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„Ich bin für meine Autor:innen jederzeit erreichbar“

In diesem Jahr wäre der Schweizer Dramatiker Friedrich Dürrenmatt 100 Jahre alt geworden. Seine ehemalige Lektorin Anna von Planta erinnert sich im Fachjournalist an die Zusammenarbeit mit ihm und gibt Einblicke in die Arbeit beim Diogenes Verlag. Von Planta erklärt, was gute Lektoren ausmacht und was angehende Schriftsteller von Autor John Irving lernen können. Außerdem verrät sie ihre drei Lieblingsbücher. 

Als Bas Kast das erste Mal in Zürich war, bat er die Diogenes-Verlagsleitung um einen Romankurs für seine Romanidee. Er bekam dann Sie als Lektorin an die Seite gestellt. Nach Vollendung seines ersten Romans sagte er: „Die Arbeit mit Anna von Planta gehört zu den schönsten Erfahrungen meines Lebens“. Wie gestaltete sich der Romankurs mit Bas Kast?

Mit Bas Kast zu arbeiten gehört auch für mich zu den Highlights meiner Arbeit. Er war, bis er zu uns kam, fast ausschließlich Sachbuchautor gewesen. Was er von uns wollte, war eine Unterstützung in dem für ihn neuen Genre der Belletristik, für die er aber erstens eine Begabung und zweitens eine gute Geschichte mitbrachte. Es ging in erster Linie darum, sein eigenes fiktionales Universum zu schaffen und zu verdichten. Ihm Anregungen zu geben, wie sich der Plot festigen ließ (wo ausbauen, wo raffen), Gefühle präzise auszuloten und sie in eigene Bilder zu überführen, durch die sich die Figuren und ihre Entwicklung im Roman kompakt und anschaulich ausdrücken ließen. »Show, don’t tell« heißt das im Lektor:innen-Jargon.

Inwieweit greifen Sie als Lektorin in einen Text ein? Stellen Sie tatsächlich nur Fragen an den Text des Autors?

Jede:r Autor:in ist völlig anders. Jedes Buch auch. Meine Arbeit sehe ich darin, durch Fragen und Vorschläge in den Autor:innen Prozesse auszulösen, die sie hoffentlich zu Gegenvorschlägen inspirieren. Also letztlich mit den Autor:innen gemeinsam aus einem Text das bestmögliche Buch herausschälen, das darin angelegt ist.

Was macht einen guten Lektor aus?

Schnell die Stärken eines Textes zu erkennen. Zu merken, ob der Text tragfähig ist. Und die Stellen zu erfassen, die noch nicht funktionieren. Den Autor:innen bei der Feinarbeit sozusagen über die Schulter zu schauen, den Rücken zu stärken, mit ihnen Pingpong zu spielen.
Auch die Langzeitplanung gehört zu den Aufgaben der Lektor:innen: Der Erstling ist da – was kommt als nächstes? Im Idealfall wird – in Zusammenarbeit mit den anderen Abteilungen im Verlag (Presse, Marketing, Design, Vertrieb, Veranstaltungen, Social Media) – der Autor, die Autorin zu einer eigenen Marke. Als Paradebeispiel, bei dem das geglückt ist, wäre etwa Martin Walker zu nennen. Seine Krimireihe um Bruno, Chef de police spielen im geschichtsträchtigen Périgord, das gleichzeitig auch als das kulinarische Herzland Frankreichs gilt. Mit anderen Worten, Bruno transportiert Frankreichsehnsucht, authentische Küche und intelligente Krimifälle. Das sieht man der Covergestaltung an, den meist französisch gehaltenen Buchtiteln, der Art der Bewerbung, das zieht sich weiter zu den oft kulinarischen Lesungen. Aus der Serie ergaben sich wie automatisch zwei Kochbücher, weitere Projekte zu Brunos Welt außerhalb der literarischen Romane sind in Planung.

