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Filmkritik zu „Neues aus der Welt“: Der Wildwest-Anchorman

Das Western-Drama „Neues aus der Welt“ porträtiert eine fragile, vom Bürgerkrieg gezeichnete US-Gesellschaft und schreibt dem medialen Storytelling heilsame Kräfte zu.

„Ich bin heute hier, um Ihnen die Nachrichten aus unserer wunderschönen Welt vorzulesen!“ Diese Worte, die der betagte Kriegsveteran Captain Jefferson Kyle Kidd (Tom Hanks) an sein Publikum richtet, mögen feierlich klingen. Aber in der Eröffnungsszene von „Neues aus der Welt“ betten sie sich in die melancholisch-brüchige Atmosphäre des besonderen Settings ein: 1870 im US-Bundesstaat Texas. Seit dem fünf Jahre zurückliegenden Ende des amerikanischen Bürgerkriegs reist Kidd zu Pferd durch diese Gegend, um aktuelle Nachrichten aus Zeitungen zu verlesen, für 10 Cent pro zuhörender Person.

Seine Berufswahl könnte zynisch anmuten – schließlich war Kidd einst selbst als Buch- und Zeitungsdrucker in San Antonio, der ältesten Stadt in Texas, tätig, bevor der Süden den Krieg verlor und er sein einstiges Leben hinter sich ließ. Doch die Sorgfalt, mit der Kidd sich bei Kerzenschein auf seinen Auftritt in einer schäbigen Scheune vorbereitet, die Sanftheit, mit der er über die mitgebrachten Zeitungen streicht, verdeutlichen, dass sein Enthusiasmus nicht gespielt ist, wenn er dem Publikum die „großen Veränderungen“ von „da draußen“ vermittelt, zu denen Epidemien, der Ausbau von Eisenbahnstrecken, politische Entwicklungen, tragische Vorkommnisse und belustigende Kuriositäten gehören.

 

Auf Versöhnungstour durch den Wilden Westen

Wie bei vielen US-Gesellschaftsdramen der vergangenen Jahre scheint es auch bei „Neues aus der Welt“ naheliegend, Parallelen zur schwierigen amerikanischen Gegenwart zu suchen. Und diese liefert das auf dem gleichnamigen Roman von Paulette Jiles beruhende Western-Drama zweifellos: Regisseur Paul Greengrass („Captain Philipps“, „22. Juli“) erzählt von einem gespaltenen, um die „richtige“ Zukunft streitenden Land und richtet seinen Fokus auf das besonders unversöhnlich erscheinende Texas. Trotz der Kriegsniederlage beharren die im Film dargestellten raubeinigen Texaner weiterhin auf ihren alten „Werten“ („Texas First!“) und lehnen die Verfassungszugeständnisse zum Unions-Beitritt ab. Zugleich wird hier, wie „Neues aus der Welt“ eher am Rande thematisiert, nicht nur der Genozid an der indigenen Bevölkerung vollzogen, sondern es werden auch trotz Abschaffung der Sklaverei Lynchmorde an Schwarzen begangen. Noch dazu herrscht abseits der heruntergekommenen Städte ein völlig rechtsfreier Raum, in dem marodierende Banden das Sagen haben.

Mit seinem Fokus auf einen durch diese Gegend reisenden, Nachrichten verlesenden Kriegsveteran setzt sich „Neues aus der Welt“ mit der Rolle der Medien in solch einer brüchigen, in permanentem Wandel befindlichen Gesellschaft auseinander. Das amerikanische Zeitungsgewerbe hatte sich ab den 1840er-Jahren parallel zum Ausbau der Telegrafie und der Eisenbahnstrecken weiterentwickelt und gerade durch die Berichterstattung über den Bürgerkrieg einigen Auftrieb erhalten. Größere, leistungsstärkere Druckerpressen hatten ab 1860 ihren Teil hierzu beigetragen, aber dies vor allem im Norden der USA. 1860 lagen weniger als zehn Prozent der amerikanischen Druckereiunternehmen im Süden, der gerade einmal 70 der damals bundesweit herausgebrachten 387 Tageszeitungen stellte.

In dem von „Neues aus der Welt“ dargestellten, medial unterversorgten Gebiet fungiert Kidd als eine Art Anchorman, der nicht bloß die Nachrichten verliest, sondern diese vorab sorgsam kuratiert, auf die Stimmung des Publikums beschwichtigend, versöhnlich oder ermutigend einwirkt und stets auf mitreißendes Storytelling setzt. Einige Filmkritiker sehen in Greengrass‘ Protagonisten eine Art Wildwest-Version von Walter Cronkite (1916 – 2009), dem beliebten US-Fernsehjournalisten, der das amerikanische Publikum als Nachrichtensprecher von den frühen 1960er-Jahren bis in die 1980er-Jahre begleitete. Bis heute gilt Cronkite als besonders würdevoller, aufrichtiger und vertrauenerweckender Repräsentant seiner Zunft.

