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Medizinische Fakten mit Mehrwert

Dr. Christoph Specht ist regelmäßig als Interviewpartner im öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehen zu sehen. Der freie Medizinjournalist und Arzt, der mit 24 Jahren seine Promotion abgeschlossen hat und dessen Filme unter anderem mit dem Wissenschaftsfilmpreis des Bundes ausgezeichnet wurden, verrät hier, warum er nicht Mitglied eines Ärzteverbandes ist, wie man Artikel auf Objektivität prüft und welche Tipps er Nachwuchskollegen gibt.

Sind Sie ein begehrter Gesprächspartner auf Partys? Schließlich hat jeder ganz persönliche medizinische Fragen, die ihm unter den Nägeln brennen und zu denen er gern eine Expertenmeinung hätte.

Viele Ärzte finden diese Verquickung von Beruflichem und Privatem schrecklich. Ich hingegen freue mich darüber, da ich einfach wahnsinnig gern erkläre.

Schon in der Schule habe ich es geliebt, etwas zu verstehen, um es dann anderen vermitteln zu können. Ich erläutere den Fernsehredakteuren im Vorgespräch auch stets den Hintergrund – selbst wenn das gar nicht in der Sendung vorkommt.

Sie sind als Medizinkorrespondent für n-tv, RTL oder das ZDF tätig. Wie sieht Ihr Alltag aus?

Bei mir verläuft jeder Tag anders. Manchmal bin ich vier Mal täglich im Fernsehstudio und – über aufgezeichnete Telefongespräche – ein bis zwei Mal im Radio. In der MDR-Radiosendung „Jump“ kläre ich beispielsweise in „Fakt oder Fake?“ auf über Omas Mythen wie „Erkälte ich mich, wenn ich beim Schwimmen zu lange im Wasser bleibe?“.

Ansonsten nimmt das Recherchieren den Löwenanteil meines Arbeitstages ein. Mit E-Mails, der Post und Newsfeeds verbringe ich den Morgen. Ich kümmere mich darum, welche neuen Themen es gibt, was diskutiert wird.

Beispielsweise haben die Chinesen gerade ein Gel erfunden, das Zahnschmelz neu entstehen lässt, der sich nahtlos mit dem echten verbindet. Eine super Sache! Kleiner Haken daran: Man müsste die Behandlung 400 Mal wiederholen, damit der Zahnschmelz dick genug wäre, um stabil zu sein.

Mit solchen Neuigkeiten füttere ich mein eigenes Archiv, das inzwischen mit Ordnern zu bestimmten Themen einen Umfang von vier Gigabyte hat. Die habe ich in der Cloud, sodass ich von unterwegs darauf zugreifen kann.

Es kommt oft vor, dass ich nur einige Minuten Vorlauf habe, um ein Statement abzugeben – daher bin ich es gewohnt, ganz schnell zu recherchieren.

Welche medizinischen Themen erhalten in der Öffentlichkeit große Beachtung?

Jedes Jahr wieder Grippe versus Erkältung. Die Hitzewelle. Infektionskrankheiten wie Ebola. Aber ganz oben auf der Liste steht ganzjährig das Thema Ernährung/Diät. Auch Sex/Partnerschaft wird immer wieder gern genommen oder sexuell übertragbare Krankheiten. Außerdem Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Wie bereitet man Themen spannend auf?

Der Fachjournalismus richtet sich zum einen an Ärzte, zum anderen an Laien. Als Medizinjournalist hat man den Vorteil, in einem Bereich tätig zu sein, dem von einer breiten Öffentlichkeit bereits großes Interesse entgegengebracht wird. Die Regale in den Buchhandlungen biegen sich unter der Literatur zum Thema, Zeitschriftenverlage bringen Sonderhefte heraus. Insofern hat man relativ leichtes Spiel.

