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Rezension zu „The Rum Diary“: Thompsons Puerto Rico

Hunter S. Thompsons früher Roman „The Rum Diary“ erzählt aus beißend sarkastischer Ich-Perspektive eines Journalisten von den Schattenseiten des amerikanischen Traums in einem von korrupten Geschäftemachern bedrängten Puerto Rico Ende der 1950er-Jahre.

Paul Kemp, ein amerikanischer Journalist Anfang 30, der von Job zu Job wandert, reist 1959 nach San Juan, um eine Stelle als Reporter bei der englischsprachigen Daily News anzutreten. Er trifft auf eine korrupt geleitete Redaktion, die sich gezwungen sieht, das Image Puerto Ricos als funktionierendes Kapitalismus-Projekt in Lateinamerika nicht ins Wanken zu bringen. Die Zeitung wird mithilfe von US-Subventionen durch Anzeigen des „Commonwealth of Puerto Rico“, also der puertoricanischen Regierung, gesponsert. Geleitet wird das Blatt von einem „Ex-Kommunisten“ aus Florida, dem Redaktionschef Ed Lotterman. Dieser will umso mehr mit einer die Umsetzung des „amerikanischen Traums“ idealisierenden Blattlinie seinen Gesinnungswechsel beweisen. In der Zeitung – in der es viele Trinker gibt, wie Lotterman oft lautstark bedauert – würden von „jungen, wilden Rebellen“ bis zu „bierbäuchigen alten Zeilenschindern“ verschiedene Journalistentypen arbeiten, darunter etwa „echte Talente“ und „anständige Männer“ genauso wie „degenerierte und hoffnungslose Verlierer“, wie uns der Erzähler wissen lässt.
Fortan berichtet Kemp von seinen Eindrücken und Erlebnissen aus einem Puerto Rico, in dem der amerikanische Kapitalismus Fuß fassen soll. Er trifft auf unterschiedliche Charaktere, die hier Geld verdienen wollen, etwa „vagabundierende Journalisten“ wie er selbst einer ist, einen rücksichtslosen Immobilien-Spekulanten oder den aalglatten Vizepräsidenten einer mächtigen PR-Agentur. Insbesondere freundet er sich mit dem pessimistischen Fotoreporter Bob Sala und dem unbeherrschten Journalisten Yeamon an, mit denen er sich in der Stammkneipe der Daily News-Redakteure, Al’s Backyard, gerne betrinkt. Auch bei all seinen weiteren Begegnungen fließt der Rum meist in Strömen …

Vor Gonzo

„The Rum Diary“ wurde zwar erst Ende der 1990er-Jahre veröffentlicht, Thompson schrieb daran jedoch bereits Anfang der 1960er-Jahre und damit rund ein Jahrzehnt, bevor er als Begründer des Gonzo-Journalismus hervortrat und sein Kult-Roman „Fear and Loathing in Las Vegas“ (1971) herauskam. Auch sein früher Roman trägt Kennzeichen des markanten journalistischen Erzählstils, den man auch als extreme Variante des New Journalism betrachten kann und der zwischen Fakt und Fiktion changiert: Der Erzähler berichtet über seine Erlebnisse aus einer radikal subjektiven Perspektive. Mit beißendem Sarkasmus zeigt er Abgründe menschlichen Handelns auf. Dabei nimmt er sich auch selbst aufs Korn, denn er ist als Teil des Geschehens mittendrin. Der Protagonist ist zudem meist betrunken, die Lesenden erleben die Begebenheiten also aus der Sicht eines Trinkers. Die Figur des berauschten Berichterstatters spielt in Thompsons Texten immer wieder eine Rolle; so ist mit dem exzessiv Drogen konsumierenden Protagonisten Raoul Duke in „Fear and Loathing in Las Vegas“ eine Kultfigur entstanden. Es bleibt einem selbst überlassen, ob man diese Wahrnehmung als Zerrspiegel der gezeigten Realität oder als Brennglas auf die Wahrheit interpretieren möchte.

