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Radio erlebt als Audio seinen x-ten Frühling

Fast 94 Prozent der Bevölkerung in Deutschland, so die aktuelle Media-Analyse Audio 2019 II, hören regelmäßig Radio/Audio. Wir sprachen mit Hörfunkprofi Walter Schmich, unter dessen Leitung die Sender BAYERN 1 und BAYERN 3 in den Top Ten der erfolgreichsten Radioprogramme in Deutschland rangieren und fast sechs Millionen Hörerinnen und Hörer erreichen. Er verrät, woran es liegt, dass Radio seinen x-ten Frühling erlebt, was guten Hörfunkjournalismus ausmacht und wie Audio zukunftsfähig bleibt.

Hat Sie das Radio schon als Kind gereizt?

Ich bin in einem kleinen Dorf in Bayern aufgewachsen; das Radio war für mich der Draht nach außen, das Tor zur Welt. Auf dem Schulhof lauteten die Themen: Was hat der Gottschalk wieder für Sprüche im Radio geklopft? Und: Was hat Fritz Egner für Musik gespielt?
Als Jugendlicher habe ich mein ganzes Geld in Schallplatten investiert, was meine Eltern unmöglich fanden. Während des Studiums habe ich als DJ in einer Disko gearbeitet. Mein erklärtes Ziel war es, einmal beim Radio zu arbeiten. Dass ich dann beim Bayerischen Rundfunk Musiksendungen in BAYERN 3 moderieren und von mir bewunderte Künstler wie Phil Collins oder Bon Jovi interviewen durfte, war für mich das Größte.

Heute sind Sie stellvertretender Hörfunkdirektor des Bayerischen Rundfunks. Wenn Sie noch einmal am Beginn Ihrer Karriere stünden: Welches journalistische Medium würden Sie wählen?

Aus tiefster Überzeugung würde ich wieder zum Radio gehen. Was mich daran so fasziniert: Wie die Stimme eines Moderators im Kopf des Hörers lebendige Bilder erzeugt – das ist bei keinem anderen Medium so stark.
Ich finde, das Bild im Fernsehen oder bei einem Video nimmt Einem viel Illusion, das ist vergleichbar etwa mit dem Unterschied zwischen dem Lesen eines Buches und dem Schauen seiner Verfilmung.

Was macht guten Radiojournalismus aus?

Die Themen der Beiträge müssen zum Sender und dessen Zielgruppe passen und entsprechend aufbereitet werden. Ein guter Hörfunkjournalist für massenattraktive Wellen – wie die von mir verantworteten Programme BAYERN 1 oder BAYERN 3 – kann komplizierte Sachverhalte in wenigen, kurzen Sätzen erklären, wichtige Zusammenhänge auf den Punkt darstellen. Sonst geht das Gesagte beim Publikum zum einen Ohr rein, zum anderen raus. Dabei ist es umso schwieriger, das Thema verständlich zu präsentieren, je kürzer das Format ist.
Grundsätzlich gilt: Das Handwerkzeug kann jeder erlernen. Wie man beispielsweise einen Beitrag schneidet oder eine Sendung fährt – was beides heute auch zum Beruf eines Hörfunkjournalisten dazugehört – kann man sich aneignen. Aber um wirklich gut zu sein, braucht man vor allem Talent.

Neben Wortbeiträgen ist die Musik entscheidend für den Erfolg eines Senders. Wie sehen Sie die Gewichtung?

Bei uns macht die Musik 60 bis 70 Prozent der Sendezeit aus; die Musik galt bei erfolgreichen Massenwellen als Haupteinschaltimpuls.
Soweit würde ich jetzt nicht mehr gehen. Aus meiner Sicht geht es ein bisschen „back to the roots“: Die Personalitys und der Inhalt der Beiträge, das Storytelling werden wieder wichtiger. Aber auch heute noch ist die Musik extrem wichtig, denn wenn der Grundmusikteppich nicht stimmt, schalten die Hörer weg – und dann werden auch die besten Beiträge nicht gehört.

Als klassischer Radiosender konkurrieren Sie mit Anbietern wie Spotify oder Amazon Prime. Inwiefern bereitet Ihnen das Sorgen?

Die Musikauswahl eines Radiosenders wird für jeden immer ein Kompromiss sein. Eine Playlist nach meinem Gusto kann ich mir logischerweise bei einem Streamingdienst besser zusammenstellen. Aber anders als beim linearen Radio muss ich dort immer erst einmal Daten eingeben, damit ich das bekomme, was ich gerne hören will. Da gibt es bei manchen schon einen spin back: Sie wollen einfach das Radio einschalten, sich zurücklehnen und unterhalten lassen.

