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„Free Solo“: ein Meisterwerk des Dokumentarfilms

Spannender hätte eine Dokumentation über das Klettern nicht gedreht werden können. Zu Recht gab es für „Free Solo“ den Oscar. Mit modernen Drohnen wurde der ungesicherte Kletter-Aufstieg von Alex Honnold für die Kinoleinwand festgehalten. Ein wirklich beachtliches Werk, einer herausragenden Leistung.

Keuchen. Dann wieder Stille. Der bekannteste Felsen der Welt, der 975 Meter hohe und fast senkrechte El Capitan im Yosemite-Nationalpark in Kalifornien, erscheint in schwindelerregender Großaufnahme einer Drohneneinstellung. Der Zuschauer im Kinosaal erkennt beim Heranzoomen der fliegenden Kamera einen getriebenen Kletterer in abgeschnittenen Hosen an der nackten Granitwand, tief darunter grüne Baumspitzen, die sich drohend wie Lanzen emporrecken.

Free-Solo-Kletterer Alex Honnold erfüllt sich am 3. Juni 2017 einen lang gehegten Lebenstraum, bezwingt im Alleingang, ohne Seil und ohne Sicherung, die kalifornische Felsnase in nur knapp vier Stunden Aufstiegszeit. Jeder Fehler, jede kleinste Unaufmerksamkeit, jedes Abrutschen kann den Tod bedeuten. „Ein Leben ohne Angst“, steht auf dem Film-Flyer. Was treibt diesen Ausnahmeathleten unserer Zeit an, für eine sportliche Höchstleistung sein Leben zu riskieren? Die preisgekrönte Filmemacherin Elisabeth Chai Vasarhelyi und Ehemann Jimmy Chin – Profi-Bergsteiger, Freund von Alex Honnold und National-Geographic-Fotograf – gehen dieser Frage in dem Dokumentarfilm „Free Solo“ auf den Grund.

Angstreaktionen über Jahre wegtrainiert

Rückblenden und Interviews zeigen das Bild eines scheuen Extremsportlers, der seine Ängste beeinflussen kann, der seine Selbstkontrolle durch Ruhe und tiefe Zufriedenheit über sein Tun steuert. Ängste sind zumeist wenig hilfreiche Angewohnheiten, die man wie alle anderen Verhaltensweisen auch wieder verlernen kann. Man akzeptiert das Unkontrollierbare, anstatt sich durch sinnlose Furcht und Sorgen das Leben zur Hölle zu machen. Eine Kernspintomografie von Honnolds Gehirn ergab, dass das Organ des Alpinisten kerngesund ist: Er hat seine normalen Angstreaktionen im Kopf einfach über viele Jahre wegtrainiert.

Auf Instagram zeigt sich Alex Honnold als zurückhaltender Rockstar, der auf den Titelbildern von Klettermagazinen wie „Rock and Ice“ mit seinem trainierten Oberkörper posiert. Andere Fotos zeigen den 1,5 Millionen Abonnenten Kletter-Action und Privataufnahmen. Man sieht den Top-Star zusammen mit US-Kletterlegende Tom Frost oder neben dem National-Geographic-Fotografen Jimmy Chin auf dem Gipfel von El Capitan, beide noch von Adrenalin geschüttelt: „We are still so stoked!“, lautet die Unterschrift zum Bild.

Klettern als Weg zu sich selbst

In dem Dokumentarfilm „Free Solo“ erzählt Alex Honnold in seinem Campingbus, dass er bereits als kleiner Junge in der Kletterhalle begonnen hatte, sich auszuprobieren. Der Vater starb früh, die Umstände waren schwierig. Gefühle zu äußern, Umarmungen zu geben, selbst im Mittelpunkt zu stehen – all das lernte er erst spät. Sich anzunehmen, wie man ist, kann eine schwierige Lebenslektion werden. Klettern war der Ausweg, um Anerkennung und tiefe Freude zu erfahren. Und der Ausnahme-Alpinist lernte dazu, verbesserte laufend seine Klettertechnik auf Expeditionen in Marokko oder Patagonien.

Das Vertrauen in die eigene Person hängt davon ab, welche Einstellung wir zu uns haben. Klettern und Bouldern findet im Hier und Jetzt statt, fördert die Achtsamkeit. Wer nach den eigenen Bedürfnissen handelt und Selbstbestätigung aus dem eigenen Tun zieht, bietet seinem Geist weniger Angriffsfläche für negative Glaubenssysteme. Und doch: In der Dokumentation bricht Alex Honnold einen ersten Aufstiegsversuch am frühen Morgen im Herbst 2016 ab, benachrichtigt Kameraleute und Filmteam über Funk von seinen Selbstzweifeln. Filmemacher Jimmy Chin sorgt sich, ob das begleitende Team nicht zur Verunsicherung des Athleten beitragen könnte.

