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Fakten statt Fake News

Interview mit Matthias Kowalski

Fakten, Fakten, Fakten: Als Gründungsmitglied des FOCUS-Teams hat Matthias Kowalski (53) den Magazin-Claim verinnerlicht. Der Journalist hält Seminare über die Verifikation von Nachrichten. Im Interview mit dem Fachjournalist erzählt er, wie Journalisten es vermeiden können, Falschmeldungen aufzusitzen, und welche Tools ihnen dabei helfen, Fake News zu entlarven.

Wollten Sie als Junge so etwas werden wie Kriminalkommissar oder Detektiv?

Ursprünglich war mein Berufswunsch ganz klassisch Lokomotivführer oder Busfahrer; später habe ich Theater gespielt und wollte eher irgendetwas im Showbusiness machen.

Als Jugendlicher habe ich dann für die Lokalzeitung geschrieben und dabei zwischen Gemeinderatssitzungen und Basketballspielen gemerkt: Der Journalismus ist mein Traum! Ich habe mich an der Deutschen Journalistenschule in München beworben und bin noch während der Abiturprüfungen angenommen worden.

Sie waren dann 27 Jahre lang Wirtschaftsredakteur beim FOCUS, dessen Claim „Fakten, Fakten, Fakten“ in aller Munde war.

War es in der Lokalredaktion anfangs mein Ziel, dem Leser genau zu beschreiben, was ich erlebt habe, kam es mir später immer mehr darauf an, Dingen auf den Grund zu gehen. Ich habe mich gefragt: Woher kommt eigentlich das Geld für den Springbrunnen? Ist der Künstler „zufällig“ der Neffe des Bürgermeisters? War dies das einzige Angebot, das abgegeben wurde?

Mir ging es zunehmend darum, die Wahrheit herauszufinden. Ich bin in den Wirtschaftsjournalismus gegangen, weil man dort durch Abfragen harter Fakten schon viel erreichen kann.

Harte Fakten scheinen heute von Fake News abgelöst zu werden. Zuletzt hat der Fall Claas Relotius für Wirbel gesorgt.: Der preisgekrönte SPIEGEL-Redakteur hatte Artikel auf Grundlage gefälschter Fakten verfasst.

Eigentlich liegen die Anfänge der Fake News schon bei der Schlange im Paradies, die Adam und Eva die Lüge vom Baum der Erkenntnis auftischte. Das Streuen von Gerüchten und Falschmeldungen begleitet uns seit Anbeginn der Menschheit. Nur haben sie heute durch das Internet und Social Media ein leichteres Spiel, werden schneller und weiter verbreitet. Jeder kann in den sozialen Netzwerken Nachrichten posten – unabhängig von deren Wahrheitsgehalt.

Spätestens seit Donald Trump ist das Thema „Verifikation von Nachrichten“ in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Er hatte Anfang 2017 behaupten lassen, seine Inauguration sei die meistbejubelte aller US-Präsidenten gewesen. Die von den Medien verkündete Zuschauerzahl bei seiner Amtseinführung tat er als Fake News ab. Luftbilder belegten jedoch eindeutig, dass bei der feierlichen Amtseinführung von Barack Obama eine wesentlich größere Menschenmenge zugegen war. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, bezeichnete Medienberaterin Kellyanne Conway die falschen Angaben von Trumps Pressesprecher zur Zuschauerzahl als „alternative Fakten“.

Welches Ressort ist beim Thema „Fake News“ besonders gefährdet?

Ganz klar ist das Politikressort am anfälligsten dafür. Denn Politik hat ja immer die Machterlangung bzw. den Machterhalt als Ziel – und dafür sind seit jeher alle möglichen Mittel recht, selbst die bewusste Diffamierung von Konkurrenten. Aber auch das Wirtschaftsressort ist überhaupt nicht frei von Falschberichterstattung.

Grundsätzlich sind alle Ressorts im klassischen Journalismus auch Fake-News-gefährdet, nur sind die Konsequenzen natürlich sehr unterschiedlich. Ich habe selbst bei einer Theaterrezension ganz viele Möglichkeiten, die Rezipienten in die eine oder andere Richtung zu beeinflussen. Genauso im Lokalen. Allein schon die Auswahl der Nachrichten, die eine Redaktion aus der Fülle trifft, ist manipulativ.

Was erstaunen mag: Auch im Wissenschaftsjournalismus gibt es tatsächlich Fake News, richtige Fake Science, wie ich aus meiner Erfahrung als Hochschuldozent weiß. Und da geht es nicht um den Klassiker, dass jemand seine Doktorarbeit irgendwo abgeschrieben hat: Es werden Studien und wissenschaftliche Beiträge gefälscht, Ergebnisse im naturwissenschaftlichen Bereich – Chemie, Physik, Biologie – und in der Mathematik manipuliert. Der Wissenschaftsjournalismus hat manchmal die Tendenz, vermeintlich neue Erkenntnisse sehr hoch zu bewerten. Das Mittel gegen Krebs sei erfunden, heißt es dann, obwohl der wirklich große Durchbruch nicht da ist. Aber es gibt ja zumindest Indizien – und man will seine eigene Geschichte nicht zerschießen. Junge Journalisten hinterfragen oft gar nicht, ob etwas überhaupt so sein kann. Es geht häufig nicht um umfassende Information, sondern allein um Klicks, darum, Aufmerksamkeit zu generieren.

