RSS-Feed

Keine „Staungeschichten“: Anbieter von Wissenschaftsinformationen im Check-up

Wenn Journalisten über Wissenschaftsthemen schreiben, betreten sie oft eine Terra incognita. Welche Quellen sind vertrauenswürdig? Gibt es Fachleute, die sich für ein Interview eignen? Was kann ich dem Publikum an Tiefe zumuten? Was bedeutet dieser häufig verwendete Fachbegriff eigentlich genau? Wir haben zwei Wissenschafts-Informationsdienste für Journalisten unter die Lupe genommen, das Science Media Center (SMC) und den Informationsdienst Wissenschaft (idw). Was bieten sie und wie kann man damit arbeiten?

Das ist ein fiktives, aber typisches Szenario nahe am journalistischen Arbeitsalltag: A wird von einer seiner Redaktionen kurzfristig um einen Beitrag über die jüngst vom EU-Parlament beschlossene Aufnahme von Gas- und Atomkraft in die Taxonomie gebeten. Dabei soll er auch die Umweltauswirkungen der beiden Energieformen betrachten.

A schreibt gelegentlich über wissenschaftliche Themen, ist sich hier aber unsicher und fragt Kollegin B, eine ausgewiesene Wissenschaftsjournalistin, nach vertrauenswürdigen und zuverlässigen Quellen. B empfiehlt ihm zwei Dienste, die sich auf Informationen mit Wissenschaftsbezug spezialisiert haben: Das Science Media Center SMC von der gemeinnützigen Science Media Center Germany gGmbH und den Informationsdienst Wissenschaft idw vom Informationsdienst Wissenschaft e. V. Beide unterhalten frei zugängliche Online-Portale mit umfangreichem Content.

SMC und idw: Organisation und Finanzierung

Volker Stollorz, Geschäftsführer des Science Media Center Germany (SMC), © Science Media Center Germany GmbH.

Das SMC-Angebot wird, laut Geschäftsführer Volker Stollorz, von einer gemeinnützigen und unabhängigen Redaktion bereitgestellt, „die das Ziel hat, Journalistinnen und Journalisten aller Ressorts bei der Berichterstattung über Themen mit Wissenschaftsbezug zu unterstützen“. Finanziert wird der Betrieb des Dienstes aktuell von der Klaus Tschira Stiftung (KTS) mit etwa 1,5 Millionen Euro pro Jahr sowie von einem Verein der Freunde und Förderer. Dazu kommen Drittmittel, etwa vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und von weiteren fördernden Stiftungen. „Die werben wir für unsere Forschungs- und Entwicklungsprojekte im SMC Lab ein. Wir haben ja nicht nur eine Redaktion, sondern auch ein Lab, in dem wir Tools und Werkzeuge entwickeln – für einen Wissenschaftsjournalismus in Zeiten der Informationsüberflutung“, berichtet Stollorz.

Den idw beschreibt dessen stellvertretende Geschäftsführerin Svenja Niescken als „Plattform, vorrangig für Nachrichten und Themen mit Wissenschaftsbezug“. Der eingetragene gemeinnützige Verein kommuniziert Informationen seiner aktuell 1.050 Mitgliedseinrichtungen. Unter ihnen sind Universitäten und Fachhochschulen – auch Max Planck-, Helmholtz- und Fraunhofer-Institute –, Fachgesellschaften und Stiftungen, aber auch Wirtschaftsunternehmen. Der idw verbreitet die Meldungen seiner Mitglieder über ihre Forschungsprojekte, Forschungsergebnisse und Forschungstransfers, aber auch Mitteilungen über Personalia, Pressetermine und Organisatorisches. „Dabei achten wir auf die korrekte Rubrizierung, damit die Inhalte auch korrekt ausgespielt werden und die Nutzer das leicht erkennen können“, beschreibt Niescken den Content ihrer Plattform.

Svenja Niescken, stellvertretende Geschäftsführerin des Informationsdienst Wissenschaft (idw), © Informationsdienst Wissenschaft e. V.

Finanziert wird der idw über die jährlichen Beiträge seiner Mitglieder. „Die machen das absolute Gros unserer Einnahmen aus und wir haben sie ganz transparent auf unserer Website, für alle einsehbar. Dort sehen Sie, dass eine Organisation im Schnitt 750 Euro pro Jahr zahlt – bei 1.050 Mitgliedseinrichtungen können Sie sich das Gesamtvolumen ausrechnen“, so Svenja Niescken.

Wie nutzt man die Dienste?

Zurück zu A. Er möchte beide Dienste nutzen, zunächst noch, ohne sich dort zu akkreditieren. Das funktioniert, weil auf beiden Portalen enorm viel Content offen zugänglich zu finden ist. Wer sich registriert, bekommt allerdings einen zeitlichen Vorsprung und außerdem per Push individualisierte Angebote. Dazu später mehr.

