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Rezension zu „Bel-Ami“: Skrupelloser Aufsteiger im historischen Zeitungsgeschehen

Der französische Schriftsteller und Journalist Guy de Maupassant hat mit seiner Romanfigur Georges Duroy, genannt „Bel-Ami“, einen Aufsteiger im Bürgertum der Belle Époque erschaffen, der seine amourösen Erfolge bei den Damen ausnützt, um im Pariser Zeitungsgeschäft ganz nach oben zu kommen. Der Roman erzählt nicht nur die Geschichte eines skrupellosen Aufsteigers, sondern bietet auch Einblicke in die Besonderheiten der Pariser Zeitungswelt des späten 19. Jahrhunderts. Eine Rezension von Friederike Schwabel.

Georges Duroy, ein Bauernsohn aus der Normandie, kommt nach einem zweijährigen Afrika-Einsatz als Unteroffizier nach Paris. Das Einkommen aus seiner neuen Anstellung bei der Eisenbahn reicht kaum, um finanziell über die Runden zu kommen. Durch Zufall trifft er auf der Straße seinen ehemaligen Kompanie-Kameraden Charles Forestier. Dieser hat Karriere bei der Presse gemacht: Er leitet das politische Ressort der Zeitung „La Vie Française“. Forestier will den ehemaligen Kameraden unterstützen und verhilft Duroy zu einer Anstellung als sein Assistent.

Als Auftakt bekommt er vom Besitzer der Zeitung, Monsieur Walter, den Auftrag, seine Erfahrungen aus seiner Zeit in Afrika in einer Serie von Reiseberichten über Algerien zu verarbeiten und Fragen der Kolonialisierung mit einfließen zu lassen. Duroy, der weder schreiberisches Talent noch Abitur, aber den starken Willen besitzt, seine berufliche und finanzielle Situation zu verbessern, lässt sich auf Anraten seines Freundes Charles von dessen gebildeter Ehefrau Madeleine helfen. Diese diktiert ihm den ersten Artikel schließlich heimlich in die Feder und der Chef zeigt sich mit dem Ergebnis zufrieden.

Fortan beginnt Duroys Aufstieg an die Spitze der Pariser Gesellschaft, wobei insbesondere sein Erfolg bei der Damenwelt eine Rolle spielt. Ein oberflächlicher Charme und ein stattliches Auftreten, gepaart mit jeder Menge Skrupellosigkeit, gewähren ihm Eintritt in die Schlafzimmer wichtiger weiblicher Schlüsselfiguren auf seiner Karriereleiter. Von der Tochter einer Geliebten wird ihm der Beiname „Bel Ami“ (dt. „Schöner Freund“) verliehen. Er heiratet nach dem Tod Forestiers Madeleine, deren scharfer Verstand, gesellschaftliche Beziehungen und schreiberisches Geschick ihm auf dem Weg nach oben zugutekommen, und beginnt eine Affäre mit der Ehefrau des Verlegers Monsieur Walters, um schließlich die Hand von dessen Tochter, der Erbin eines Finanzimperiums, durch eine List zu erschleichen.

Korruptes Zeitungsgeschehen

Guy de Maupassant (1850 – 1893) zählt zu den großen französischen Erzählern des 19. Jahrhunderts. Er ist Verfasser von zahlreichen Novellen, mehreren Romanen und journalistischen Artikeln wie Reiseberichten und Kolumnen. Seine literarischen und journalistischen Veröffentlichungen erschienen in Pariser Zeitungen und Zeitschriften wie dem Gaulois, Gil Blas oder dem Figaro. „Bel-Ami“, sein 1885 erschienener, erfolgreichster Roman, wurde mehrfach verfilmt. (Foto: Wikimedia)

Maupassant gewährt anhand seiner fiktiven Handlung und Figuren einen Blick hinter die Fassade der Konventionen des bürgerlichen Pariser Leben des späten 19. Jahrhunderts. Selbst auch als Journalist tätig, zeichnet er dabei ein ebenso realitätsnahes wie satirisch gefärbtes Bild damaliger Konventionen und Gegebenheiten in der Presse.

Dabei zeigt er zum einen Liebe zum Detail, wenn sein Erzähler etwa den Geruch einer Zeitungsredaktion beschreibt: „… eine Mischung aus dem Leder der Möbel, dem Rauch vieler gepaffter Zigarren und typischen Druckereigerüchen“; diesen würden „alle Journalisten kennen“. An anderer Stelle widmet sich dieser der personellen Aufstellung der Zeitungsredaktion der „Vie Française“: Zu dieser gehören ein Lokal- und ein Politikredakteur sowie zwei bekannte Schriftsteller, die Kolumnen und Erzählungen schreiben, daneben viele schlecht bezahlte „Allesschreiber“, zu denen er etwa Kritiker für Musik, Malerei und Theater zählt, ein Polizeireporter und ein eigener Reporter für Pferderennen. Zwei „Damen der besseren Gesellschaft“ arbeiten als „Klatschkorrespondentinnen“.

Zum anderen beschreibt er die Leitung der Zeitung als korrupt: Walter, der auch ein Abgeordnetenmandat hat, nutze seine Zeitung wie sein Mandat nur, um sein Vermögen zu vermehren. Die Berichterstattung des Politikredakteurs beschreibt er als von politischen Machthabern gelenkt, die mit dem Verleger Geschäfte machen.

