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„Ich habe mir das Fliegen von der ersten Minute an selbst beigebracht“

Interview mit dem Drohnenpiloten Stefan Menne.

So wie der Journalismus als Branche stehen auch journalistische Berufsbilder unter großem Anpassungsdruck. Dieser wird unter anderem ausgeübt durch die Digitalisierung, durch die Notwendigkeit, neue Geschäftsmodelle zu finden, aber auch durch die Zunahme eines Publikums, das mit und in den sozialen Netzwerken aufgewachsen ist und dort das Kommunizieren gelernt hat. Neben dem digitalen Wandel führen zudem wichtige aktuelle Themen – wie die Frage nach einer adäquaten journalistischen Darstellung von Krisen oder von Diversität in der Gesellschaft – zu Veränderungen auf der Agenda von Redaktionen und in den Medienhäusern. Diese Faktoren sowie auch die (Weiter)entwicklung neuer Technologien führen dazu, dass bei den klassischen Medienmarken, aber auch bei Start-ups ständig neue Tätigkeiten, Jobprofile, Positionen und Funktionsbezeichnungen entstehen. Wir wollen daher im „Fachjournalist“ künftig einige neue und sich verändernde Medienjobs und Berufsbilder vorstellen. 

Den Auftakt bildet ein Interview mit Stefan Menne, der als Drohnenpilot ein Mann der ersten Stunde war. Mit einer selbst zusammengebauten Drohne machte der Fotograf für die RTL-Nachrichten und die RTL-Show „Deutschland sucht den Superstar (DSDS) 2011 Luftaufnahmen – und revolutionierte das Fernsehen. Wie er überhaupt auf die Idee kam, welche Qualifikationen ein Drohnenpilot braucht und wie sich sein Beruf im Laufe der Zeit verändert hat, erzählt er im Interview mit dem Fachjournalist.

Du warst 2010 der Erste, der in Deutschland Drohnen im TV einsetzte. Wie kamst du darauf, Drohnen zu fliegen?

In den 2010er-Jahren ging es mit der professionellen Fotografie zu Ende, denn alle hatten plötzlich ein Smartphone, mit dem sie selbst Bilder machen konnten. Auf einer Militärmesse in Abu Dhabi habe ich 2009 die ersten Drohnen gesehen. Als ich kurz darauf für RTL im australischen Dschungel Fotos machte, überlegte ich: Wie könnte man im Fernsehen eine Drohne einsetzen? Ich habe das als tolle Chance angesehen, meine Fotos mit Drohnenaufnahmen aus der Luft zu ergänzen. Dann ging es an die praktische Umsetzung.

Wie bist du an eine Drohne gekommen?

Ich habe eine Micro Drone gekauft und mir als gelernter Werkzeugmacher die Technik selbst darangelötet. Der Code war offen im Internet; jeder konnte daran herumprogrammieren. Jeden Morgen bin ich hinaus aufs Feld gegangen, um zu üben – und habe etliche Drohnen dabei verloren.
Wenn sie heute aus der Reichweite herauskommen, fliegen sie wieder in deine Richtung. Aber damals konnte man nur den Motor ausmachen und sich auf die Suche begeben. Ein kostspieliges Vergnügen: Eine Drohne, die heute 500 Euro kostet, hatte damals einen Gegenwert von 50.000, 60.000 Euro.

Learning by doing also …

Genau. Als ich dachte, jetzt kannst du damit so langsam auf den Markt gehen, habe ich bei RTL angeklopft – und hatte sofort einen festen Rahmenvertrag für die News-Abteilung in der Tasche. Die ersten Jahre war ich fast allein auf weiter Flur als Drohnenpilot.

Ich habe mir das Fliegen von der ersten Minute an selbst beigebracht. Noch immer gibt es keine offizielle Ausbildung zum Drohnenpiloten. Einen Monat lang hatte ich Online-Unterricht, bin von Leuten der Royal Airforce aus Südwales trainiert worden. Die hatten zwar viel Ahnung davon, wie man hoch und weit fliegt. Aber spannender als eine Totale ist doch, ganz eng und präzise zu fliegen. Dank einer Drohne ganz nahe an einem Objekt dranzusein, beispielsweise an einem Auto, das durch die Landschaft fährt. Oder, wie im neuen Action-Film „Ambulance“, in rasender Geschwindigkeit durch Keller oder unter Brücken durchzufliegen beispielsweise. Da sieht man, was die Dinger können.

