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Journalisten, die Bergleute der Gegenwart?

Alexandra Borchardt wirft einen kritischen Blick auf die Zukunft des Journalismus. So wird die Branche für den journalistischen Nachwuchses immer unattraktiver. Borchardt stellt aber klar, dass die Demokratie einen starken Journalismus dringend benötigt. Ein Buchauszug  

Die Vertrauenskrise, die Krise der Geschäftsmodelle und die steigenden Erwartungen der Konsumenten an Qualität und Vielfalt zeigen: Guter Journalismus zu produzieren ist heute anspruchsvoller denn je. Ob die Journalisten selbst dem gerecht werden können, ist allerdings nicht ausgemacht. Wer sich heute für den Journalistenberuf interessiert und ein wenig darüber informiert, dürfte angesichts der Lage und der Perspektiven ins Grübeln kommen: überall weniger Jobs, schwindende Sicherheit, mittelmäßige bis schlechte Bezahlung, das beschriebene „Abwärtsmanagement“. Und dann soll man auch noch riskieren, von der Öffentlichkeit angefeindet zu werden?

Wer sich vielleicht mal als wettergegerbter Auslandskorrespondent, als lässige Polizeireporterin, als Mitreisende im Kanzlerinnenflugzeug, als Sportreporter im Stadion oder als Theaterkritikerin im Parkett gesehen hat, winkt heute in der Regel dankend ab. Jugendliche träumen eher davon, Influencer zu werden als Politikjournalist. Schließlich hat man mit einem YouTube-Video deutlich bessere Chancen, Dinge zu beeinflussen, als mit einem sorgfältig formulierten Leitartikel oder einer anstrengenden Datenrecherche, nicht wahr?

Noch reservierter gegenüber einem Job in der Journalistenwelt sind diejenigen, die etwas von Software und IT verstehen, gar programmieren können. In den Redaktionen werden Leute wie sie dringend gebraucht, aber mit ihren Qualifikationen können sie eben auch zu Google, Facebook oder anderen Industrieunternehmen gehen. Dort sind nicht nur die Gehälter höher und die Büros cooler. Wer zum Beispiel sein Arbeitspensum mit Aufgaben in der Familie oder einem Hobby vereinbaren will, findet dort in der Regel auch deutlich flexiblere Bedingungen vor.

Schichtdienst ziemlich unbeliebt

In Redaktionen sei die Work-Life-Balance immer noch ziemlich schlecht, bestätigte der Chefredakteur der Berliner Zeitung, Jochen Arntz, in einem Interview für die hier schon mehrfach zitierte Studie „Are Journalists Today´s Coal Minders?“, die im Sommer 2019 publiziert wurde. „Viele Leute in den Zwanzigern wollen das nicht“, so Arntz. „Sie wollen anders leben und arbeiten, als jeden Tag zehn Stunden in der Redaktion zu sitzen oder in Schichtmodellen zu arbeiten, die von morgens fünf bis abends 24 Uhr gehen. Es ist immer noch richtig viel Arbeit, und man muss zu bestimmten Zeitpunkten einfach da sein. Es lässt sich nicht selber strukturieren, sondern es wird strukturiert.“  Sind Journalisten also, wie der Titel der Studie nahelegt, die Bergleute von heute, deren Zeche nach und nach geschlossen werden?

Die großen Medienmarken spüren noch nichts vom Bewerberschwund. Bei der BBC bewerben sich nach wie vor Tausende für ein knappes Duzend Stellen in den Traineeprogrammen. Und die Kandidatinnen und Kandidaten sind hoch qualifiziert. Auslandserfahrung, Promotion, Journalistenschule, Dutzende Praktika bei renommierten Marken – und das alles für ein Volontariat mit 2000 Euro brutto im Monat. Auch renommierte Häuser wie die Süddeutsche Zeitung können noch auswählen.

Die Zeiten hoher Bewerberzahlen sind vorbei

Bei den regionalen Medien sieht die Lage aber bereits anders aus. Dort gehen Bewerberzahlen zurück, und damit sinkt im Schnitt eben auch die Qualität, wie Chefredakteure und Leiterinnen von Journalistenschulen übereinstimmend feststellen. In Schweden haben sogar schon mehrere Ausbildungsgänge schließen müssen. Außerhalb von Stockholm, wo man sich um die prestigeträchtigen Stellen bei den etablierten Marken rangelt, zieht es kaum noch jemanden in den Journalismus. Auch die deutsche Regionalpresse macht sich Sorgen. Für die Zentralredaktion in Hannover finde man ja noch Leute, sagt Hendrik Brandt, Chefredakteur der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, die zur Madsack-Mediengruppe gehört. Aber für ein Büro in Celle? Fehlanzeige. Madsack habe deshalb eigens einen „Medien Campus“ aufgebaut und werbe aktiv um Nachwuchs. Seitdem gehe es besser. Die Zeiten, in denen Bewerbungsstapel irgendwann im Papierkorb entsorgt worden seien, weil man ihrer nicht mehr Herr wurde, seien lange vorbei.