Maupassants Roman verweist hier ziemlich direkt auf eine delikate Besonderheit innerhalb des Pressegeschehens der dritten Republik: Eine enge Verzahnung von Politik, Finanzen und Journalismus. Dabei führten die Wege vieler Journalisten in die Politik, umgekehrt betätigten sich Personen mit politischen Funktionen weiterhin publizistisch. Die Figur des reichen Zeitungsverlegers Walters könnte dabei direkt aus der Realität entlehnt sein: Der Übersetzer des Romans, Hermann Lindner, macht im Nachwort darauf aufmerksam, dass dieser von damaligen Kritikern mit Arthur Meyer, dem Verleger des Gaulois, für den Maupassant schrieb, assoziiert wurde.

Literatur und Journalismus

Auch die Angabe, dass Schriftsteller im Redaktionsgeschehen eine Rolle spielen, verweist auf die Wirklichkeit: Die Publikation von literarischen Werken in Zeitungen, etwa als Feuilleton-Roman, war üblich. So wurden Erzählungen und Romane von Maupassant und seinen berühmten Zeitgenossen Émile Zola und Gustave Flaubert in Zeitschriften oder im Zeitungs-Feuilleton publiziert. Der Erstdruck von „Bel-Ami“ ist in der Literaturzeitschrift „Gil Blas“ erschienen.

Journalisten als Duellanten

Als Duroy zum Leiter des Gesellschaftsressorts aufgestiegen ist, bezichtigt ihn ein Konkurrent in einem polemischen Artikel öffentlich der Darstellung falscher Sachverhalte und der Korruption. Duroy weist dies von sich, doch als sein Dementi angezweifelt wird, kommt es zu einem Pistolenduell, das er und sein Gegner unverletzt überstehen. Monsieur Walter zeigt sich mit seinem Redakteur zufrieden und Duroy wird zu einem der führenden Kolumnisten der „Vie Française“.

Diese Begebenheit beruht auf historischen Konventionen: Journalisten verteidigten ihre Meinung und Berufsehre fallweise auch mit Degen oder Pistole, trugen Meinungsverschiedenheiten ihrer konkurrierenden Blätter über das Papier hinaus mit Waffen aus und festigten damit letztlich ihre Reputation – und die der Zeitung, für die sie schrieben.

Dieses persönliche Einstehen für das geschriebene Wort war eine Erscheinung des im Frankreich des 19. Jahrhunderts präsenten Meinungsjournalismus. Das Selbstbild des Journalisten entsprach, über Wortmeldungen berühmter Autoren wie Émile Zolas offenem Brief zur Dreyfuss-Affäre hinaus, jenem des aktiven politischen Meinungsbildners mehr als jenem des unabhängigen Berichterstatters.

Sprungbrett zur Politik

Maupassant führt die Korruption innerhalb des Pressegeschehens seiner Zeit am Ende des Romans noch einmal überspitzt vor: Duroy wird durch seine Heirat mit Walters Tochter Suzanne ein finanziell solidierter Mann, der mit an der Spitze der Pariser Zeitungswelt steht. Nach der Trauung aus der Madeleine-Kirche kommend, wirft er einen Seitenblick auf das Parlament. Er hat das Gefühl, die Entfernung zu diesem durch einen „einzigen großen Sprung“ überwinden zu können.

Der ungebildete, rücksichtslose Protagonist hat zuletzt also auch noch Aussicht auf einen hohen Posten in der Politik, vermittelt uns Maupassants Erzähler dadurch mit einem ironischen Augenzwinkern.

Fazit

Maupassant nimmt mit der Geschichte des Aufstiegs seines schönen, ehrgeizigen Protagonisten, der ohne Bildung und mit mehr Gerissenheit als Talent seinen Weg an die Hebel der Macht von Presse und Politik findet, die Missstände im damaligen Pressegeschehen gehörig aufs Korn. Lebendig und farbenprächtig erzählt er von der bürgerlichen Pariser Gesellschaft der Belle Époque. Dem heutigen Leser bieten sich Einblicke in die Besonderheiten der historischen Pariser Medienwelt und in die schlichte, von Gier getriebene Innenwelt eines Karrieristen.

Titel: Bel-Ami, übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Hermann Lindner.

Autor: Guy de Maupassant

Preis: Taschenbuch 9,90 EUR, E-Book 7,99 EUR

Umfang: 415 Seiten

Erscheinungsjahr: 2011

Verlag: dtv

ISBN: 978-3-423-14010-2

Literatur:
Jörg Requate (1995): Journalismus als Beruf. Entstehung und Entwicklung des Journalistenberufs im 19. Jahrhundert. Deutschland im internationalen Vergleich. Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd. 109. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Friederike SchwabelDie Autorin Friederike Schwabel, Dr. phil., promovierte Ende 2017 im Fach Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Wien und ist Absolventin der Deutschen Fachjournalisten-Schule. Ihre Dissertation behandelt die kritische Rezeption zeitgenössischer deutscher Literatur in der amerikanischen Presse. Sie lebt in Wien und ist als freie Fachjournalistin tätig.

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