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„Reporterstreifzüge“: Moderne Reportagen aus dem historischen Berlin

Hugo von Kupffer, Chefredakteur der 1883 gegründeten historischen Zeitung Berliner Lokal-Anzeiger, veröffentlichte zahlreiche Stadt-Reportagen nach dem Vorbild des amerikanischen Journalismus. 25 Zeitungsbeiträge, die zwischen 1886 und 1892 gedruckt wurden, sind im vergangenen Jahr beim Lilienfeld-Verlag in einer sorgfältig edierten Buchausgabe erschienen.

Ob bei der Berichterstattung über die florierenden „Wiener Cafés“, aus dem „Schwurgerichtssaale zu Moabit“ oder über die „Städtische Desinfections-Anstalt“ in der Reichenbergerstraße – in den Reportagen Hugo von Kupffers erwacht das Berlin des ausgehenden 19. Jahrhunderts für eine zeitgenössische Leserschaft zu neuem Leben.

Beide Folgen der „Reporterstreifzüge“, und damit 25 Stadtgeschichten, finden sich nun mit Beitexten wie Worterklärungen und editorischen Bemerkungen sowie einem ergiebigen Nachwort in einem schön gestalteten Buchband vereint.

Neues Format „Generalanzeiger“

Der Autor dieser Reportagen, Hugo von Kupffer, war mehr als 40 Jahre lang Chefredakteur der vom Verleger August Scherl 1883 gegründeten Zeitung Berliner Lokal-Anzeiger. Das „Central Organ für die Reichshauptstadt“, wie der Untertitel des Blattes lautete, ist beispielhaft für den aufstrebenden Zeitungstypus des Generalanzeigers, der als Vorläufer der Boulevard-Presse gelten kann: Man finanzierte sich durch Anzeigen, gab sich unpolitisch beziehungsweise „überparteilich“ und unterhaltend und berichtete in klarer, einfacher Sprache über alltagsnahe, lokale Themen. Angesprochen werden sollte damit eine breite, von den dargestellten Themen direkt betroffene Leserschaft.

Damit unterschied man sich von bisherigen kommerziell erfolgreichen Formaten wie den Familienzeitschriften. Diese präsentierten sich belehrend und unterhaltend und richteten sich an ein engeres, kleinbürgerliches Publikum. Neuigkeiten aus aller Welt wurden zwar berücksichtigt, doch wurde dabei Distanz zu den Geschehnissen gewahrt: Die Lesenden wurde zu Beobachtern, ohne direkt betroffen zu sein. [1]

Das neuartige Konzept des Berliner Lokal-Anzeigers war jedenfalls erfolgreich: Das Blatt avancierte mit einer Auflage, die in die Hundertausende ging, zu einer der am weitesten verbreiteten Zeitungen Berlins.

Vorbild amerikanischer Journalismus

Ein Erfolgsfaktor für die Zeitung war dabei sicherlich die neue journalistische Arbeitsweise Kupffers. Dieser hatte einige Jahre in den USA gelebt und als junger Journalist für den New York Herald gearbeitet. Methoden des modernen amerikanischen Journalismus, wie der Herald sie vertrat, bestanden darin, von Lokalreportern selbst recherchierte, aktuelle, ortsbezogene und lesernahe Berichte und Nachrichten zu erstellen. Dies nahm sich Kupffer für seine „Reporterstreifzüge“ zum Vorbild. Das berichtet er zum Teil selbst im Vorwort zu einer Buchausgabe von 1889, das für die zeitgenössische Leserschaft in diesem Band noch einmal vorangestellt wurde. Er habe den Weg „eigener Anschauung und persönlicher Unterredung“ gewählt. Dabei schwebte ihm „der echte amerikanische ‚Reporter‘ “ vor. Er erörtert, wie dieser „auf Grund persönlicher Unterredungen, sogenannter ‚Interviews‘, sich in seinen Schilderungen einer oft gradezu frappierenden Realistik“ befleißige und mit dieser auch Menschen und Dinge interessant zu schildern wüsste, die oberflächlich betrachtet vielleicht erst nicht interessant genug erscheinen. Er habe versucht, seine Themen nach den gleichen Grundsätzen auszusuchen und zu bearbeiten.

