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Fangen Sie einfach an

Nicht immer geht einem das Schreiben leicht von der Hand. Das leere Blatt, das eigentlich vollgeschrieben werden müsste, bleibt weiß. Der Autor Philipp Barth hat sich intensiv mit dem Thema des Anfangens beschäftigt und Strategien gegen das Aufschieben entwickelt. Der Fachjournalist stellt Sie Ihnen vor.

Fassen Sie die Aufgabe in einem einzigen Satz zusammen. Schreiben Sie ihn auf ein Blatt. Und schon haben Sie angefangen.

Bleiben Sie sitzen. Stellen Sie sich vor, Ihr Hosenboden wäre mit Sekundenkleber am Stuhl befestigt. Sie können nicht weg, Sie müssen sitzen bleiben. Und zwar so lange, bis Sie eine exzellente Lösung gefunden haben bzw. bei Ihrem Projekt weitergekommen sind.

Gehen Sie die folgenden Strategien durch. Wählen Sie die Strategie, die Ihnen am meisten zusagt. Allen gemeinsam ist, dass sie Ihnen helfen, in den Prozess hineinzufinden. Es geht an dieser Stelle nicht darum, eine geniale Lösung zu finden. Es geht einzig und allein darum, einfach anzufangen.

Die Strategie des schwachen Anfangs. Gehen Sie erst völlig ambitionslos an die Aufgabe heran. Wie würde eine wirklich schwache Lösung aussehen? Der Trick: Sie haben sich zwar nur eine schlechte Lösung einfallen lassen, aber Sie haben immerhin angefangen! Versuchen Sie nun, Ihr Ergebnis zu steigern und sich in kleinen Schritten immer bessere Ideen einfallen zu lassen.

Die Strategie »Das nehme ich persönlich«. Stellen Sie sich vor, die Aufgabe nicht im Auftrag eines anderen zu erledigen, sondern selbst dieser Auftraggeber zu sein. Tun Sie so, als würden Sie selbst das unternehmerische Risiko tragen. Plötzlich fühlt sich das Ganze völlig anders an. Das Engagement ist deutlich höher, wenn Ihr eigenes Ansehen und Geld an diesem Projekt hängt.

Die Strategie »Alternativer Anfang«. Wenn es schwierig für Sie ist, sich mit der Lösung zu beschäftigen, dann fangen Sie eben mit etwas anderem an. Arbeiten Sie die Hintergründe weiter aus. Beschäftigen Sie sich zum Beispiel intensiv mit der Zielgruppe: Wer ist das? Was wollen diese Leute? Was denken sie? Was ist relevant für sie? Auf diese Weise kommen Sie irgendwann unbewusst auch mit der Lösung in Berührung.

Die Strategie »Andere Perspektive«. Versetzen Sie sich in eine andere Person, und fragen Sie sich, wie zum Beispiel Ihr Chef, der Firmengründer oder Ihr Ausbilder die Aufgabe angehen würde. Wie würde Ihr fähigster Konkurrent herangehen? Welche Lösung würde der Beste Ihres Fachs wohl präsentieren? Zur Auflockerung: Was würde einem Praktikanten einfallen? Was wäre Ihnen selbst eingefallen, als Sie noch Praktikant waren?

Die Strategie »Assoziieren«. Nehmen Sie den Aufgabensatz als Ausgangsbasis, und notieren Sie sich alles, was Ihnen spontan dazu einfällt. Seien Sie nicht kritisch mit Ihren Gedanken. Auch hier geht es darum, den Prozess in Gang zu setzen.

Die Strategie »Mindwriting«. Schreiben Sie auf, was Sie denken. Lassen Sie nichts aus, notieren Sie alles, was Ihnen in den Sinn kommt, Ihren ganzen Gedankenfluss. Auf diese Weise kommt der Denkprozess besser in Gang, und das weiße Blatt verschwindet zügig. Trick: Stellen Sie sich selbst Fragen. Es geht nicht darum, nur kluge Gedanken aufzuzeichnen. Das Mindwriting ist eher ein Hilfsmittel, um den Gedankenfluss anzukurbeln und sich selbst zu zeigen, dass man unterwegs zur Lösung ist.

Die Strategie »Künstlicher Zeitdruck«. Um mehr Dampf im Kessel zu erzeugen, können Sie sich unter einen künstlichen Zeitdruck setzen. Schließlich macht nichts träger, als zu viel Zeit zu haben. Wenn das Projekt also noch drei Monate Zeit hat, dann geben Sie sich drei Wochen. Und schon gibt es einen Grund, nicht irgendwann loszulegen, sondern sofort.

Die Strategie »60 Minuten«. Heute ist nicht Ihr Tag? Nichts geht? Schließen Sie einen Pakt mit sich: Geben Sie 60 Minuten Vollgas, und lassen Sie es dann für heute gut sein. Wer weiß, vielleicht kommen Sie in den 60 Minuten auf den Geschmack und haben wieder Lust, weiterzuarbeiten.

Die Strategie »Nur noch bis«. Zerlegen Sie Ihr Ziel in viele Miniziele. Sagen Sie: Nur noch bis zum Miniziel. Haben Sie das Ziel erreicht, sagen Sie: Nur noch bis zum nächsten Miniziel. Und so weiter.