„Bei Fake News sind Journalisten nicht immer Opfer von bewussten Desinformationskampagnen, sondern häufiger noch Opfer der eigenen Schludrigkeit“, befand Klaus Methfessel, früherer Leiter der Holtzbrinck-Schule. Wie sehen Sie das?

Schludrigkeit ist definitiv das Einfallstor für Fake News und für manipulativen, instrumentalisierten Journalismus. Da werden Journalisten manchmal zu willfährigen Gehilfen zur Verbreitung von Fake News oder bereiten zumindest den Boden dafür vor. Sie nehmen Dinge als gegeben hin, vergessen den ganz wichtigen Ansatz „Cui bono – wem nützt es?“. Anders ausgedrückt: Welche Interessen werden damit verfolgt? Das geht schon los bei den Fragen „Wer ist der Auftraggeber einer Studie?“ und „Woher kam das Geld dafür?“. Möglicherweise stehen da ganz andere Interessen dahinter.

Es reicht nicht, eine Pressemitteilung abzuschreiben. Wichtig ist, an die Originaldaten heranzukommen, an die Studien, an Menschen, die daran teilgenommen haben. Und unabhängige Experten dazu zu befragen – lieber einen zu viel als zu wenig. Ein wichtiges Korrektiv ist, sich nicht von vornherein auf eine Seite zu schlagen. Die Dialektik, nicht nur den Arbeitgeberverband zu befragen, sondern auch die Gewerkschaft, ergibt Sinn.

An der Recherche führt kein Weg vorbei. Das ist anstrengend, gehört aber zum Journalismus dazu. Der notorische Zeitmangel in den Redaktionen, die immer spärlicher besetzt sind, aber auch bei den freien Journalisten, die immer schlechter bezahlt werden und auf einen irgendwie akzeptablen Stundensatz kommen müssen, ist omnipräsent. Diese Tatsache geht manchmal leider zulasten der Recherchetiefe.

Eine Grundregel bei der Recherche lautet, die Quelle für eine Nachricht auf ihre Glaubwürdigkeit hin zu überprüfen und mindestens zwei voneinander unabhängige Quellen zu befragen. Welche Tipps haben Sie für angehende Journalisten?

Die beste Prüfung ist immer – so banal das klingt –, sich zunächst genau anzusehen, was tatsächlich Fakt ist. Wenn es heißt, dass ein neues Flugzeug entwickelt wurde: Ist das wirklich so? Im Zweifelsfall stellt sich dann heraus, dass es sich bloß um ein neues Triebwerk handelt.

Gerade Nachwuchsjournalisten müssen erst ein Gefühl dafür bekommen, auf welche Quellen sie sich in ihren jeweiligen Fachgebieten verlassen können. Welche Reputation diese oder jene Gesellschaft hat, ob sie unabhängig und vertrauenswürdig ist oder im Grunde der verlängerte Arm einer Presseabteilung oder einer Lobbygruppe.

Für die Verifikation von Nachrichten und die Offenlegung von Falschmeldungen gibt es eine gute Infrastruktur in Deutschland. Dazu gehören manchmal langweilig klingende Institutionen wie das Robert Koch-Institut, die Deutsche Physikalische Gesellschaft, das Deutsche Institut für Normung, die sehr gut helfen können. Wir haben gerade in Deutschland mit unserer Wissenschaftsorientierung viel Forschungskapazität vereint – egal ob in psychologischen, sozialen oder technischen Fragen – und gute Archive, die große Bewahrer von Zugängen zur Wahrheit sind. Dabei wundern sich viele Forscher, dass sie nicht von Journalisten gefragt werden. Vielleicht ist das der Fall, weil sie bei Suchmaschinen wie Google, Metacrawler oder Bing im Ranking nicht auf Seite 1 auftauchen, sondern erst auf Seite 102. Den Überblick haben aber häufig die Leute im Hintergrund.

Ganz wichtig für angehende Journalisten: der Austausch mit Kollegen, die gerade ein ähnliches Thema bearbeiten. Da bricht keinem Journalisten ein Zacken aus der Krone: Vier Augen sehen mehr als zwei.

Ein weiterer wichtiger Faktor: Gerade im Bereich Technikjournalismus muss man Dinge selbst ausprobieren. Kaum wird ein neues Smartphone auf den Markt gebracht, schreiben Journalisten ganz schnell darüber, ohne es jemals selbst in der Hand gehabt zu haben. Aber wie will ich dann wissen, ob das Handy wie behauptet bruchsicher ist, wenn man sich draufsetzt? Statt der Erste sein zu wollen, der etwas veröffentlicht, sollte man lieber gründlich recherchieren.

