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Rezension zu „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“: Exempel für einen traumatisierten Kriegsfotografen

Ob Irak, Tschetschenien oder Sudan: Bruno Daldossi, Hauptfigur in Sabine Grubers Roman „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“ (2016), hat als Fotograf zahlreiche Krisengebiete der Welt bereist. Die Leser des Buches treffen mit ihm auf einen Protagonisten, dessen Erfahrungen von Krieg, Leid und Hunger die Wahrnehmung des alltäglichen Friedens verändert hat, und auf einen Text, der Fragen zur moralischen Verantwortung der Zeugenschaft von Kriegsgräueln stellt. Eine Rezension.

Bruno Daldossi und ein weiterer Kriegsberichterstatter befinden sich auf der Rückbank eines fahrenden Kleinbusses, sie hören Gefechtslärm. Der Fahrer des Busses kommt von der Straße ab, das Fahrzeug kommt in einer verminten Wiese zum Stehen. Daldossi erreicht, auf der Reifenspur des Wagens zurückgehend, die sichere Straße, als die Übung abgepfiffen wird: Als Einstieg in den Text, ein Teil des Prologs, dient Gruber die Beschreibung einer fiktiven Gefahrensituation – sie erzählt von einem Überlebenstrainingskurs der Bundeswehr für Journalisten. Damit gibt sie bereits einen authentischen Vorgeschmack darauf, welchen Belastungen ihr Protagonist durch seinen gefährlichen Beruf ausgesetzt ist. Dieser, ein Kriegsfotograf Anfang sechzig, der in Wien lebt und an den Brennpunkten der Welt fotografiert hat, nimmt mittlerweile nur noch wenige Aufträge an. Er trinkt zu viel und hat Beziehungsprobleme; erst unlängst wurde er von seiner langjährigen Freundin Marlis verlassen. In der Gegenwart plant er, diese zurückzugewinnen, reist ihr erfolglos bis nach Venedig nach und folgt, vor seinem Liebesleid fliehend, nach Lampedusa, wo sich eine befreundete Journalistin aufhält, um für eine Reportage über geflüchtete Frauen zu recherchieren.

Foto: Gunter Glücklich

Sabine Gruber wurde 1963 in Meran geboren und studierte Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft in Innsbruck und Wien. Sie lebt als freie Schriftstellerin in Wien und verfasst Prosa, Lyrik und Essays sowie Hörspiele und Theaterstücke. Für ihre Texte erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Elias-Canetti-Stipendium der Stadt Wien, den Anton-Wildgans-Preis oder den Österreichischen Kunstpreis für Literatur 2016. Foto: Gunter Glücklich

Während seiner Liebes-Odyssee erinnert er sich zurück an Szenen aus seinen Kriegseinsätzen und aus seiner verflossenen Beziehung. Dabei wird sichtbar, dass die traumatischen Erfahrungen, die er im Krieg machte, sich nicht nur negativ auf seine eigene seelische Verfasstheit, sondern auch auf seine zwischenmenschlichen Beziehungen auswirken und ihn moralische Fragen über seinen Berufsstand beschäftigen.

Daldossi – Exempel für einen traumatisierten Kriegsfotografen

Daldossi kann als exemplarisch für einen durch seine Kriegserfahrungen erschütterten Berichterstatter gelten. Seine Reaktionen auf manche alltägliche, harmlose Situation zeigen an, wie Kriegsszenarien, bei denen er als Fotograf zugegen war, in seiner Seele weiterarbeiten. So „triggert“ für ihn das Aufflammen eines Feuerzeugs, wenn jemand einer anderen Person in der Nacht eine Zigarette anzündet, die Erinnerung an das bange Warten mit tschetschenischen Soldaten auf den Angriff der Russen – nachts, im Feld, in völliger Dunkelheit. Nach einer Rückkehr aus dem Irak-Krieg, wohin er mehrfach reiste und Zeuge mehrerer Kriegsgräuel wurde, eskaliert eine Situation in einem deutschen Restaurant. Der Geruch von gegrilltem Fleisch erinnert ihn an verbrannte Kriegsopfer. Schließlich versucht Daldossi, der sich nach seiner Rückkehr in die „sorglose Welt“ voll „Licht und Essen“ schuldig fühlt, einem jungen Mann, Begleiter einer Freundin, der unbedacht seine von der Mahlzeit fettigen Finger an einer angebrochenen Brotscheibe abwischt, diese in den Mund zu stopfen, sodass es zu einer Prügelei kommt.