Die Grenzen der Linearität

„Neues aus der Welt“ präsentiert uns Captain Kidd aber eben nicht als strahlenden, durchweg optimistisch gestimmten Helden, sondern vielmehr als gebrochenen Mann, dessen ungewöhnliche Berufswahl seine letzte Stütze zu sein scheint. Nur zaghaft spricht Kidd über seine Vergangenheit in San Antonio, der Stadt, der er ebenso wie seiner Frau den Rücken gekehrt hat. Seine Begeisterung für tagesaktuelle und insbesondere rasch voranschreitende technologische Entwicklungen entspringt einem Willen, einem regelrechten Zwang, nur noch nach vorn zu blicken. Diese Weltsicht wird auf die Probe gestellt, als er auf die zehnjährige Johanna Leonberger (Helena Zengel) trifft, die gleich zwei Vergangenheiten zu bewältigen hat: Als Vierjährige hat die Tochter deutscher Siedler ihre Familie bei einem Angriff durch Angehörige des Kiowa-Stammes verloren. Fortan wuchs sie selbst bei den Kiowa auf, lernte ihre Sprache und verwaiste erneut, als ihre Ziehfamilie von texanischen Soldaten getötet wurde.

Kidd nimmt sich ihrer an und soll sie von Wichita Falls ins 400 Meilen entfernt liegende Castroville zu ihren verbliebenen deutschen Verwandten bringen. Auf der langen Kutschfahrt durch prächtige und unwirtliche Landschaften, den Pausen in staubigen Städten und unter ständiger Bedrohung durch bewaffnete Räuberbanden und verbliebene Ureinwohner nähern sich die beiden an. In einer Schlüsselszene versuchen sie, sich gegenseitig Englisch und Kiowa beizubringen, wobei die lineare Zielgerichtetheit der Ersteren sich deutlich von der zyklischen Weltsicht der Letzteren unterscheidet. Dieser Unterschied macht sich auch in ihrem individuellen Umgang mit der Vergangenheit bemerkbar. „Du musst es hinter Dir lassen. Nach vorne blicken“, rät Kidd etwa Johanna, nachdem sie das verlassene Haus ihrer ermordeten deutschen Eltern passiert haben. „Nein, um nach vorne sehen zu können, muss man sich zuerst erinnern“, entgegnet ihm Johanna in der Sprache der Kiowa.

Macht und Ohnmacht des Storytellings

An seinen beiden Hauptfiguren exemplifiziert „Neues aus der Welt“ die Beschränktheit des linearen, zielgerichteten Denkens. So sind Kidd und Johanna selbst nach der Ankunft an ihren vorgesehenen Zielorten noch immer verlorene, heimatlose Wesen in einer Welt, von der sie sich entfremdet haben. Doch auch im Hinblick auf die Rolle der Medien wird diese Begrenztheit der Linearität verhandelt: Die auf Aktualität gerichteten Worte der Tageszeitungen in „Neues aus der Welt“ bieten Kidds Publikum und ihm selbst vor allem Unterhaltung und Eskapismus. Grundlegende Information hingegen scheint angesichts ihrer vollends der Arbeit und dem Überleben gewidmeten Tage eher Nebensache zu sein.

Dementsprechend sind es schließlich eher die menschelnden, auf Moralität und Heldentum setzenden „soft news“, die Kidds Publikum mitreißen. Als er und Johanna von einer Verbrecherbande gezwungen werden, im Erath County haltzumachen, macht sich Kidd dieses selektive Publikumsinteresse gar zunutze: Anstelle des Propagandablättchens des tyrannischen Bandenchefs Farley (Thomas Francis Murphy) liest er eine Reportage über ein Grubenunglück und die Auflehnung der Überlebenden vor, um die Menge gegen Farley aufzubringen. Der Plan geht nicht ganz auf, aber die Geschichte inspiriert zumindest einen von Farleys Männern, ihm und Johanna zur Flucht zu verhelfen.

„Neues aus der Welt“ beschwört damit die einende, heilsame und zuversichtlich stimmende Macht des Storytellings herauf. Bedenkt man die heutige Fülle an Erzählformaten und die gegenwärtig große Skepsis, Unsicherheit und Uneinigkeit beim Blick in die Zukunft (nicht nur in den USA), enden hier aber auch wahrscheinlich die Parallelen zwischen der im Film dargestellten Welt und seiner Entstehungszeit.

Fazit

Die Zeit der großen, alle einenden Narrative scheint angesichts einer Gegenwart, die mehr um ihren Erhalt bangt als über den Fortschritt staunt, vorbei. Dennoch ist Paul Greengrass mit „Neues aus der Welt“ ein sehenswertes, behutsam inszeniertes Western-Drama gelungen, dem man vielleicht etwas naiven, veralteten Idealismus, aber keinesfalls Zynismus vorwerfen kann.

Neues aus der Welt
(Originaltitel: News of the World)
USA 2020. 118 Min.
Regie: Paul Greengrass. Drehbuch: Paul Greengrass, Luke Davies
Kamera: Dariusz Wolski
Besetzung: Tom Hanks, Helena Zengel, Michael Covino, Fred Hechinger, Neil Sandilands, Thomas Francis, Ray McKinnon
Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=yGod2iwZQCs

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Dobrila Kontić, M.A., studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften, Englische Philologie und Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin und Journalismus am Deutschen Journalistenkolleg (DJK). Sie betreibt das Onlinemagazin culturshock.de.

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