Wie sind Sie Lektorin geworden?

Durch präzises Träumen und mehrere glückliche Zufälle. Noch vor meinem Studium der Anglistik, Germanistik, Romanistik und Komparatistik hatte ich zwei berufliche Träume, die aber beide mit Texten zu tun hatten. Einerseits alte Manuskripte wiederzuentdecken und andererseits beim Werden von Texten junger, noch unbekannter Autor:innen dabei zu sein. Eine Freundin meiner Großmutter, die eines der renommiertesten Buch-Auktionshäuser der Schweiz betrieb, bot mir spontan eine Stelle an. Ich war so überrascht, dass ich wohl kurz zögerte. Worauf sie mich nach meinem zweiten Traum befragte, den ich ihr gestand. Man muss seinen Träumen folgen, sagte sie da (lange vor Paulo Coelho) und tunlichst versuchen, sie sich zu erfüllen. Sie vermittelte mir ein Volontariat bei S. Fischer in Frankfurt. Heute arbeite ich als Lektorin mit Autor:innen zusammen und bin gleichzeitig Mitherausgeberin der Nachlässe von Friederich Dürrenmatt und Patricia Highsmith, deren Werk ich zu Lebzeiten begleitet habe. Beide Träume haben sich erfüllt.

Wie kamen Sie zum Diogenes Verlag?

Nach S. Fischer ging ich nach New York, wo ich in einer literarischen Agentur arbeitete. Eine Kollegin dort, die früher für Diogenes tätig gewesen war, rief hinter meinem Rücken den damaligen Verleger an. Der mich eines Tages aus heiterem Himmel um vier Uhr morgens aus dem Bett klingelte.

Würden Sie mit dem Wissen von heute nochmals Lektorin werden?

Unbedingt. Nur würde ich vielleicht nicht mehr nur Literaturwissenschaft, sondern Jura und Philosophie studieren und mehr Sprachen lernen.

Sie waren die Lektorin von Friedrich Dürrenmatt, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. In einem Interview sagten Sie: „Lektorin eines solchen Schriftstellers zu werden, hat natürlich zunächst einmal etwas Einschüchterndes und Ehrfurchtgebietendes, trotzdem suchte er von Anfang an Einspruch, keine Ja-Sagerin. Ich musste eine Rolle spielen, und ich lernte sie, während ich sie spielte.“ Welche Rolle mussten Sie spielen? Wie war das gemeinsame Arbeitsverhältnis mit Dürrenmatt?

So jung ich damals war (26) –  Dürrenmatt wollte von Anfang an ein Gegenüber, keine Ja-Sagerin. Ich hatte Glück, indem ich gleich bei dem ersten Werk, das ich von ihm lektorierte, Vorschläge hatte, die ihm sofort einleuchteten. Das machte mir Mut für das nächste Werk, bei dem nicht nur ich, sondern wir beide gewaltig ins Schwitzen kamen und ich ihm gezwungenermaßen viel Gegenwind geben musste. Dürrenmatt hatte sich vom damaligen Verleger Daniel Keel überreden lassen, das Fragment eines Kriminalromans, Justiz, zu publizieren. Er stimmte auch einem Vorabdruck im stern zu. Er dachte, es fehle nur noch ein kurzes Schlusskapitel. Doch dann schrieb er das ganze Buch um. Was zur Folge hatte, dass er erst in der Hälfte war, als der Vorabdruck begann. Entsprechend konnte man am Anfang nichts mehr ändern, es gab kein Zurückgehen und Korrigieren mehr, weil uns der Text portionenweise entrissen wurde. Die Chronologie der Ereignisse, die Entwicklung der Figuren waren plötzlich unabänderlich – für Dürrenmatt, der gern ewig umschrieb, ein Alptraum. Zum Glück nahm er meine vielen „Haben Sie daran gedacht, dass“ oder „Das geht nicht, weil“ mit Humor, auch wenn er sie nicht hören wollte. Danach waren wir ein eingeschworenes Team.
Dürrenmatt entwickelte viele seiner Texte vor den Augen und Ohren vertrauter Menschen in seinem Leben. Ich war da bloß Stichwortgeberin, aber ich erinnere mich an nichts so gern wie Dürrenmatts Verfassen der Gedanken beim Reden.

