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Filmkritik zu „Network“: Quotensprünge in den gesellschaftlichen Verfall

Vor über 40 Jahren erschien mit Sidney Lumets Network (1976) eine bittere und weitsichtige Mediensatire, die das Feuilleton bis heute umtreibt. Eine Filmkritik von Dobrila Kontić.

Im Jahr 2016, als ein halbseidener Unternehmer und Reality-TV-Star zum 45. Präsidenten der USA gewählt wurde, feierte ein Film sein 40-jähriges Jubiläum, der dies vorherzusehen schien: Network von Regisseur Sidney Lumet. Bis heute sind in den amerikanischen, britischen und deutschen Feuilletons Empfehlungen zur Wiederentdeckung dieser bitteren Mediensatire aus der Feder von Drehbuchautor Paddy Chayefsky zu lesen. Dessen dystopische, aber in die damalige Zeit eingebettete Satire setzte sich rege mit medialen und ökonomischen Zuständen auseinander, die viele inzwischen als Realität ansehen: ein von Scripted-Reality-Formaten und Infotainment zersetztes Fernsehen vor dem Hintergrund einer zunehmend von Globalisierung, wachsenden multinationalen Konzernen und deren Medieneinfluss geprägten Welt, in der das Individuum nicht mehr zählt.

Howard Beale: Quotengift und Antidot

Das Individuum, an dem dies alles in Network demonstriert wird, heißt Howard Beale (Peter Finch). Einst der Star unter den Nachrichtensprechern wird der Mittsechziger von seinem Sender UBS aufgrund sinkender Einschaltquoten im Nachrichtensegment entlassen. Die Nachricht überbringt ihm sein Freund und Chefredakteur des Nachrichtenressorts, Max Schumacher (William Holden) – persönlich, aber offenbar nicht schonend genug: Howard, der verwitwet ist und nur noch für die Arbeit lebt, kündigt daraufhin in seiner Livesendung seinen Suizid vor laufender Kamera an.

Bereits dieser Auftakt wird von Peter Finch – der nach den Dreharbeiten starb und für diese Rolle posthum einen Oscar erhielt – und dem übrigen Ensemble mit einem so ruhigen Ernst gespielt, dass sich ein Ton fernab von Emotion und Überdrehtheit einstellt. Vielmehr bemüht sich Regisseur Lumet hier mit übergangslosen Schnitten und stetig steigendem Erzähltempo darum, eine nüchterne Basis für die unvorhersehbar wahnwitzige Kettenreaktion dieses ersten Schockmoments aufzubauen.

Während Max sich um den Geisteszustand seines Freundes sorgt, ist die Chefetage des Senders über Howards Live-Eklat erbost. Schließlich wurde UBS vor Kurzem vom Großkonzern CCA übernommen, der nun mit der Umstrukturierung des Sender-Managements beschäftigt und darauf bedacht ist, die Anteilseigner in Schach zu halten. Zähneknirschend wird Howard zugestanden, seine Äußerung in seiner letzten Sendung klarzustellen und sich in würdevoller Art zu verabschieden. Doch Howard nutzt diesen letzten Moment, um sich die Wut über Gott und die Welt von der Seele zu reden. Und siehe da: Die Quote steigt.

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Chefredakteur Max Schumacher (William Holden) und Nachrichtensprecher Howard Beale (Peter Finch), © 1976 Turner Entertainment Co. and Metro-Goldwyn-Mayer Studios Inc. All Rights Reserved.

 

Das Ende der Sachlichkeit

Mit diesem Wutausbruch spielt Howard unwissentlich der ehrgeizigen neuen Programmchefin von UBS, Diana Christensen (Faye Dunaway), in die Hände. Diese verantwortet eigentlich die Entwicklung fiktionaler Stoffe für den Sender, überzeugt aber den von CCA eingesetzten Chef Frank Hackett (Robert Duvall) davon, sie auch eine Umgestaltung des Nachrichtenprogramms vornehmen zu lassen. Als Max, Chef des Nachrichtenressorts, sich gegen diese Grenzüberschreitung sträubt, entgegnet sie ihm: „Fernsehen ist Showbusiness, Max. Und auch die Nachrichten müssen als Show verkauft werden.“

Mit Howards Wutausbruch vor laufender Kamera und dem Quotenanstieg sieht Diana diese und eine weitere These bestätigt: Das amerikanische Volk giere in dieser vom unrühmlichen Ende des Vietnamkriegs, vom Watergate-Skandal, von Inflation und Depression geprägten Zeit danach, dass jemand dessen Wut zum Ausdruck bringe. In Howard hat sie diesen Jemand gefunden, wie sie, stets zum Pitch bereit, auf den Punkt bringt: „Ich sehe Howard Beale als Prophet des Jüngsten Tages. Eine messianische Gestalt, die unbarmherzig die Verlogenheit unserer Zeit verurteilt.“

Und so weichen die regulären Abendnachrichten von UBS einer Bühne für Howards Tiraden auf den gesellschaftlichen Verfall. Die sachbezogene Information wird vom emotionalen Kommentar verdrängt und Objektivität nicht einmal mehr als Zielvorgabe in Betracht gezogen. Der endgültige Durchbruch beim Publikum erfolgt, als der geistig zunehmend beeinträchtigte Howard seine bis heute vielzitierte Rede hält: „I am as mad as hell and I’m not gonna take it anymore!“ In der deutschen Synchronisation wurde dieser Schlüsselsatz etwas salopp und ungenau mit „Ihr könnt mich alle am Arsch lecken, ich lass mir das nicht länger gefallen!“ übersetzt. Während dieser Rede fordert Howard die Zuschauer vor dem Fernseher auf, ihren Frust über die unhaltbaren Zustände zu entladen und diesen Satz in die Welt zu schreien, was diese in einer aufwendigen Hinterhofszene im Schein von Gewitterblitzen auch allzu bereitwillig tun.