Viel Know-how über Krieg und Journalismus

Sabine Gruber hat für ihr Buch ausgiebig recherchiert. In einer dem Romantext folgenden Danksagung berichtet sie, dass ihre Beschäftigung mit dem Thema Kriegsfotografie und -reportage auf ihre Freundschaft mit dem Stern-Reporter Gabriel Grüner zurückgehe, der 1999 im Kosovo erschossen wurde. Sie hat selbst an dem im Buch beschriebenen Überlebenstraining für Journalisten teilgenommen, das nach Grüners Tod von der Bundeswehr ins Leben gerufen worden ist, Ausstellungen besucht, Filme, Fotografien und Bücher zum Thema studiert. Neben der glaubwürdigen Darstellung ihres traumatisierten Protagonisten ist es wohl auch diesen Recherchearbeiten zu verdanken, dass der Roman viel Wissen über die Arbeitsumstände von Journalisten in Krisen- und Kriegsgebieten vermittelt. So stellt es Daldossi etwa nicht zufrieden, dass Journalisten im Irak-Krieg gezwungen waren, aufgrund der Gefahr als „Embeds“ zu arbeiten und daher, durch Verträge gebunden, nicht frei über ihr Fotomaterial verfügen konnten. Obwohl er sich erinnert, dass zu dieser Zeit auf westliche Berichterstatter Kopfgelder ausgesetzt gewesen waren, wollte er doch nicht in den Irak fahren, um „sich vorschreiben zu lassen, was er zu tun und was er besser zu unterlassen hatte“.

Authentische Bildbeschreibungen, berühmte Kriegsberichterstatter

Einen großen Raum nehmen Bildbeschreibungen ein. In den Romantext montiert sind kurze Beschreibungen einzelner Fotografien, die sich formal wie Katalogtexte präsentieren; abgehoben durch Kursivschrift und mit Titel, Datum und Entstehungsort versehen. Diese klare, strukturierte Referenz auf Bilder, die meist Szenen aus dem Krieg zeigen, verstärkt die Authentizität des Textes. Bezüge auf reale, teilweise bei ihren Einsätzen ums Leben gekommene, berühmte Kriegsberichterstatter, wie Robert Capa, Kevin Carter, João Silva oder Anja Niedringhaus, von denen im Text erzählt wird, vermitteln im Weiteren große Realitätsnähe. Der Protagonist sinniert an einer Stelle etwa über die Umstände der Aufnahme von Kevin Carters wohl berühmtesten Foto, das einen Geier hinter einem kleinen, in sich zusammengesunkenen, halbverhungerten Kind im Sudan zeigt. Der Fotograf hatte für die 1993 entstandene Momentaufnahme den Pulitzerpreis erhalten und nur wenig später Selbstmord begangen. Als „Opfer-Profiteur“ hätten seine Neider ihn dargestellt, die Daldossi „selbsternannte [] Empathie-Experten“ nennt. Diese hätten ihn „fertiggemacht“.

Schuld und Verantwortung: Zeugenschaft oder Hilfeleistung

Im fiktiven Rahmen der Gedankenwelt des Protagonisten werden hier Fragen im Hinblick auf die moralische Vertretbarkeit des Fotojournalismus in Kriegs- und Krisengebieten aufgeworfen. Rechtfertigen die Zeugenschaft und die Dokumentation der Kriegsschrecken die Unterlassung einer Hilfeleistung an die Opfer? Sind Kriegsberichterstatter Helden oder Profiteure? Und: Wer vermag darüber zu urteilen?

Der Text bleibt nicht dabei stehen, die ethische Vertretbarkeit der Arbeit von Kriegsberichterstattern kritisch zu beleuchten, die vermeintlich rücksichtslos ihre Aufnahmen machen. Vielmehr fragt er auch nach der Verantwortung von Redaktionen, die deren Fotografien eventuell klischeehaft kontextualisieren, sowie letztendlich nach jener der Betrachter der Bilder in den Medien selbst, die sich ein Urteil über die Aufnahmen und deren Umstände bilden.

Fazit

Insgesamt ist Gruber ein Roman gelungen, der authentische Einblicke in die lebensbedrohende Arbeit von Kriegsberichterstattern gibt und die großen physischen wie psychischen Anforderungen, die diese Tätigkeit mit sich bringt, nachvollziehbar vermittelt. Dadurch schafft die Autorin Anreize zur Auseinandersetzung mit medienethischen Fragen. Formal begegnet Gruber dem Horror von Krieg, Hunger und Flucht mit einer klaren, schnörkellosen Sprache. Dadurch erlangt der Roman eine erzählerische Schlichtheit, die den Schrecken bei der Lektüre umso lebhafter auferstehen lässt.

Daldossi_CoverAutorin: Sabine Gruber

Titel: Daldossi oder Das Leben des Augenblicks

Preis: EUR 21,95

Umfang: 315 Seiten

Erscheinungsdatum: 21.07.2016

Verlag: C. H. Beck

ISBN: 978-3-406-69740-1

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Friederike SchwabelDie Autorin Friederike Schwabel, Dr. phil., promovierte Ende 2017 im Fach Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Wien und ist Absolventin der Deutschen Fachjournalisten-Schule. Ihre Dissertation behandelt die kritische Rezeption zeitgenössischer deutscher Literatur in der amerikanischen Presse. Sie lebt in Wien und ist als freie Fachjournalistin tätig.

 

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