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Filmkritik zu Official Secrets: Späte Aufmerksamkeit statt Gerechtigkeit

Auf nüchterne, Pathos meidende Weise zeichnet Official Secrets den realen Whistleblowing-Fall von Katharine Gun im Vorfeld der Irak-Invasion 2003 nach.

Wem der Name Katharine Gun nicht geläufig ist, der muss kein schlechtes Gewissen haben. Nicht einmal der südafrikanische Regisseur Gavin Hood, der mit Official Secrets den realen Fall dieser Whistleblowerin verfilmt hat, kannte ihren Namen, bevor er einen Hinweis vom Produzenten Ged Doherty erhielt. Und obwohl das Memorandum, das Katharine Gun damals im Vorfeld der von den USA und Großbritannien geführten Irakinvasion 2003 geleakt hat, auf empörende Manipulationsversuche zur Unterstützung dieses Krieges hinwies, war das mediale Echo nur von kurzer Dauer. Dass Gavin Hood dieses mit Official Secrets, einem nüchternen, aber spannend erzählten Journalismus- und Justizdrama, nach 16 Jahren wieder erschallen lässt, könnte man als späte Gerechtigkeit betrachten – allerdings nur in puncto medialer Aufmerksamkeit.

Übersetzerin und Spionin

Gespielt wird Katharine Gun in Official Secrets von Keira Knightley – als nahbare und sympathische junge Frau, die 2003 im südwestenglischen Cheltenham mit ihrem Ehemann Yasar zusammenwohnt. Die beiden Endzwanziger leben in einem frühehelichen Idyll, das lediglich von Yasars unsicherem wackligem Aufenthaltsstatus als asylsuchender türkischer Kurde und der im Hintergrund drohenden Irak-Invasion gestört wird. Er jobbt in einem Café und Katharine ist als Mandarin-Übersetzerin für den staatlichen Nachrichtendienst GCHQ (= Government Communications Headquarters) tätig. Während Katharine sich über die beleglose Behauptung des Premierministers Tony Blair im Fernsehen echauffiert, es gebe Massenvernichtungswaffen im Irak, zeigt sich Yasar unbeeindruckt bis genervt über die anhaltende Empörung seiner Frau.

Welche Rolle Katharine bei GCHQ einnimmt, wird in Official Secrets zunächst bewusst heruntergespielt. Wir sehen sie informell gekleidet das fensterlose Großraumbüro betreten und mit ihren Kollegen scherzen und plaudern. Als sie dann eine chinesische Aufnahme abhört und darin enthaltene Passagen zur automatischen Computerübersetzung markiert, fragt man sich zurecht, was eigentlich ihr Job ist. GCHQ ist ein Geheimdienst, der, anders als der britische Inlandsnachrichtendienst MI5 und der Auslandsnachrichtendienst MI6, vor allem technische Methoden zur Nachrichtengewinnung nutzt. Er ist der Nachfahre der Government Code and Cypher School, die im Zweiten Weltkrieg mithilfe von Alan Turing die deutsche Enigma-Verschlüsselung geknackt hatte. Im Handlungszeitraum von Official Secrets bis heute betreibt GCHQ in engster Zusammenarbeit mit der amerikanisches NSA (National Security Agency) ein globales technisches System zur Nachrichtengewinnung. Wie weit dieses geht, enthüllte Whistleblower Edward Snowden 2013.

Genau genommen ist Katharine also als Spionin im Staatsdienst tätig. Dass sie aber eine politische Haltung einnimmt, die den Kriegsabsichten der britischen Regierung zuwiderläuft, macht sich bemerkbar, als sie und ihre Kollegen eine dubiose E-Mail erreicht. Darin fordert der NSA-Angehörige Frank Koza den GCHQ auf, im Nachrichtenverkehr von sechs Staaten (Angola, Bulgarien, Chile, Guinea, Kamerun, Pakistan) gezielt nach belastenden Informationen zu suchen. Diese sollen dazu dienen, die Stimmen dieser Staaten bei der anstehenden UN-Abstimmung über einen Irak-Einsatz zu gewinnen. Katharine und ihre Kollegen begreifen die Tragweite der Manipulations- und Erpressungsabsicht dieses Memos sofort. Doch auf kritische Rückfrage entgegnet ihre Chefin nur lapidar: „Das ist eine gemeinsame britisch-amerikanische Operation.“ Und während ihre Kollegen dies schulterzuckend hinnehmen, beginnt sich in der fassungslosen Katharine ein Entschluss zu formen.