Aber ich versuche nach Möglichkeit, einen aktuellen Anlass für die Darstellung eines Themas zu finden, denn an praktischen Beispielen sind Zusammenhänge und Hintergründe viel einfacher zu verdeutlichen. Aufhänger dafür sind beispielsweise der Tod von Michael Jackson, Steve Jobs und Whitney Houston, die gesundheitlichen Auswirkungen der Reaktorkatastrophe von Fukushima oder der Skiunfall von Michael Schumacher.

Mir ist es ein Anliegen, medizinische Informationen mit Mehrwert rüberzubringen – und zwar so, dass sich nicht nur die Menschen das angucken, die sowieso an diesen Themen interessiert sind.

Wie wichtig sind Social Media für Ihre Arbeit?

Twitter ist toll, um schnell an Informationen zu kommen, als Recherchetool. Oder um zu gucken, was die Leute interessiert. Also als eine Art Stimmungsbild, wie die Leute über bestimmte Themen denken.

Sie sitzen seit 30 Jahren als Medizinjournalist fest im Sattel. Was macht Best-Practice-Beispiele aus?

Wichtig ist, medizinische Informationen einzuordnen und komplexe Zusammenhänge so aufzubereiten, dass auch Menschen ohne große naturwissenschaftliche Vorbildung sie verstehen. Ich finde immer, alles ist allgemein verständlich erklärbar. Ansonsten hat man es entweder selbst nicht verstanden oder es ist zu detailliert und damit nur für Wissenschaftler wichtig. Man muss wissenschaftliche Zusammenhänge für den Laien herunterbrechen, was auch bedeutet, kein Fachchinesisch zu reden und Fachbegriffe zu erklären.

Allerdings: Wenn man sich auf die Vermittlung von Informationen beschränken würde, blieben allerlei Fragen offen. Gerade im medizinischen Bereich erwarten die Zuschauer, Zuhörer oder Leser zumindest von einem Arzt-Journalisten, nicht nur die reine Faktenvermittlung, sondern immer auch eine Einschätzung, eine Art Bewertung: Ist das wichtig? Soll ich das jetzt machen? Bedroht uns das tatsächlich?

Im Bereich der „Kurzhäppchen“ ist es wahnsinnig schwer, Dinge so rüberzubringen, dass die Leute wirklich einen Mehrwert davon haben. Je weniger Zeit ich für einen Beitrag habe, desto wichtiger ist es, auf zu detaillierte Infos zu verzichten, um nicht zu verwirren – viel wichtiger ist es in diesem Fall, die Quintessenz mitzuliefern.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Natürlich kann ich in meinem Beitrag erwähnen: Es gibt genügend wissenschaftliche Hinweise, dass bei bestimmten Antidepressiva der Libidoverlust, der als Nebenwirkung auftreten kann, noch Jahre nach dem Absetzen der Medikamente weiter besteht. Aber dann ist es auch wichtig zu wissen, welche Schlussfolgerung man daraus ziehen sollte.

Da sage ich dann: Wenn jemand suizidale Gedanken hat, bei einer schweren Depression, ist es gut, dass es Antidepressiva gibt. Aber bei einer leichten Depression oder Befindlichkeitsstörung – beispielsweise nach einer Trennung – sind sie nicht indiziert. Es ist wie immer eine Abwägung von Nutzen gegen Risiko.

Welche Fehler gilt es zu vermeiden? Was sind Worst-Practice-Beispiele?

Eine ungefilterte Meldung einfach raushauen, ohne nochmals nachzurecherchieren. Der Klassiker, auf den viele hereinfallen: „Die neue Sensation!“ Solche Alarmismus-Meldungen sind meistens falsch, aber sie verkaufen sich halt gut.

Ein guter Medizinjournalist schaut, wie valide die Nachricht ist, ob da nicht etwas sehr einseitig und verkürzt dargestellt wird. Wenn ich so etwas höre wie „Acht Nüsse pro Tag verlängern Ihr Leben um zwei Jahre“, da stellen sich mir die Nackenhaare auf.

