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Filmkritik zu „Inside WikiLeaks“: Das kurze Dasein der fünften Gewalt

Bill Condons Thriller „Inside WikiLeaks“ (2013) zeichnet den Aufstieg und Fall der Whistleblowing-Plattform und ihres Gründers Julian Assange nach – zugunsten einer allzu ehrwürdigen vierten Gewalt.

So aussichtslos dies wegen der verhärteten Fronten auch schien: Man muss es dem britischen Schauspieler Benedict Cumberbatch zugutehalten, dass er vor den Dreharbeiten zum Film „Inside WikiLeaks – Die fünfte Gewalt“ (2013) Kontakt zum WikiLeaks-Gründer Julian Assange gesucht hat. Zu diesem Zeitpunkt saß Assange seit einem halben Jahr in der ecuadorianischen Botschaft in London im politischen Asyl und fand höfliche, aber deutliche Worte in seiner Absage an Cumberbatch: „Ich kann diesem Film keinen Anspruch auf Authentizität oder Wahrhaftigkeit zugestehen.“

Assange bezog sich in seiner Begründung auf die beiden Bücher, die als Vorlage für Josh Singers Drehbuch zu „Inside WikiLeaks“ dienen sollten. Das eine Werk war der autobiografische Bericht „Inside WikiLeaks. Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt“ (2011) von Daniel Domscheit-Berg, der von 2007 bis 2010 an WikiLeaks mitgewirkt hat. Das andere Buch, „WikiLeaks: Inside Julian Assange’s War on Secrecy“ (2011), stammt von David Leigh und Luke Harding, zwei Redakteuren der britischen Zeitung The Guardian, die in enger Abstimmung mit WikiLeaks mehrere Leaks für ihre Zeitung aufbereitet hatten. Mit beiden Seiten hatte sich Assange bis Ende 2010 überworfen.

In ebendiesem prägenden Jahr setzt der Film „Inside WikiLeaks“ – nach einem rasanten visuellen Vorspann zum Medienwandel – ein: Die erste Szene zeigt, wie im Juli 2010 die Redaktionen von Guardian, New York Times und Spiegel die zeitgleiche Veröffentlichung ihrer Artikel zu den afghanischen Kriegstagebüchern abstimmen, zu denen sie von WikiLeaks Exklusivzugang erhalten hatten. Die Kamera schaut Daniel Berg (Daniel Brühl) über die Schulter, auf einen der Guardian-Artikel, und dann mit ihm zurück ins Jahr 2007: Kurz nachdem er Julian Assange im Online-Chat kennengelernt hat, steht Daniel ihm, verkörpert von Benedict Cumberbatch, zum ersten Mal beim Kongress des Chaos Computer Clubs gegenüber.

Cumberbatch hat zur Vorbereitung auf die Rolle offensichtlich intensiv die Gesten, die Posen und die Redeweise von Assange studiert, auf Grundlage der vielen verfügbaren Videos von seinen Auftritten. Recht überzeugend gibt er Assange als rastlosen, lispelnden Exzentriker, der klare Anliegen wie Transparenz und Informationsfreiheit vertritt, aber sich bezüglich seiner Vergangenheit in eine Aura des Mysteriösen hüllt.

Der verrückte Prophet und die Stimme der Vernunft

„Inside WikiLeaks“ widmet sich im Folgenden eingehend der Beziehung zwischen Julian und Daniel, einem äußerst ungleichen Paar, das aber zumindest zu Beginn die gleichen Ziele verfolgt: WikiLeaks als geschützte Whistleblowing-Plattform bekannt zu machen und durch die Veröffentlichung von brisanten Geheimdokumenten die Weltpolitik zu verändern.