Meine Kunst ist, irgendwo hineinzufliegen. Die Leute lieben meine Bilder. In der RTL-Show „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“ konnte ich dieses Jahr erstmals zeigen, wo das Dschungelcamp überhaupt liegt. Ich habe eine Totale gedreht, bin dann mit der Drohne durch die dichten belaubten Bäume getaucht – und auf einmal befand sich der Zuschauer mitten im Camp.

Welche Projekte hast du als Kamera-Drohnen Operator realisiert?

Ich habe viele Filme begleitet wie „Atemlos durch Mexiko“ und das ZDF-Herzkino oder TV-Shows wie „Die Geissens“, „Sommerhaus der Stars“ und „Der Bachelor“. Aber ich habe auch Liveübertragungen der 1. Fußball-Bundesliga gemacht oder bei Hochwasser überflutete Häuser von oben gezeigt.

Bei den News werden nur sekundenlange Bilder gezeigt, da erzählt man keine Geschichten. Die RTL-Show „Deutschland sucht den Superstar“ 2011 war für mich der große filmische Durchbruch, da hatte dann jeder mein Material gesehen. Von diesem Zeitpunkt an habe ich 70 Stunden in der Woche gearbeitet. Ich hatte 250 bis 300 Drehtage im Jahr, wurde im Auto von einem Assistenten durch die Gegend gefahren. Wenn ich aufgewacht bin, wusste ich erst mal überhaupt nicht, wo ich bin.

Heute ist die Konkurrenz groß. Welche Qualifikationen braucht man, um sich von der Masse abzuheben?

Eine Drohne kaufen kann jeder – aber um als Drohnenpilot in Film und Fernsehen richtig gut zu sein, muss man so einige Bereiche abdecken.
Generell braucht man maximales technisches Wissen und visuelle Erzählkraft. Mein Vorteil war, dass ich a) eine technische Ausbildung habe, b) in meinem Beruf als Fotograf mit Bildern zu tun hatte und c) beim Fernsehen gearbeitet habe. Da kam alles zusammen – ich konnte alles, was sich andere erst mühsam aneignen müssen.

Welche Qualifikationen man im Einzelnen braucht:

  • Man muss wissen, wie die Elektronik funktioniert. Drohnen sind fliegende Computer mit vier bis acht Motoren, mit einem Großhirn in der Mitte und vielen Sensoren wie dem Beschleunigungssensor oder dem Lagesensor, der weiß, wie gerade oder schräg die Drohne liegt.
  • Man muss software- und computeraffin sein, zum Teil auch programmieren können, sich beispielsweise den Code angucken, um einen Abstandsensor einzubinden.
  • Wissen über Wind und Wetter ist unabdingbar: Wie verhält sich eine Drohne in den Wolken? Was muss der Drohnenpilot bei Stürmen und in den Bergen beachten? Wo gibt es Auf- und Abwinde?
  • Man braucht Amateur-Radiowissen: Welche Frequenzen kann ich benutzen? Welche Radiowellen kommen durch welche Blätter hindurch?
  • Es gilt, die Luftfahrtregeln zu beachten: Wo darf man (nicht) fliegen? Wann gefährdet man andere?
  • Ein Drohnenpilot, der keine fotografische Ausbildung hat, muss lernen, in Bildern zu denken.
  • Und wenn man dann noch Filme drehen will, muss man zusätzlich ein filmisches Auge haben. Ein guter Pilot, etwa aus dem Hubschauberbereich, liefert nicht zwingend gute Bilder. Dreimal über ein Filmset zu fliegen, ergibt noch kein gutes Bildmaterial. Man muss dramaturgisch denken, ein passendes Anfangs- und Endbild produzieren.
  • Man muss das EU-Drohnengesetz kennen. Danach muss man beispielsweise inzwischen zwei Führerscheine machen, um eine Drohne fliegen zu dürfen.

„Maximales technisches Wissen“: Drohnenpilot Stefan Menne in seiner Werkstatt. Foto: Ulrike Bremm

Was ich mir da geschaffen habe, ist ein fundamentales, sehr umfangreiches Wissen. Und man lernt nie aus; ich gucke mir immer noch jeden Tag YouTube-Videos an, sitze ständig am Simulator und trainiere. Die Kids heute haben das besser drauf, weil sie aus dem Gaming kommen. Außerdem: Je älter man wird, desto größer sind die Ängste und desto langsamer die Reflexe. 

