RSS-Feed

Krisengebiet Corona-Demo – Presseangehörige als Opfer

Wie können sich Journalistinnen und Journalisten auf die Konfrontation mit aggressiven Demonstrierenden vorbereiten? Was ist zu beachten? Ein Experte gibt Tipps.

Kameras werden heruntergerissen, Presseangehörige werden angeschrien („Lügenpresse – auf die Fresse!“), geschlagen, getreten. Solche Bilder sind alltäglich geworden, insbesondere bei Veranstaltungen, Kundgebungen und Demonstrationen im Querdenker- und Corona-Leugner-Milieu.

Dass Berichterstattende zum Ziel gewalttätiger Demonstrierender – und gelegentlich auch von Polizeigewalt – werden, ist kein aktuelles Phänomen. Es zieht sich wie ein roter Faden durch die Zeitgeschichte, von den Brokdorf-Demos der 1970er-Jahre über den G 20-Gipfel in Hamburg und die 1. Mai-Demos in Berlin bis zu den PEGIDA- und Querdenker-Aufmärschen der Gegenwart.

Den subjektiven Eindruck, dass sich dieser Trend zunehmend verschärft, bestätigt eine Untersuchung der Media Freedom Rapid Response. Das ist eine Beobachtungsstelle, die solche Vorfälle europaweit sammelt und auswertet. Zuletzt hat sie eine Statistik solcher Ereignisse für das erste Halbjahr 2021 vorgelegt. Dort rangiert Deutschland erschreckenderweise mit 59 erfassten Vorfällen und 90 betroffenen Kolleginnen und Kollegen europaweit auf Platz 1. Man kann aber davon ausgehen, dass es auch hier eine hohe Dunkelziffer gibt.

In 80 Prozent der Fälle fanden die Übergriffe bei Demonstrationen statt. Die Untersuchung nennt explizit Kundgebungen der Querdenker-Szene als häufige Tatorte. In 41 Fällen ging die Aggression von Privatpersonen aus.

Wie können sich Reporterinnen und Reporter oder auch Kameraleute mental, technisch und organisatorisch auf Arbeitseinsätze in solchen Gefahrenlagen vorbereiten? Manche Sender und Medienhäuser haben interne Verhaltensempfehlungen verfasst und ergreifen sogar praktische Maßnahmen zum Schutz ihrer Mitarbeitenden, zum Beispiel in Form des begleitenden Personenschutzes.

Aber gibt es auch öffentlich zugängliche Trainings, Kurse, Fortbildungen, die vermitteln, wie man sich bei solchen Anlässen gleichzeitig sicher bewegen und effizient arbeiten kann? Durch welche Maßnahmen man sich selbst und seine Technik schützt? Oder noch wichtiger: Woran gefährliche Situationen bereits im Vorfeld zu erkennen sind, um sie so zu vermeiden?

Eine erste Online-Recherche zeigt: Wer zum Einsatz in den Irak oder nach Afghanistan geschickt wird, kann auf erprobte Sicherheitstrainings und Kurse zur Vorbereitung zurückgreifen. Darunter ist das Training für Auslandskorrespondentinnen und -korrespondenten am Bundeswehrstandort Hammelburg in Bayern eines der bekanntesten Angebote. Wer jedoch in die nächste Kreisstadt oder Nachbargemeinde geschickt wird, um über eine Querdenker-Demo oder einen „Spaziergang“ zu berichten, für den oder die gibt es kaum Angebote zur mentalen und organisatorischen Vorbereitung auf mögliche Gefahrensituationen.

Gezieltere Nachfragen bei einer großen Landespolizei, einer Berufsgenossenschaft, einem Journalistenverband und bei der Bundeswehr bestätigen diesen Eindruck. „Ja! Das wäre eine wünschenswerte Fortbildung! Nein! Wir selbst bieten so etwas bisher noch nicht an“, so oder ähnlich antworteten fast alle Befragten.

Woher bekommt man also kurzfristig erste wichtige Verhaltensmaßregeln und Empfehlungen für den Einsatz bei brisanten Demonstrationen im Inland?

Experte für die journalistische Arbeit in gefährlichen Lagen ist Enno Heidtmann. Seine Erfahrungen und Erkenntnisse bezüglich der journalistischen Arbeit in gefährlichen Umgebungen und Situationen hat Heidtmann in verschiedenen Büchern verarbeitet. Für den Fachjournalist fasst er einige wichtige Verhaltensregeln für Kolleginnen und Kollegen zusammen.

Herr Heidtmann, Kurse für Presseangehörige zur Vorbereitung auf den Einsatz in Kriegs- und Krisengebieten sind bekannt und werden intensiv genutzt. Kurse zur Vorbereitung auf den Demo-Einsatz im Inland scheinen Mangelware zu sein. Deckt sich diese Beobachtung mit Ihren Informationen?