Was ist das Besondere an Dürrenmatt als Schriftsteller?

Was mich bei Dürrenmatt von Anfang an faszinierte, waren sein Humor und die Gegensätze: Einerseits das kleine Dorf im Emmental, aus dem er kam, andererseits seine Begeisterung für den großen Kosmos und sein Interesse für die griechischen Mythen (die ihm sein Vater, ein protestantischer Pfarrer, erzählte), für Astronomie, Quantenphysik, Evolutionsbiologie und Kernforschung. Viele seiner Texte spielen in kleinen Welten, auf dem Dorf, aber sie behandeln die großen Themen der Welt: Freiheit, Schuld, Gerechtigkeit und Recht, Demokratie, Zufall und Schicksal, Moral, Toleranz. Er liebte deftiges Schweizer Essen ebenso wie erlesene Bordeaux-Weine, Fußball und den Jodelchor aus seinem Geburtsort Konolfingen ebenso wie die Kunst der Fuge von Johann Sebastian Bach.

Heinz Ludwig Arnold, auch Lektor von Friedrich Dürrenmatt, erzählte: „Bei Dürrenmatt musste man immer gewärtig sein, dass nachts um drei das Telefon klingelte und er ohne irgendeine Einleitung fragte: Sag mal, wie hieß eigentlich der Flugzeugträger, der damals in der Bucht von Tonking die ersten Schüsse auf Vietnam abgegeben und damit den Vietnam-Krieg angezettelt hat?“ Sind Sie auch zu jeder Uhrzeit für Ihre Autoren erreichbar? Oder war dies nur bei Dürrenmatt so?

Ja, klar bin ich für meine Autor:innen jederzeit erreichbar. Zumal einige von ihnen in anderen Zeitzonen leben und wir uns nur abends oder am Wochenende telefonisch „treffen“ können. Aber das Beispiel Heinz Ludwig Arnolds dürfte heutzutage wohl eher selten sein, da Dürrenmatt seine Neugier inzwischen selbst per Mausklick im Netz sofort befriedigen könnte.

Sie sind im internationalen Recherche-Team des Schriftstellers John Irving. Wie sieht Ihre Zusammenarbeit mit Irving aus?

Zuerst kamen zum Beispiel Fragen wie: Gibt es in Zürich eine Kirche mit einer besonders guten Orgel? Und gibt es zufällig in der Nähe eine Klinik, die spezialisiert ist auf bipolare Störungen? Und wie viele Tattoo-Studios gibt es in Zürich – zufällig auch eines in Fußnähe der Kirche mit der guten Orgel? Und wie sagt man auf Deutsch Swimming wings? Ich versuchte mir aus diesen Einzelheiten natürlich immer einen Plot vorzustellen … und scheiterte auf der ganzen Linie. Dennoch hatte ich das Gefühl, beim Aufstellen der Kulissen dabei zu sein. Inzwischen schickt mir John Irving seine Manuskripte schon in einem frühen Stadium, und ich muss nicht mehr wild herumraten.

Was ist das Besondere an Irving als Schriftsteller?

Seine prallen, kompakten Universen in jedem seiner Bücher. Ich wollte schon sagen „auf kleinstem Raum“. Doch das stimmt natürlich nicht, denn seine Bücher sind dick. Dennoch kommt es mir jedes Mal so vor. Er entfaltet scheinbar mit wenigen Strichen für seine Held:innen außergewöhnliche Milieus und komplexe, dramatische (und dramatisch zugespitzte) Schicksale, die wie politische oder beziehungsmäßige „worst case scenarios“ anmuten und einen mit den Figuren bis zur letzten Seite bangen lassen.

