Parlament im Grunde genommen kein richtiges Parlament ist und viel weniger Rechte hat als die nationalen Parlamente. Darüber hinaus ist eine grundsätzliche Europaverdrossenheit bei den Bürgern zu spüren, die mit dem bürokratischen Apparat in Brüssel zusammenhängt.

Eine Teilschuld besitzen die Medien allerdings schon: Sie haben Korrespondentenposten abgebaut und im Vergleich zu früher gibt es weniger kompetente EU-Kenner in Brüssel und auch in den deutschen Redaktionen.

Woran liegt das?

Die Verlage sind zu Sparmaßnahmen gezwungen: Wir alle sind nicht mehr bereit, für guten Journalismus zu bezahlen. Jeder geht zu Starbucks und leistet sich einen teuren Kaffee, aber keiner von den jungen Leuten hat noch ein Zeitungsabonnement – woher soll das Geld also kommen?

Aber ist das nicht auch eine Frage der Schwerpunktsetzung seitens der Verlage?

Das stimmt, die Verlage könnten sehr viel mehr machen. Klug wäre es, zumindest einen kleinen Anteil der Redaktionsmittel in die Berichterstattung über Medien zu stecken. Wenn die Leute ein bisschen mehr Ahnung hätten, was hinter den Kulissen in einer Redaktion passiert und wie Journalisten arbeiten – dann ließe sich die Zahlungsbereitschaft vermutlich heben.

Aber diese Transparenz will man in den Verlagen nicht, weil man zwar andere vorführen, aber selbst als Chefredakteur oder Verleger in den Medien nicht kritisch beäugt werden möchte.

Auffallend ist die vorwiegend negative Berichterstattung über Europa – es dominieren „bad news“ über unsinnige Vorschriften wie zum Beispiel die Krümmung von Gurken, über Fehlkonstruktionen wie die Einstimmigkeitsregel oder über Regelbrüche wie die Verletzung der Maastricht-Kriterien. Womit hat das zu tun?

Das ist kein spezifisches Problem der Europa-Berichterstattung: Im Journalismus gilt generell die Regel „Only bad news are good news“. Diese Tendenz – und infolgedessen die Förderung von Politikverdrossenheit – hat der Mainzer Kommunikationswissenschaftler Hans Mathias Kepplinger schon 1998 in einer Langzeituntersuchung1 nachgewiesen.

Bräuchte es dennoch mehr konstruktiven Journalismus in der Europa-Berichterstattung?

Ich bin im Prinzip ein Freund des Konzepts – solange es nicht dazu führt, dass sich Journalisten selbst als Problemlöser aufspielen. Wenn Journalisten gezielt recherchieren, um aus verschiedenen Blickwinkeln Expertenwissen zusammenzuführen, um so das Für und Wider denkbarer Problemlösungen abzuwägen, dann bin ich sehr für konstruktiven Journalismus.

Ein Vorwurf an die Medien lautet auch, dass eine nationale Sichtweise auf europäische Politik dominiert. Stimmen Sie dem zu?

In der Tendenz: Ja. Ich denke, dass die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sich viel mehr darum bemühen müssten, europäische Perspektiven in die Berichterstattung einzubringen. Hier könnte man vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk in der Schweiz lernen; ihm gelingt es, über die eidgenössischen Sprach- und Kulturgrenzen hinweg zu berichten.

Mangelt es Ihrer Meinung nach an mehrsprachigen Integrationsangeboten seitens der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten?

Ich halte diese auf jeden Fall für sehr wichtig: Angebote wie 3Sat müssten mehrsprachig ausgebaut werden, wobei das zugegebenermaßen ein sehr elitäres Projekt wäre. Ein besseres Beispiel ist vielleicht die italienische Rai vor der Ära Berlusconi. Sie hat mit ihren TV-Programmen viel zur Integration in Italien in allen Bevölkerungsschichten beigetragen. Das waren natürlich andere Zeiten. Trotzdem könnten sich öffentlich-rechtliche Medien dem europäischen Integrationsauftrag stellen.