Network zeigt im Folgenden, wie die neuen Fernsehmacher von UBS den erneuten Quotensprung nutzen, um einen Machtwechsel und das Programm samt Nachrichtenressort zur inhaltsleeren Quotenmaschine auszubauen – ohne Skrupel und ohne Angst vorm Unseriösen. „Wir machen kein seriöses Programm. Wir sind ein Nuttensender und müssen nehmen, was wir kriegen“, weiß Frank Hackett solchen Vorwürfen zu begegnen.

Reise zum dystopischen Kern der Satire

Drehbuchautor Paddy Chayefsky hat mit Network einen unheimlich dichten Plot mit vielen absurden Momenten und an Shakespeares Historienspiele erinnernden Monologen geschaffen. Regisseur Sidney Lumet gelingt es, dieses komplexe Kausalitätsgeflecht über den Niedergang eines einst seriösen Mediums auf anregende und unterhaltsame Weise zu arrangieren, ohne die Nebenstränge jemals außer Acht zu lassen. Zu denen gehören die Affäre zwischen dem entlassenen Chefredakteur Max und seiner Nachfolgerin Diana ebenso wie die „Mao-Tse-tung-Stunde“, ein von Diana entwickeltes Reality-Format über die Taten einer terroristischen Guerilla-Einheit.

Lumet, der für Justizfilme wie Die zwölf Geschworenen bekannt ist und dessen Werk als „Cinema of Conscience“ (Kino des Gewissens) eingeordnet wird, war vor Network ebenso wie Paddy Chayefsky jahrelang beim Fernsehen beschäftigt. Die Wucht ihrer Medienkritik zeugt nicht nur von einer Enttäuschung über die im Laufe der 1970er-Jahre in den USA zunehmende Anspruchslosigkeit des Fernsehprogramms. Mit Network kommt auch eine tiefe Angst vor der Macht des Fernsehens zum Vorschein, angesichts einer Generation, die mit diesem Medium aufgewachsen ist und nicht mehr zwischen Realität und Illusion zu unterscheiden weiß. An einer Stelle scheint es, als würde Howard Beale die Leute hierüber aufklären wollen: „Diese Röhre ist das Evangelium, die letzte Offenbarung. Diese Röhre kann krönen und stürzen. Präsidenten, Päpste, Premierminister. Diese Röhre ist die gefährlichste, furchterregendste, gottverdammte Macht in dieser gottlosen Welt. Und wehe uns, wenn sie je in die Hände der falschen Leute kommt, Freunde!“ Er fordert sie daraufhin auf, die Geräte abzuschalten, woraufhin die Quote nur weiter wächst.

Dass dieser moralische Niedergang des Fernsehens unaufhaltsam und wiederum nur Symptom und nicht Ursache eines viel größeren Niedergangs ist, wird im dritten Akt von Network deutlich. Nachdem Howard in einer seiner Predigten zu weit gegangen ist und ein Geschäft des Mutterkonzerns CCA mit Saudi-Arabien kritisiert hat, wird er in einer atemberaubend hellsichtigen Wutrede vom CCA-Chef Albert Jensen (Ned Beatty) darüber aufgeklärt, was diese Welt am Laufen hält: „Wir leben nicht länger in einer Welt von Nationen und Ideologien, Mr. Beale. Die Welt besteht aus einer Gruppe von Konzernen, sie unterliegt bestimmten Gesetzen, unwandelbaren Gesetzen der Wirtschaft. Die Welt ist ein Geschäft, Mr. Beale.“

In dieser biblisch anmutenden Szene offenbart sich, dass Network im Kern weniger eine Mediensatire als eine Dystopie ist, die mit ihrer Kritik auf eine von multinationalen Konzernen gesteuerte Welt abzielt. Und in einem solchen Szenario ist (oder war) das Fernsehen samt Fernsehjournalismus nichts weiter als eines von vielen Einfallstoren für die sich stetig ausbreitende Herrschaft von Großkonzernen.

Network

USA 1976, 116 Min.

Regie: Sidney Lumet; Drehbuch: Paddy Chayefsky

Kamera: Owen Roizman

Besetzung: Peter Finch, Faye Dunaway, William Holden, Robert Duvall, Wesley Addy

Auf DVD und Blu-ray seit 19.04.2018 bei Arthaus erhältlich.

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Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Dobrila_KonticDobrila Kontić, M.A., studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften, Englische Philologie und Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin und Journalismus am Deutschen Journalistenkolleg (DJK). Sie betreibt das Onlinemagazin culturshock.de.

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