Die Verifikation von Nachrichten ist ein Thema, an dem keiner vorbeikommt, der sich mit Medien beschäftigt – sei es als Rezipient oder als Journalist. Wann sollte man skeptisch sein?
Wenn besonders spektakuläre News von einer unbekannten, erst seit Kurzem existierenden Internetseite verbreitet werden, ist Vorsicht geboten.

Bei Nachrichten, die in sozialen Netzwerken wie Facebook gepostet wurden, sollte man prüfen, ob der Inhalt des Artikels seiner Überschrift und der Zusammenfassung entspricht. Durch die Abwandlung von Headline und Zusammenfassung bekommt ein Artikel gleich eine andere Konnotation in die vom Einsteller des Beitrags gewünschte Richtung.

Welche Tools helfen, Fake News zu enttarnen?

Im Bereich der Recherche gibt es die Kollegen von Correctiv. Der Faktenfinder der Tagesschau ist im Nachrichtenbereich weit verbreitet. Man kann den Wissenschaftlichen Dienst des Bundestages heranziehen, das ist vielen Kollegen nicht bewusst, und es gibt auch einen guten Recherchedienst der Hochschulbibliotheken. Seiten wie Hoaxmap, Emergent oder Mimikama kann jeder schnell und einfach für sich nutzen.

Je nach Profession – im sozialen Bereich, in der Juristerei etc. – existieren jeweils eigene Faktenchecker. Fake-News-Alerts sind schon relativ weit verbreitet, um herauszufinden, was sich wirklich so ereignet hat und was nur Dichtung ist.

Ein weiterer Tipp, um Fake News als solche zu entlarven: Man gibt Stichworte der Meldung sowie das Wort „Fake“ in die Suchmaschine ein. Wenn man dann auf Seiten wie Mimikama verwiesen wird, handelt es sich um eine Falschmeldung.

Es gibt übrigens auch Fake-Fotos. Zahlreiche Bilder im Netz wurden beispielsweise von Hoaxeye bereits als Fälschungen entlarvt. Außerdem kursieren Fake-Videos im Internet. Bei sogenannten Deepfakes, gefälschten Videoaufnahmen, kann man mithilfe von künstlicher Intelligenz echte Persönlichkeiten nahezu alles sagen und tun lassen, was man möchte. Die Sammlung allein aus Deutschland reicht von erlogenen Werbespots bis zu gefälschten Merkel-Reden im Bundestag.

Könnte Fact Checking ein neues Geschäftsmodell für Journalisten sein?

Möglicherweise. Es gibt bereits Journalisten und Verlage, die sich den sozialen Medien als Faktenüberprüfer anbieten. Die breite Masse der Medien wird es nicht leisten können, auf Dauer eine eigene Dokumentation zu beschäftigen. Zwar wissen wir seit dem Fall Relotius, dass das Vorhandensein einer Dokumentation in der Redaktion Fake News nicht unbedingt verhindern kann. Aber es ist schon mal ein Sicherheitsfaktor mehr.

Je mehr wir hören von Manipulationsversuchen, von dark ads, gefälschten Nachrichten, Bildern und Filmen, desto optimistischer bin ich, dass es unter den Journalisten eine Gegenbewegung geben wird und viele weitere neue Prüf-Tools. In verschiedenen Labors wird daran gearbeitet, Nachrichten automatisiert auf Fakes prüfen zu lassen. Ich habe kürzlich ein Entwicklerlabor einer privaten Stiftung in den USA besucht – und ich bin sicher: Diese Methode wird die Runde machen um den ganzen Globus.

 

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Foto: Rainer Christian Kurzeder

Matthias Kowalski, 1965 in Berlin-Spandau geboren, absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München und studierte Journalistik sowie Volkswirtschaft. Nach Stationen beim Bonner General-Anzeiger, dem Bayerischen Rundfunk und der Süddeutschen Zeitung holten ihn Helmut Markwort und Uli Baur 1992 in das Gründungsteam des neuen Nachrichtenmagazins FOCUS, wo er bis September 2018 tätig war. Der mehrfach ausgezeichnete Wirtschaftsjournalist arbeitet heute als Ressortleiter „Geld & Recht“ für mehrere Zeitschriften beim Bayard-Verlag und lehrt an der Technischen Universität Hamburg.Er veröffentlichte den Pflege-Ratgeber „In guten Händen“, den Ratgeber „Krankenversicherung“ sowie „Fakten, Fakten, Fakten oder Das letzte Geheimnis der Redaktion. Eine Zeitgeschichte im Spiegel des Magazins FOCUS und seiner Leser“.
Mehr Infos auf https://matthiaskowalski.de/.

 

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