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Podiumsdiskussionen sicher meistern

Nicht selten müssen Journalisten Diskussionsrunden moderieren. Hierzu gibt es einiges zu beachten, weiß der erfahrene Moderationstrainer Markus Tirok. Wie eine Podiumsdiskussion am besten gelingt und Dauerredner gezähmt werden, verrät er in seinem Beitrag.

Wer ist der Spielverderber bei einer Podiumsdiskussion? Das Publikum. Es ist schnell gelangweilt, unerzogen und schlecht zu begeistern. Es ist nicht gewillt, langweilige und inhaltlose Selbstdarstellungen über sich ergehen zu lassen. Selbst eitle Fragekonstruktionen der Moderation kommen nicht an, gelacht wird selten. Wenn das Publikum schon die Gelegenheit hat, selbst Fragen zu stellen, kommen keine oder langweilige Fragen. Wer braucht schon Publikum?

So könnten viele Veranstalter und auch Moderatoren antworten, wenn man sie nach ihren Erfahrungen mit Podiumsdiskussionen befragt und sie ehrlich wären. Neun von zehn Talkrunden ignorieren die Bedürfnisse des Publikums komplett. Was für eine verpasste Chance in der Live-Kommunikation!

Die Gründe dafür sind vielfältig: Meist werden Podiumsdiskussionen als vermeintlich unterhaltsames Stilmittel während Unternehmensveranstaltungen eingesetzt. Immerhin können hier gleichzeitig die Eitelkeiten mehrerer Unternehmenskommunikatoren und Experten bedient werden. Die eigenen Botschaften und Themen werden präsentiert und gefeiert und am Ende gibt es eine Pseudofragerunde mit den Zuschauern, also mit den beiden Auszubildenden aus der Marketingabteilung, die ihre vorbereiteten Fragen hoffentlich auswendig aufsagen können.

Soweit die Realität, die wir selten den Verantwortlichen widerspiegeln; schließlich zahlen sie die Party und unser Honorar als Moderator. Allein aus dieser kurzen und schlecht gelaunten Beschreibung können wir ableiten, was wir alles besser machen können.

Für wen betreibe ich den Aufwand?

Für die Zuschauerin in der ersten Reihe und den Zuschauer in der letzten. Für jeden Einzelnen. Nicht für die Marketingabteilung, nicht für den CEO und auch nicht für die Eventagentur. Das Publikum sollte unser eigentlicher Chef und Auftraggeber sein. Wirklich alles sollte darauf abzielen, die Zuschauer zu erreichen und ihnen eine gute Zeit zu bereiten.

Um diesen Auftrag erfüllen zu können, sollte ich meine Zuschauer recht gut kennen. Was ist ihr Hintergrund? Warum sind sie hier? Was bewegt sie? Was ist ihr Schmerzpunkt? Was brauchen sie? Was regt sie auf? Was erwarten sie?
Die Antworten auf diese Fragen sollten unsere Wegpunkte markieren. Jede Begrüßung, jede Anmoderation, jede Vorstellung eines Panelteilnehmers und jede Frage sollte auf diese Bedürfnisse einzahlen. Die Zuschauer sind der Fixstern in unserem Job als Moderator. Angefangen beim Briefing bis hin zum Debriefing nach dem Event. Wir dürfen sie nie aus dem Sinn verlieren.

Was ist das Ziel der Talkrunde?

Es mag ungewohnt sein, aber eine ungetrübte Offenheit im Briefing mit dem Veranstalter sorgt dafür, dass wir uns mit dem Auftraggeber auf ein gemeinsames Ziel einigen. Frage ist: Was ist der Zweck der Podiumsdiskussion? Geht es bei der Talkrunde um Informationstransfer? Soll gestritten werden? Ist es eine reine personelle Vorstellungsrunde?

Das sind alles denkbare Ziele, die konkret benannt und vereinbart werden, um Erwartungsmanagement zu betreiben. Der Auftraggeber sollte wissen, dass eine reine Vorstellungsrunde mit sechs Teilnehmenden wahrscheinlich langweilig wird. Ist das gewünscht, können wir uns überlegen, ob wir den Job annehmen oder unseren Konkurrenten empfehlen.