Was macht generell einen guten Schriftsteller aus?

Jede:r Schriftsteller:in ist aus einem anderen Grund gut. Wichtig ist für mich, dass sie oder er eine tolle Geschichte toll erzählt.

Beim Schreiben seiner Romane beginnt Irving immer mit dem letzten Satz und hangelt sich von dort aus zurück Richtung Anfang. Welche Methode empfehlen Sie?

Es gibt keine richtige Methode. Die muss jede:r für sich selbst finden, und selbst bei ein- und demselben Autor, Autorin kommen oft unterschiedliche Methoden zur Anwendung. Dürrenmatt etwa schrieb manchmal einfach drauflos, jeden Tag ein Stück weiter. Manchmal kannte er aber den jeweils letzten Satz in den Akten eines Theaterstücks und schrieb dann darauf zu. Patricia Highsmith dagegen entwarf oft unbewusst Romane oder Geschichten, die ihre eigenen Lebensumstände auf dramatische Weise zuspitzten.

Was können angehende Schriftsteller von Irving lernen?

Eben dieses Erschaffen von dichten Welten, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Wie in dem oben beschriebenen Roman Bis ich dich finde die Welt der Tattoos und die Welt der Kirchenmusik. Das Atmen der Zeit, die vergeht, und in Irvings Büchern sind es verschlungene Schicksale, die erst ganz zum Schluss „aufgehen“. Von Irving kann man somit lernen, dass die unwahrscheinlichsten, oftmals skurrilen und makabren Begebenheiten sich gleichzeitig am wahrsten anfühlen. Irving kann wie kaum ein anderer über die Höhen und Tiefen zwischenmenschlicher Beziehungen schreiben, über Verluste, die alle seine Held:innen prägen, egal ob es sich um den Verlust eines Körperteils handelt oder eines geliebten Menschen oder von Kindern.

Braucht es Vorbilder als Orientierung, wie zum Beispiel bei Benedict Wells dies John Irving ist?

Vielleicht nicht unbedingt, aber es kann hilfreich sein. Irvings Vorbilder waren die Autoren des 19. Jahrhunderts: Melville, Dickens. Benedict Wells mag Joey Goebel und John Irving, Patricia Highsmiths Vorbilder waren Dostojewskij, Edgar Allan Poe und André Gide.

Von welchem Schriftsteller kann man in Bezug auf das Bücherschreiben am meisten lernen?

Auch hier sind Autor:innen unterschiedlich. Einige haben schon in verschiedenen literarischen Kosmen gelebt, andere schöpfen in erster Linie aus sich selbst. Meistens ist parallel beides der Fall.

Was ist Ihr Lieblingsbuch?

Unter den von mir betreuten Autor:innen zu wählen, ist mir rein unmöglich – too many darlings. Bei befreundeten Verlagen: Der Klang der Zeit von Richard Powers, Americanah von Chimamanda Ngozi Adichie. Ein Buch von Diogenes, das mich zuletzt im Innersten berührt hat: Hard Land von Benedict Wells.

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Anna von Planta. Fotocredit: Nathan Beck, Diogenes Verlag

Anna von Planta, geboren in Basel, studierte an der Universität Genf englische, deutsche und französische Literaturgeschichte. Nach Volontariaten beim S. Fischer Verlag in Frankfurt am Main und in der Joan Daves Literary Agency in New York kam sie 1984 als Lektorin zum Diogenes Verlag. Dort betreut sie das Gesamtwerk von Friedrich Dürrenmatt und Patricia Highsmith und seit deren Tod – zum Teil als (Mit-)Herausgeberin – deren Nachlass; außerdem unter anderen die Werke von Patrick Süskind, John Irving, Paulo Coelho, Anthony McCarten, Martin Walker und Joey Goebel.

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