Ist schon mal etwas schiefgegangen? Hattest du schon mal einen Unfall?

Die Gefahr ist groß, dass etwas schiefgeht. Als Drohnenpilot stehst du am Boden und steuerst ein schnelles Gerät in der Luft. Wohin die Reise geht, siehst du nur virtuell, durch die VR-Brille.

Bei einer Live-Sendung 2019 für den NDR am Timmendorfer Strand waren eine Million Menschen zugegen. Damals war ich für den NDR am Start, für dessen TV-Produktionsfirma ich die Drohnenabteilung aufgebaut habe. Wir hatten eine dicke Drohne mit starkem Motor ausgewählt. Kurz bevor das Event losging, kam ein Wutbürger auf uns zu, der sich als Polizist ausgab. Er sagte zu meinem Kameramann, wir müssten den Gimbal, eine Art Kamerastabilisator, justieren. Danach hat der Kameramann mir die Drohne aus Versehen verkehrt herum hingestellt, was bei der Drohne schlecht ersichtlich war. Ich war unter Stress, die Leute waren alle viel zu nah und es war nicht richtig abgesperrt. Die Drohne flog auf mich zu – und die Rotoren schnitten mir Sehnen im Arm durch. Das war die Sensation am Strand, alle haben mich gefilmt, wie ich mir das selbst abgebunden habe, bevor der DLRG mit Tatütata ankam. Ich konnte drei Monate lang nicht arbeiten, bekam aber als Festangestellter weiterhin mein sehr gutes Monatsgehalt. Meine Hand ist immer noch etwas in Mitleidenschaft gezogen.

Was kann man als Drohnenpilot in der Medienbranche verdienen? Welche Honorare oder welches Gehalt sind üblich? Und mit welchen Kosten muss man für die Ausrüstung rechnen?

Die Kosten sind natürlich individuell unterschiedlich. Man kann mit 1.000 Euro Investition anfangen, aber auch 150.000 Euro in die Ausrüstung investieren – je nachdem, über welche finanziellen Mittel man verfügt und was man abliefern möchte. Es gibt Leute, die fliegen 80.000-Euro-Drohnen durch die Gegend.

Was das Gehalt angeht: Für einfache Sachen wie News beginnt das Tageshonorar bei 800 Euro. Für eine Kinoproduktion werden 2.500 bis 3.500 Euro gezahlt, allerdings ist man da mit drei Leuten am Start: einer, der fliegt, ein Kameramann und ein Kameraassistent. Für eine TV-Show kann man mit 1.000 bis 1.500 Euro rechnen. Nach oben sind den Verdienstmöglichkeiten keine Grenzen gesetzt.

Gibt es Aufträge, die du – so lukrativ sie auch sein mochten – abgelehnt hast?

Viele. Aus militärischem Zeug halte ich mich generell raus.
Ich sollte beispielsweise für die Kurden im Nordirak eine Drohnenabwehr bauen, damit sie sich vor türkischen Drohnenangriffen schützen können. Als ich einmal in Miami war, waren die Amerikaner hochinteressiert an meiner Technik und wollten, dass ich für sie Hotelzimmer auskundschafte: Heute gibt es so kleine Drohnen, dass sie sich durch jedes Fenster fliegen lassen, um etwas auszuspionieren oder etwas Explosives hineinzutransportieren. Ich wurde auch schon angefragt, Landminen zu verteilen.

Wenn es darum geht, Minen aufzuspüren und Leben zu schützen, bin ich sehr gerne dabei. Wenn ich aber helfen soll, zu töten, mache ich für kein Geld der Welt mit. Schließlich möchte ich mich weiterhin im Spiegel angucken können.

Inwiefern hat sich der Beruf des Drohnenpiloten über die Jahre hinweg verändert?

Früher war ich der absolute Held – heute wird mir mit der Polizei gedroht.
Eine Drehgenehmigung zu bekommen, ist aufgrund des neuen EU-Rechts mittlerweile schwierig. Man darf nicht mehr einfach über Häuser fliegen; wenn man eine Totale von einem Dorf machen will, müsste man theoretisch jeden einzelnen Hausbesitzer um seine Erlaubnis fragen. Der Einsatz von Drohnen bei Sportereignissen, Demonstrationen oder Verkehrsunfällen ist genehmigungspflichtig. Bahnanlagen, Industriegelände und Bundeswasserstraßen sind Flugverbotszonen. Und laut der deutschen Drohnenverordnung ist die maximale Flughöhe auf 120 Meter über Grund begrenzt; es darf zudem nur auf Sichtweite geflogen werden.

