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„Man muss den Leuten etwas erzählen und erklären wollen“

Was haben Sahnetorten und Babys mit Regen zu tun? Inwiefern trägt sie ihren Teil zu Weltmeister-Titeln in der Formel 1 bei? Und welche Prognose gibt sie für den Wetterjournalismus ab? Das und noch viel mehr erzählt Silke Hansen, die als Leiterin des ARD-Wetterkompetenzzentrums unter anderem für den Wetterbericht in der „Tagesschau“ verantwortlich ist, im Interview.

Haben Sie Angst vor Gewitter?

Ja. Das gehört tatsächlich zu den wenigen Dingen, vor denen ich wirklich große Angst habe. Mut hat ja bisweilen etwas mit mangelndem Vorstellungsvermögen zu tun. Aber als Meteorologin weiß ich, dass das Sprichwort „wie ein Blitz aus heiterem Himmel“ seine Wahrheit hat. Wir sehen das immer wieder, dass Blitze 15 bis 25 Kilometer von der eigentlichen Unwetterwolke entfernt einschlagen. Deshalb: Spätestens, wenn es donnert, bin ich drinnen. Dann allerdings finde ich es spannend, hinter dem Fenster zu stehen und das Gewitter zu beobachten.

In meinem Beruf wäre es doch eine dämliche Todesursache, vom Blitz getroffen zu werden. Genau wie ich bei einer Verkehrskontrolle auch nicht mit der Nummer durchkäme, zu sagen: „Ich wusste nicht, dass es heute schneien würde“, wenn ich noch Sommerreifen drauf habe.

Welches Wetter mögen Sie am liebsten?

Ich finde es unglaublich faszinierend, wenn es nachts schneit. Das hüllt die Welt in einen Zauber ein. Eine Schneeflocke, die bei minus zehn Grad Celsius entsteht, sieht aus wie ein Stern und hat viele Flächen, in denen sich das Licht brechen kann. Dann glitzert der ganze Himmel!

Im Sommer mag ich dieses Szenario: blauer Himmel, 15 bis 20 Grad, ein leichter Wind, während ich am Meer spazieren gehe. Beruflich ist Letzteres allerdings total langweilig.

Wann lieben Sie Ihren Job am meisten?

Bei herausfordernden Wetterlagen. Ich kann mich erinnern, wie ich bei hr3 versucht habe, die Hörer sicher durch einen sehr schweren Sturm zu bringen, der von Süd nach Nord über Hessen hinwegzog. Da haben wir die Menschen stundenlang begleitet und ihnen gesagt, wo sie wann Zuflucht suchen müssen. Und wenn dann am Ende so einer Nacht keiner zu Schaden gekommen ist und man ein Stückweit dazu beitragen konnte – das ist schon ein tolles Gefühl.

Sie leiten seit dem Jahr 2000 die Wetterredaktion des hr, des Hessischen Rundfunks, die seit dem ersten Januar dieses Jahres nun offiziell das „ARD-Wetterkompetenzzentrum“ ist. Wofür genau ist diese Zentralredaktion mit 80 Mitarbeitern zuständig? 

Neben den nationalen Wetterberichten für die ARD macht unsere Redaktion jetzt schon für einige Landesrundfunkanstalten wie hr, SR, WDR, NDR, SWR und RBB regionale Wettervorhersagen; weitere sollen folgen. Wir bedienen die verschiedensten Medien: Wir erstellen nicht nur Wetterberichte fürs Fernsehen (das Erste, Tagesschau24 und regionale dritte Programme), sondern auch für Hörfunk, Online und Videotext. Ganz gleich, welches Angebot man nutzt, man ist immer aktuell über das Wetter informiert.

Besonders stolz bin ich dabei darauf, dass wir beim Hessischen Rundfunk ein „Unwetterwarnsystem“ installiert haben. Wenn eine Unwetterwarnung des Deutschen Wetterdienstes kommt, wird die sofort im laufenden Programm über alle Kanäle des hr verbreitet. Das halte ich für wichtig und das Beste, was öffentlich-rechtliche Medien machen können: Menschen schnellstmöglich darüber zu informieren und zu warnen, wenn Gefahr für Leib und Leben besteht. Zu erzählen, wann es regnet oder die Sonne scheint, ist okay und gut. Aber im Falle von Unwettern ist es unter Umständen überlebenswichtig, dass man gut informiert ist. Und dafür sorgen wir.