Leserinteressen in einer wachsenden Metropole

Ob er dabei über die „allersehnte“ Sonnenfinsternis im August 1887 oder über das nächtliche Treiben in den florierenden „Wiener Cafés“ schrieb: Die Themenwahl orientierte sich an den aktuellen Geschehnissen und Entwicklungen in der Stadt und an den Interessen, aber auch an den Alltagssorgen seiner breiten Leserschaft.

Um diese zu verstehen, lohnt es sich, einen kurzen Blick auf die damalige Stadtentwicklung zu werfen. Berlin, seit 1871 Hauptstadt des Deutschen Reiches, erlebte in der Zeit der Hochindustrialisierung einen starken Zuzug von Menschen aus dem ländlichen Raum und wurde zur wirtschaftlich florierenden Millionenstadt. Wohnungsnot und hohe Bevölkerungsarmut sowie schlechte hygienische Bedingungen waren Begleiterscheinungen des rasanten Wachstums der Metropole. Kupffers Texte richteten sich also an verschiedene Menschengruppen, die ihr Leben in der Großstadt zu meistern hatten: Zum Beispiel an die aus der Provinz neu Hinzugezogenen, die sich im wachsenden Großstadtdschungel nicht immer zurechtfanden und denen bürokratische Modernisierungsprozesse wie die Volkszählung in der rasant wachsenden Stadt oft nicht geheuer waren. Mit einem Augenzwinkern berichtete er etwa in einer Reportage über die Unwissenheit und die Ehrfurcht mancher Stadtbewohner vor dem „bösen Gespenst ‚Census‘ “. Er erwähnt dabei das „drollige Beispiel“ eines Dienstmädchens aus dem „Luisenstadttheil“. Die „Unschuld vom Lande“ habe geglaubt, bei der Volkszählung sei auch das Gewicht anzugeben, und wurde von ihrem Hausherrn hinters Licht geführt, da er sie zum Wiegen prompt auf die Rathswaage am Oranienplatz schickte.

Einen ernsteren Ton schlug Kupffer bei einem Bericht über die städtische Desinfections-Anstalt an. In diesem erörtert er penibel, wie „im Reiche der Desinfection“ gearbeitet wird, wo etwa Wäschestücke, Möbel oder Betten, die mit Krankheitserregern in Berührung kamen, gereinigt werden. Der von Kupffer befragte Institutsverwalter erklärte, dass viele Stadtbewohner besondere Scheu vor einer Wohnungsdesinfektion im Fall von ansteckenden Krankheiten haben, wobei auch finanzielle Nöte eine Rolle gespielt haben dürften. Der Verwalter verdeutlichte jedoch die Wichtigkeit entsprechender Reinigungen und führte an, dass dabei für den Einzelnen kaum, im Armutsfall sogar keine Kosten anfallen. Eine der längeren Reportagen führte den Redakteur außerdem in die Schöpfwerke der städtischen Wasserwerke. Eine genaue Berichterstattung über die dort durchgeführten Wasserreinigungsprozesse erklärte er schließlich mit einer in Berlin umgegangenen „Choleraangst“ und dem Misstrauen großer Teile der Bevölkerung gegenüber der Qualität des Trinkwassers.

In diesen – wenn auch in ihrer Zeit verhafteten – aufklärenden, in gutmütigem, ab und zu ironischem Ton vorgetragenen Reportagen zeigt sich Kupffer als Vertreter der Urbanisierung, der das Vertrauen seiner Leserschaft in moderne Stadteinrichtungen, deren Behörden, Institute oder Kliniken stärken möchte. Er bleibt dabei nahe an den alltäglichen Sorgen seines Publikums, dem er mit seinen Berichten über das, was er stellvertretend für sie erlebt und erfahren hat, quasi zur Seite steht: Die Identifikation mit dem Erzählten ist für seinen Leserkreis hoch, die Distanz zu diesem ist gering.