Die Strategie »Arbeitszeitrestriktion«. Definieren Sie zwei gleich lange Zeitfenster, die mindestens 20 Minuten auseinanderliegen müssen. In diesen Zeitfenstern dürfen Sie arbeiten, sonst nicht. Beginnen Sie zum Beispiel mit jeweils zwei Stunden, je nach Aufgabe. Die Dauer der Zeitfenster für die nächste Sitzung berechnet sich aus der Effizienz der letzten Sitzung. Dieser Effizienzwert ergibt sich so: Tatsächliche Arbeitszeit x 100 : Geplante Arbeitszeit. Erst bei einer Effizienz zwischen 51 und 75 Prozent darf die Arbeitszeit um 25 Prozent erhöht werden. Bei einer Effizienz von 76 Prozent und mehr darf die Arbeitszeit um 50 Prozent erhöht werden. Sie bestimmen selbst, ob Sie die Arbeitszeit anheben wollen oder nicht.

Die Strategie »Arbeitszeitrestriktion mit Energie«. Ziehen Sie den Stecker Ihres Notebooks heraus, und stellen Sie sich vor, für die Bearbeitung Ihres Projekts nur noch diese Energie zur Verfügung zu haben. Ein Wiederaufladen ist nicht möglich. Das zwingt Sie, sofort loszulegen und Gas zu geben.

Die Strategie »Sozialer Druck«. Erklären Sie vor Publikum, so konkret und verbindlich wie möglich, was Sie vorhaben. Achten Sie dabei darauf, sich keine Hintertür offen zu lassen. Noch stärker wird die Methode, wenn Sie mit jemandem wetten, dass Sie es schaffen, und einen Wetteinsatz festlegen, den Sie auf keinen Fall einlösen möchten. Zum Beispiel: Ich laufe am 15. Mai beim Stadtlauf mit oder ich färbe mir die Haare zwei Wochen lang komplett grün.

Die Strategie »Gemeinsam mehr erreichen«. Legen Sie Ihr Ziel so konkret fest wie möglich (Was wollen Sie wie, wo und bis wann erreichen?). Suchen Sie sich Weggefährten, die Ihr Ziel teilen. Versuchen Sie, eine Gruppe zu bilden, die sich gegenseitig stützt, mitzieht und motiviert.

Die Strategie »Wettbewerb«. Überlegen Sie, wer ein gleichwertiger Gegner auf Augenhöhe wäre, bei dem Sie sich wirklich anstrengen müssten, um besser zu sein. Laden Sie ihn oder sie ein, sich an der Lösung zu beteiligen. Sie können auch mehrere Personen fragen. Zu viele sollten es aber nicht sein. Ich halte maximal vier für sinnvoll. Geben Sie Vollgas! Wenn Sie die beste Lösung erarbeitet haben: Herzlichen Glückwunsch! Ist der oder die andere besser: Ebenfalls herzlichen Glückwunsch! Ist doch toll: Sie haben ein exzellentes Ergebnis. Zeigen Sie sich fair, und sorgen Sie dafür, dass die Lösung nicht als Ihre Idee wahrgenommen wird.

Die Strategie »Persönlicher Coach«. Googeln Sie nach Suchwörtern wie Coach, Berater, Dr, Prof, Experte oder Klinik, und klicken Sie anschließend auf »Bilder«, um eine Auswahl an Fotos zu bekommen. Gehen Sie die Personen der Reihe nach in Ruhe durch. Wer ist Ihnen spontan sympathisch? Wer erscheint kompetent? Picken Sie sich Ihren persönlichen Berater oder Ihre persönliche Beraterin heraus. Betrachten Sie das Foto, und designen Sie sich nun die Persönlichkeit Ihres Beraters. Wie heißt er? Welchen fachlichen Hintergrund hat er? Gibt es bestimmte Besonderheiten und Macken? Wie sieht seine Vita aus? Schildern Sie Ihrem Experten nun Ihr Problem und Ihre Situation. Betrachten Sie das Bild, und überlegen Sie, was er wohl sagen würde. Vertrauen Sie darauf, dass Sie klüger sind, als Sie ahnen, und dass die Methode funktioniert.

Beobachten Sie sich selbst. Legen Sie ein Notizbuch mit Ihren Erfahrungen an. Reflektieren Sie, was Sie erleben und empfinden, wenn Sie Ihr Projekt anfangen und daran arbeiten.

Bewerten Sie Ihre Handlungspläne. Schreiben Sie nach jeder Arbeitseinheit auf, was Sie von Ihren Vorsätzen umgesetzt haben. Reflektieren Sie, wie es lief. Was war gut? Was war schwierig?

Hinweis: Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch „Von der Kunst, einfach anzufangen“ von Philipp Barth, erschienen im Rheinwerk Verlag. Der Text „Fangen Sie einfach an“ ist ein Schritt von insgesamt zehn Schritten um effizient und sicher zum Ziel zu gelangen.

Philipp Barth arbeitet als freier Texter, Konzeptioner und Autor und gibt sein Wissen rund um die Themen Ideenfindung, Storytelling und „einfach anfangen“ in Vorträgen und Workshops weiter. Davor war er 13 Jahre für die Agentur Jung von Matt tätig. Als Creative Director und Geschäftsleiter Kreation entwickelte er Werbekampagnen für Marken wie BMW, Bosch, DHL, IWC, Mey und Mercedes-Benz. Mehr unter philippbarth.com.

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