Sie stehen zwischendurch auch heute noch selbst im Studio und moderieren das Wetter. Wie sieht der Alltag eines Wettermoderators aus? 

Ich versuche immer wieder, selbst Schichten zu übernehmen und das Wetter zu moderieren. Als vor zwei Jahren die ARD-Sendung „Live nach neun“ an den Start ging, habe ich das einige Monate lang ganz regelmäßig gemacht.

Diese Sendung beginnt beispielsweise um kurz nach neun Uhr. Das heißt für mich: Am Abend vorher schon mal die Wetterlage anschauen und überlegen, was man am nächsten Tag machen könnte. Am Tag selbst dann um vier Uhr aufstehen, sich mithilfe von Modellvisualisierungstools auf dem Laptop mit der aktuellen Wetterlage vertraut machen. Hat sich was gegenüber gestern geändert? Ist es so, wie ich am Abend zuvor gedacht habe? Um dann zu überlegen: Welches Thema kann das Wetter in der Sendung haben? Es geht ja nicht nur um die reine Wettervorhersage, sondern auch um die netten, kleinen Geschichten drumherum. Dann fährt man in die Redaktion, lässt sich in der Maske schminken, spricht sich mit den Kollegen ab, wie die Sendung im Einzelnen aussehen soll, macht eine Probe im Studio – und geht dann auf Sendung. Danach gibt es eine Nachbesprechung: Was ist gut gelaufen? Was würden wir das nächste Mal anders machen? Und man überlegt schon mal, was man in der nächsten Sendung machen könnte.

Welche Berufe sind neben dem Moderator für die Wettervorhersage wichtig?

Die Meteorologen haben das Fachwissen und schreiben die Texte. Die Moderatoren und Redakteure formulieren diese zielgruppenadäquat für die jeweilige Sendung. Die Moderatoren tragen die Texte live in der Sendung vor; die Redakteure synchronisieren sie – wobei sie in der Sendung zu hören, aber nicht zu sehen sind. Dabei ist in der „Tagesschau“ natürlich eine andere Sprache gefragt als bei „alle wetter!“, wo wir 15 Minuten lang im hr-Fernsehen bunte Geschichten rund ums Wetter erzählen.

Der Grafiker braucht ebenfalls wissenschaftliches Verständnis. Denn er muss Themen so umsetzen, dass der Zuschauer – während er zum Beispiel damit beschäftigt ist, sein Käsebrötchen zu essen – die Grafik innerhalb von 25 Sekunden erfassen kann. Sie muss also eindeutig, leicht verständlich und darf nicht zu kleinteilig sein.

Der Redakteur überlegt, wie er ein Thema aufbereitet, was eine gute Geschichte wäre. Nach einem Sturm könnte er in unserer Sendung „alle wetter!“ beispielsweise die Schäden des Tages zeigen, jemanden vom THW oder von einer Versicherung einladen. Oder vor dem Sturm mit jemandem durch seinen Garten gehen, um zu gucken, was er absichern muss.

Bei „alle wetter!“ ist mein Ziel, dass der Zuschauer an mindestens einem Punkt überrascht wird und denkt: „Ach, das wusste ich ja noch gar nicht!“

Welche Wettergeschichten haben Sie selbst in Erstaunen versetzt?

 

Da gibt es sehr viele, die auch ein bisschen der Grund dafür gewesen sind, mein Buch „…und jetzt das Wetter – Die beliebteste Minute der Tagesschau“ zu schreiben.

