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Ilija Trojanows „Doppelte Spur“: Ein literarischer Bericht über das Dickicht der Macht

Der Whistleblower-Roman zeigt korrupte Machenschaften in einem politischen und wirtschaftlichen Netzwerk auf, in deren Zentrum die Präsidenten Russlands und der USA stehen, und bewegt sich dabei nah an der Realität.

Der investigative Journalist Ilija wird am 12. Oktober 2018 in kurzem Abstand per E-Mail von zwei Whistleblowern kontaktiert. Die eine Mittelsperson ist augenscheinlich Mitarbeiterin des FBI, die andere ein Agent des russischen Auslandsnachrichtendienstes SWR. Beide spielen ihm streng geheime Dokumente zu. Von der englischsprachigen Seite wird ihm zugesagt, dass das Material Verwicklungen der Mafia in Staatsbelange aufzeigt, die russischen Dokumente sollen Informationen über „Verflechtungen zwischen der amerikanischen Regierung und ausländischen Interessen“ beinhalten.

Da ihm das Material authentisch erscheint und seine Neugier geweckt ist, lässt Ilija sich auf dessen journalistische Aufarbeitung ein. Bei einer ersten Sichtung stellen sich ihm die Unterlagen als „Fundgrube unverbundener Einzelheiten“, als „Anhäufung disparater Details“ dar. Aber lässt sich daraus auch eine plausible Erzählung stricken?

Unterstützung auf der Suche nach einer Geschichte findet er bei einem amerikanischen Wirtschaftsjournalisten mit russischen Wurzeln, dem das brisante Material ebenfalls zugesendet wurde; der Erzähler gibt ihm den Decknamen „Boris“. Zusammengeführt werden die beiden durch die Whistleblowerin des FBI. In einem schalldichten Raum ohne Internetverbindung durchforsten Boris und er fortan Berge von Dokumenten, die ein globales, von Mafia und Oligarchie bestimmtes, korruptes politisches und wirtschaftliches Netzwerk aufdecken. In dessen Zentrum stehen der amerikanische und der russische Präsident, auf die sie mit den Decknamen „Schiefer Turm“ und „Mikhail Iwanowitsch“ referieren.

Als sie auf Papiere stoßen, die Kindesmissbrauch in der Geldaristokratie thematisieren, zieht Boris auch die kritische Filmemacherin Emi zu den Recherchen hinzu. Seine ehemalige Studienkollegin arbeitet nämlich an einer Dokumentation über den verurteilten Sexualstraftäter „Geoffrey Wasserstein“, der mithilfe eines Pyramidensystems unzählige minderjährige Mädchen missbrauchte und zu zahlreichen der in den geleakten Dokumenten genannten Personen Kontakt hatte. Ilija verliebt sich in die tough auftretende Filmemacherin und es entspinnt sich trotz der nervenaufreibenden Recherchen, die sie zu bewältigen haben, eine zarte Romanze zwischen den beiden.

Nah an der Wahrheit

„Alles an diesem Roman ist wahr oder wahrscheinlich“ – dieser Satz ist dem Buch vorangestellt. Tatsächlich navigiert der Romantext sehr nah an der Realität. Nicht nur die medial ausgeschlachteten Untaten des verurteilten Sexualstraftäters Jeffrey Epstein, der hier „Geoffrey Wasserstein“ genannt wird, sind sehr augenscheinlich der Wirklichkeit entnommen. Auch der von den Journalisten im Zuge ihrer Recherche verwendete Deckname „Mikhail Iwanowitsch“ für den russischen Präsidenten ist ein gängiger Spitzname für Wladimir Putin. „Schiefer Turm“ ist aufgrund im Roman vorkommender biografischen Parallelen unschwer als der kürzlich nicht wiedergewählte amerikanische Präsident Donald Trump zu erkennen. Weitere Namen – beginnend mit dem des Erzählers „Ilija Trojanow“ – und Fakten wie biografische Details der behandelten Akteure der Macht sind zum Teil eins zu eins der Realität entnommen.