In rasanten Schnitten und von allzu modern daherkommenden Electro-Sounds untermalt, rast der Film dabei durch Stationen in Berlin, Reykjavik, London, Nairobi und zeigt eine schier endlose Reihe von Figuren. Dabei dient Daniel, der Buchvorlage von Domscheit-Berg entsprechend, als Fokuspunkt, durch den wir Julian Assange betrachten. Während Daniel bemerkenswert konturlos und uninteressant bleibt, wird Julian im weiteren Verlauf zunehmend als narzisstischer Manipulator porträtiert. Wann immer Daniel an Julians forscher Arbeitsweise zweifelt, tischt ihm dieser ein trauriges Kapitel aus seiner undurchsichtigen Vergangenheit auf und gibt so eine freundschaftliche Vertrautheit vor. Zugleich stellt Daniel fest, dass WikiLeaks eine viel kleinere Organisation ist, als zunächst von ihm angenommen – eine Erkenntnis, die „Inside WikiLeaks“ anhand einer Großraumbüro-Szene visualisiert, in der reihenweise Julians sitzen.

Trotz dieser frühen Feststellung bleibt Daniel bei WikiLeaks und wird bald zur Stimme der Vernunft an der Seite eines „verrückten Propheten“, wie Daniels genervte Freundin Anke (Alicia Vikander als eine zahme Version der Netzaktivistin Anke Domscheit-Berg) Julian an einer Stelle nennt. Daniels im Kontrast zu Julians Impulsivität stehende Besonnenheit wird etwa in der Szene deutlich, die die beiden gemeinsam mit einem kleinen Team kurz vor Veröffentlichung des „Collateral Murder“-Videos durch WikiLeaks zeigt. Während Julian schon heraufbeschwört, dass diese Aufnahme von einem amerikanischen Kampfhubschrauber-Einsatz gegen unbewaffnete irakische Zivilisten alles verändern werde, rät Daniel, nichts zu überstürzen, und hält dazu an, nach Bagdad zu fliegen: „Wir sind Journalisten. Wir müssen unsere Quellen prüfen.“

Zerwürfnis wegen Ethikfragen?

Inwiefern Julian Assange und die Mitwirkenden von WikiLeaks tatsächlich Journalisten sind, wird bis heute diskutiert – vor allem im Zuge des jüngsten Urteils der britischen Justiz im Verfahren gegen Assange. Und auch „Inside WikiLeaks“ wirft diese Frage spätestens mit dem ersten Auftritt des Guardian-Journalisten Nick Davies (David Thewlis) auf.

Als weitsichtiger, den Medienwandel besorgt beäugender Journalist bietet Davies Daniel und Julian nach der Veröffentlichung des „Collateral Murder“-Videos und der anschließenden Verhaftung von Whistleblowerin Chelsea Manning eine „Medienkoalition“ an. Diese würde WikiLeaks als Nachrichtenagentur legitimieren und Julian zur „moralischen Instanz“ erheben. Seine Bedingung ist, dass Julian und Daniel die Namen von potenziell gefährdeten Informanten in den afghanischen und irakischen Kriegstagebüchern unkenntlich machen. Es ist eine Vereinbarung, so stellt es „Inside WikiLeaks“ dar, die Julian nur widerwillig eingeht („WikiLeaks redigiert nicht.“) und schließlich bricht, was zum Zerwürfnis mit dem Guardian und mit Daniel führt.

Die Darstellung des Zerwürfnisses aufgrund ethischer Fragen lässt den Guardian als rechtschaffenen Vertreter der „vierten Gewalt“ dastehen, während Julian Assange ein Mangel an journalistischer Sorgfalt und Risikominimierung sowie eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber Menschenleben unterstellt wird. Dabei spart „Inside WikiLeaks“ das aus, was Sarah Ellison 2011 in ihrem Artikel zum Zerwürfnis zwischen Assange und dem Guardian als „Kampf der Kulturen und Ambitionen“ bezeichnete. In diesem ist vor allem von der Zweckmäßigkeit die Rede, die die schwierige Beziehung zwischen der altehrwürdigen, aber an Auflage einbüßenden Zeitung und der modernen, spendenfinanzierten Whistleblower-Plattform bedingte. Ellison zufolge brach Nick Davies den Kontakt zu Assange in dem Moment ab, als bekannt wurde, dass Assange nicht nur den drei Redaktionen von New York Times, Guardian und Spiegel die Dokumente zur Verfügung gestellt hatte, sondern auch dem britischen Fernsehsender Channel 4. Die Redakteure des Guardian pochten auf weitgehend exklusiven Zugang zu den brisanten Quellen, aber als sie Monate später über die freie Journalistin Heather Brooke an weiteres unveröffentlichtes WikiLeaks-Material (die Depeschen amerikanischer Botschafter) kamen, veröffentlichten sie ihre Artikel dazu entgegen voriger Vereinbarungen ohne Absprache mit Assange.