Eine der spannenden Wettergeschichte, von der ich fand, die muss man einfach mal aufschreiben, ist die von den Schneeglöckchen. Die haben in ihrer Zwiebel eine Art Heizung; damit schmelzen sie den Schnee um sich herum und bewässern sich so quasi selbst. Oder die von den Kastanien, die neben den Laternen stehen: Sie werfen im Herbst später als ihre Artgenossen ihre Blätter ab, weil sie denken, es ist hell, also noch Sommer. Oder dass die Erde sich im Herbst schneller dreht, wenn die Blätter von den Bäumen abgefallen sind – ähnlich wie bei der Eiskunstläuferin, die schneller wird, wenn sie ihre Arme einzieht.

Klingt wirklich spannend! Was braucht man, um als Wetterjournalist fit zu sein?

Naturwissenschaftliches Verständnis. Und ein gewisses Sendungsbewusstsein: Man muss den Leuten etwas erzählen und erklären wollen. Es ist wichtig, hochwissenschaftliche Dinge so erklären zu können, dass sie einerseits zwar fachlich richtig sind, andererseits aber auch von einem Laien verstanden werden. Du musst es leicht und unterhaltsam präsentieren. Und last, but not least: Man muss sich wirklich für das Thema interessieren – ohne Begeisterung fürs Wetter macht´s keinen Sinn.

Welche Ausbildung würden Sie empfehlen?

Auf jeden Fall irgendeine Form von meteorologischer Ausbildung. Das kann bei einem Wetterdienst sein oder bei der Bundeswehr oder ein Meteorologie-Studium. Aber: Wettervorhersage macht nur einen kleinen Teil des Studiums aus; da geht es vorrangig um Klimakunde, Mathe, Physik …Umso wichtiger ist es, neben der theoretischen Ausbildung auch Praxis zu bekommen. Also: Rausgehen aufs Feld und Wetterbeobachtung machen – nur so kann man richtig gut werden. Entscheidend ist die Erfahrung. Im Rahmen seines Studiums kann man beispielsweise bei uns ein Praktikum machen. Wenn jemand richtig Ahnung hat, engagiert ist und Lust hat, sich einzubringen, haben wir bisher immer früher oder später einen Job für ihn gefunden.

Ein Redakteur oder Moderator muss zwar kein diplomierter Meteorologe sein, aber über ein meteorologisches Grundwissen sollte er dennoch verfügen. Sonst schleichen sich Fehler ein. Das merkt auch der Zuschauer sofort, wenn Sie nicht wissen, wovon Sie reden. Da heißt es: sich mit Zusammenhängen vertraut machen, sich einarbeiten. Und man muss Spaß daran haben.

Inwiefern bleibt Wetterjournalismus spannend?

Es ist immer noch nicht alles auserzählt. Mit „alle wetter!“ sind wir seit 2001 auf Sendung – aber es gibt immer noch Themen, die wir noch nicht hatten. Zum einen geht es in der Wissenschaft immer weiter. Zum anderen finden die Redakteure im Internet, in Zeitungen oder bei Gesprächen im Freundeskreis immer wieder neue Themen.

Ich glaube, es gibt so gut wie keinen Bereich des Lebens, keinen Beruf, der nicht irgendwie vom Wetter beeinflusst wird. Bäcker zum Beispiel gleich in mehrfacher Hinsicht. Das Brot – sowohl die Art, es zu backen, als auch die Art des Brotes an sich – ändert sich durch den Klimawandel. Und vom Wetter hängt ab, was die Menschen gerne essen. Mir hat mal ein Bäcker erzählt, dass er abends immer die Tagesschau schaut, um zu wissen, was er am nächsten Tag backt. Denn er hat festgestellt: Bei Regen verkauft er mehr Sahnetorte, bei Sonnenschein mehr Obstkuchen.

Welche Prognose geben Sie für den Wetterjournalismus der Zukunft ab?

Der Wetterjournalismus wird nie sterben, auf gar keinen Fall. Das Klima wandelt sich und der Klimawandel ist mehr denn je Thema. Die Menschen wollen eine Einordnung haben: Wie wird sich das Wetter ändern im Laufe der Zeit? Sieht man schon Veränderungen? Ist das noch normal?

