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„Hartnäckig sein, selbstbewusst sein und auf das eigene Standing schauen“

Eine Studie der Germanistin Dr. Veronika Schuchter zeigt, dass es zu wenige Literaturkritikerinnen im überregionalen deutschsprachigen Printfeuilleton gibt. Mit dem Fachjournalist spricht sie über ihre Ergebnisse, nennt Gründe für das geschlechtsspezifische Ungleichgewicht und gibt Tipps, wie Frauen in der Literaturkritik besser Fuß fassen können.

Rund zwei Drittel aller Belletristik-Besprechungen im überregionalen Printfeuilleton werden von Männern geschrieben. Haben Sie mit diesem Ergebnis gerechnet?

Ja. Das war keine große Überraschung, weil ich das schon lange verfolge. Aber das Ausmaß dieses Ungleichgewichts, wie konstant es sich hält und wie wenig Bewegung hineinkommt, war dann schon überraschend.

Passen die Ausbildungszahlen aus sprachnahen Studiengängen, wie der Germanistik, zu diesen Zahlen aus der Berufspraxis?

Nein, im Gegenteil. Gerade in der Germanistik sind Frauen
deutlich überrepräsentiert. Im Bachelorstudium sind es bei uns an der Universität Innsbruck zum Beispiel überwiegend Frauen in der Germanistik. Aber je höher es hinaufgeht, desto weniger Frauen werden es: Im Masterstudium ist der Frauenanteil ein bisschen geringer und im Doktorat ist das Geschlechterverhältnis ausgewogen oder es dreht sich sogar um. Auf diese Zahlen bezogen müssten eigentlich mehr Frauen schreiben.

Gab es in Bezug auf die Geschlechterverteilung Unterschiede in den einzelnen Periodika?

Ja, das variiert stark. Den größten Unterschied gab es zwischen der Welt, die mit 14 Prozent sehr wenige Kritikerinnen hat, und der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, die bei einem Frauenanteil von 48, also fast 50 Prozent liegt. Da sieht man beim Vergleich der einzelnen Periodika immense Unterschiede.

Kann man diese Unterschiede auf bestimmte Faktoren, wie zum Beispiel die Blattlinie, zurückführen?

Das ist auf jeden Fall oft so. Konservativere Medien wie Welt oder Tages-Anzeiger sind die, die auch am wenigsten Kritikerinnen haben; der Tagesanzeiger liegt mit 16 Prozent nur knapp über der Welt.

Aber zum Beispiel bei der Furche – die zwar als eher konservativ gilt, dies aber meines Erachtens, im Speziellen das Feuilleton, gar nicht ist – sieht man, dass nicht die Haltung eines Mediums für die Geschlechterverteilung ausschlaggebend sein muss, sondern es vielmehr daran liegen kann, wer die Entscheidungsträger sind. Der Frauenschnitt steigt im Printfeuilleton insgesamt stark an, wenn Frauen in der Verantwortung stehen und wenn sie das Verfassen von Rezensionen beauftragen. Das habe ich zwar bisher noch nicht in einer Statistik dargestellt, aber ich habe dazu Experteninterviews geführt, die das bereits aufzeigen.

Je größer ein Medium ist, desto konstanter halten sich im Normalfall die männlichen Herrschaftsverhältnisse. Bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung oder bei der Süddeutschen Zeitung bleiben die Geschlechterverhältnisse zum Beispiel über die Jahre konstant, weil sehr viele Männer in der Verantwortung stehen. Auch wenn vielleicht einmal eine Frau dazukommt, ändert sich auf der Führungsebene wenig; die Süddeutsche hat zum Beispiel seit 2020 die erste Chefredakteurin. Je kleiner eine Zeitung hingegen ist, desto schneller kann sich das Geschlechterverhältnis mit einer Person drehen.

Sie haben auch festgestellt, dass männliche Kritiker eher Buchtitel von Autoren als von Autorinnen besprechen. Ein Beispiel: Für das Berichtsjahr 2016 haben Sie die meistrezensierten Titel des Jahres aufgelistet. An der Spitze stehen mit der gleichen Anzahl von Rezensionen die Romane „Ein sterbender Mann“ von Martin Walser und „Unterleuten“ von Juli Zeh. Walsers Buch wurde zu 91 Prozent von Männern rezensiert, während bei Zeh das Geschlechterverhältnis mit 59 Prozent Kritikern zu 41 Prozent Kritikerinnen ausgewogener ist. Warum ist das so?