Keiner im Filmteam weiß, wie mit einem möglichen Absturz und Todesfall des Extremkletterers umzugehen wäre. Man benachrichtigt beim nächsten Versuch 2017 vorsorglich die Rettungsdienste, aber die Verantwortung lastet schwer auf allen Teilnehmern dieser Dreharbeiten. Die Kamera filmt Alex Honnolds Freundin in tiefer Verzweiflung, wie sie versucht, dessen Entscheidung für den Free-Solo-Aufstieg zu akzeptieren. Der Zuschauer folgt gebannt und fasziniert den ehrgeizigen Bemühungen des Profi-Kletterers.

Engel fliegen, weil sie unbeschwert sind. Alex Honnold führt akribisch Tagebuch über seine unzähligen Aufstiegsversuche, zunächst alle noch angeseilt und mit Sicherungshaken. Er notiert, in welcher Höhe er seine Füße in welche Felsnischen schieben kann, mit welcher Technik – Karateschritt oder Sprung – er auf die bevorstehenden Hindernisse reagieren muss, lernt den kompletten Aufstieg beinahe auswendig. Es ist bezeichnend, wie ihn in einer Rückblende ein Kletterfreund abends im Schlafsack fragt, ob er denn auch einmal private Sachen oder Gefühle in seinem Aufstiegsbuch notieren würde. Antwort: „Nein, niemals.“

Vertrauen in sich mindert Angst

Ruhe ist der Schlüssel zu müheloser Selbstkontrolle. Der Protagonist wirkt in dem Dokumentarfilm mit sich im Reinen, brennt für das Klettern. Fernöstliche Kulturen vertrauen auf Ruhe als Quelle großer Stärke und Energie. Um seine Ängste zu mindern, muss man das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten optimieren. Wir können dem Ausnahmeathleten auf der Leinwand dabei zusehen, wie er für seine Leidenschaft, das Extremklettern, brennt. Dafür ist er bereit, sein Leben zu riskieren. Als im Film der tödlich verunglückte Bergsteiger Ueli Steck – als Solo-Kletterer durch sehr schnelle Begehungen hochalpiner Routen bekannt – angesprochen wird, zeigt Honnold gemeinsame Fotos und betont immer wieder, dass er selbst stets unnötige Risiken vermeiden würde.

Mehr als einmal wird der Zuschauer Zeuge, wie der Top-Star der Kletterszene sich am El Capitan in schwindelerregender Höhe vortastet, bei Trainingsaufstiegen am Seil die beste Abfolge von Griffen und Haltepositionen ausprobiert. Man sieht, wie er sich in einer fast senkrechten Felsrinne der Twilight Zone aus den Beinen hochdrückt und anschließend mit den Armen nachzieht: Kraftsparend wirkt bei ihm dabei, dass er den Körperschwerpunkt auf das jeweilige Standbein verlagert. Lange schaut er dabei auf seinen tastenden Fuß, bis dieser genau dort Halt findet, wo er sich in kleinste Unebenheiten der Felswand hineinarbeiten kann.

Zu sich und seinen Lebenszielen stehen, die eigenen Fähigkeiten optimal entfalten – der Antrieb für Alex Honnold. Fehler wie Verletzungen sind Hinweise, dass man etwas Neues gewagt hat, dass man Lernerfahrungen sammeln kann. Ein Mensch kann nicht in allen Bereichen ausgezeichnet sein, aber nicht nur ein Extremkletterer kann Hindernisse im Leben in die richtige Perspektive rücken. Unser Denken und unsere Gefühle hängen eng miteinander zusammen, steuern auch die Furcht. Bei einem ungesicherten Kletteraufstieg in 975 Meter Höhe möchte niemand Katastrophenfantasien im Kopf mittragen.

Effizienz und Schnelligkeit

Wichtigstes Werkzeug eines Kletterers sind die Hände. Athlet Alex Honnold trainiert im Film morgens mit Klimmzügen an der offenen Schiebetür seines Campingbusses, zeigt der Kamera seine Hornhaut und Magnesia auf den Handflächen sowie die kräftigen Unterarme, die für die Griffkraft verantwortlich sind. Seinen Chalkbag mit Magnesia an einer Kordel um den Oberkörper geschlungen, ein paar Kletterschuhe und seine Hände – mehr benötigt der Extremkletterer nicht für seinen Free-Solo-Aufstieg. Während Boulder-Neulinge dazu neigen, alle ihnen unterkommenden Griffe so fest wie möglich zu halten, klettert der Alpinist Honnold mit meisterhafter Effizienz und Schnelligkeit, indem er nicht überflüssig viel Kraft dabei einsetzt. Beim Klettern und Bouldern ist der Weg das Ziel.