Er wollte einen Roman schreiben, der auf einer Ebene „durch und durch literarisch“ sei, meint Trojanow in einem Gespräch über sein Buch im Deutschlandfunk, aber „die Bausteine, die Ziegelsteine sind alle, soweit ich es überprüfen kann, faktisch.“

Dickicht der Macht

Der Romantext führt dabei eher ins Dickicht globaler Machtverhältnisse hinein, als dieses zu entwirren. Wie die fiktiven Investigativjournalisten bei ihrer Arbeit wird man beim Lesen mit der Darstellung zum Teil haarsträubender Gegebenheiten konfrontiert, die aufzeigen, wie korrupte Politiker, die Mafia, Oligarchen und andere Wirtschaftsmagnate vernetzt sind und wie selbstverständlich von ihnen legale und moralische Grenzen überschritten werden. Dabei werden reale, mehr oder weniger bekannte Geschehnisse und Themenkomplexe – wie der Epstein-Missbrauchsskandal, Donald Trumps verrufene Beziehungen zu Russland, aber auch undurchsichtige Todesfälle in hohen Kreisen, wie jener des russischen Konsularbeamten Sergei Kriwow in New York – im Buch dargelegt.

Ein besonders prägnantes Beispiel für die realen Bausteine des Textes ist eine eingefügte Liste von Bewohnern des Trump Towers, auf die der Erzähler in den vom FBI zugespielten Dokumenten stößt. Diverse Wohnungen des Towers werden seit 1984 abgehört, liest man. Gelistet werden 25 „straffällige bzw. -verdächtige Eigentümer/Mieter von 725 5th Ave“. Diese Besitzer und Mieter von Büros oder Wohnungen sind in Geldwäsche, Betrug und andere Verbrechen, bis hin zum Mord, verwickelt. Zu den über die Buchseiten hinaus wohl bekanntesten Bewohnern des Trump Towers auf dieser Liste, die internationale Schlagzeilen machten, zählen etwa der Betrüger Steven Hoffenberg, der Mafiaboss Wjatscheslaw Iwankow oder der russische Oligarch und Großinvestor Oleg Boyko.

Durch die leicht zu entschlüsselnden Decknamen und eine Fülle von Klarnamen fühlt man sich beim Lesen in dem einen oder anderen Fall angestachelt, selbst weiter zu recherchieren. Dazu reichen oft eine Namenssuche auf Google und wenige Klicks im Internet. So dringt man über den literarischen Text hinaus in die „wirkliche“ Welt der Korruption, Geldwäsche und diffusen politischen Machtverhältnisse ein.

Polit-Thriller oder Enthüllungsbuch?

Diese Vermittlung von Namen, Fakten, Hintergründen und deren Zusammenhängen tritt vor dem Vorantreiben einer Handlung in dem Buch oft in den Vordergrund. Das macht zum einen eine formale Zuordnung des Textes schwierig: Handelt es sich etwa um einen Polit-Thriller oder gar um ein in einen Roman verpacktes Enthüllungsbuch, wie der deutsche Literaturkritiker und Sachbuchautor Jörg Magenau es nennt? So gibt es Elemente, die Erstgenanntem entsprechen, etwa knackige Kapitelüberschriften, die oft nur die Handlungsorte – „Hongkong“, „Wien“ oder „Prag“ – nennen und damit dem Text Tempo verschaffen. Auch die Art der Zuspielung des Materials – dieses wird dem Enthüllungsjournalisten auf der Rolltreppe eines Hongkonger Nobeleinkaufszentrums auf einer microSD-Karte in die Jackentasche gesteckt – oder der ominöse Tod eines Brooklyner Privatdetektives, den Ilija und Boris zuvor beauftragten, um mehr über ihre Quelle vom FBI zu erfahren, können als genretypische Thriller-Versatzstücke gesehen werden. Zum anderen wird im Buch jedoch weniger Neues enthüllt als vielmehr in konzentrierter, literarischer Form auf reale Missstände aufmerksam gemacht, die – etwa in einzelnen, im Internet zugänglichen Zeitungsberichten – bereits veröffentlicht wurden. Während die Thriller-Elemente dem Text Struktur geben, scheint eine literarische Beschreibung des Ist-Zustands einer Welt, in der die Korruption regiert, ein zentrales Anliegen des Romans zu sein.

