RSS-Feed

Filmkritik zu „Reporter des Satans“: das Inhumane an „Human Interest“

Die Sensation an einer menschlichen Tragödie treibt Reporter Chuck Tatum zur ethischen Grenzüberschreitung. Um Auflage zu steigern, versucht Tatum im Film „Reporter des Satans“ die Rettung eines in einer Höhle Eingeklemmten zu verhindern. Billy Wilders düsteres Werk wird auf unangenehme und äußerst sehenswerte Weise gespielt. Eine Filmkritik von Dobrila Kontić.

Wer an das reiche Filmschaffen des österreichisch-amerikanischen Regisseurs Billy Wilder denkt, wird sich wohl zuallererst an seine heiter-frivolen Komödien erinnern, wie Das verflixte siebte Jahr oder Manche mögen’s heiß. Solche Komödien schrieb Wilder, wenn er wütend war, wie er im Interviewband Conversations with Wilder (1999) seinem Regie-Kollegen Cameron Crowe (Jerry Maguire, Almost Famous) einmal anvertraute. Und wenn er guter Laune war? Dann entstanden Noir-Filme wie Frau ohne Gewissen oder Boulevard der Dämmerung. Der Düsterste unter diesen ist wohl Ace in the Hole (1951), der in Deutschland den reißerischen Titel Reporter des Satans trägt.

Gestrandet in der Provinz

Chuck Tatum (Kirk Douglas) ist Journalist und sein erster Auftritt in Reporter des Satans etabliert ihn als Antihelden. In seinem Wagen sitzend, während dieser abgeschleppt wird, studiert er missmutig die aktuelle Ausgabe der Tageszeitung Albuquerque Sun-Bulletin. Bei ebendieser Redaktion lässt er sich vom Abschleppdienst absetzen. Tatum hat es hierher verschlagen, nachdem er seinen Job als Reporter in New York – und an vielen weiteren Orten – verloren hat. Aus seinen Verfehlungen (Alkohol, Verleger-Ehefrauen, ein Hang zum Lügen) macht er gegenüber Jacob Q. Boot (Porter Hall), dem Chefredakteur des Sun-Bulletin keinen Hehl, im Gegenteil. Großkotzig bietet er sich als „250-Dollar-die-Woche-Journalist“ an, der gerade billig zu haben ist und dem Blatt auflagensteigernde Geschichten bringen wird: „Ich kann mit großen und kleinen Nachrichten umgehen. Und wenn es keine Nachrichten gibt, gehe ich raus und beiße einen Hund.“

Wie treffend diese Aussage ist, stellt sich heraus, nachdem Tatum ein Jahr in der Redaktion zugebracht hat, die für ihn nur eine Zwischenstation darstellen sollte. Von den regionalen Geschehnissen ist er ebenso gelangweilt wie von der altmodischen Stickerei, die an der Wand des Redaktionsraums hängend das ehrwürdige Prinzip des Blatts verkündet: „Tell the Truth“ („Sag die Wahrheit“). Will er diesen Ort verlassen, braucht er dringend eine aufsehenerregende Story.

Auf diese stößt er, als Boot ihn und den Jungjournalisten Herbie (Robert Arthur) ins Umland schickt, um über eine Klapperschlangenjagd zu berichten. Als sie an einer Raststätte im kleinen Ort Escudero Halt machen, erfahren sie von einem Unglück, das sich ganz aktuell ereignet hat: Leo Minosa (Richard Benedict), der die Raststätte mit seiner Frau Lorraine (Jan Sterling) betreibt, wurde bei der Suche nach Grabschätzen der Ureinwohner in einer Höhle eingeschlossen. Noch bevor die Rettungskräfte eingetroffen sind, begibt sich Tatum hinab in die Höhle und dringt bis zu Leo vor, der am Leben, aber von herabgefallenen Felsen eingeklemmt ist.

