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Filmkritik zu „France“: Schicksalsjahre einer Star-Journalistin

Bruno Dumonts Film „France“ beginnt wie eine bissige Mediensatire und schlägt dann einen unerwarteten Weg ins Abstrahierende ein.

Das goldblonde Haar ist perfekt frisiert, die farbenprächtige, elegante Garderobe sitzt wie angegossen und die Lippen ziert ein knalliges Rot: France de Meurs (Léa Seydoux) ist nicht nur TV-Journalistin, sie ist eine Star-Journalistin. Ihre Politik-Sendung „Un regard sur le monde“ („Ein Blick auf die Welt“) ist in ganz Frankreich bekannt, auf der Straße wird sie mit Bitten um Selfies und Autogramme bombardiert, während ihr Konterfei werbewirksam auf vorbeifahrenden Bussen prangt.

Hochinszenierter Profiljournalismus

Dass sie landesweit bekannt ist, verdankt France auch ihrer Produzentin Lou (Blanche Gardin), die sie mit aufpeitschenden Worten antreibt und mit Social-Media-unterfüttertem Lob überschüttet. In einer anfänglichen Szene, die Originalaufnahmen einer Pressekonferenz von Emmanuel Macron im Élysée-Palast mit dem Plot verwebt, stellt France dem Präsidenten eine sorgsam vorbereitete, provokante Frage. Noch während der Konferenz freuen sich France und Lou über die Köpfe der anwesenden Presseangehörigen hinweg über diesen wohl kaum weltbewegenden Erfolg und feixen mit vulgären Gesten herum. Frances Karriere in der Medienwelt mag steil sein, will diese Szene vermitteln, der Hype dahinter ragt aber schon ins Irreale.

Im weiteren Verlauf ist dieser Film sehr darum bemüht, aufzuzeigen, was hinter dieser Art von Star-Journalismus steckt: Die Beiträge, die France in Krisengebieten mit einer Film-Crew für ihre Sendung dreht, sind von auffallender Subjektivität und hochgradig inszeniert. Eine lange Szene zeigt Frances Ankunft in der Sahelzone, in der sich eine Gruppe Tuareg gegen Dschihadisten wappnet. Wir sehen nicht nur, wie France mithilfe eines Dolmetschers die Kämpfer interviewt, sondern auch, wie sie im Anschluss weitere Sequenzen für ihren Beitrag filmt, den Tuareg ausufernde Regieanweisungen gibt, sie publikumswirksam heroisierend positioniert und zugleich immer wieder ihr eigenes Gesicht in den Vordergrund schiebt. Der fertige Beitrag, der dann in ihrer TV-Sendung zu sehen ist, ist sensationsheischend, launig und eitel geraten.

Interview im Krisengebiet: Léa Seydoux als Star-Journalistin in Bruno Dumonts Film „France“. Photo: R. Arpajou © 3B PRODUCTIONS

Unvorhersehbar und experimentell

„Für mich bildet Eitelkeit einen Kern der Medien. Aber dennoch liegt in ihr eine Sensibilität verborgen“, äußerte der französische Drehbuchautor und Regisseur Bruno Dumont in einem Interview zu France. Dumont gilt mittlerweile als Auteur-Regisseur, dessen frühe Filme von einem harschen Sozialrealismus geprägt waren, bevor er sich in seinen jüngeren Werken etwa französischen Ikonen aus Kunst (Camille Claudel 1915) und Geschichte (Jeannette – Die Kindheit der Jeanne d’Arc und Jeanne d‘Arc) widmete. Seine Filme sind von inszenatorischer Experimentierfreude geprägt, die mitunter über gängige Genrekonventionen nonchalant hinweggeht.

Nicht anders verhält es sich mit seinem Film France, der zunächst wie eine beißende Mediensatire anmutet, in deren Mittelpunkt eine weitgehend über der Realität schwebende Protagonistin steht. Auch die Szenen über Frances Privatleben, das sie mit ihrem Ehemann Fred (Benjamin Biolay) und dem zehnjährigen Sohn Joseph (Gaëtan Amiel) in einer scheinaristokratisch opulent ausstaffierten Wohnung verbringt, machen sie als Figur kaum zugänglich. Doch der erste Wendepunkt in dieser Erzählung führt zu etwas weitaus Komplexerem und Uneindeutigerem, als vom anfänglich beißenden Tonfall zu erwarten gewesen wäre.