Dauerredner sitzen neben mir

Einfluss auf die Gästeauswahl zu haben ist eine wunderbare Vorstellung und selten Realität. Eine optimale Zusammensetzung der Talkrunde besteht natürlich aus Vertretern der unterschiedlichen Positionen, die Freude daran haben, leidenschaftlich zu diskutieren. Spiegelt die Gästeliste allerdings nur eine inhaltliche Seite des Themas wider, sind wir gut beraten, die konträren Argumente zu kennen und sie stellvertretend einzubringen.

Kennen wir also Haltung, Position und Argumente der Diskutanten, erstellen wir eine Sitzordnung. Die streitbaren Dauerredner sitzen nicht weiter als eine Armlänge von uns entfernt, also unmittelbar neben uns. So können wir notfalls handgreiflich werden, wenn jemand so gar keine Rücksicht auf die Redeanteile nimmt und wir können freundlich durch nonverbale Kommunikation darauf aufmerksam machen. Zugegeben, dass unsere Hand sanft auf dem Arm des Gastes landet, ist wirklich die letzte Option und kommt nicht immer gut an. Es ist aber eine Option. Und für Unterbrechungen in der Diskussion zu sorgen, ist unsere Moderationspflicht. Wenn wir unterbrechen, unterbrechen wir bitte deutlich und entschieden. Sonst entsteht ein Hin-und-her-Gezerre um das Sprechrecht. Hier ist die durchsetzungsstarke Haltung des Moderators gefragt.

Dass eine Talkrunde immer aus Frauen und Männern besteht, auch wenn es sich um eine Runde auf Vorstands- oder Aufsichtsratsebene handelt, sei hier nur am Rande erwähnt. Rein männliche Talkrunden sorgen heutzutage verständlicherweise für großen Unmut bei Medien und Publikum. Es wäre fahrlässig vom Veranstalter, nur Männer ins Rennen zu schicken. Manchmal hilft es, den Veranstalter im Vorfeld darauf hinzuweisen.

Der Name folgt auf die Funktion

Wenn Sie die Gesprächsgäste Ihrem Publikum vorstellen, geschieht das nach einem erprobten Schema. Nennen Sie den Namen Ihres Gastes am Ende Ihrer Vorstellung. Erst präsentieren Sie die inhaltliche Position des Gastes, dann die Funktion und zum Schluss den Vor- und den Nachnamen. Das hilft Ihnen und dem Publikum in der Dramaturgie: „Ihr ist es gelungen, innerhalb von 24 Stunden 60.000 Follower zu aktivieren. Sie ist CEO in ihrem Start-up: Begrüßen Sie Dr. Caroline Pusteblume.“ Durch die Nennung des Namens am Ende können Sie eine gute Zäsur machen und das Publikum weiß, dass jetzt der Applaus gefragt ist.

Checken Sie den Namen und die Funktion bitte doppelt. Menschen bekommen sehr schnell schlechte Laune, wenn man kreativ ihre Namen verdreht. Glauben Sie mir: Ich weiß, wovon ich spreche …

Don’t waste my time

Die Aufmerksamkeitsspanne des Publikums ist nicht sehr breit. Wollen wir wirklich eine lebendige Podiumsdiskussion initiieren, müssen wir für Reibung, Abwechslung und Unterhaltung sorgen. Dazu stehen uns unsere wohlformulierten Fragen und das Timing zur Verfügung.

Wir sollten uns schon mit der ersten Frage trauen, einen starken Aufschlag zu machen. Es geht nicht darum, sich langsam an den kontroversen Kern heranzufragen, sondern eher mit der Tür ins Haus zu fallen. Eine Podiumsdiskussion ist keine Gruppentherapie. Ziel ist, das Publikum zu erreichen, zu fesseln, zu unterhalten. Gegenwind statt Kuschelkurs.

Bereiten Sie die Talkrunde in einem kurzen Briefing zuvor auf den sportlichen Verlauf der Fragerunde vor. Da Sie mit Experten diskutieren, werden Sie eher auf Begeisterung denn auf Sorge treffen. Langweilige Fragen langweilen nämlich nicht nur das Publikum, sondern auch die Gesprächsgäste.

Am falschen Ende gespart

Eine Veranstaltung ist eine kostspielige Kommunikationsform, bei der manche Kunden Einfallsreichtum zeigen, um das Budget nicht aus dem Ruder laufen zu lassen.