Entzauberung des Whistleblowing

Im Folgenden erzählt Official Secrets nach, wie Katharine nach einigem Ringen mit sich selbst eine Kopie des Memos an eine Freundin mit Kontakt zur Presse schickt. Dies tut sie im völligen Bewusstsein darüber, dass sie zwar moralisch richtig liegen mag, aber strafrechtliche Konsequenzen zu befürchten hat, sollte sie als Informantin enttarnt werden.

Dabei ist bemerkenswert, wie viel Wert in Official Secrets auf eine nüchterne Darstellung von Katharines Handeln gelegt wurde. Die Ängstlichkeit, die Zweifel der Figur sind spürbar, aber in keinem Moment erscheint sie märtyrerhaft oder entlädt diese Gefühle in einer emphatischen Rede, wie wir sie aus Hollywood-Aufbereitungen ähnlicher Themen kennen. Dies bewirkt zusammen mit Keira Knightleys ernster und lebensnaher Darbietung, dass der Mut dieser Tat für die Zuschauer fassbar wird. Zugleich wird aber auf eine feierliche Heroisierung von Katharine verzichtet: Die musikalische Untermalung ihrer Handlungen ist dramatisch, aber nuanciert; die Dialoge sind realistisch; die Atmosphäre zwar unheilvoll düster gehalten, aber niemals grimmig.

Regisseur Gavin Hood, der sich bereits mit seinen Filmen Machtlos (2007) und Eye in the Sky (2015) politischen Themen zugewendet hat, scheint es damit um eine gewisse Entzauberung des Phänomens Whistleblowing zu gehen. So erklärt er beispielsweise im Interview mit dem Magazin The American Prospect, Katharine sei ihm im Vergleich zu Edward Snowden weniger als „Superheldin“ oder „mythische“ Figur erschienen, sondern als ruhige und zurückgezogene Person, die mit ihrer Tat etwas Außergewöhnliches geleistet habe.

Ein Coup entgegen der redaktionellen Leitlinie

Diesen Eindruck konnte er in langen Vorbereitungsgesprächen mit der echten Katharine Gun gewinnen. Sie bewirbt den Film aktuell auch in politischen Talkshows und Zeitungsinterviews, gemeinsam mit anderen am Fall Beteiligten. Einer von ihnen ist der Journalist Martin Bright, der damals für die englische Wochenzeitung The Observer schrieb.

Im zweiten Akt führt uns Official Secrets in die hellen Redaktionsräume dieses linksgeneigten Blattes, in dem einige Wochen vor der Irak-Invasion große Uneinigkeit herrscht. Chefredakteur Roger Alton (Conleth Hill) und der Leiter des Politik-Ressorts, Kamal Ahmed (Ray Panthaki), befürworten einen Kriegseinsatz im Irak aus humanitären Gründen und haben dementsprechend die Berichterstattung des Observer ausgerichtet. Dagegen begehren einige Journalisten, allen voran der Korrespondent Ed Vulliamy (Rhys Ifans), auf. Vulliamy empört sich darüber, dass der Observer quasi nur noch die Pressemitteilungen aus der Kommunikationszentrale des Premierministers Tony Blair abdrucke und einen illegalen Krieg unterstütze.

Dies entspricht nicht nur der realen Ausrichtung des Observer kurz vor der Irak-Invasion 2003, sondern verweist auf ein größeres damaliges Phänomen: Auch wenn Official Secrets darauf nicht explizit eingeht, gab es trotz der großen Ablehnung eines Kriegseinsatzes in der amerikanischen und britischen Bevölkerung eine breite mediale Unterstützung für diesen Krieg – obwohl die Belege für die offizielle Begründung der Militäroperation (eine unmittelbare Bedrohung der USA durch Massenvernichtungswaffen des Irak) ausblieben. Interessant ist, dass nicht nur radikal-konservative Zeitungen und Fernsehsender nach außen diese befürwortende Haltung vertraten und Fehlinformationen verbreiteten, sondern auch ehrbare liberale Blätter wie die New York Times, die Washington Post und eben der britische Observer. Mit einigen Jahren Abstand zu den Ereignissen von 2003 wird diese journalistische Fehlleistung aktuell wieder thematisiert und es wird auf die bis heute spürbaren Folgen für die Glaubwürdigkeit der Medien verwiesen.