Unseren Riesenvorteil gegenüber Streamingdiensten sehe ich darin, dass wir als regionaler Hörfunksender a) lokale Inhalte liefern, also das, was vor der Haustür passiert, und damit und der persönlichen Ansprache b) nahe am Hörer sind. Dieses Pfund kann man uns nicht so leicht wegnehmen.

Was müssen Radiomacher heute anders machen als früher? Wie sieht das Radio der Zukunft aus?

Radio muss man heute auf das Genre „Audio“ erweitern. Was für uns Radioleute schwieriger geworden ist: dass wir so viele Kanäle bedienen müssen. Es gibt neben dem klassischen UKW-Radio und dem Empfang per DAB+ etliche neue Ausspielwege – welche das jeweils sein müssen, hängt von der Zielgruppe ab, die man erreichen will.
Wir bieten unser Programm auch als Webradio im Netz beziehungsweise via App an, außerdem eigenständige Digitalformate auf Drittplattformen wie YouTube, Facebook oder Instagram. Es gilt für jeden Sender, die richtigen Verbreitungswege neben dem linearen Programm zu nutzen, auch, damit Inhalte von Sprachassistenten wie zum Beispiel vom Voice-Service „Alexa“ von Amazon aufgefunden werden.

Fast jeder Deutsche ab 14 Jahren hört regelmäßig seinen Lieblingssender – ob nun, wie immerhin 93,7 Prozent, über das klassische Radio oder über Webradio, Streaming & Co. Auffällig ist, dass die Jugend verstärkt auf Online-Audioempfang setzt. Wie lassen sich vor diesem Hintergrund junge Menschen fürs Radiohören begeistern?

Mit unserem Jugendsender PULS erreichen wir die jungen Hörer im Netz – und zwar mit einer Multiplattform-Strategie. Wir bieten Unterhaltungsformate, investigativ-journalistische Angebote, Podcasts wie den Sex- und Aufklärungspodcast „Im Namen der Hose“ und ein musikalisch besonderes Radioprogramm mit mehreren thematisch stark zugeschnittenen YouTube- und Social-Media-Kanälen. Außerdem erreichen wir die junge Zielgruppe direkt auf den von ihr genutzten digitalen Plattformen wie Spotify.
Bei PULS gehen wir im Audio Bereich künftig den Weg, neue Formate zunächst als Podcast anzubieten und erst danach linear über DAB+ bzw. Livestream auszustrahlen – Stichwort: online first.

Mit dieser Strategie sind wir erfolgreich.

Inwiefern sind Podcasts von Verlagen eine Konkurrenz fürs Radio?

Wir werden angehalten, im Netz nicht presseähnlich unterwegs zu sein. Umgekehrt sind die Verlage aber dort mit Podcasts hörfunkähnlich unterwegs. Aber auch, wenn die Ausspielwege verschwimmen und wir das gleiche Feld beackern: Ich bin überzeugt, Audio ist unser Metier. Da haben wir einen Vorsprung – und den müssen wir halten.
Podcasts sind für uns eine Riesenchance, weil wir mit diesem Ausspielweg eine weitere Möglichkeit haben, unsere Audios – und Videos – an den Mann oder die Frau zu bringen. Man kann nicht einfach einen Hörfunkbeitrag ins Netz stellen – das ist ein eigenes Metier, das wir meiner Meinung nach noch nicht intensiv genug nutzen. Wir bauen das gerade aus.

Angesichts des rasanten Medienwandels wird allerorten gespart. Wie sehr verlassen Sie sich auf freie Mitarbeiter?

Unsere Programme werden überwiegend von freien Mitarbeitern gemacht. Wir haben nurwenige Festangestellte.
Die drei Standbeine des BR sind Fernsehen, Radio und Online. Auf der einen Seite brauche ich Leute, die wissen, wie das jeweilige Medium funktioniert. Auf der anderen Seite sind aber immer mehr die Allrounder gefragt, die sowohl Fernsehbeiträge als auch Radio und Online beherrschen. Ein Regionaljournalist, der draußen sitzt, muss heute in der Lage sein, drei Kanäle zu bedienen, einen TV-, einen Hörfunk- und einen Onlinebeitrag abzusetzen. Das ist natürlich sehr viel verlangt von den Kolleginnen und Kollegen.
Anfangs haben unsere Radioleute auch noch unsere Homepage betreut. Aber dafür braucht man Fachleute. Es reicht eben nicht, einen Hörfunkbeitrag abzutippen und ins Netz zu stellen – Onlinejournalismus ist ein eigenes Genre. Im Internet gelten andere Regeln, ich muss den Online-Artikel beispielsweise anders aufbauen, damit er auch über die Suchmaschinen gefunden wird.