Das stimmt so und das ist wirklich bemerkenswert. Spätestens seit den PEGIDA-Demos, ab 2015, 2016, sind Übergriffe auf Berichterstattende so häufig geworden, dass man sich längst über Beratungs- und Trainingsmaßnahmen hätte Gedanken machen müssen. Ich weiß allerdings nicht, was die Sender und Verlagshäuser an internen Vorbereitungsmaßnahmen anbieten.

Waren Sie auch selbst schon von solchen Übergriffen betroffen?

Ganz generell gesagt hatte ich in Afghanistan teilweise ein besseres Gefühl als etwa beim G 20-Gipfel in Hamburg. Wenn die Menschen um dich herum Waffen tragen, dann bist du auf der Hut. Wenn sich die Gewalt aber spontan, aus einer unbewaffneten Menge heraus entwickelt, dann ist das schwerer einzuschätzen.

Ganz konkret hatte ich einmal bei einem Dreh einer „Refugees Welcome“-Demonstration von St.-Pauli-Fans von einem Angreifer gezielt eine Flasche über den Kopf bekommen. Ich hatte sogar Schnittbilder dieses Angriffs und des Angreifers, aber das Verfahren wurde eingestellt. Ich wurde auf mein Berufsrisiko als Berichterstatter hingewiesen. Ein Wahnsinn!

Presseaufnahme bei einer Demonstration im Hamburger Schanzenviertel. © Enno Heidtmann

Wie haben Sie damals reagiert? Wie schützt man sich in solch einer Situation?

Ich habe in der Situation, unmittelbar nach dem Angriff, sofort den Schutz der Polizei und anwesender Kolleginnen und Kollegen gesucht. Damals habe ich auch damit angefangen, mir systematisch Gedanken zu machen über Vorkehrungen und Schutzmaßnahmen bei Demos. Einige Verhaltensregeln kann ich also durchaus formulieren.

Dann formulieren Sie die gerne einmal für uns.

Zunächst einmal ist es sinnvoll, sich vor dem Start der Demonstration ein Lagebild bei den Presseorganen der Polizei abzuholen: Wie viele Teilnehmende, wie viele Gegendemonstrierende, welcher Verlauf wird erwartet, wo sind mögliche Hotspots. So lernt man die Ansprechpersonen auch gleich persönlich kennen – und umgekehrt. Das ist hilfreich bei zukünftigen Anfragen.

Kennen sie Fälle, in denen Presseangehögie „embedded“, also als Gruppe eingebettet in Polizeikräfte, von Demos berichtet haben?

Über das Konzept des „embedded Journalism“, über seine Vor- und Nachteile, habe ich in meinen Büchern geschrieben. Aus dem Inland ist mir das Angebot aber nicht bekannt.

Ich habe allerdings auch schon kritische Lagen auf Demonstrationen erlebt, in denen die Polizei uns Berichterstattenden anbot, sich in der Nähe des Wasserwerfers oder der Pressesprecherin aufzuhalten. Gerne machen die das aber nicht, weil man dort ja auch stört.

Vor allem zwischen den Polizeiketten sollte man sich nicht aufhalten. Wenn die plötzlich den Befehl bekommen, „aus der Postenreihe“ zu gehen, dann kann es gefährlich werden.

Melden Sie sich auch bei denen an, die die Demo organisieren?

Auch das kann unter Umständen sinnvoll sein. Mir fällt dazu als Beispiel die Pressegruppe des autonomen Hamburger Zentrums Rote Flora ein, die sehr medienaffin ist und großen Wert auf ihre Darstellung in den Medien legen. Da wird man durchaus interessiert wahrgenommen und mit Informationen versorgt.

Wichtig ist es aber natürlich, immer den objektiven Standpunkt zu wahren.

Wie sollte man sich als journalistisch tätige Person auf der Demo bewegen, um gleichzeitig sicher zu sein und gut arbeiten zu können?

Noch einmal: Eine wichtige Verhaltensregel ist, während der Kundgebung den Schutz und die Gesellschaft von Polizei und anderen Presseangehörigen zu suchen. Speziell bei Demos, die einen brisanten Verlauf zu nehmen drohen und bei denen die Presse explizit nicht erwünscht ist, empfiehlt es sich, nicht alleine mitzulaufen. Wenn der Umzug gestoppt oder aufgelöst wird, sollte man sich hinter die Polizeikette, in eine Schutzzone, zurückziehen und die Gefahrenzone verlassen.

Speziell Bildberichterstattende mit ihrer Technik können dynamische Situationen naturgemäß nur eingeschränkt wahrnehmen und reagieren langsamer. Für sie kann es besser sein, bei Anwohnenden in den oberen Stockwerken zu klingeln und zu fragen, ob man den Balkon oder ein Fenster für Aufnahmen nutzen darf.