Das sind Bücher, die sehr prestigeträchtig sind, die auch Debatten auslösen beziehungsweise Thema von Diskursen sein können, bei denen die Medien aufeinander reagieren. Das heißt, wenn ich mich da als Kritiker oder Kritikerin äußere, dann mache ich das auch als Person und kann an symbolischem Kapital gewinnen. Männer sind sehr viel mehr dahinter her, ihr symbolisches Kapital zu erhöhen. Bei Büchern von Frauen, die „debattenfähig“ sind, steigt bei den Kritikern der Männeranteil. Man sieht das sehr deutlich bei Texten, die sehr stark wahrgenommen werden, wie jene von Martin Walser und Juli Zeh.

Das heißt, männliche Kritiker besprechen Bücher einer Autorin erst, wenn diese bekannter wird?
Ja, genau. Männliche Kritiker besprechen normalerweise fast nur Bücher von Autorinnen und Autoren, die sich schon einen Namen gemacht haben. Debüts von Frauen werden von Männern so gut wie gar nicht besprochen.

In einem weiteren Schritt haben Sie untersucht, ob es Unterschiede zwischen männlichem und weiblichem Wertungsverhalten in den Rezensionen gibt. Werten Männer anders als Frauen?

Ich habe ein Korpus an Rezensionen erstellt, das ich anonymisiert daraufhin untersucht habe, ob Männer „anders“ schreiben, ob sie eine andere Wertungsästhetik haben. Dazu muss ich sagen: Nein, davon merkt man in den Rezensionen wenig.

Was man aber merkt, ist, dass Männer als Kritiker viel öfter auf sich selbst referieren. Das machen Frauen nicht. Ich habe nur eine Rezension von einer Frau gefunden – und ich glaube, die war ironisch gemeint – in der die Kritikerin „Ich“ sagt und sich selbst präsentiert. Männer machen das tendenziell schon. Ich habe auch viele Rezensionen gefunden, in denen männliche Kritiker auf ihre Ehefrauen referieren, und zwar immer dann, wenn sie über Bücher von Frauen schreiben. Hier gibt es richtige Tendenzen, das ist fast schon ein Genre.[1] Die Referenz der Kritiker auf sich selbst ist der einzige Unterschied, der mir aufgefallen ist.

Besonders niedrig ist der Anteil männlicher Kritiker bei den Besprechungen von Kinder- und Jugendliteratur: Männer rezensieren zu fast 99 Prozent Erwachsenenliteratur, während Rezensionen von Frauen zu beinahe einem Viertel im Kinder- und Jugendbereich angesiedelt sind. Worauf ist das zurückzuführen?

Hier sieht man zum einen, dass die geschlechtliche Arbeitsteilung, die wir in der Gesellschaft haben – dass Frauen zum Beispiel für die Fürsorge und für die Kindererziehung verantwortlich sind –, auch in der Literaturkritik funktioniert. Zum anderen kann man ablesen, dass Frauen dazu tendieren und es wichtig finden, alles, was im Normalfall weniger Aufmerksamkeit bekommt, bekannter machen zu wollen.

Frauen stellen den Text über das Eigeninteresse als Kritikerin. Männer besprechen das, was überall besprochen wird, wobei dann auch ihr Name sehr wichtig ist. Frauen besprechen hingegen oft Debüts oder Kinder- und Jugendliteratur, wobei für sie wenig Prestige abfällt, es aber für das noch unbekannte Buch wichtig ist. Wer ist die berühmteste Kritikerin von Kinder- und Jugendliteratur? Kein Mensch weiß, wer das bespricht. Das bringt ihnen für ihr Standing als Kritikerin wenig.

Wenn Männer Kinderbücher besprechen, legitimieren sie das häufig und bauen es in eine heteronormative Matrix ein. Es kommt häufig vor, dass ein Kritiker so etwas schreibt wie: „Ich bin Vater, ich habe das Buch meinem Kind vorgelesen, auch der Mama hat es gefallen.“ In den Rezensionen von Kritikerinnen ist es nicht vorgekommen, dass diese rechtfertigen, warum sie Kinderbücher besprechen. Diese Geschlechterrollen – ob bewusst oder unbewusst – spiegeln sich da sehr stark.

Wohin geht der Trend? Konnten sie feststellen, dass das Geschlechterverhältnis in den Literaturseiten in der jüngsten Vergangenheit ausgewogener wurde?

Ich habe für einzelne Monate weitere vergleichende Auszählungen durchgeführt. Da es sehr starke Schwankungen gibt, reicht es nicht, sich einen Monat aus dem Jahr herauszupicken – man muss die einzelnen Monate miteinander vergleichen.