Schon früher hat sich im Wetterjournalismus ein großer Wandel vollzogen: In den vergangenen Jahrhunderten ging es ums nackte Überleben: Wann bringe ich die Ernte ein? Wo besteht das Risiko, auf dem Acker vom Blitz getroffen zu werden? In unserer heutigen Wohlstands- und Freizeitgesellschaft lautet die Frage eher: Kann ich mit meinen Freunden nach Feierabend im Garten grillen? So oder so: Meteorologen werden immer gebraucht.

Empfinden Sie Wetter-Apps, die jeder auf seinem Smartphone hat, als Konkurrenz?

Ich denke, dass es immer den Wunsch nach einer „handgemachten“ Wettervorhersage geben wird. Wetter-Apps sind nicht schlecht. Es gibt mittlerweile regionale und kurzfristige Modelle – und die sind auch alle viel besser geworden. Aber sie berücksichtigen nur begrenzt die speziellen Begebenheiten vor Ort. Und es gibt immer noch ein paar Sachen, mit denen sie sich schwertun: Nebel ist so ein Klassiker. Da ist ein Meteorologe oft besser als eine automatisierte Modellvorhersage in einer App.

Und: Diese Modellprognosen erklären einem anders als ein Wettermoderator nicht die Zusammenhänge. Die Apps zeigen zwar, ob es morgen regnet oder schneit, aber nicht, wie die Großwetterlage ist. Außerdem ist es doch netter, finde ich, wenn einem jemand mit Worten erzählt, wie das Wetter wird.

Es geht natürlich nicht ohne die Hilfe der Computer – mit in den Himmel gucken allein ist es nicht getan. Das Handwerk wird überleben – auch beim Wetter.

Sie haben viele Jahre lang in Ihrer Freizeit Wettervorhersagen für Motorsportteams gemacht – zum Beispiel in der Formel 1 oder bei der Rallye-Weltmeisterschaft. Ist das eine besondere Herausforderung?

Ja, auf jeden Fall! Denn dort muss die Prognose sowohl zeitlich als auch örtlich wirklich ganz genau sein. Das ist eine große Aufgabe, macht aber auch großen Spaß!

Für mich gilt das Sprichwort „Wenn man sein Hobby zum Beruf macht, muss man nie wieder arbeiten!“ Das VW-Team, bei dem ich mit an Bord war, hat viermal in Folge den WM-Titel geholt. Danach habe ich einige Jahre pausiert, aber die Faszination hat mich nicht losgelassen.

Und so habe ich zugesagt, als ich angesprochen wurde, und mache es jetzt wieder ein bisschen nebenbei. Anfang dieses Jahres fand die Rallye Monte Carlo in den französischen Seealpen statt – über 700 bis 2.200 Meter Höhe auf einem Gebiet von etwa 100 x 100 Kilometern. Da mussten Fahrer und Ingenieure schon am Abend vorher wissen, wo am nächsten Morgen, rund 14 Stunden später, wie viele Zentimeter Schnee liegen würden. Dabei wurde mir gesagt: Zwei Zentimeter sind okay, drei Zentimeter oberhalb von 1.500 Metern jedoch ein Drama – da hängt die Latte für eine präzise Prognose natürlich extrem hoch. Aber ich liebe solche Herausforderungen!

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Schon während ihres Geografiestudiums arbeitete Silke Hansen, Jahrgang 1968, als „Wetterwoman“ beim Radiosender SWF3 (heute SWR3). Ab 1992 präsentierte sie das Wetter beim Fernsehsender Südwest 3; 1996 wechselte sie in die Wetterredaktion des Hessischen Rundfunks, moderierte das Wetter für das „ARD-Mittagsmagazin“, das „ARD-Buffet“ und „Live nach Neun“. Seit 2000 verantwortet sie als Leiterin des Wetterkompetenzzentrums das Wetter der ARD (z. B. „Tagesschau“, „Mittagsmagazin“). Sie unterstützte das ARD-Team bei mehreren Olympischen Spielen vor Ort als Wetterexpertin. Seit vielen Jahren berät sie Motorsportteams in Wetterfragen (z. B. von 2001 bis 2003 BMW Williams in der Formel 1). Im Delius Klasing Verlag erschien jetzt ihr Buch „… und jetzt das Wetter – Die beliebteste Minute der Tagesschau“.

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