Ich bin schon 50 Mal von Bürgern angezeigt worden, aber die Beweisführung ist schwierig. Ein einziges Mal habe ich 1.000 Euro Strafe gezahlt: In einer seitenlangen Anklage wurde mir beispielsweise vorgeworfen, über Menschenansammlungen und nach Sonnenuntergang geflogen zu sein. Obwohl alle Anklagepunkte aus der Luft gegriffen waren, hat mir mein Rechtsanwalt damals nahegelegt, die Strafe zu zahlen. Da bin ich den Weg des kleinsten Widerstands gegangen, weil es mir zu aufwendig war, mich mit der Luftfahrtbehörde anzulegen.

Im Jahr 2020 gab es 45.000 kommerziell genutzte Drohnen, 385.000 waren in privater Hand. Dass die Leute da sauer werden und sich belästigt fühlen, kann ich auch verstehen. Aber es ist doch ein Unterschied, ob ein zwölfjähriger Junge bei den Nachbarn im Garten herumfliegt oder ob für einen Film gedreht wird. Ich finde, da werden die private und die berufliche Nutzung von Drohnen nicht differenziert genug betrachtet.

Wer heute noch als Drohnenpilot anfangen möchte, muss wissen: Inzwischen bietet das Drohnenfliegen gefühlt jeder an. Die Konkurrenz ist riesig.

Welche kommerziellen Möglichkeiten bieten sich freien Drohnenpiloten außerhalb von Film, Fernsehen und der Präsentation von Unternehmen für eine Website oder in sozialen Medien wie Instagram?

Das ist ein Riesenmarkt, der im Aufbruch ist. Ein Schwerpunkt ist der Search-and-Rescue-Bereich: Mit einer Wärmebildkamera kann man vermisste Personen suchen, entlaufene Haustiere, Rehkitze in Feldern, die gemäht werden sollen, von Lawinen verschüttete Personen – aber auch Einbrecher oder Wilderer stellen. Außerdem können sie im Transportbereich zum Einsatz kommen, um schnell Blutkonserven von Hospital zu Hospital zu fliegen, nach einer Überschwemmung die auf Dächern Ausharrenden mit Lebensmitteln zu versorgen oder auf entlegene Inseln wie die Halligen Medikamenten zu bringen.

Weitere Einsatzgebiete sind die Landwirtschaft oder der Weinbau. Dort können Drohnenpiloten eingesetzt werden, um Pestizide zu versprühen. Per Laser, mit Lidar-Messgeräten, können Hochspannungsmasten oder Überlandleitungen kontrolliert, Dächer inspiziert sowie Häuser, Landschaften, Gruben, Bäume oder das Höhenprofil eines Sees vermessen werden. Mit Tethered Drones kann man Konzerte oder Technopartys überwachen und mithilfe von künstlicher Intelligenz Anzeichen einer Massenpanik erkennen. Ein weiterer Bereich, den ich ebenfalls bediene: die UXO-Suche, also das Aufspüren von Blindgängern – Unexploded Ordnance.

Ob für das Fernsehen oder wenn ich etwas sondiere: Es ist so ein geiles Gefühl, die Brille aufzusetzen und die Drohne zu steuern. Drohnenfliegen ist meine absolute Leidenschaft!

Das Gespräch führte Ulrike Bremm. 

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV)

Foto: Ulrike Bremm

Stefan Menne wurde in Hagen geboren, ist gelernter Werkzeugmacher. Der Fotograf hat als einer der ersten Drohnen im Fernsehen eingesetzt. Seine Karriere als Drohnenpilot begann 2010 bei den RTL-News. Ab 2011 war er auch im fiktionalen Bereich tätig. Den filmischen Durchbruch hatte er mit der RTL-Show „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS). Auch aus der Show „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ sind seine Bilder nicht wegzudenken. Außerdem wird er für Filme gebucht und ist auch außerhalb der Medien, beispielsweise bei der Suche von Blindgängern, tätig.

 

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