Kritisches Zeitporträt

„The Rum Diary“ ist nicht nur der Erlebnisbericht eines häufig betrunkenen Reporters, sondern auch ein kritisches Zeitporträt eines von den USA auf verschiedenen Ebenen beeinflussten Puerto Rico. Thompson hat die Inseln selbst bereist und war dort als Journalist tätig: 1960 kam er nach San Juan, um für das Sportmagazin El Sportivo zu arbeiten. In der Folge schrieb er für verschiedene englischsprachige Zeitungen, darunter den lokalen San Juan Star, und arbeitete als Südamerika-Korrespondent für den National Observer.
Der Aufenthalt seines Protagonisten führt diesen an verschiedene Brennpunkte Puerto Ricos, zum Beispiel die Insel Vieques. Er soll eine Werbebroschüre über den dort bevorstehenden Bau eines Yachthafens texten. Das Gebiet wird, wie die Nachbarinsel Culebra, von der United States Navy als Manövergebiet und für Bombentests genutzt. Kritisch beschreibt der Erzähler deren militärische Nutzung und touristische Erschließung. Abends, nachdem er die wunderschöne Landschaft, die bald verbaut werden soll, besichtigt hat, hört Kemp aus der Richtung der Nachbarinsel Culebra krachende Explosionen über dem Meer. Die Insel sei für ihn „[b]is vor kurzem […] ein magischer Ort gewesen, aber das war jetzt vorbei“.
Auch verweist der Text auf die massenhafte Auswanderung vieler Puertoricaner aus dem Außengebiet in die USA. Eine umfassende Berichterstattung darüber ist beim Daily News jedoch nicht möglich: So weist Lotterman einen Bericht Yeamons, der die Gründe puertoricanischer Emigranten für ihre Ausreise aufzeigt, als „zu lang“ für das Format zurück.
Den Lesern wird auch vor Augen geführt, dass die Präsenz und die wirtschaftlichen Eingriffe der US-Amerikaner von Teilen der puertoricanischen Bevölkerung vehement abgelehnt werden. Mit Sarkasmus berichtet Kemp davon, dass vor den Türen des Redaktionsgebäudes stets eine wütende Menge Gewerkschaftler gegen die englischsprachige Zeitung protestiert, die auch nicht davor zurückschreckt, sich mit Redakteuren zu prügeln. Diese müssen sich daher stets durch die Hintertür ins Gebäude schleichen. Als er sich mit Sala und Yeamon in einer einheimischen Bar betrinkt und Letzterer die Rechnung nicht begleichen möchte, werden die drei arroganten „Gringos“ außerdem nicht nur zuerst von den einheimischen Gästen verprügelt, sondern in der Folge auch von der puertoricanischen Polizei nicht gerade glimpflich behandelt, festgenommen und erst gegen Kaution wieder freigelassen.

Grotesker Showdown

Obwohl hauptsächlich vieles in Episoden erzählt wird und sich so das Zeitporträt entfaltet, werden doch insbesondere zwei Handlungsstränge sichtbar: Zum einen entwickelt sich eine Dreiecksgeschichte zwischen Kemp, Yeamon und dessen Freundin Chenault, wobei eine außer Kontrolle geratende Karnevalsnacht in Saint Thomas einen einschneidenden Wendepunkt markiert. Zum anderen steht die Daily News aufgrund schlechter Umsätze schließlich vor dem Bankrott. Die Redakteure sehen ihre um ihre ausstehenden Löhne betrogen und wollen bei einer Gartenparty Rache an ihrem unbeliebten Vorgesetzten nehmen, was zu einem grotesken Showdown führt.

Fazit

Thompsons früher Roman führt in ein Puerto Rico, in dem die Amerikaner als korrupte Zeitungsmacher, orientierungslose, herumreisende Reporter und reiche Spekulanten auftreten, wobei arm und reich sowie die Kulturen aufeinanderprallen. Der Erzählstil trägt bereits Merkmale des Gonzo-Journalismus. Wird der Text auch eher episodisch erzählt als durch einen starken Handlungsstrang zusammengehalten, ist das Buch dank seiner realen Bezüge doch ein Zeitdokument, das mit skurrilen Höhepunkten und einer rasanten Erzählweise zu fesseln versteht.

© Privat

Infokasten Hunter S. Thompson:
Der 1937 in Louisville, Kentucky, geborene Hunter S. Thompson war Journalist, Schriftsteller, Begründer des Gonzo-Journalismus und bekannt für einen exzentrischen und exzessiven Lebensstil. Er verfasste zahlreiche politische und gesellschaftskritische Reportagen sowie mehrere Romane. Viele seiner Texte wurden im Rolling Stone veröffentlicht, für den er etwa über den Präsidentschaftswahlkampf zwischen Nixon und George McCovern berichtete. Sein Sportartikel „The Kentucky Derby is Decadent und Depraved“ (1970) markiert die Geburtsstunde des Gonzo-Journalismus. Legendär ist seine Berichterstattung über den Rocker-Club „Hell’s Angels“, über den er einen Artikel für The Nation schrieb und später ein Buch veröffentlichte, das sich millionenfach verkaufte. „The Rum Diary“ sowie das Kult-Buch „Fear and Loathing in Las Vegas“ waren Vorlagen für Verfilmungen, in denen Johnny Depp jeweils die Hauptrolle spielte. Die Ich-Erzähler dieser Romane werden oft als Alter Egos des unkonventionellen Autors interpretiert. Am 20. Februar 2005 starb Hunter S. Thompson durch Suizid.

Buchdaten:

Autor: Hunter S. Thompson
Titel: The Rum Diary
Aus dem Englischen von Wolfgang Farkas
Preis: Taschenbuch Euro 9,99
Umfang: 288 Seiten
Erscheinungsjahr der deutschen Taschenbucherstausgabe: 2005
Verlag: Heyne
ISBN: 978-3-453-53040-9

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Friederike SchwabelDie Autorin Friederike Schwabel, Dr. phil., promovierte Ende 2017 im Fach Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Wien und ist Absolventin der Deutschen Fachjournalisten-Schule. Ihre Dissertation behandelt die kritische Rezeption zeitgenössischer deutscher Literatur in der amerikanischen Presse. Sie lebt in Wien und ist als freie Fachjournalistin tätig.

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