Beachtliches Meisterwerk

Jimmy Chin, Profi-Bergsteiger und National-Geographic-Fotograf, lernte das Filmhandwerk 2003 bei Rick Ridgeway, einem Filmemacher bei der National Geographic Television. Es folgten erste Kletter-Dokumentarfilme, darunter der Bergsport-Streifen „Meru“, im Jahr 2015 auf dem Sundance Filmfestival gezeigt und mit dem US Audience Documentary Award ausgezeichnet. Durch seine freundschaftliche Nähe zu Alex Honnold und seine große Erfahrung als Filmemacher entsteht bei den Dreharbeiten zu „Free Solo“ ein besonderes Vertrauensverhältnis zwischen dem scheuen Protagonisten und dem Filmteam. Es ist eine geduldige Vorbereitung, eine Annäherung an das Unmögliche im Bergsport. Jimmy Chin versucht dabei, so viel Druck wie möglich von Honnold fernzuhalten.

Handwerklich arbeitet das Filmteam an den unzugänglichen Passagen mit modernen Drohnen, die Flugaufnahmen aus ungeahnten Perspektiven liefern. Erst an diesen Stellen wird deutlich, was Alex Honnold tatsächlich im Sommer 2017 leistet: ein erfolgreiches Meisterstück im Kampf gegen das physikalische Gesetz der Schwerkraft. Hilfreich für die Dramaturgie sind auch die Telezoom-Aufnahmen vom Boden, die beim Free Solo-Aufstieg scheinbar betrunkene Wochenend-Kletterer in einem rosa Hosenkostüm zeigen, an denen sich Honnold unbeeindruckt vorbeiarbeitet.
Für den visuellen Spannungsbogen sichern sich Kameraleute an Seilen in der Granitwand, filmen dramatische Details, etwa, wie der Extremkletterer den bedrohlichen Überhang des El Capitan in 900 Meter Höhe vorsichtig umsteigt. Ähnlich wie Fotografen arbeiten auch Kameraleute gerne mit einem Langschuss aus erhöhter Position im Fels, um den Protagonisten in der Totale zu betonen. Die Finalszene zeigt Drohneneinstellungen des glücksberauschten Alpinisten auf dem riesigen Felsplateau aus luftiger Höhe, dann sieht man ihn in Weitwinkel-Einstellung noch unter Adrenalineinfluss mit seiner Freundin auf dem 975 Meter hohen Gipfel telefonieren: „I am so happy!“ Nah dran, pures Glück, ein magischer Moment. Leben und Tod liegen dicht beieinander.

Auf dem Weg zum Meister: Filmförderung

Auch herausragende Filmschaffende haben einmal klein angefangen. Für eigene Multimedia-Projekte bietet sich ein Antrag auf Produktionsförderung bei der Filmförderung einzelner Bundesländer an.

Dieser Antrag ist kein Spaziergang und sollte sehr sorgfältig ausgearbeitet werden – allein Leistung wirkt hier vertrauensbildend. Neben einem Anschreiben und einem Kalkulationsnachweis – kalkuliert wird immer mit einem Eigenanteil in Höhe von 20 Prozent der Fördersumme, der auch via Sponsoring oder Crowdfunding finanziert werden kann – werden auch Dialogszenen, Figurenbeschreibung und persönliche Motivation abgefragt. Was ist dem Antragsteller dabei wichtig, warum brennt er für dieses Filmprojekt?

Kurzfilme in Dokumentarform dürfen auch im Ausland spielen, wenn die Postproduktion in Deutschland erfolgt – eine Bildqualität in Full HD ist hier bereits ausreichend. Die Vermarktung über Filmfestivals und Verleih sollte vor Antragstellung bereits bedacht sein.

Und: Keine Filmidee ist neu, alles wurde bereits irgendwie und irgendwann umgesetzt. So sieht es zumindest das Prüfungskomitee, das zweimal jährlich über die Anträge entscheidet. Eine Prüfgebühr ist nur bei einem positiven Bescheid fällig. Im Krisenfall – der Ablehnung – helfen nur gezielte Fragen, das Vorhandensein eines „Plan B“ und Verständnis für das eigene Filmpublikum. Einzig mit Demut und Empathie gelingen große Filme.

Der Film „Free Solo“ wurde mit dem Oscar in der Kategorie Dokumentarfilm ausgezeichnet. In Frankreich sagte man früher bei einem Kinobesuch: „Wir kaufen uns ein Stück Leinwand.“ Eine gute Investition.

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Der Autor Ralf Falbe arbeitet als freier Bildjournalist, Videographer und Reporter. Veröffentlichungen u. a. in Stern, Sueddeutsche.de und Guardian. Ausgezeichnet mit dem Journalistenpreis Irland 2016 (Kategorie Online – Top 10), Bronze Winner International Photo Award IPA Philippines 2016 (Kategorie Kinder), Nominierung für den PR-Bild Award 2015 (Kategorie Tourismus, Freizeit, Sport). Mitglied beim DFJV, Nikon Professional Services NPS und der Fotoagentur Imagetrust. Weitere Informationen zu seiner Person unter www.ralffalbe.com.

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