Wie lautet Ihre Prognose: Wie lange wird es Radio noch geben?

Ich glaube: immer! Da mache ich mich überhaupt nicht bange. Es wird vielleicht nicht mehr das klassische UKW-Radio geben, aber Radio bzw. Audio als Genre – das wird es immer geben. Das Radio ist schon so oft totgesagt worden: Als die Schallplatte erfunden wurde, die Musikkassette, als das Fernsehen kam, das Internet, die Social-Media-Kanäle, die Streamingdienste … Immer hieß es, das ist der Untergang des Radios, schon bald wird kein Mensch mehr Radiohören.
Aber: Hörfunk hat beispielsweise in Bayern in 20 Jahren nicht einmal vier Prozent an Reichweite verloren – das ist gar nichts. Da ist der Vorteil, dass wir ein Nebenbei-Medium sind: Ich kann z.B. am Computer arbeiten und Radio hören.
Ob man uns über UKW, DAB oder als Livestream am PC hört – völlig egal, wir erreichen die Leute

Starmoderatoren der von Ihnen als Programmbereichsleiter verantworteten Wellen BAYERN 3 und BAYERN 1 sind Thomas Gottschalk und Fritz Egner. Was haben sie, was anderen fehlt?

Der Moderator muss eine Personality haben und in gewisser Weise auch einen Drang zur Selbstdarstellung. Thomas Gottschalk blüht im Studio förmlich auf; er lebt im Hörfunk seine Leidenschaft aus. Und diese Leidenschaft spürt man draußen. Die Menschen, die in ihrem Auto zur Arbeit fahren, diejenigen, die alleine leben, sie brauchen eine Ansprache.
Die Nähe zum Hörer ist extrem wichtig, daher forcieren wir Außenveranstaltungen wie das BAYERN 3 Dorffest, das BAYERN 1 Open Air oder das PULS Open Air, zu denen bis zu 80.000 Leute kommen. Vor Ort wollen die Leute dann nicht nur Autogramme von den Musikern, sondern auch von unseren Moderatorinnen und Moderatoren, das zeigt, wie wichtig diese Kontakte sind. Das schönste Kompliment ist, wenn Hörer in unseren Umfragen sagen, dass sie den Moderator gern in ihrem Freundeskreis hätten.
Und auch insgesamt ist der altmodisch anmutende Satz aktueller denn je: Das Radio muss der Freund des Hörers sein.

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Fotocredit: Fotograf Markus Konvalin / Rechtegeber: BR

Walter Schmich (56) hat Kommunikations- und Zeitungswissenschaften, Amerikanische Kulturgeschichte sowie Markt- und Werbepsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München studiert. Er sammelte erste journalistische Erfahrungen als freier Mitarbeiter beim Pfaffenhofener Kurier und Donaukurier in Ingolstadt. Die Gründung erster Privatfunkstationen ermöglichte ihm Mitte der 1980er-Jahre den Wechsel zu Radio IN und damit zu dem Medium, dem – geprägt durch den amerikanischen Sender afn – seine große Leidenschaft gehört. Parallel zum Magisterabschluss gab er 1990 seine Festanstellung als Musikchef und Morningshow-Moderator bei Radio IN auf, um als freier Mitarbeiter beim BR zu arbeiten. Nach mehreren Stationen als Reporter, Senderedakteur, Musikredakteur und Moderator wurde Walter Schmich 1994 BAYERN-3-Musikchef. Ab 2001 war er zusätzlich stellvertretender Programmchef des Senders, 2003 wurde er Programmchef, 2008 Programmbereichsleiter. 2012 kam der Bereich Jugend dazu und Anfang 2016 BAYERN 1. Heute ist Walter Schmich Leiter des Programmbereichs BAYERN 1 – BAYERN 3 – PULS, seit 2014 auch stellvertretender Hörfunkdirektor des Bayerischen Rundfunks.
http://www.br.de

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