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Recherchieren für das Gemeinwohl – wie Stiftungen Journalismus finanzieren

Ohne sie hätte es die CumEx-Papers vielleicht nie gegeben: Stiftungen unterstützen Journalist*innen und Medienorganisationen wie correctiv oder Netzwerk Recherche bei aufwendigen Recherchen und Projekten. Die Journalistin Anna Driftschröer hat untersucht, wie Stiftungsförderung funktioniert, wer davon profitiert und welche Themen gefördert werden.

Thema Ihrer Masterarbeit war die Förderung des Journalismus durch Stiftungen. Dafür haben Sie mit beiden Seiten gesprochen, Journalist*innen und Stiftungen. Meist profitieren gemeinnützige Medienorganisationen wie correctiv oder Netzwerk Recherche von der Förderung. Profitieren auch Kolleg*innen außerhalb dieser Redaktionen davon?

Auch außerhalb der Redaktionen gibt es freie Fachjournalist*innen, die gemeinnützige journalistische Projekte umsetzen und von Stiftungen gefördert werden. Die Journalistin Eva Wolfangel etwa recherchiert mit Mitteln der ZEIT-Stiftung zum Thema „Virtual Reality“ und veröffentlicht ihre Recherchen als VR-Reporterin unter anderem auf der Plattform der Riff Reporter.

Andere Kolleg*innen, so beim SPIEGEL oder bei der ZEIT, profitieren von der Stiftungsfinanzierung, wenn sie mit den genannten gemeinnützigen Projekten zusammenarbeiten und deren Recherchen nutzen oder publizieren.

Bei Letztgenannten ist eine Stiftungsfinanzierung unter Umständen heikel. Kontrovers diskutiert wurde zum Beispiel die finanzielle Unterstützung einer Artikelserie des SPIEGEL durch die Gates Foundation. Zumal dann im SPIEGEL ein Beitrag über eine Nukleartechnologiefirma erschien, an der Gates beteiligt war oder ist. Haben Sie in Ihren Gesprächen öfter von solchen Fällen gehört?

Der durchgängige Tenor in meinen Interviews mit stiftungsfinanzierten Journalist*innen war, dass die sich eigentlich recht frei fühlen von solchen Beeinflussungen. Die Befragten hatten einen starken Fokus auf unabhängigen Journalismus und den gesellschaftlichen Nutzen ihrer Arbeit. Für diese Journalist*innen war es selbstverständlich, dass sie sich – im Fall einer versuchten Einflussnahme – von ihren Financiers verabschieden würden, um andere Geldtöpfe zu suchen.

In dem speziellen SPIEGEL-Fall bin ich mir nicht ganz sicher, wie das lief, weil hier eine US-amerikanische Stiftung eine kommerzielle Redaktion gefördert hat. In Deutschland ist die große Mehrheit der Stiftungen gemeinnützig. Diese können dann wiederum selbst nur Organisationen fördern, die ebenfalls gemeinnützig sind.

Gemeinnützige journalistische Organisationen, die von Stiftungen gefördert werden möchten, müssen sich beispielsweise für die Förderung der Wissenschaft, der Forschung, des demokratischen Staatswesens oder der Volksbildung einsetzen, um überhaupt Fördermittel in Anspruch nehmen zu dürfen. Diese Anerkennung der Gemeinnützigkeit ist für Medienorganisationen nicht einfach. Einige Projekte sind auch daran gescheitert.

Übrigens fordert zurzeit zum Beispiel das Forum gemeinnütziger Journalismus eine gesetzliche Anerkennung der Gemeinnützigkeit durch Gesetzgeber und Finanzämter. Das ist vorgängig. Eine Tagung zum Thema musste wegen Covid-19 leider ausfallen.

Welche journalistischen Themenbereiche sehen Sie bevorzugt von Stiftungen gefördert?

Die Themenfelder leiten sich aus den gerade genannten gemeinnützigen Zwecken ab, also beispielsweise Völkerverständigung und Demokratieförderung. So wird gerne Cross-Border-Journalismus unterstützt, bei dem Redaktionen gemeinsam, kollaborativ über Ländergrenzen hinweg, recherchieren. Auch Investigativjournalismus wird gefördert.