Journalistische Kleinarbeit

Eine große Rolle im Text nimmt die Ermittlungsarbeit der Aufdeckerjournalisten selbst ein. Dabei wird von der mühevollen Kleinarbeit, die hinter den Enthüllungen steckt, berichtet. Die Inhalte einzelner Dokumente werden oft über mehrere Buchseiten hinweg nacherzählt. Diese aufwendige Darstellung der ungefilterten Datenberge, der sich die Journalisten ausgesetzt sehen, macht das Lesen zwar manchmal langwieriger, ist aber besonders aus journalistischer Perspektive interessant. „Die vorliegenden Dokumente sind narrativ neutral“, heißt es im Buch, „ein jedes nimmt sich wichtig und vergeht zugleich in Nebensächlichkeit.“ Die Enthüllungsjournalisten stehen vor den schwierigen Fragen: Wie kreiere ich aus einer Überfülle von Daten eine stringente Erzählung? Lässt sich eine erzählbare Story finden?

Die Recherchen führen Ilija schließlich zum wahren Drahtzieher der Leaks und den Journalisten im Roman gelingt es, eine plausible Geschichte zu erzählen und zu veröffentlichen. Die feinfühlend und authentisch vermittelte Liebesgeschichte, die sich zwischen Ilija und Emi entfaltet, bildet einen ästhetischen Kontrast zu den Taten der skrupellosen Menschen, über welche die Aufdeckerjournalisten berichten wollen. Die Veröffentlichung ihrer Enthüllungen zwingen den Erzähler schließlich dazu, unterzutauchen. Eine befriedigende Antwort, um welche Art von Buch es sich bei dem vorliegenden handelt, gibt der Erzähler in der literarischen Welt schließlich selbst: Er verfasse jeden Tag „einige Seiten dieses persönlichen Berichts, der von den Hintergründen unserer Enthüllungen Zeugnis ablegen soll.“

Fazit: Das Buch ist ein komplexer Whistleblower-Roman, der Einblicke in die korrupten Machtverhältnisse von Ost und West bietet und dabei zu großen Teilen aus der Realität schöpft.

Der Schriftsteller, Übersetzer und Verleger Ilija Trojanow wurde 1965 in Sofia geboren. 1971 floh er mit seiner Familie aus dem kommunistischen Bulgarien nach Deutschland. Weitere Stationen seines Lebens waren Kenia, Paris, München, Mumbai und Kapstadt. Trojanow studierte Rechtswissenschaften und Ethnologie in München, wo er auch den Kyrill & Method Verlag und den Marino Verlag gründete. Schwerpunkte seines umfangreichen Werkes sind Reisen und Politik. Er verfasste zahlreiche Romane (z. B. „Der Weltensammler“, 2006), Reportagen („An den inneren Ufern Indiens“, 2003) und Sachbücher, wie die mit Juli Zeh verfasste Streitschrift „Angriff auf die Freiheit“ (2009), die vor dem Überwachungsstaat warnt. Für seine Werke erhielt er viele Auszeichnungen, darunter den Preis der Leipziger Buchmesse und den Berliner Literaturpreis.

 

Autor: Ilija Trojanow
Titel: Doppelte Spur
Preis: Euro 22,00 (gebundene Ausgabe)
Umfang: 240 Seiten
Erscheinungsjahr: 2020
Verlag: S. Fischer
ISBN: 978-3-10-390005-7

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Friederike SchwabelDie Rezensentin Friederike Schwabel, Dr.in phil., promovierte im Fach Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Wien und ist Absolventin der Deutschen Fachjournalisten-Schule. Ihre Dissertation behandelt die kritische Rezeption zeitgenössischer deutscher Literatur in der amerikanischen Presse. Sie lebt in Wien und ist als freie Fachjournalistin tätig.

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