Im Sommer, in der Urlaubssaison, wenn zum Beispiel die literarischen Lesetipps für den Strand erscheinen, schreiben mehr Frauen. Die Männer sind dann vielleicht auf Urlaub, ich weiß es nicht. In den Buchmessemonaten, wenn die Frankfurter und die Leipziger Buchmesse stattfinden und es wiederum um Prestige geht, ist der Männeranteil viel höher.

Ich habe bei den Monatsvergleichen auch beobachtet, ob sich das Geschlechterverhältnis ändert, und konnte bisher nur bei einzelnen Zeitungen kleine Unterschiede bemerken. Wenn bei einer Zeitung mit kleiner Redaktion beispielsweise jemand in Elternzeit geht, kann das rein prozentual viel ausmachen. Aber im Schnitt hat sich nichts getan.

Glauben Sie, dass eine Quote ein sinnvolles Instrument sein könnte, um eine Gleichstellung von Frauen und Männern in der literaturkritischen Praxis zu erreichen?

Ich bin eine starke Verfechterin der Quote und finde diese sinnvoll. Ich weiß andererseits nicht, wie sich diese in diesem Bereich tatsächlich umsetzen lässt, aber das ist eine pragmatische Frage. Soll man eine Redaktion verpflichten, eine gewisse Anzahl an Kritikerinnen anzustellen? Ich bin mir nicht sicher, wie sich das realisieren lässt.

Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit sind Sie auch als Literaturkritikerin, etwa für den Deutschlandfunk, tätig. Was würden Sie mit Ihrer Expertise aus Wissenschaft und Praxis Frauen raten, die als Literaturkritikerinnen in den Printmedien Fuß fassen wollen?

Dass sie frech sind! Dass sie sich trauen, Redaktionen einfach anzuschreiben. Ich finde den „weiblichen“ Ansatz, wenn man das nun so von einem „männlichen“ trennen kann, eigentlich den sympathischeren und besseren: Nicht nur auf das eigene symbolische Kapital zu schauen und die „großen Autoren“ zu besprechen, sondern mit der Besprechung von Debüts Autorinnen und Autoren bekannt zu machen, die sonst keine Aufmerksamkeit bekommen würden, und Minderheitenliteratur und Subgenres zu rezensieren, die sonst verschwinden würden. Es soll ja auch um die Literatur gehen.

Gleichzeitig müssten Frauen aber darauf achten, dass sie in Positionen kommen, in denen sie selbst an den Hebeln sitzen und etwas ändern können. Man sieht, dass das einen Unterschied macht. Da wo Frauen oder geneigte Männer – die gibt es durchaus auch, aber größtenteils sind es Frauen, die dann etwas verändern – in den Redaktionen in der Verantwortung stehen, gibt es auch mehr Kritikerinnen.

Im Weiteren ist Netzwerken sehr wichtig. Das geht bei Frauen oft ein bisschen unter. Wenn man es als Frau wo „reingeschafft“ hat, dann sollte man sich nicht nur darauf ausruhen, sondern Frauen sollten sich gegenseitig unterstützen und versuchen, andere nachzuziehen, um die herkömmlichen Strukturen ein bisschen aufzubrechen. Hartnäckig sein, ein bisschen selbstbewusst sein und auf das eigene Standing schauen. Das wäre wichtig.

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Copyright: privat

Mag. Dr. Veronika Schuchter ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Germanistik an der Universität Innsbruck und im Innsbrucker Zeitungsarchiv (IZA). Sie forscht zur Bedeutung der Kategorie Geschlecht für die Literaturkritik und ist unter anderem Mitherausgeberin der Online-Zeitschrift literaturkritik.at. Als freie Literaturkritikerin ist sie für Feuilleton und Radio tätig und rezensiert etwa für den Deutschlandfunk oder Die Furche.  

[1] Zu diesem Thema erscheint im Herbst dieses Jahres ein Beitrag von Veronika Schuchter in einem Tagungsband. Vgl. Schuchter, Veronika (2021): Adam und Eva der Literaturkritik. Literaturkritik als Männlichkeitsdiskurs. In: Pohl, Peter; Schuchter, Veronika (Hrsg.): Das Geschlecht der Kritik. Studien zur Gegenwartsliteratur. München: text+kritik.

Weiterführende Links:

Geschlechterverhältnisse in der Literaturkritik – Eine quantitative Untersuchung : literaturkritik.de

https://literaturkritik.de/geschlechterverhaeltnisse-in-der-literaturkritik-eine-quantitative-untersuchung,25232.html

ProQuote-Studie_print_online_digital-2019.pdf (pro-quote.de)

 

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