Einfache Erklärungsmuster mit Folgen

Selbstverständlich kann man von einem Spielfilm nicht unbedingt erwarten, dass komplexe Hintergründe für solche Brüche in den Beziehungen im Detail ausgeleuchtet werden. Vielmehr ist es auch bei auf wahren Ereignissen beruhenden Filmen gang und gäbe, zuspitzend zu fiktionalisieren, um den emotionalen Kern der erzählten Geschichte stärker hervortreten zu lassen.

Im Fall von „Inside WikiLeaks“ heißt das, dass die Figur Julian Assange aufgrund charakterlicher Defizite und trotz der Warnungen seines vernünftigen Kollegen Daniel und rechtschaffener Journalisten scheitern muss. Damit greift dieser Film zugleich ein in vielen westlichen Leitmedien gängiges Erklärungsmuster für den Aufstieg und Fall von Julian Assange auf: Sein Mut war beeindruckend und die Idee einer Whistleblowing-Plattform grundsätzlich zu befürworten – aber sein narzisstischer Hochmut, seine Rücksichtslosigkeit und Paranoia kosteten ihn zu Recht das öffentliche Ansehen. Ein ähnliches Fazit zu WikiLeaks und Assange wurde im selben Jahr auch in Alex Gibneys Dokumentarfilm „We Steal Secrets“ gezogen.

Diese Sichtweise auf den Fall Assange wurde von Beginn an aber auch als diffamierende Medienkampagne angefochten – nicht nur von Assange selbst. David Edwards und David Cromwell, die Gründer des britischen linken Media-Watchblogs MediaLens, legten in ihrem 2018 erschienenen Buch „Propaganda Blitz. How the Corporate Media Distort Reality“ ausführlich dar, mit wie viel Spott und Hohn britische Journalisten öffentlich auf Twitter und in Online-Artikeln auf Assanges Asylsuche in der ecuadorianischen Botschaft reagierten und eine verleumderische Berichterstattung zu Assange vorantrieben. Der US-Journalist und Pulitzer-Preisträger Glenn Greenwald wunderte sich in den letzten Jahren wiederholt über die „zutiefst emotionale und personalisierte Fehde“, die der Guardian in fehlerhaften Artikeln über Assange und WikiLeaks austrug. Unwahrheiten monierte auch im vergangenen Jahr das NDR-Magazin ZAPP, als es CNN– und Guardian-Berichte zu einer angeblichen Russland-Connection Assanges entkräftete.

Dementsprechend muss man sich aktuell nicht wundern, dass die Berichterstattung seitens vieler Leitmedien zu den jüngsten Entwicklungen im Verfahren gegen Assange verhalten bleibt und sich auf halbherzige Warnungen vor Einschränkungen der Pressefreiheit beschränkt. „Inside WikiLeaks“ spiegelt die Wende in der medialen Wahrnehmung von WikiLeaks wider, die zu dieser Verhaltenheit geführt hat – als überladener und zugleich unterkomplexer Thriller, der Julian Assange verdammt aber zum Schluss dennoch das Hohelied auf die „neue Informationsrevolution“ anstimmt.

Inside Wikileaks – Die fünfte Gewalt
(Originaltitel: The Fifth Estate)
USA, Indien, Belgien 2013. 128 Min.
Regie: Bill Condon. Drehbuch: Josh Singer
Kamera: Tobias A. Schliessler
Besetzung: Benedict Cumberbatch, Daniel Brühl, David Thewlis, Moritz Bleibtreu, Alicia Vikander, Stanley Tucci, Laura Linney u. v. m.
Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=7eX8tGmAe9c

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Dobrila_KonticDobrila Kontić, M.A., studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften, Englische Philologie und Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin und Journalismus am Deutschen Journalistenkolleg (DJK). Sie betreibt das Onlinemagazin culturshock.de.

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