Mitten in dieser Gemengelage von Befürwortung und Ablehnung des drohenden Einsatzes im Irak spielt eine politische Aktivistin Martin Bright (Matt Smith) das von Katharine geleakte Memorandum zu. Da Katharine zu diesem Zeitpunkt noch eine anonyme Quelle und Martin unbekannt ist, macht er sich mit seinen Kollegen Ed und Peter Beaumont (Matthew Goode) daran, den Inhalt des Schriftstücks zu verifizieren. Und auch hier widersteht Official Secrets der Darstellung eines klischeebeladenen Wettlaufs gegen die Zeit und zeigt stattdessen die Kleinteiligkeit der journalistischen Arbeit. Dazu gehören Hintergrundgespräche mit Informanten, die anonym bleiben wollen, die Nachverfolgung kleinster Hinweise und der fortlaufende Informationsaustausch zwischen den drei Journalisten, die alles andere als sicher sind, ob diese Mühen zu irgendetwas führen werden.

Keine Konsequenzen, aber Nachwirkungen

Bevor sich Official Secrets schließlich vom Journalismus- zum Justizdrama wandelt, erleben wir die Veröffentlichung der damaligen Story im Observer am 02. März 2003 unter dem Titel „US dirty tricks to win vote on Iraq War“ („Die schmutzigen Tricks der USA, um die Abstimmung über den Irak-Krieg zu gewinnen“) mit. Es ist kein Spoiler, dass Katharine Gun ihr wahres Ziel, mit dieser Enthüllung den Irak-Krieg zu verhindern, der zwischen 150.000 und einer Million Todesopfer forderte, nicht erreicht hat, sondern stattdessen angeklagt wurde, gegen den Official Secrets Act verstoßen zu haben. Und so muss sich auch die echte Katharine Gun in aktuellen Interviews fragen lassen, was ihre mutige Enthüllung letzten Endes bewirkt hat. „Es hat die Abstimmung der Vereinten Nationen über den Krieg verunmöglicht. Die Länder, die in der E-Mail erwähnt wurden, beteiligten sich dann nämlich nicht am Voting über die Resolution. Eine legale Basis für diesen Krieg fehlte somit“, entgegnete sie jüngst der Neuen Zürcher Zeitung.

Da George W. Bush, der damalige Präsident der USA, und Tony Blair trotz der äußerst kritischen Befunde des 2016 veröffentlichten Chilcot-Untersuchungsberichts sich für diesen quasi illegal geführten und äußerst folgenreichen Krieg nie verantworten mussten, bleibt nur die Möglichkeit des kritischen Blicks zurück. Diesen wirft Official Secrets mit Bedacht und auf intelligente, sehenswerte Weise. Man würde sich diese späte Aufmerksamkeit auch von den Medien und den Journalisten wünschen, die damals, teilweise auch unter politischem Druck, eine vermeintlich patriotische Haltung einnahmen, ohne ihrer Recherche- und Sorgfaltspflicht nachzukommen.

So bleibt nur zu hoffen, dass Whistleblower wie Katharine Gun auch weiterhin den Mut fassen, brisante Informationen an Medien weiterzugeben, die damit umzugehen wissen und an eine Öffentlichkeit geben können, die ihnen vertraut.

Official Secrets
USA / Großbritannien 2019
112 Min.
Regie: Gavin Hood. Drehbuch: Gregory Bernstein, Sara Bernstein, Gavin Hood
Kamera: Florian Hoffmeister
Besetzung: Keira Knightley, Matt Smith, Matthew Goode, Rhys Ifans, Adam Bakri, Ralph Fiennes
Deutscher Kinostart: 21. November 2019
Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=FZfYk8EUNF8

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Dobrila_KonticDobrila Kontić, M.A., studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften, Englische Philologie und Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin und Journalismus am Deutschen Journalistenkolleg (DJK). Sie betreibt das Onlinemagazin culturshock.de.

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