A beginnt seine Recherche beim SMC mit einer Stichwortsuche nach „Taxonomie“. Geliefert werden fünf Fundstellen, darunter zwei mit EU-Bezug. Die jüngere Quelle nutzt er. Die SMC-Redaktion hat sie als sogenanntes Rapid-Reaction-Angebot etikettiert. Das ist eine Art von Dossier, mit einer kurzen Einführung der Redaktion und verschiedenen Statements von Fachleuten. Hier kommen sie von einem Vertreter des Öko-Instituts und zwei Professoren, die an einer Universität bzw. an einem Helmholtz-Zentrum tätig sind. Die drei ordnen die Entscheidung des EU-Parlaments ein und machen (teilweise) auch Angaben zu ihren möglichen Interessenkonflikten. Zum Abschluss werden Quellen zum Thema gelistet und verlinkt.

„Beim use case Rapid Reaction geht es um aktuell öffentlich verhandelte public issues. Ich nenne jetzt als Beispiel mal das Thema „Soll man E-Zigaretten bei Nikotinabhängigen zur Entwöhnung einsetzen?“. Da versuchen wir dann durch Expertenwissen, das wir sammeln und anbieten, wissenschaftliche Evidenz in die Berichterstattung einzubringen“, beschreibt SMC-Geschäftsführer Stollorz das Format.

Neben den Rapid Reactions produziert das SMC als weitere Angebotsformen Research in Context, Fact Sheets oder virtuelle Press Briefings. Für Research in Context haben wir Hunderte Fachzeitschriften in der redaktionellen Beobachtung. Erscheint ein relevanter Fachartikel auf unserem Radarschirm, dann sichten wir den und entscheiden, ob wir dazu Statements von unabhängigen Wissenschaftlern einholen, die dann dieses Paper einordnen. Jüngste Beispiele für Studien, die wir so bearbeitet haben, sind Publikationen über Leberschäden bei Kindern als Folge von Long Covid oder über die Verjüngung von Gedächtnisleistungen bei älteren Nagern“, berichtet Stollorz.

Content erstellt das SMC zu den Themenfeldern Medizin und Lebenswissenschaften, Klima und Umwelt, Energie und Mobilität und Digitales und Technologie. Policy sei es, sich auf strategische Themen zu konzentrieren, die im öffentlichen Diskurs stark vertreten sind. „Wir sind keine Auskunftei zu allem und jedem. Staungeschichten, wie zum Beispiel ,Neuer Stern entdeckt‘ oder ,Neue Froschart kann nicht hüpfen‘ und Ähnliches behandeln wir im SMC nicht“, winkt der SMC-Geschäftsführer ab.

Zurück zu A. Mit dem SMC-Input ist er bereits ganz gut im Bilde. Jetzt möchte er auch den idw ausprobieren.

Auch dort gibt er „Taxonomie“ als Suchbegriff ein. Die 370 gefundenen Ergebnisse, zumeist Pressemeldungen der 1.050 Mitgliedsinstitutionen des idw, muss er zunächst mit weiteren Suchbegriffen – etwa EU und Gas – filtern, bis er wirklich fündig wird. Er bekommt drei Pressemitteilungen über Studien, Veranstaltungen und Veröffentlichungen, die auch auf die EU-Taxonomie Bezug nehmen – eine vom Öko-Institut und zwei ältere von Hochschulen.

Wohlgemerkt: Das sind Pressemitteilungen und damit nur Ausgangspunkte für weitere Recherchen und Kontaktaufnahmen. „Unsere semantische Suchmaschine ermittelt die thematisch am engsten verwandten Pressemitteilungen zu dem Thema und gibt entsprechende Suchergebnisse heraus. Außerdem kann man über unser Archiv und unser Bildportal auch nach Rechte-geklärten Bildern suchen“, beschreibt Svenja Niescken vom idw die Archivsuche ihres Dienstes.

Vermittlung von Fachleuten für Interviews

A hat sich inzwischen auf den Sites von SMC und idw auf die Suche nach Fachleuten gemacht, die er für ein Interview ansprechen könnte.

Der idw ist darauf mit Expertenlisten und einem eigenen Tool, dem idw Expertenmakler vorbereitet. A muss seine Anfrage konkretisieren und spezifizieren. Dann wird sie über das idw-Netzwerk an die angeschlossenen Institutionen verteilt.

Die SMC-Redaktion versteht sich dagegen nicht als Maklerin, verfügt aber über eine Datenbank mit ausgewiesenen Experten und hilft weiter, wenn Journalisten Ansprechpersonen suchen. „Unsere Experten arbeiten pro bono und wurden von uns, entsprechend unseren Themenbereichen und ihrer Expertise, recherchiert, ausgesucht und angesprochen. Mit ihnen arbeiten wir sehr eng zusammen“, betont Volker Stollorz. Für bestimmte Themen bietet der SMC auch virtuelle Press Briefings mit Wissenschaftlern an, von der Redaktion moderiert.