Das betrifft uns solange nicht, bis jemand auf die Idee kommt, an der Beschallung zu sparen. Ein Moderator und vier Gäste bekommen drei Mikrofone. 400 Euro gespart – und was passiert? Eine lebendige Talkrunde ist nicht mehr möglich. Diskutanten müssen ihr Mikrofon wie einen Staffelstab ständig hin und herreichen, von der Hygiene mal abgesehen. Insistieren Sie rechtzeitig. Es sollte sich kein Gast ein Mikrofon teilen müssen. Und ohne guten Ton schaltet Ihr Publikum schneller ab, als Sie ihre Gäste vorstellen können.

Dämliche Fragen aus dem Publikum

Die gilt es doch wirklich zu verhindern. Möchten wir unser geliebtes Publikum wirklich zwingen, naheliegende Fragen aufzusagen, um so eine Pseudobeteiligung und Interaktion vorzutäuschen? Wirkt es überzeugend, wenn der Auszubildende aus der Marketingabteilung seine auswendig gelernte Frage aufsagt?

Können wir das Publikum nicht einfach mal in Ruhe zuhören lassen? Ich bin sehr dafür und versuche, meine Auftraggeber stets davon zu überzeugen.

Es mag Themen und Gesprächsrunden geben, wo eine lebendige und natürliche Diskussion mit den Zuschauern entsteht. Wunderbar – nutzen Sie die spontanen Impulse. Aber erzwingen Sie nichts. Möchten Sie Fragen aus dem Publikum stellen lassen, leben Sie bitte auch damit, dass keine Fragen gestellt werden. Stellen Sie dann selbst eine Frage aus ehrlichem Interesse und gehen Sie danach in die Abschlussrunde. Nichts ist peinlicher als ein hilfloser Moderator, der um Fragen bettelt.

Jetzt ist Schluss

Ähnlich wie der ersten Frage kommt auch der letzten Frage eine größere Bedeutung zu. Es ist der Schlusspunkt. Das Letzte, an das sich die Zuschauer erinnern.

Dramaturgisch ist es jetzt wichtig, auf den Punkt zu kommen. Kein neues Thema zu eröffnen, sondern ein Ende zu finden. Kurz und bündig. Entweder darf jeder Experte in Ihrer Talkrunde noch eine abschließende Antwort auf ihre Schlussfrage geben, ein ausgewählter Gast bekommt das letzte Wort oder Sie fassen die wichtigen Wegpunkte der Diskussion zusammen.

Und bei der Abmoderation fassen Sie sich kurz. Ganz kurz. Keine großen Wünsche und Grüße an die Familien, sondern vielen Dank für die Teilnahme und Aufmerksamkeit. Und Ende.

Checkliste

– inhaltliches Briefing mit dem Kunden, Zielvereinbarung und Publikumsanalyse
– Moderationskarten DIN A5 Querformat, 16 Punkt Schriftgröße, breiter Rand, doppelter Zeilenabstand und Seitenzahlen
– Doppelcheck: Funktion des Gastes, Vorname und Name
– korrekte Sitzordnung
– Mikrofonierung
– Dauer der Talkrunde im Blick
– Einstiegsfrage
– weitere inhaltliche Aspekte
– letzte Frage
– Abmoderation

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Markus Tirok (Hamburg; Tirok-Training.de) ist Moderator, Produzent und Medientrainer. Er unterstützt, coacht und trainiert JournalistInnen und Führungspersönlichkeiten aus der Wirtschaft beim professionellen Präsentieren, beim Interviewführen und -geben, bei der Moderation im TV und im Web und beim Auftritt auf der Bühne.
Tirok ist Vorstandsmitglied des Bundesverbands der Medientrainer in Deutschland BMTD e. V. und entwickelt gerade ein Online-Programm „Interviewtraining für Fragesteller und Antwortgeber“.

Publikationen und Portale zum Thema „Moderation und Präsentation“

Tirok, Markus (2013): Moderieren. Reihe „Praktischer Journalismus“. Herbert von Halem Verlag.

Podcast „Professionell Präsentieren mit Markus Tirok“ auf Spotify, iTunes und Tirok-Training.de.

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