Human Interest: die Sensation menschlicher Tragödien

Es ist genau die Art von Story, auf die Tatum gehofft hatte. Zum einen handelt es sich um eine schlechte Nachricht – diese, so erklärt er dem jungen Herbie, verkaufen sich am besten, „denn gute Nachrichten sind keine Nachrichten.“ Zum anderen ist es eine „Human Interest“-Story, die Leser durch den scheinbar persönlichen Zugang fesselt: „Du schlägst die Zeitung auf und liest über 84 Menschen oder 284 oder einer Million Menschen wie bei einer Hungersnot in China. Du liest es, aber merkst es dir nicht. EIN Mensch ist anders, du willst alles über ihn erfahren.“

Was Tatum gegenüber Herbie darlegt, hat Bezüge zu einem der größten damals bekannten medialen Ereignisse und wird in Reporter des Satans auch explizit genannt: die Geschichte um den Höhlenforscher Floyd Collins. 1925 war der 37-jährige Floyd Collins bei der Erschließung einer neuen Route im Höhlensystem Flint Ridge in Kentucky durch einen herabgefallenen Felsen eingeklemmt worden. Der Rettungseinsatz zog sich wegen der schwer freizulegenden Stelle hin. In der ersten Woche war Collins noch ansprechbar und wurde von einem Reporter des Louisville Courier-Journal mehrfach interviewt. Die Geschichte zog mehrere Tausend schaulustige Touristen an, die vor der Höhle von schnell errichteten Hotdog- und Hamburger-Ständen versorgt wurden. Der nationale Medienrummel verwandelte sich in einen echten Rummel.

Eine ebensolche öffentliche Aufmerksamkeit erhofft sich Tatum im Fall des eingeklemmten Leo. Die ersten Artikel, die er nach Albuquerque telegrafiert, steigern die Auflage des Blattes beachtlich. Doch nachdem Sam Smollett (Frank Jaquet), der Leiter des Rettungseinsatzes, Tatum eröffnet, dass Leo binnen 16 Stunden geborgen werden kann, sieht sich Tatum gezwungen, die Rettungsaktion hinauszuzögern. Er verspricht Kretzer (Ray Teal), dem korrupten Sheriff der Gegend, lobende Artikel, die ihm die anstehende Wiederwahl sichern. Dafür gewährt dieser ihm den exklusiven Zugang zu Leo, den sonst kein anderer der bald herbeigestürmten Journalisten interviewen darf. Und gemeinsam sorgen Kretzer und Tatum dafür, dass das Rettungsteam einen umständlicheren und langwierigeren Weg wählt, um Leo bergen zu können. Als weitere Komplizin stellt sich Leos Ehefrau Lorraine zur Verfügung. Immerhin profitiert sie enorm von den vom Unglück angezogenen Touristen und hängt nicht sonderlich am Leben ihres Mannes.

Die späte Ankunft des Gewissens

So wäscht zunächst eine Hand die andere in Reporter des Satans. Während Tatum noch aus Escudero berichtet, erhält er verlockende Angebote seines ehemaligen Arbeitgebers in New York. Er kann einen lukrativen Deal aushandeln und wird zum gefragten Star-Journalisten, der den Neid der anderen Reporter vor Ort auf sich zieht. Doch als ein Arzt feststellt, dass Leos gesundheitlicher Zustand bedenklich ist und er aufgrund der Verzögerung der Rettungsarbeiten wohl nicht überleben wird, erreicht ein später Besucher den Rummel von Escudero: Tatums Gewissen.

Dass ein opportunistischer Zyniker wie Tatum überhaupt von einem Gewissen geplagt wird, mag überraschen. Doch diese Entwicklung entspricht der Struktur der meisten Filme von Billy Wilder: Der Protagonist durchlebt im dritten Akt für gewöhnlich eine moralische Bewährungsprobe. Dadurch erhält er Gelegenheit sich für das Richtige, das „Be a Mensch“, wie es in der ebenso strukturierten Komödie Das Appartement heißt, zu entscheiden. Im Fall von Reporter des Satans reicht die Verfehlung des Protagonisten aber so weit, dass es für die Zuwendung zur Menschlichkeit zu spät scheint.

Dies wird in mehreren metaphorischen Spiegelungen bereits vorweggenommen. Etwa in Leos Erklärung für die prekäre Lage, in die er sich bei der Suche nach den lukrativen Grabschätzen der Ureinwohner gebracht hat: „Ich glaube, ich bin diesmal einfach zu tief hineingekrochen – das musst du tun, um etwas Gutes zu finden. Weiter vorn ist alles schon abgegrast.“ Dies umschreibt auch den Zustand von Tatum, der sich für seine Story in moralische Abgründe begeben hat, aus denen er nicht mehr herauskommt. Sein Versuch, die Rettungsarbeiten doch wieder zu beschleunigen, scheitert an den nun instabil gewordenen Höhlenwänden. Alle Schuldgefühle, die Tatum daraufhin empfindet, projiziert er auf Leos lieblose Ehefrau Lorraine. Dabei ist diese in ihrer Rücksichtslosigkeit und Gier ein Spiegel seiner selbst. Als Leos Tod besiegelt scheint, überschlagen sich die Ereignisse und Tatums große Story fordert ein größeres Opfer, als ihm klar war.

