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Filmkritik zu „Die Journalistin“: Verklärung einer Heldin

Mit Die Journalistin (2003) setzt Regisseur Joel Schumacher der irischen Reporterin Veronica Guerin ein widerspruchsfreies und etwas fragwürdiges Denkmal. Eine Filmkritik von Dobrila Kontić.

Mit fünf Schüssen wurde am 26. Juni 1996 das erst 37-jährige Leben der irischen Journalistin Veronica Guerin beendet. Abgefeuert wurden die Kugeln von zwei Männern auf einem Motorrad an einer Ampelkreuzung in Dublin, an der Guerin gerade mit ihrem Auto angehalten hatte. Dieser Auftragsmord markierte den Höhepunkt der Machenschaften Dubliner Drogenbosse und zugleich deren Niedergang. Dies ist zumindest die Deutung von Joel Schumachers Drama Die Journalistin von 2003.

Auf dem Weg zu ebendieser Ampelkreuzung befinden wir uns mit Veronica Guerin (Cate Blanchett) zu Beginn von Die Journalistin. Wegen wiederholter Geschwindigkeitsüberschreitungen hatte ihr kurz zuvor noch der Führerscheinentzug gedroht. Doch der Richter ließ sich erweichen, nachdem sie auf ihren Job verwiesen hatte: Journalistin, und zwar die bekannteste in Dublin zu jener Zeit. Erleichtert fährt sie mit dem Auto durch die Straßen, bis ihr beim Halt an der Ampel plötzlich das Autofenster eingeschlagen wird. Es folgt eine Rückblende ins Jahr 1994.

Grenzüberschreitende Einzelgängerin

Zu dieser Zeit ist die irische Hauptstadt schwer gezeichnet von der sich ausbreitenden Drogenkriminalität. Veronica, die ihre journalistische Karriere erst vier Jahre zuvor begonnen hat, streift zu Beginn der Rückblende durch eines der vom Heroinhandel besonders betroffenen Stadtviertel. Regisseur Joel Schumacher vermittelt das Elend mit reißerischen Bildern: Die Straßen sind voller gebrauchter Drogenutensilien, mittendrin spielen Kleinkinder mit Spritzen und ein verlassenes Wohnhaus dient mehreren jugendlichen Junkies als Heroinhöhle.

Nachdem sie für ihre Zeitung, das Boulevardblatt Sunday Independent, über Kirchenskandale und Wirtschaftskorruption berichtet hatte, wittert Veronica in der grassierenden Drogensucht ihr nächstes großes Thema. „Kein Mensch schreibt darüber, es interessiert keinen. Irgendjemand muss doch etwas gegen diese Mistkerle unternehmen“, erzählt sie ihrem Mann Graham (Barry Barnes) am Abend, nachdem sie den gemeinsamen Sohn ins Bett gebracht hat. Ihr journalistisches Interesse wird im Film als vor allem moralisches Anliegen dargestellt. Sie macht es zu ihrer Mission, die Jugend Dublins vor der Drogensucht zu retten, indem sie die Drogenbosse Dublins enttarnt.

Dies, so stellt der Film dar, tut sie vor allem im tapferen Alleingang. Zwar verbündet sie sich mit dem Polizisten Chris (Don Wycherley), der die notorische Unterbesetzung der Dubliner Polizei beklagt. Aber die Mitglieder des organisierten Verbrechens sucht sie völlig schutzlos auf. Ihre erste Anlaufstelle ist dabei der konstant von ihr unterschätzte Großgangster John Traynor (Ciarán Hinds), der ihr schon bei ihren vorangegangen Stories als Informant diente. Als ihre Recherchen über die jüngsten Morde unter rivalisierenden Drogengangs sie zum wahren Drahtzieher John Gilligan (Gerard McSorley) führen, setzt Traynor alles daran, sie von dieser Spur abzubringen. Denn Gilligan ist ein cholerischer Psychopath, wie der Film in mehreren einschlägigen Szenen hervorhebt. Sollte er seinen Namen jemals in der Zeitung lesen, so droht er, ist Traynor der Erste, der stirbt.