Darüber hinaus sollten Medien vermehrt über Sprachgrenzen hinweg kooperieren. Leider scheitern Kooperationen oft aus Kostengründen – und daran, dass die Journalismuskulturen in Europa eben sehr verschieden sind.

Ein Beispiel: Vor ein paar Jahren haben sieben große Zeitungen in Europa die sogenannte Leading European Newspaper Alliance, kurz LENA2, gegründet. Das konnte von der Konstellation her schon nicht funktionieren, weil etwa die Welt liberal-konservativ, die ebenfalls teilnehmende La Repubblica hingegen zutiefst links ausgerichtet ist. So darf man es natürlich nicht machen.

In internationalen Rechercheverbünden sehe ich generell eine große Chance, aber es bräuchte eine kontinuierlichere Zusammenarbeit zwischen den Medien – nicht nur vereinzelte Marketingaktionen.

Das Konstrukt EU scheint für die Bürger schwer zu durchschauen; es fehlt an Persönlichkeiten im europäischen Kontext, über die Politik auf nationaler Ebene festgemacht werden kann. Wie könnte auch ohne diese eine bessere, weil interessantere Berichterstattung über Europa aussehen?

Solange unsere wichtigsten Politiker auf nationaler Ebene agieren und wir diejenigen nach Europa abschieben, für die es hier keine Verwendung mehr gibt, ist es schwierig.

Aber die Medien wären auch gefordert, europäische Politiker sichtbarer zu machen und aufzuzeigen, wo nationale Regierungen massiv gegen europäische Interessen verstoßen. Hier könnte man die Neugierde des Publikums wecken und seine Aufmerksamkeit auf dringende Probleme lenken. Das macht guten Journalismus aus – und nicht Clickbaiting mit schrillen News aus dem People-Bereich.

Guter Journalismus muss gelehrt werden. Wie sieht es mit der journalistischen Ausbildung aus: Fehlt es an Studiengängen, welche die Journalisten angemessen auf ihre Aufgabe als Europa-Korrespondenten vorbereiten?

Ich sehe hier nicht nur die Hochschulen in der Pflicht. Wenn die EU für jeden Euro, den sie für PR-Maßnahmen ausgibt, auch einen Euro für Journalismusförderung beiseitelegte, dann bekämen wir eine deutlich konstruktivere, kenntnisreichere und somit bessere Europa-Berichterstattung.

Es gibt, von der EU finanziert, das Europäische Hochschulinstitut in Florenz, da werden Nachwuchswissenschaftler in allen möglichen Sozialwissenschaften herangezogen, nur nicht im Bereich Journalismus und Medien. In Maastricht ist das kleine European Journalism Centre angesiedelt. Das bekommt zwar EU-Mittel, wird jedoch an deutlich kürzerer Leine geführt als andere Projekte. Mit ein bisschen Fantasie wäre seitens der EU viel zu bewegen – aber leider kreiert die EU-Bürokratie Schubladen, in die man mit kreativen Projekten oftmals nicht hineinpasst.

Sie kennen sich durch ihre wissenschaftliche Tätigkeit mit den Mediensystemen in Italien und der Schweiz gut aus. Worin unterscheidet sich die dortige Europa-Berichterstattung von der in Deutschland?

Diese Länder unterscheiden sich stark von Deutschland. Dabei sind uns die Unterschiede viel zu wenig bewusst. Folge ist oft eine fehlgeleitete Berichterstattung: Die wenigen verbliebenen Korrespondenten deutscher Medien in Rom schreiben oft einfach ab, was die linke La Repubblica oder das rechte Il Giornale berichten – ohne darüber nachzudenken, dass in Italien Journalismus viel mehr Sprachrohr herrschender Politiker ist, als das – Gott sei Dank – bei uns der Fall ist. Der Mangel an Kenntnissen der anderen Journalismuskultur – selbst bei Korrespondenten –  ist verblüffend.