Sensationen aus der Welt des Verbrechens

Kupffer wusste auch die Sensationslust seiner Leserschaft zu befriedigen. So führten einige seiner Reportagen in die Welt des Verbrechens: Er berichtete etwa vom „Damentag“ vor dem Königlichen Schöffengericht, wo einmal wöchentlich ausschließlich „Vergehen geringerer Natur“ von Frauen und Mädchen behandelt wurden, oder gibt seine Eindrücke der Verhandlung des stadtbekannten Mörders Hermann Günzel im Schwurgerichtssaal zu Moabit wieder. Gelungen verleiht er im Weiteren dem Berliner Scharfrichter „Herrn Krautz“, von dem in Berlin „jedes Kind“ den Namen kannte, außerdem in zwei ihm gewidmeten Porträts menschliche Züge, während er ihn in einem weiteren Text bei der Vollstreckung einer Hinrichtung auftreten lässt.

Insbesondere einige Textpassagen seiner Justizreportagen zeigen, dass Kupffer, der sich vor seinem journalistischen Werdegang auch als Schriftsteller versuchte, ein geübter Erzähler ist. Lebendig beschreibt er, wie das schaulustige Publikum sich im Gerichtssaal drängt, um den angeklagten Günzel zu sehen, und wie etwa die Herren „verstohlen Butterstullen verzehren und mit vollen Backen kauend salomonische Urteile über die Schuld oder Nichtschuld des bleichen Menschen in dem unheimlichen Verschlage fällen“. So macht er die Atmosphäre der Schwurgerichtsverhandlung auch mehr als ein Jahrhundert später greifbar.

Abgrenzung zum Feuilleton

Trotz seiner zum Teil bildreichen Schilderungen wollte Kupffer sich mit seiner Berichterstattung klar vom Feuilleton abgrenzen. Er führt im Vorwort aus, dass die Bilder, die aus seinen Texten entstehen, „nach der Natur gezeichnet“ und nicht „am bequemen Schreibtische des phantasiereichen Feuilletonisten gemalt“ wurden. Diesen Vorsatz verdeutlicht wohl auch der Untertitel seiner Zeitungsreihe in einer Buchausgabe von 1889, der „Ungeschminkte Bilder aus der Reichshauptstadt“ lautete. Unterscheiden sollten sich seine Texte auch von „den zahllosen ‚Bildern aus dem Berliner Leben‘ “, nämlich „wie ein mit wahrer oder eingebildeter Künstlerschaft ausgeführtes Ölbild von einer unretouchierten Momentphotographie“. Bei diesem Vergleich handelt es sich um einen Seitenhieb auf den Schriftsteller Julius Rodenberg, wie Fabian Mauch im Nachwort erörtert. Rodenberg hatte 1874 die Deutsche Rundschau gegründet, eine Kulturzeitschrift, die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts Einfluss auf Literatur, Kultur und Politik nahm und sich an ein kleines, bildungsbürgerliches Publikum wandte. Thematisch nahm man von tagesaktuellen Themen Abstand. Veröffentlicht wurden philosophische und kulturgeschichtliche Essays, wissenschaftliche Abhandlungen und Erzähltexte bekannter Autoren wie Theodor Fontane oder Paul Heyse. Rodenberg selbst war Verfasser tagebuchartiger Prosa, den „Bildern aus dem Berliner Leben“, in denen er in literarisch anspruchsvollen Texten über Berlin als Stadt im Umbruch reflektiert, aber dabei eine schriftstellerische Distanz zu den besprochenen Menschen und Gegebenheiten behält. Ganz anders präsentierten sich da Kupffers „Reporterstreifzüge“ mit ihrer Alltagsnähe und Menschenfreundlichkeit, in der die Distanz des Außenstehenden gegen die Unmittelbarkeit des Erlebens eingetauscht wurde.[2]