Bedrohte Star-Journalistin

Als aufrechte Kämpferin, die für investigativen Journalismus brennt, wird Veronica Guerin in Die Journalistin porträtiert. Jegliche Einwände ihrer Familie, dass ihre Arbeit sie alle in Lebensgefahr bringen kann, bügelt sie ab. Selbst als Unbekannte Schüsse auf ihr Haus abfeuern, ist sie von ihrer Recherche nicht abzubringen. Es folgt ein weiterer Überfall, bei dem ihr ins Bein geschossen wird. Die intensivste Szene des Films zeigt, wie sie schließlich John Gilligan auf seinem Gut aufsucht und ihn mit Fragen bombardiert. Wieder ist sie völlig allein, nachdem sie den ihr auferlegten Polizeischutz abgeschüttelt hat. Als Gilligan sie wüst beschimpft und krankenhausreif schlägt, wird im Film zum ersten Mal der schmale Grat zwischen bewundernswertem Mut und trotzigem Leichtsinn in Veronicas Handeln angedeutet.

Doch der Film Die Journalistin belässt es bei diesen Andeutungen statt weitere Zusammenhänge aufzuzeigen, die Guerins Risikofreude verständlich machen würden. Im Verlauf des Films werden etwa Veronicas wachsende Bekanntheit und Popularität in Dublin mehrfach aufgegriffen. Nach dem zweiten Attentatsversuch ziert gar ihr Konterfei einen Doppeldecker-Bus als Werbung für den Sunday Independent mit dem Slogan: „Veronica Guerin: Ein Leben unter ständiger Bedrohung“. Aber es wird nicht miteinander verknüpft, wie Veronicas riskante Recherchemethoden und ihre Vermarktung als bedrohte Star-Journalistin sich gegenseitig bedingt und zur Auflagenstärkung des Wochenblatts beigetragen haben.

Märtyrerin?

Joel Schumachers Film schreckt vor solchen Problematisierungen zurück, denn die Intention ist eine andere: Die Journalistin soll eine Heldinnengeschichte erzählen und den Verdiensten von Veronica Guerin ein eindeutiges Denkmal setzen. Dieses ist entsprechend sehr konventionell gehalten. Bis auf die überzeugenden Darbietungen von Cate Blanchett, Gerard McSorley und Ciarán Hinds sticht nichts besonders hervor in diesem mitunter sehr pathetischen, von irischen Folkklängen unterlegten Drama.

Fragwürdig wird dann aber die Hochstilisierung von Guerins vorzeitigem Ableben zum wirksamen Opfertod. Zwar sorgte dieser Journalistenmord in Irland für großes Aufsehen und ein bald darauf erlassenes Gesetz erwirkte, dass irische Großkriminelle wegen ihrer illegal erworbenen Vermögenswerte belangt werden konnten. Doch Die Journalistin stellt dies als endgültigen Sieg im Kampf gegen das organisierte Verbrechen und die Drogenkriminalität in Dublin dar.

Heute, mehr als 20 Jahre nach Guerins Tod, scheint sich die Situation jedoch kaum gebessert zu haben – ganz im Gegenteil. Seit 2016 tobt in Dublin ein Krieg zwischen den rivalisierenden Kartellbossen Gerry Hutch (der ebenfalls in Die Journalistin dargestellt wurde) und Christy Kinahan. Diesem sind bislang 18 Menschen zum Opfer gefallen. Mit ihren investigativen Recherchen hat Guerin die Strukturen des organisierten Verbrechens in Irland für die Bevölkerung sichtbarer gemacht. Aufgelöst haben sie sich damit nicht – und erst recht nicht mit ihrem viel zu frühen Tod.

Die Journalistin

(Originaltitel: Veronica Guerin)

USA, Irland, Großbritannien 2003. 94 Min.

Regie: Joel Schumacher. Drehbuch: Carol Doyle, Mary Agnes Donoghue

Kamera: Brandon Galvin

Besetzung: Cate Blanchett, Gerard McSorley, Ciarán Hinds, Brenda Fricker, Don Wycherley

 

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Dobrila_KonticDobrila Kontić, M.A., studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften, Englische Philologie und Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin und Journalismus am Deutschen Journalistenkolleg (DJK). Sie betreibt das Onlinemagazin culturshock.de.

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