Natürlich stehen alle Medien unter großem Zeitdruck. Umso mehr freue ich mich, wenn mich beispielsweise RTL wegen einer Einschätzung anruft. Oft haben Sender das Problem, nicht zu wissen, wen sie anrufen können, wer ein Experte für das Thema ist. Und wenn doch, dann ist derjenige vielleicht nicht greifbar.

Ich freue mich, wenn ich helfen kann. Ich kann auf drei Jahrzehnte Vorarbeit zurückgreifen, die in meinem Kopf gespeichert sind.

Muss man selbst Mediziner sein, um ein guter Medizinjournalist zu werden?

Einen gewissen fachlichen Hintergrund sollte man schon haben. Ich bin nicht der Ansicht, dass man zwingend ein Medizinstudium absolviert haben muss. Es gibt ganz hervorragende Medizinjournalisten, die Naturwissenschaftler sind oder sogar aus einem ganz anderen Fachgebiet kommen und sich einfach gut eingearbeitet haben. Aber medizinisches Wissen ist sicherlich unabdingbar.

Welche Tipps können Sie Nachwuchskollegen hinsichtlich der Recherche geben?

Wir werden jeden Tag bombardiert mit Studien, deren Ergebnisse häufig sehr konträr sind. Um sie auf ihre Belastbarkeit hin zu testen, sind Fragen hilfreich wie: Wer hat die Studie gemacht? Wer hat sie bezahlt? Wie war das Studiendesign, welche Methode wurde angewendet, wie viele Teilnehmer gab es und welche Ergebnisse kamen dabei wirklich heraus?

Dazu muss man wissen: Der Begriff „Studie“ ist kein geschützter Begriff. Wenn man ein Thema medizinjournalistisch aufbereitet, ist es wichtig, dass man die Interessen der Auftraggeber im Hinterkopf hat und berücksichtigt. Ganz generell ist es eine gute Idee, nachzurecherchieren, an die Originalquellen – die idealerweise verlinkt sind – zu gehen und dort wenigstens den Abstract zu lesen. Das gehört zum Handwerkszeug.

Es passiert immer wieder, dass in journalistischen Beiträgen falsch zitiert wird oder in der Originalstudie genannte Einschränkungen unter den Tisch fallen. Wichtig ist auf jeden Fall, sich die Dosierung anzugucken: Wenn es in einer Studie heißt, das Resveratrol in Rotwein kann positive Effekte auf die Gefäße haben, klingt das natürlich gut. Es ist aber sinnvoll, auch die entscheidende Kleinigkeit zu erwähnen, dass wir dafür so viel Rotwein trinken müssten, dass selbst der stärkste Alkoholiker davon umkippen würde.

Auf welche Quellen ist in der Regel Verlass?

Bei Spiegel Online gibt es eine hervorragende Medizin- und Wissenschaftsabteilung, die sehr solide Arbeit macht. Eine weitere saubere Quelle ist in Amerika die Seite nature medicine (www.nature.com). Sehr verlässliche Infos bekommt man bei gesundheitsinformation.de, während „Zentrum der Gesundheit“ neutral klingt, aber der reinste Schwurbelverein, eine Verkaufsplattform ist. Und das unabhängige Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), das neue Arzneimittel bewertet und sehr kritisch ist, ist eine gute Quelle, um neutrale Informationen über Medikamente und medizinische Methoden zu finden.

Wie objektiv muss man selbst sein?

Wir hatten letztens das Thema Chimären, also Lebewesen mit Zellen oder Organen unterschiedlicher Spezies – Gentechnik in großem Stil. Das in zweieinhalb oder idealerweise in fünf bis sieben Minuten zu erklären, ist zwar eine Herausforderung, aber machbar. Ich bin sicher, dass bei diesem – und jedem anderen – Thema automatisch die Haltung des Journalisten rüberkommt. Vor allem im Fernsehen, weil der Zuschauer Gestik und Mimik interpretiert, und, wie im Radio auch, durch den Tonfall.