Die Entstehung der CumEx-Files, als europäische Recherche unter der Leitung von correctiv, ist ein gutes Beispiel für ein stiftungsunterstütztes investigatives Cross-Border-Projekt. Daran beteiligt waren 19 Newsrooms in zwölf Ländern, die die Inhalte dann auch publizierten. https://correctiv.org/top-stories/2018/10/18/the-cumex-files/

Ein weiteres Beispiel für stiftungsfinanzierten Journalismus ist Wissenschaftsjournalismus, wie man ihn etwa beim Science Media Center https://www.sciencemediacenter.de/ oder bei den Riff Reportern https://www.riffreporter.de/ praktiziert. Dabei stehen Recherchen und Reportagen zu Umwelt, Energie, Technik, Medizin im Vordergrund.

Findet sich stiftungsfinanzierter Journalismus in allen Medien?

Nach meiner Beobachtung gibt es keine Beschränkungen auf Mediengenres. Die Veröffentlichungsart spielt anscheinend bei der Vergabe der Fördergelder auch nur eine untergeordnete Rolle. Das hängt damit zusammen, dass die gemeinnützigen Organisationen zunächst ganz medienunabhängig produzieren und dann – für die Veröffentlichung – zumeist mit ganz unterschiedlichen Medien und Medienpartnern zusammenarbeiten.

Wenn correctiv – eine Organisation, die hierzulande vor der Veröffentlichung der CumEx-Files eher wenigen Bürger*innen bekannt gewesen sein dürfte – diese Unterlagen lediglich auf ihrer eigenen Site publiziert hätte, dann hätten die wohl kaum so eine große Wirkung erzielt. Die Ergebnisse erschienen aber europaweit auf verschiedensten Kanälen, bei der Presse, im TV, im Radio und über Agenturen.

Ein anderes schönes Beispiel ist eine Recherche von Anna Saraste und anderen Stipendiaten des „Reporters in the Field“-Programms, das von der Robert-Bosch-Stiftung unterstützt wurde. Die hatten eine europaweite Recherche zu Desinformations-Kampagnen vor der Europawahl realisiert, die dann in den verschiedensten europäischen Medien veröffentlicht wurde.

Wie verträgt sich die Stiftungsfinanzierung eines journalistischen Projekts mit anderen Formen seiner Finanzierung?

Weitergegeben werden so entstandene Inhalte zumeist kostenfrei oder gegen eine Aufwandsentschädigung. Regulär abrechnen kann man solche komplexen Recherchen in der Regel auch gar nicht – das wäre fast unbezahlbar.

Aber faktisch finanzieren sich gemeinnützige Angebote – neben den Stiftungsgeldern – aus ganz verschiedenen Quellen. Etwa über Mitgliederbeiträge, kostenpflichtige Inhalte oder Crowdfunding, durch den Verkauf von Dienstleistungen wie Factchecking oder auch Fortbildungen sowie das Verlegen von Büchern über die eigenen Recherchen.

Wie gehe ich als freier Journalist vor, wenn ich ein tolles Thema habe und eine Stiftung davon überzeugen möchte, dass dies förderungswürdig ist?

Um eine einzelne Recherche zu realisieren, bieten sich die diversen Stipendien der Stiftungen an. Für größer angelegte Projekte besteht die Möglichkeit, sich unter dem Dach einer gemeinnützigen Organisation bei den Stiftungen um Fördermittel zu bewerben.

Gibt es ein Portal, das solche Fördermöglichkeiten sammelt, sodass ich mich schnell umfassend informieren kann, ohne alle Stiftungen ansteuern zu müssen?

Die Website von Netzwerk Recherche sammelt gute Informationen zu Fördermöglichkeiten.

Gemeinnütziger und speziell stiftungsfinanzierter Journalismus wird auch auf vielen Journalistenkonferenzen thematisiert. Auf der Global Investigative Journalism Conference beispielsweise gab es Workshops zum Thema. Ich hatte darüber berichtet.

Einige der heute stiftungsfinanzierten Medien haben sich auch bei ihrer Gründung und damit am Anfang ihrer Projekte um das Grow Stipendium von Netzwerk Recherche beworben und sind dann als Organisation gewachsen:

Auf jeden Fall empfiehlt es sich, nach Förderpartnern zu suchen, zu denen es thematische Anknüpfungspunkte gibt.

Wichtige gemeinnützige Medienorganisationen, teilweise stiftungsfinanziert:

Correctiv – https://correctiv.org/

Netzwerk Recherche – https://netzwerkrecherche.org/

Science Media Center – https://www.sciencemediacenter.de/

Mother Jones – https://www.motherjones.com/

Pro Publica – https://www.propublica.org/

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Anna Driftschröer ist Absolventin des Masterstudiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Hamburg. Sie arbeitet als Reporterin.

 

 

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