Registrieren oder anonym nutzen?

Jetzt steht A noch vor der abschließenden Frage, ob er sich bei den beiden Diensten registrieren soll. Die Registrierung ist bei beiden kostenfrei.

Wer sich als Journalist beim SMC akkreditiert und eine Embargo-Erklärung abgibt, sich also schriftlich verpflichtet, Embargos, also Sperrfristen, für Veröffentlichungen zu respektieren, bekommt die Informationen, noch bevor die Sperrfrist endet. „Bei uns sind aktuell etwa 1.700 Journalisten akkreditiert, darunter Kollegen aus allen wichtigen Wissenschaftsredaktionen deutschsprachiger Länder“, freut sich Stollorz. Die Redaktion prüft vor einer Registrierung, ob die Bewerber hauptberuflich im Journalismus tätig sind und für welche Medien sie arbeiten.

Eine Registrierung beim idw beinhaltet – neben dem Bezug von mit einer Sperrfrist versehenen Veröffentlichungen vor Ablauf der Sperrfrist – auch den Zugang zu den Expertenlisten. Auch den idw-Expertenmakler kann man mittlerweile nur noch nach einer Registrierung nutzen.

Beim idw besteht die Gruppe der Abonnenten zu etwa 22 Prozent aus Journalisten. Dazu kommen wissenschaftlich Tätige, Lehrkräfte, Schüler, Angehörige der Wissenschaftsadministration, medizinisches Personal und Wissenschaftskommunikatoren. Letztere – oft Pressesprecher –, nutzen das idw zum Benchmarking, um zu sehen, was die Kollegen so machen. „Aktiv adressieren wir aber nur die Zielgruppe Journalisten“, betont Svenja Niescken.

A registriert sich bei beiden. Bereits kurz darauf bekommt er deren Angebote – hier Dossiers (Rapid Reaction, Research im Kontext), dort Pressemitteilungen – per Mail ins Postfach.

Vergleich der beiden Dienste

Hier redaktionell aufbereiteter Content, dort eine große Menge von Pressemitteilungen mit mehr und weniger hohem Informationswert. Tatsächlich lassen sich SMC und idw schwer miteinander vergleichen. Darauf weisen auch die beiden Geschäftsführer hin.

„Ganz wichtig. Wir erstellen keine fertigen journalistischen Beiträge. Wir liefern nur den Rohstoff – wir sind nicht die dpa oder der idw. Wir liefern Expertise von Wissenschaftlern, zusammen mit einer redaktionellen Selektion der behandelten Themen“, sagt Volker Stollorz.

Und auch Svenja Niescken betont die Unterschiede: „Ein großer Unterschied zum SMC ist, dass das SMC eine Redaktion mit Wissenschaftsjournalisten hat, während wir ein Plattformbetreiber sind, ähnlich wie auf internationaler Ebene Galileo und EurekAlert. Beim SMC bekommen Sie die Tiefe und bei uns eine riesige Bandbreite an Themen.“

Fazit

Beide Dienste können auf der Suche nach Informationen für Wissenschaftsbeiträge gut komplementär genutzt werden. Beim SMC sind die Informationssammlungen (Angebote) sehr gut strukturiert und aufbereitet und für die journalistische Weiterverwendung gut geeignet. Hier arbeitet ganz offensichtlich eine Redaktion erfahrener Wissenschaftsjournalisten im Hintergrund.

Das idw verfügt über ein riesiges Archiv mit Pressemeldungen, die voraussichtlich eher als Ausgangspunkte für weitere Recherchen genutzt werden. Hier ist die Range der Themen, Perspektiven und involvierten Institute und Wissenschaftler größer. Über die semantische Suche werden auch verwandte Informationen einbezogen.

Den direkten Kontakt zu Fachleuten stellt das SMC einmal über seine virtuellen Press Briefings her, es vermittelt Kontakte aber auch informell über die Redaktion. Beim idw gibt es mit den Expertenlisten und dem idw Expertenmakler eigene Tools für diesen Service.

Eine kostenfreie Registrierung (nach Prüfung durch die Dienste und eigener Zustimmung zur Embargo-Regel) ist bei beiden Diensten sinnvoll.

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

© Eberhard Kehrer

Der Autor Gunter Becker schreibt seit Beginn der 1990er Jahre als freier Autor über elektronische Medien, Internet, Multimedia und Kino. Anfangs für die taz, dann für den Tagesspiegel und im neuen Millennium vorwiegend für Fachmagazine, wie ZOOM und Film & TV Kamera. Für das verdi-Magazin Menschen Machen Medien verfolgt er die Entwicklung nachhaltiger Filmproduktion, die Diversität in den Medien und neue Medienberufe.

 

Schreiben Sie einen Kommentar (bitte beachten Sie hierbei unsere Netiquette)