Fazit

Kupffers Reportagen können als beispielhaft für eine in Deutschland sich neu etablierende Art von Zeitungsjournalismus gesehen werden. Diese wendet sich an ein breites Publikum, bespricht tagesaktuelle, lokale Themen und verringert die Kommunikationsdistanz zwischen Journalist und Leserschaft maßgeblich. Seine Reportagen weisen damit Merkmale auf, die heute etwa in der Boulevard-Presse ihre Fortsetzung finden – eine Novität in seiner Zeit.

Besonders bleibt seine menschenfreundliche, aufklärende und humorvolle Schreibweise, die seine Volksnähe authentisch macht. Nicht zuletzt eine Vielzahl von altertümlichen Begriffen, die in den Texten wieder aufleben, machen das Lesen seiner Reporterstreifzüge zum historischen Lesevergnügen.

[1] Vgl. Requate, Jörg (2009), S. 37 ff.

[2] Vgl. auch das Nachwort von Fabian Mauch, S. 260 ff.

Hugo von Kupffer / Fotocredit: Lilienfeld-Verlag

Hugo von Kupffer (1853 – 1928) wurde in eine Familie des baltisch-deutschen Adels in St. Petersburg geboren, die sich 1858 in Dresden niederließ. Er studierte Medizin und „schöne Wissenschaften“, brach das Studium jedoch ab. Von 1875 bis 1879 hielt er sich in den USA auf, wo er unter anderem für den New York Herald arbeitete und dort Handwerk und Selbstverständnis eines modernen Journalismus kennenlernte. Ab Mitte der 1870er-Jahre versuchte er sich auch als Schriftsteller; zu den wenig bekannten literarischen Veröffentlichungen gehört eine Novelle mit dem Titel „Das Liebesleid des Rebellenmädchens“ die 1879, als Kupffer zurück nach Dresden zog, in der Deutschen Roman-Zeitung veröffentlicht wurde. 1880 zog er nach Berlin und stieg 1883 schließlich als Chefredakteur in den von August Scherl gegründeten Berliner Lokal-Anzeiger ein. Neben den Reporterstreifzügen schrieb er für diesen etwa auch die sonntags erscheinende Reihe „Berliner Beobachter“. Kupffer war für die Zeitung bis zu seinem Tod 1928 tätig.

Buchdaten:
Autor: Hugo von Kupffer
Titel: Reporterstreifzüge. Die ersten modernen Reportagen aus Berlin. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Fabian Mauch.
Preis: Hardcover, Euro 22,00
Umfang: 272 Seiten
Erscheinungsjahr: 2019
Verlag: Lilienfeld
ISBN: 978-3-940357-74-8

Weiterführende Literatur:

Michael, Hendrik (2016): „Wir Weltstädter!“ Handlungs- und Deutungsmuster eines neuen Journalisten am Fallbeispiel Hugo von Kupffer (1853-1928). In Bellingradt, Daniel; Böning, Holger; Merziger, Patrick; Stöber, Rudolf (Hrsg.): Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte 18. Franz Steiner, S. 51-77.

Requate, Jörg (2009): Kennzeichen der deutschen Mediengesellschaft. In Requate, Jörg (Hrsg.): Das 19. Jahrhundert als Mediengesellschaft. De Gruyter Oldenbourg, S. 30-42.

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Friederike SchwabelDie Autorin Friederike Schwabel, Dr. phil., promovierte Ende 2017 im Fach Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Wien und ist Absolventin der Deutschen Fachjournalisten-Schule. Ihre Dissertation behandelt die kritische Rezeption zeitgenössischer deutscher Literatur in der amerikanischen Presse. Sie lebt in Wien und ist als freie Fachjournalistin tätig.

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