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Praxis-Tipps Livestreaming

Die Corona-bedingten Einschränkungen haben in der Medienbranche wie in der Industrie eine vermehrte Hinwendung zu Digitalformaten mit sich gebracht. Aber auch wenn sich das Infektionsgeschehen wieder entspannen wird, bleiben einige davon doch weiterhin wichtig für die Berufswelt. Von besonderer Bedeutung ist dabei sicher der Livestream.

Das Livestreaming ist nicht nur ein flüchtiger Trend: Für Präsenzveranstaltungen, Reisevorträge mit zugeschalteten Live-Speakern, Webinare, Produktvorstellungen, Expertentalks oder auch Community-Services mit Kundendialog hat sich dieses Medium als sehr geeignet erweisen. Auch der „live gestreamte“ Blick hinter die Kulissen, „Behind the Scenes“, erfreut sich bei Medien und Industrie, die ihre Zielgruppe vertraulich ansprechen wollen, großer Beliebtheit. Macher und Urheber beweisen so Authentizität und betonen ihre Unternehmenswerte – wie Diversität, Wertschätzung und Transparenz.

Die ungeschnittene Nahbarkeit eines Livetalks betont auch die eigene Persönlichkeit und sorgt für Interaktion mit Kunden oder Leserschaft. Ferner wird durch dieses Videoformat zugleich die hauseigene Innovationsbereitschaft demonstriert: Man ist wandlungsfähig und kann digital unterhalten sowie mit zeitgemäßer Technik umgehen, sich somit gezielt gegen die Konkurrenz durchsetzen.

Ab ins Netz – aber wie?

Wie kann eine Videobotschaft nun in Echtzeit gesendet werden? Da gibt es ganz viele verschiedene Wege, die in das Netz führen.

Eine professionelle und bezahlbare Möglichkeit sieht wie folgt aus: Wer einen hohen Anspruch an Bild und Ton stellt, ist mit der Nutzung des Video-Mischpults ATEM Mini Pro von Black Magic Design – eine All-in-one-Lösung für HDMI-Geräte – gut beraten, um die verschiedenen Quellen zu koordinieren. Mit einer im Bildmischer verbauten Capture-Karte, 3,5 mm-Buchsen für weitere Audio-Inputs, verschiedenen HDMI-Eingängen und einem Ausgang für den Kontrollmonitor bieten sich individuelle Lösungen für das professionelle Set-up.

In Kombination dazu eignet sich die OpenSource-Software OBS, die gratis im Netz heruntergeladen werden kann und für die Verbindung zu massentauglichen Streaming-Plattformen wie YouTube sorgt.

HDMI-Kameras wie Camcorder oder Spiegelreflex-Apparate sorgen im Gegensatz zu USB-Kameras wie WebCams für eine bessere Bildqualität und lassen sich mit hochwertigen Richtmikrofonen ausrüsten. Zusätzliche Bildschirme wie Laptop oder iPad lassen sich zur Kontrolle der Aufnahmen ebenfalls an das ATEM Mini Pro Mischpult anschließen. Als Alternative zum Richtmikrofon dient ein hochwertiges Mikrofon mit 3,5 mm-Mini-Klinkenstecker, das auch kabelgebunden sein darf und leicht anzuschließen ist.

In Szene setzen – aber richtig

Was zählt, sind ausreichend Schnittbilder mit der 5-Shot-Regel unter Berücksichtigung der TV-Sehgewohnheiten und der Raumperspektive mit Bildlinien. Dazu sollte die Kameraposition auf Augenhöhe der Protagonisten gesetzt werden und die Beleuchtung ist passend zu gestalten.

Unter Beachtung der Dreipunktbeleuchtungs-Regel – ein heiliger Gral bei der Ausbildung von Videojournalisten bei vielen öffentlich-rechtlichen Sendern – kann nun mit verschiedenen Lichtquellen wie Strahlern und Reflektoren gearbeitet werden: Das Führungslicht sollte mit 50 Prozent als Key Light die Gesichter ausleuchten, ein zusätzlicher Aufhellungsspot sorgt für weitere 30 Prozent Ausleuchtung und eine Spitze aus dem Hintergrund garantiert mit 20 Prozent Lichtstärke Tiefe im Raum.

Beim Schnitt nach Fertigstellung ist auf Lichtsprünge bei den Aufnahmen zu achten. Es empfiehlt sich daher, den Studioraum erst einmal abzudunkeln und dann die erforderlichen Lichtquellen aufzubauen.

Beim Ton ist auf Störgeräusche wie Lüfter, Tastaturklappern oder Ähnliches zu achten. Unnötige Kabelwege sind zu vermeiden.

Die Vorbereitung des Drehs

Zur Vorbereitung des Livestreams sollte ein redaktioneller Drehplan unter Berücksichtigung verschiedener Kameraeinstellungen (welche Bildsprache wird bedient?) nicht fehlen und an alle Beteiligten verteilt werden. Vorgespräche mit den zu filmenden Protagonisten können letzte Unklarheiten beseitigen.