Das finde ich nicht schlimm, obwohl man natürlich als Journalist zunächst einmal versucht, neutral zu sein. Wobei jeder weiß, dass natürlich allein dadurch, dass gewisse Fakten ausgelassen werden, schon ein ganz anderer Eindruck entstehen kann.
Ein schöner Klassiker, um das zu belegen: die Glyphosat-Diskussion. Da gab es zwei Meinungen, die beide von der WHO stammten, allerdings von unterschiedlichen Instituten: Einmal hieß es, dass das Unkrautvernichtungsmittel wahrscheinlich krebserregend sei, das andere Mal hingegen wurde es als nicht krebserregend eingestuft. Das ging natürlich durch die Presse und man fragte sich: Wie kann das sein, dass da zwei komplett gegensätzliche Ergebnisse herausgekommen sind? Dazu kam es, weil die Fragestellungen grundverschieden waren. Im ersten Fall war die Frage, ob Glyphosat Krebs auslösen kann, worauf die Antwort lautete: Wahrscheinlich Ja. Im zweiten Fall sollte eine Risikobewertung vorgenommen werden, ob das Herbizid in der üblichen Anwendung und Dosierung Krebs auslöst. Das wurde mit Nein beantwortet.

Das ist vergleichbar mit diesem Beispiel: Kann ein Hammer ein tödliches Instrument sein? Ja. Und wenn ich mit einem Hammer einen Nagel in die Wand schlage, kann davon jemand sterben? Nein.

Sie sind mit dem Walter-Trummert-Preis ausgezeichnet worden. In seiner Laudatio sagte Wissenschaftskabarettist Vince Ebert, er schätze an Ihnen den unideologischen, objektiven Blick, da es gerade in der Medizin so viele versteckte Interessen gebe. Was ist Ihnen wichtig?

Meine Richtschnur ist mein Gewissen, mein über Jahrzehnte angehäuftes Wissen.

Natürlich gefallen meine Einschätzungen manchmal der Industrie nicht, ein anderes Mal irgendwelchen NGOs und wieder ein anderes Mal den Ärzten nicht. Aber ich bin frei und möchte es auch bleiben. Fast jede politische Partei wollte mich schon für sich gewinnen. Doch durch die jeweilige Agenda einer Partei würde ich mich völlig eingeengt fühlen. Ich gehöre – außer zwangsweise der Ärztekammer – auch keinem Ärzteverband an.

Ab und zu kommt es auch vor, dass Firmen mich als Werbeonkel für ihr „Gesundheitsprodukt“, oder ihr „Wellnessangebot“ einkaufen wollen, aber das kommt für mich nicht infrage. Ich sage dann immer scherzhaft: Wenn es hoch genug dotiert ist, mache ich das genau einmal – und dann setze ich mich zur Ruhe, weil ich dann keinerlei Kredibilität mehr habe.

Im Ernst: Ich lasse mich nicht vereinnahmen. Ich wollte immer bei meiner Linie bleiben, offen und unabhängig meine Meinung sagen können – und mir keine Brille aufsetzen.

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Fotocredit: Jo Kirchherr

Christoph Specht studierte Medizin in Gießen, Frankfurt und den USA, Wissenschaftsjournalismus in Mainz und Tropenmedizin, Hygiene und Public Health in Liverpool. Während seiner Promotion im Fachgebiet Orthopädie begann er, als Drehbuchautor für medizinische Dokumentationen tätig zu werden, führte später auch selbst Regie und war für die Produktion verantwortlich. Seine Filme, die auf internationalen Kongressen große Beachtung fanden, wurden mehrfach mit nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet. In Afrika engagiert sich der Arzt bei der Bekämpfung von HIV und Tuberkulose. Der Verband der Medizin- und Wissenschaftsjournalisten zeichnete den Medizinkorrespondenten, der regelmäßig als Interviewpartner im öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehen zu sehen ist, mit dem Walter-Trummert-Preis aus. Außerdem erhielt er zwei Mal den Filmpreis der Bundesärztekammer, drei Mal den Etienne-Jules-Marey-Preis, darüber hinaus den Wissenschaftsfilmpreis des Bundes.
http://www.doktor-specht.de/

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