Von der Mediensatire zum düsteren Fotoroman

Was France gänzlich aus der Spur bringt, ist ein Autounfall, bei dem sie durch ihre Unachtsamkeit den Motorradkurier Baptiste (Jewad Demmar) anfährt. Obwohl Baptiste den Unfall mit einem Beinbruch überlebt und dessen aus dem Maghreb stammende und unter Finanznöten leidende Familie sehr gnädig mit France umgeht (auch sie sind Fans von ihr), gerät die Journalistin plötzlich gänzlich aus dem Takt. Das Eindringen einer solchen Realität in ihr wohlinszeniertes Leben war nicht vorgesehen und nagt an ihr. Die von ihr einst so begehrte Berühmtheit wird ihr zur Last, als sie zum Subjekt der Klatschpresse wird. Und ihr journalistisches Selbstverständnis kommt ihr dermaßen abhanden, dass sie auf die harschen Worte eines an ihrer Sendung teilnehmenden Politikers, sie sei für seinesgleichen nur „hübsch und nützlich“, nichts zu entgegnen weiß. Selbst die hypenden Worte von Lou im Anschluss an diese Schroffheit können nicht mehr zu der in Tränen aufgelösten France durchdringen.

Die Identitätskrise von France setzt sich fort, wiederholt kann sie ihre Tränen vor der Kamera kaum zurückhalten. Sie gibt ihren Beruf vorübergehend auf, bemüht sich vergeblich, den weniger Privilegierten zu helfen, und begibt sich schließlich zu einem Kuraufenthalt in eine Alpenklinik, die angeblich auch Angela Merkel regelmäßig aufsuchen soll. Von den mediensatirischen Tönen ist bald fast gar nichts mehr in France zu spüren. Stattdessen macht sich eine irritierende Melodramatik breit, die sich im Plot in einer unglücklichen Liebschaft und schließlich einem etwas bizarr anmutenden Schicksalsschlag manifestiert. Dumont zufolge ist dies durchaus gewollt: Er habe eine Erzählung beabsichtigt, der etwas von einem Fotoroman anhafte, mitsamt seiner emphatischen, melodramatischen und überzeichneten Elemente. Dieser Umschwung in der Tonalität ist zwar mitunter schwer nachzuvollziehen, aber zumindest sorgt die nuancierte und gefühlvolle Darbietung von Léa Seydoux für etwas Balance und kommuniziert ein nicht gänzlich greifbares, aber aufrichtiges Unwohlsein der Figur.

Nuanciert und gefühlvoll stellt Seydoux die Identitätskrise der Protagonistin dar. Photo: R. Arpajou © 3B PRODUCTIONS

Medienkritik mit viel Deutungsspielraum

Dennoch lässt Dumont nicht gänzlich von seiner Medienkritik ab, sondern integriert diese vielmehr auf sehr subtile Weise in den weiteren Weg seiner Protagonistin. Diese kehrt trotz erneuter Rückschläge und einer anhaltenden Identitätskrise in ihren Beruf zurück und versucht, ihn auszuüben wie bisher: Sie erhält ihre selbstbeweihräuchernde Inszenierung mühsam aufrecht, sogar nachdem diese durch einen peinlichen Fauxpas an die Öffentlichkeit dringt und einen Shit-Storm auslöst. Frances Ehrgeiz und ihr Bedürfnis nach Berühmtheit münden in einen Stoizismus, der eine gewisse Selbsterkenntnis suggeriert: Ja, sie ist ein Rädchen in einem zynisch agierenden Mediengetriebe, aber kann nichts daran ändern.

Die Kritik an der nur an Aufmerksamkeit und Quote orientierten Medienindustrie bleibt in France insgesamt recht unscharf, was auch damit zu tun hat, dass Dumont diese viel weiter fasst und in Interviews wiederholt auf die Nähe zwischen digitaler Realität und cineastischer Fiktion eingeht: „Diese Verbindung wird geschaffen, indem Ihnen die beunruhigende Art und Weise gezeigt wird, in der die Nachrichten aufbereitet werden, was verdeutlicht, dass die Realität eigentlich eine Fiktion ist. Die Nachrichten sind eine Art von Fiktion.“ Man kann Dumonts Kritik verkürzt finden und sich über die seltsamen Wege wundern, die der Plot von France einschlägt. Der Film stimmt dennoch nachdenklich, was am gewagt großen Deutungsspielraum liegen könnte, den er dem Publikum hinterlässt.

France
Frankreich, Italien, Deutschland, Belgien 2021. 134 Min.
Regie und Drehbuch: Bruno Dumont
Kamera: David Chambille
Besetzung: Léa Seydoux, Blanche Gardin, Benjamin Biolay, Emanuel Arioli, Juliane Köhler, Gaëtam Amiel, Jewad Zemmar, Marc Bettinelli, Lucile Roche
Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=3tddgDCTGDk&ab_channel=Filmtoast

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV)

Dobrila Kontić hat Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften, Englische Philologie und Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin und Journalismus am Deutschen Journalistenkolleg (DJK) studiert. Sie arbeitet als freie Journalistin, Film- und Serienkritikerin in Berlin.

 

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