Generell sollte man immer Fluchtwege und Ausweichräume im Auge behalten. Hot Spots, also Plätze und Orte, an denen sich – absehbar oder spontan – dynamische Lagen und Auseinandersetzungen entwickeln können, würde ich möglichst meiden. Brauche ich wirklich die bereits bekannten Bilder von Polizeikräften, die Demonstrierende jagen – oder umgekehrt?

Sollte man sich besser sehr deutlich als Presse erkennbar machen oder optisch eher zurückhaltend auftreten?

Ich trage sehr bewusst einen etwa 40 mal 25 Zentimeter großen PRESSE-Aufnäher auf meiner Kleidung. So bin ich für Einsatzkräfte in bestimmten Lagen besser von gewaltbereiten Demonstrierenden zu unterscheiden. Umgekehrt kann ich, aus rechtlichen Gründen, bei Angriffen durch Polizeikräfte später klar auf meine Erkennbarkeit als Presse verweisen. 

Presseaufnahme bei einer Demonstration im Hamburger Schanzenviertel. © Enno Heidtmann

Nutzen Sie spezielle Schutzkleidung? Oder Ausrüstung?

In ausländischen Krisenregionen sind Helm und Schutzweste obligatorisch. Aber auch im Inland tragen manche Kolleginnen und Kollegen bei besonders harten Einsätzen Helm, Weste und eine Gasmaske gegen das Reizgas. Beim G 20-Gipfel in Hamburg war das auch teilweise sinnvoll.

Ich selbst verzichte bei Demos im Inland möglichst darauf. Denn überall gilt: Wenn ich deeskalierend auftrete, dann wird mir in der Regel auch deeskaliert begegnet. Militärische Ausstattung forciert die Eskalation in der Regel eher. Allerdings habe ich auch schon eine stichsichere Weste unter der Jacke getragen. Als Kopfschutz kann man sich zumindest immer einen Fahrradhelm an den Rucksack hängen – der wiegt nicht viel und schützt trotzdem etwas.

Sollte man in brisanten Lagen eher unauffällige Technik einzusetzen, also statt der großen EB-Einheit ein iPhone mit Stick nutzen? Auch das sieht man immer öfter – und auch solches Material kann ja verarbeitet werden.

Das ist Ermessenssache. Ich selbst habe das auch schon gemacht – sowohl bei friedlichen Umzügen, bei denen ich in den Reihen mitgelaufen bin und Bildmaterial gesammelt habe, als auch bei kritischen Demos, beispielsweise von Fußball-Ultras, bei denen es eher gefährlich war.

Wichtig ist, sich immer dann als Presse auszuweisen, wenn man Interviews führt und O-Töne sammelt.

Empfiehlt sich eine Zusatzversicherung für die Technik, speziell für Demo-Situationen?

Ich hatte das einmal für meine Kameraausrüstung angefragt, aber die Kosten waren horrend. So habe ich das bleiben lassen.

Wie sollte man mit den Demonstrierenden kommunizieren? Es ist zu beobachten, dass Interviews währen der Kundgebung schnell eskalieren und zu Angriffen führen können.

O-Töne, Interviews, Statements von Demonstrierenden sollte man bereits vor dem eigentlichen Beginn der Veranstaltung aufnehmen. Dann ist die Stimmung meist noch entspannter. Während der Kundgebung, insbesondere, wenn sich die Situation zuspitzt, wird es oft emotional und aggressiv und man kann bei Interviews schnell in Konflikte verwickelt werden.

Auf Beleidigungen sollte man möglichst gar nicht reagieren. Die sind ja in der Regel nicht persönlich gemeint, sondern gegen die Medien allgemein gerichtet. Da muss man sich halt ein dickes Fell wachsen lassen und das aushalten.

Das Gespräch führte Gunter Becker.

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Enno Heidtmann war 14 Jahre lang als Soldat im Einsatz, auch bei internationalen Missionen. Danach studierte und lehrte er Journalismus, Public Relations, Politische Kommunikation und Medienpsychologie an der Hochschule Fresenius, Campus Hamburg. Seine journalistische Arbeit hat ihn in zahlreiche Kriegs- und Krisenregionen geführt, unter anderem in den Irak und den Libanon, nach Afghanistan, Syrien und Zentralafrika.

 

 

 

Aktuelle Information: Journalistinnen und Journalisten in Deutschland können sich ab sofort online darüber informieren, ob ihr Medienhaus dem Schutzkodex für bedrohte Medienschaffende beigetreten ist. Unter der URL www.schutzkodex.de finden sie Informationen, welche unterstützenden Maßnahmen der Kodex umfasst. Zudem werden dort Termine für Online-Treffen Betroffener bekannt gegeben.

 

 

Schreiben Sie einen Kommentar (bitte beachten Sie hierbei unsere Netiquette)