Die Schweiz tickt einfach schon deshalb anders, weil sie eine direkte Demokratie ist und die Bürger sehr viel mehr zu sagen haben. Das führt dazu, dass die Medien auf einem ganz anderen Level über Politik berichten und sich intensiv mit Sachfragen beschäftigen, die man bei uns unter den Tisch kehrt. Die Schweiz ist in vielerlei Hinsicht – auch in der Medienberichterstattung – ein Vorbild, das habe ich in den 15 Jahren, in denen ich dort lehren durfte, gelernt. Vorbildlich ist auch der bereits angesprochene öffentlich-rechtliche Rundfunk in der Schweiz – er ist weniger politisiert und mehr um „Service public“, also um Informationsdienstleistung für die (Staats-)Bürger bemüht als bei uns in Deutschland.

Sie haben 2004 das Europäische Journalismus-Observatorium (EJO) mitgegründet. Das Forschungsnetzwerk beobachtet Trends im Journalismus und vergleicht Journalismuskulturen in Europa. In den vergangenen Jahren sind rechtspopulistische Parteien in Europa erstarkt. Welche Rolle spielen die Medien dabei?

Politischer Populismus ist auch eine Folge von medialem Populismus. Das hat der Schweizer Publizist Roger de Weck bereits vor über 15 Jahren sehr deutlich erkannt.3

Die Entwicklungen in jüngster Vergangenheit stärken diese Annahme. Ich würde zwar nicht unterstellen wollen, dass die Medien direkt die AfD oder Politikertypen wie Salvini oder Orban hervorgebracht haben. Aber in der Art und Weise, wie sie – auch die seriöse Presse – Themen auswählen, komplexe Zusammenhänge vereinfachen und einseitig auf Sex and Crime fokussieren, sind sie mitschuldig an deren Erstarken.

Wenn man sich die Nachrichtenauswahl generell anschaut, kann man verstehen, warum das Wählerpotenzial für rechtspopulistische Parteien größer geworden ist.

Abschließend: Welchen Ratschlag würden Sie Nachwuchsjournalisten geben, die sich auf die Europa-Berichterstattung konzentrieren wollen?

Für sehr wichtig halte ich, dass man ein oder zwei europäische Sprachen außer der eigenen fließend spricht und während des Studiums auch mal längere Zeit in einem anderen Land lebt  – und damit meine ich nicht unbedingt Österreich oder den deutschsprachigen Teil der Schweiz.

Darüber hinaus ist natürlich eine solide journalistische Ausbildung eine wichtige Voraussetzung: In die alte ideologische Debatte, welcher Weg der zielführendste ist, möchte ich mich an dieser Stelle nicht einmischen. Es gibt gute Journalistenschulen, gute Journalistik-Studiengänge und gute Volontariate – genauso, wie es in allen drei Bereichen auch schlechte Optionen gibt.

Herr Russ-Mohl, vielen Dank für das Gespräch.

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Der Medienwissenschaftler Stephan Russ-Mohl, Jahrgang 1950, war von 2002 bis 2018 Professor für Journalismus und Medienmanagement an der Università della Svizzera italiana in Lugano (Schweiz). Zuvor lehrte er als Publizistik-Professor an der FU Berlin, wo er für den Studiengang Journalisten-Weiterbildung und das Journalisten-Kolleg verantwortlich war. Seine Forschungsschwerpunkte sind Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement im Journalismus, Redaktionsmanagement, vergleichende Journalismus-Forschung (insbesondere: Deutschland, USA, Schweiz, Italien), Medienjournalismus und Medienökonomie.

  1. Kepplinger, Hans M. (1998): Die Demontage der Politik. Freiburg/München: Verlag Karl Alber.
  2. Die Leading European Newspaper Alliance wurde 2015 von Zeitungen aus sechs europäischen Ländern ins Leben gerufen. Gründungsmitglieder waren El País aus Spanien, La Repubblica aus Italien, Le Figaro aus Frankreich, Le Soir aus Belgien, Tages-Anzeiger und Tribune de Genève aus der Schweiz sowie die deutsche Welt. Schwerpunkt der Zusammenarbeit sollte die Entwicklung und der Austausch redaktioneller Inhalte sein.
  3.  Vgl. Roger de Weck (2002): Die wahren Populisten sind die Journalisten. In: FAZ, 15.06.2002.
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