Kritisch, aber nicht zynisch

„Es war einer meiner düstersten Filme. Und sie wollten mir nicht glauben, dass Zeitungsredakteure zu solch einem Verhalten fähig sind.“ So lautete Billy Wilders Einschätzung zu Reporter des Satans im Gespräch mit Cameron Crowe. Aus ihr ist immer noch herauszulesen, wie enttäuscht Wilder darüber war, dass sein Film an den Kinokassen und bei den amerikanischen Kritikern floppte. Zugleich spricht Wilder hier aus eigener Erfahrung: Von 1924 bis 1929 hatte er selbst als Reporter für mehrere Boulevardzeitungen – erst in Wien dann in Berlin – gearbeitet. Der Wiener Zeitungsverlag, bei dem er beschäftigt war, musste sich 1926 für mehrere Erpressungsfälle verantworten. Zu diesem Zeitpunkt war Wilder schon in Berlin und berichtete für das Boulevardblatt Berliner Nachtausgabe. „Aus dem Leben eines Eintänzers“ hieß seine Kolumne, für die er seine Erfahrungen als bezahlter Tanzpartner reicher, einsamer Damen im Hotel Eden zum Besten gab. Dass Wilder selbst Journalismus als zwielichtiges und amoralisches Gewerbe betrachtet, dürfte also nicht überraschen. Dass die Journalisten amerikanischer Zeitungen seiner Darstellung nichts abgewinnen konnten, ist aber ebenso wenig verwunderlich. Schließlich ist der von Kirk Douglas grandios gespielte Chuck Tatum über die meiste Zeit der Handlung ein menschelnder Zyniker und rücksichtsloser Karrierist.

Human Interest – aufrichtige Humanität?

Doch in der Gesamtbetrachtung von Reporter des Satans drängt der zwielichtige Zeitungsjournalismus nicht so sehr in den Mittelpunkt wie das noch kritischer beleuchtete Phänomen des Medienrummels. Im wahren Fall von Floyd Collins hatte dieser ein realistisches Pendant. Die Berichte über die tragische Lage von Collins trafen einen Nerv und zogen Menschenmassen an den Unfallort. Der pietätlose Rummel, der sich um die Höhle herum aufgebaut hatte, fand erst nach 14 Tagen ein Ende – als die Rettungskräfte Collins schließlich erreichen, ihn aber nur noch tot bergen konnten. Eine Tragik, die den journalistischen Gewinn nicht schmälerte: Für seine mit Floyd Collins geführten Interviews und Reportagen zum Unglück erhielt der Jungreporter William B. Miller den Pulitzer Preis.

„Human Interest“, so stellen sowohl Collins Fall als auch Wilders Film dar, hat eben wenig mit aufrichtiger Humanität zu tun. Dementsprechend sind sowohl die mediale Bedienung als auch die Hinwendung des Publikums zu diesem Interessensbereich etwas fragwürdig. Diese Fragwürdigkeit wird von Reporter des Satans auf unangenehme und äußerst sehenswerte Weise gespiegelt.

Reporter des Satans

(Originaltitel: Ace in the Hole, alternativ: The Big Carnival)
USA 1951. 111 Min.
Regie: Billy Wilder. Drehbuch: Walter Newman, Lesser Samuels, Billy Wilder
Kamera: Charles Lang
Besetzung: Kirk Douglas, Jan Sterling, Richard Benedict, Porter Hall
Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=x0Gsv5p5GdY

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Dobrila_KonticDobrila Kontić, M.A., studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften, Englische Philologie und Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin und Journalismus am Deutschen Journalistenkolleg (DJK). Sie betreibt das Onlinemagazin culturshock.de.

Schreiben Sie einen Kommentar (bitte beachten Sie hierbei unsere Netiquette)