Den Chefredakteur der Deutschen Presse-Agentur dpa, Sven Gösmann, wundert das nicht. „Der Journalismus“, sagt er in einem für ein Forschungsprojekt geführten Interview, „wird verbunden mit Worten wie Zeitungssterben, Lügenpresse, Druckereisterben, paid content, Bezahlschranke, also unsexier geht es gar nicht. Und dann steht er in einem Wettbewerb um kreative Geister mit Start-ups, die häufig mehr Schein als Sein sind, aber natürlich unglaublich attraktiv und anziehend wirken. Es gibt auch die journalistischen Erfolgsgeschichten nicht, so wie die Samwer-Brüder, Steve Jobs, Sundar Pichai bei Google. Die neue Chefin von Twitter Europe ist 32 Jahre alt. Solche Geschichten schafft unsere Industrie zu wenig.“ In Filmen tauchten praktisch nur Printjournalisten alten Stils auf, so Gösmann weiter. Er denke da an „Die Verlegerin“ oder an den mit einem Oscar prämierten „Spotlight“. „Es fehlen die Vorbilder. Es gibt nicht die Instagram-Redakteurin als Heldin einer Netflix-Serie.“

„Du bist jetzt ein unvoreingenommener Journalist“

Wer heute noch Journalist werden möchte, hat sich das in der Regel genau überlegt. Die meisten, die sich bewerben, wollen etwas bewegen, die Welt verändern. Für Redaktionen kann das eine Herausforderung sein, denn sie suchen nun mal keine Aktivisten, sondern Rechercheure, die an den Fakten interessiert sind. Beim schwedischen Sender Sveriges Radio sind Meinungsbeiträge laut Chefredakteur Olle Zachrison ausdrücklich nicht erwünscht. „Wir sagen den jungen Kollegen dann: All diese vorgefertigten Meinungen, die du da hast, die musst du jetzt vergessen. Du bist jetzt ein unvoreingenommener Journalist.“ Das sei für viele nicht so einfach.

Eine Entwicklung kann dem Journalismus allerdings überhaupt nicht guttun: Dass sich nur noch junge Menschen für den Beruf interessieren, die es sich leisten können. Es sind Bewerberinnen und Bewerber, für die ein paar unbezahlte Praktika kein Problem sind, weil sie entweder Familien oder einen Partner haben, die sie finanziell unterstützen und die einspringen können, falls gar nichts mehr läuft.

Dabei war Journalismus – abseits der großen Feuilletons – einmal ein klassischer Aufsteigerberuf. Man brauchte kein Studium, um Reporter zu werden, nur Hartnäckigkeit und Talent zum Erzählen. Das Handwerk selbst ließ sich lernen. Irgendwann aber gab es so viele Bewerberinnen und Bewerber, dass sich die Redaktionen die Topkandidaten aussuchen konnten. Ohne Studium machte sich niemand mehr Hoffnungen. Mit einem exotischen Fach wie Chinesisch oder Naturwissenschaften hatte man zudem bessere Chancen, weil man sich von der Heerschar der Geistes- und Sozialwissenschaftler abhob.

Heute bleiben die Arbeiterkinder freiwillig weg. Und die wenigen Absolventen aus sozial schwächeren Milieus suchen sich am Ende lieber Jobs, die mehr Sicherheit bieten. Dies gilt besonders für jene aus Einwanderfamilien, wo der Journalismus häufig nicht gerade als erstrebenswerter Beruf gilt. Wer viel auf sich genommen hat, um seinen Kindern und Enkeln ein besseres Leben in einem fremden Land zu ermöglichen, sieht es nun mal lieber, wenn der Nachwuchs Jura oder Medizin studiert, statt sich in das Abenteuer Journalismus zu stürzen.

Gerade die namhaften Medienhäuser finden sich also in der paradoxen Situation wieder: Sie könnten durchweg hoch qualifizierte Kandidaten einstellen, möchten aber auch jenen Stimmen Platz geben, die neue Perspektiven auf die Gesellschaft eröffnen könnten. Nur die bewerben sich nicht, auch weil sie glauben, ohnehin keine Chance zu haben gegen die Konkurrenz mit dem Abschluss aus Oxford oder Cambridge, wie das zum Beispiel in Großbritannien der Fall ist, oder gegen die Kinder aus deutschen Bildungsbürgerhaushalten mit Doktortitel und 15 Punkten im Deutsch-Abitur. Bei den kleineren Marken hingegen bewirbt sich bald niemand mehr, weil der Branche die Zukunftsstory fehlt – und das ausgerechnet im Journalismus, wo man um eine gute Geschichte sonst nicht verlegen ist. Die Zeit drängt, eine zu entwickeln.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem BuchMehr Wahrheit wagen. Warum die Demokratie einen starken Journalismus braucht“ von Alexandra Borchardt, erschienen im Duden Verlag, Berlin 2020. 

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Alexandra Borchardt ist Autorin, Dozentin und Beraterin und war mehr als zwei Jahrzehnte lang im tagesaktuellen Journalismus tätig, zuletzt als Chefin vom Dienst der Süddeutschen Zeitung. Sie ist Senior Research Associate am renommierten Reuters Institute for the Study of Journalism der University of Oxford, wo sie Fortbildungsprogramme für leitende Journalisten und Medienmanager entwickelt hat. Zuletzt erschien von ihr das Buch Mensch 4.0 – Frei blieben in einer digitalen Welt (2018). Sie lebt mir ihrer Familie in der Nähe von München.

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