Ein Zweier-Talk ist natürlich als erste Übung deutlich einfacher umzusetzen als eine komplette Bundespressekonferenz, Podiumsdiskussion, Kundgebung oder Party und erfordert statt mehrerer Ansteck-Mikrofone lediglich Aufsteck-Mikrofone bzw. handelsübliche Mini-Klinkenstecker-Geräte (Nieren- oder Kugel-Mikro). Zu Beginn sollte das Format aus Trainingszwecken nicht länger als sechs bis sieben Minuten laufen. Die Anmoderation einschließlich Bildwechsel sollte dabei nicht länger als zwei Minuten dauern, wobei auch grafische Elemente wie Vorschaubild, Bauchbinde oder kleine Videos eingespielt werden können.

Ein Aufsteller im Hintergrund, etwa ein bedruckter Fotokarton, kann ebenfalls gute Dienste zur Erläuterung eines Themas leisten oder dem Moderator infolge von Schnittwechseln besondere Dramaturgie verleihen. Und natürlich ist die Kamera immer dabei, wenn wichtige Gäste begrüßt werden.

Livestreaming ist Teamarbeit: Es gilt, zugleich die Kameras zu überwachen, die Tonkontrolle im Auge zu behalten und die Bildschirme mit OBS und YouTube zu kontrollieren. Ein zusätzlicher Supervisor für das gesamte Monitoring-System der Aufnahme kann sich als äußerst nützlich erweisen.

On Air

Alles ist live, aufgepasst! Spätestens eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung sollte alles vorbereitet sein. Reicht der Speicherplatz für die Aufnahme des Livestreams? Ist der Ton beim Kontrollmonitor deaktiviert? Ist das Mobiltelefon auf „Flugmodus“ gestellt?

Eine Set-up-Checkliste für den Ablaufplan bei der Aufnahme ist enorm hilfreich. Die Einstellungen bei der Software OBS sind möglichst diese:

  • Auflösung und Audiosettings in Full-HD: 1920 x 1080 Pixel;
  • Bildfrequenz: 25 PAL,
  • Videobitrate: 2500 – 8000 kbps (Kilobit pro Sekunde),
  • Audiosamplerate: 48 kHz.

Als Format sollte MKV gewählt werden. Bei einem vorzeitigen Abbruch kann das MKV-Format bei OBS auch als MP4-Datei bearbeitet werden.

Die Verbindung zu YouTube erfolgt via Eingabe des Streaming-Schlüssels, den man im eigenen Account generieren kann. Da üblicherweise mindestens 1.000 Abonnenten für die Livestream-Funktion erforderlich sind, dient die kostenlose OpenSource-Software OBS hierbei der Abkürzung. Bei deren Nutzung sollte ein Netzwerkkabel statt WLAN verwendet werden. Bei Bedarf können extra Treiber für Audio-Interface, Capture-Karte oder Sound-Karte installiert werden. Das Mischpult ATEM Mini Pro wird von OBS wie eine integrierte WebCam erkannt.

Wie immer geht es zunächst darum, ins Handeln zu kommen, und dann eine eigene Routine zu entwickeln: Machen ist der Schlüssel zum Erfolg.

Livestreams – wann und wo?

Die Nutzungsmöglichkeiten eines Livestreams sind vielfältig: Gerade die zuletzt so gebeutelte Touristikindustrie versucht es aktuell erfolgreich mit Business-to-Business- (B2B-) und Consumer-Webinaren in Kooperation mit Trade-Partnern. Und auf dringeblieben.de kuratieren Kultur- und Kunstschaffende sowie Nerds Online-Veranstaltungen im Lockdown. Outdoor-Brands hingegen präsentieren Produkte und pflegen ihre digitale Community.

Als Plattformen für das ortsunabhängige Livestreaming kommen Instagram, Facebook, Twitch, LinkedIn und YouTube in Betracht. Auch Skype und Zoom wurden schon genutzt.

Fazit

Für freie Foto- und Videojournalisten – ob alte Hasen oder Newbies – mit entsprechender Expertise ist Livestreaming ein lukrativer Nebenmarkt, der vermutlich auch nach Beendigung der Pandemie weiterhin wachsen wird. Wer sich also neue Märkte und Kunden im Medienbereich oder in der Industrie erschließen möchte, sollte zunächst den gesamten Ablauf und die erforderliche Technik gut erproben.

Aufgezeichnete Arbeitsproben, die Erstellung eines eigenen Showreels oder bei torial.com veröffentlichte Referenzen helfen enorm bei der Akquise, schärfen zudem das eigene Profil und steigern den Marktwert. Wer eigene Social-Media-Kanäle pflegt, kann die neu erstellten Arbeitsproben als passgenaue Lösungen auch darüber veröffentlichen.

Persönliche Kontakte zu Redaktionen und auf Entscheiderebene sind in der Regel die besten Türöffner für neue Aufträge.

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Der Autor Ralf Falbe arbeitet derzeit als Social-Media-Consultant in Festanstellung. Davor war er als freier Bildjournalist, Videographer und Reporter unterwegs. Veröffentlicht hat er u. a. in Stern, F.A.Z. und sueddeutsche.de. Und es gab Auszeichnungen: Journalistenpreis Irland 2016 (Kategorie Online – Top 10), Bronze-Winner International Photo Award IPA Philippines 2016 (Kategorie Kinder), Nominierung für den PR-Bild Award 2015, 2017, 2018 (Kategorie Tourismus, Freizeit, Sport). Er ist Mitglied beim DFJV und im Arbeitskreis Baufachpresse. Weitere Informationen zu seiner Person: unter www.ralffalbe.com.

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