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Richtig Netzwerken – auch in Zeiten virtueller Distanz

Netzwerken lohnt sich – denn aus jedem Kontakt können neue Kund*innen werden oder neue Arbeitsbeziehungen entstehen. Networking erweitert den Horizont, bietet Inspiration sowie Austausch mit Gleichgesinnten. Wir sprachen mit Simone Jost-Westendorf, Leiterin des Journalismus Lab der Landesanstalt für Medien NRW, über das Knüpfen und Pflegen von Beziehungen – und wie dies auch in Zeiten der coronabedingten, virtuellen Distanz möglich ist.

Warum ist Netzwerken das A und O?

Mein Netzwerk ist eine unerschöpfliche Quelle des Wissens – ob ich Unterstützung brauche, wenn ich etwas zum ersten Mal mache, mich vertrauensvoll kollegial darüber austauschen möchte, wie man in einer bestimmten Situation professionell agiert, oder jemanden mit bestimmten Skills suche. Ich empfehle jedem Menschen, alle beruflichen Kontakte zu pflegen.

Im Laufe meines Berufslebens habe ich immer versucht, Beziehungen zu Kolleg*innen aufrechtzuhalten – denn irgendwann kann man sich mit Sicherheit gegenseitig wieder unterstützen oder auch einfach inspirieren.

Wie wichtig sind Kontakte für Berufseinsteiger*innen?

Natürlich können Jobneulinge anfangs noch nicht so ein großes Netzwerk haben – sie können es aber Schritt für Schritt aufbauen. Ich beobachte das beispielsweise bei unseren studentischen Hilfskräften oder jungen Kolleg*innen, die uns verlassen: Von manchen hört man nie wieder etwas, andere halten den Kontakt zu uns ganz bewusst und können dann irgendwann auch darauf zurückgreifen.

Leute, die schon länger im Beruf sind und von deren Erfahrung man profitieren kann, sind auch immer eine Art Mentorinnen oder Mentoren für diejenigen, die in den Beruf einsteigen.

Ihr Rat an Newcomer*innen lautet also, sich gezielt eine Person als Mentor*in zu suchen?

Auf jeden Fall. Natürlich kann man das nicht erzwingen; die Chemie muss stimmen.

Ich selbst hatte verschiedene Kolleg*innen, die in mir Potenzial gesehen und mich gefördert haben, zu denen ich mit allen möglichen Fragen kommen konnte. Die sind mir über die Jahre erhalten geblieben. Irgendwann kehrt sich das Verhältnis möglicherweise um, und man kann etwas zurückgeben – wenn nicht derselben Person, so kann man seinen Wissensschatz doch mit anderen teilen.

Wo lassen sich interessante Kontakte knüpfen, die bedeutsam für die eigene Karriere sein können?

Networking-Events vor Ort sind natürlich das Optimum: Fachveranstaltungen wie Messen oder Konferenzen. Man sollte gucken: Welche Vortragenden sind interessant? Wann und wo wird über Themen gesprochen, die mich bewegen? Und sich dann mit den anderen bekannt machen.

Ich fand es immer überraschend, wie zugänglich die meisten sind. Die Medientage München oder die Re:publica – solche Branchen-Highlights sind immer ein Garant dafür gewesen, auf Gleichgesinnte zu treffen, mit denen man sich austauschen kann.

Sich mit Gleichgesinnten auszutauschen, ist in Coronazeiten schwieriger. Wie gelingt es trotzdem?

Man muss selbst aktiv werden. Es in die Hand nehmen, sich online zu treffen oder mal für eine Stunde zu telefonieren. Denn man läuft sich nicht mehr zufällig über den Weg oder trifft jemanden an der Kaffeebar, den man lange nicht gesehen hat.

Mit Kolleg*innen aus anderen Labs in Deutschland verabrede ich mich ganz bewusst regelmäßig zum Austausch per Videokonferenz. Wir kümmern uns beim Journalismus Lab um Innovationen in den Medien, im Journalismus in NRW. Dazu organisieren wir informelle Runden mit Praktikerinnen und Praktikern in sogenannten Kamingesprächen, was super gut auch digital funktioniert. Die anderthalb Stunden nach Feierabend in formloser, vertrauensvoller Atmosphäre sind auf jeden Fall ein Gewinn für alle Teilnehmenden.

Meine Erfahrung ist jedoch: Ein bestehendes Netzwerk zu pflegen mag auf diese Weise noch ganz gut funktionieren – neue Kontakte zu knüpfen fällt allerdings virtuell viel schwerer als bei einer Präsenzveranstaltung. Die Hemmschwelle, fremde Menschen anzusprechen und sein Netzwerk zu erweitern, ist für viele bei Online-Events deutlich höher. Man muss sich mehr dazu aufraffen, auf andere zuzugehen, und die Erfolgsquote beim Vernetzen ist auch etwas geringer, als wenn man gemeinsam an der Bar steht. Eine E-Mail zu schreiben nach dem Motto: „Hallo, wir kennen uns zwar nicht, aber ich habe Ihren Vortrag gehört und dazu mal eine Frage“ – das ist schon ein Angang.

Welche sozialen Netzwerke nutzen Sie?

LinkedIn ist in meinen Augen eine sehr professionelle Plattform. Mir gefällt, dass es klar abgegrenzt ist, während sich bei Twitter und Facebook Berufliches und Privates stärker vermischen.

Mit dem Journalismus Lab sind wir auf verschiedenen Plattformen unterwegs und passen unsere Inhalte an die dort aktiven Zielgruppen an. Auf Twitter ist die Journalismusbranche stark vertreten, auf LinkedIn erreichen wir gut Innovationsbegeisterte im Businesskontext. Und Instagram ist zum Beispiel für den Nachwuchs der Medienbranche schon lange Standard.

Welche Tipps können Sie generell für gutes Netzwerken geben?

Sich mit einer konkreten Frage zu vernetzen, finde ich am besten, das ist für mich der Idealfall. Wenn mir jemand eine Freundschafts- oder Kontaktanfrage schickt, der viele gemeinsame Kontakte mit mir hat, nehme ich ihn in der Regel an. Beziehungsweise schicke selbst eine, wenn mir jemand vorgeschlagen wird, dessen Kontakte sich mit meinen überschneiden. Das ist für mich schon ein Gradmesser.

Was mir bei der Auswahl meiner Kontakte wichtig ist: eine Mischung aus Kontakten aus dem Fachgebiet, für das ich mich interessiere und in dem ich mich etabliert habe, sowie Personen aus angrenzenden Fachbereichen, die man schätzt. Jeder sollte versuchen, über den Tellerrand zu blicken. Das finde ich total wichtig: verschiedene Branchen miteinander zu vernetzen. Sonst bleibt man sehr stark in seiner Blase.

Für freiberuflich Tätige sind Businessnetzwerke relevant. Sie sollten auf LinkedIn & Co. in jedem Fall auch eigene Beiträge posten, um zu demonstrieren: Zu dem Thema mache ich mir Gedanken, dazu habe ich etwas zu sagen, hier habe ich Expertenstatus. Das Ziel sollte sein: sich als Marke zu positionieren und Social Media als Ausspielkanal zu nutzen.

Ich finde es interessant, für was sich mein Netzwerk interessiert, und mir anzugucken, was jemand postet. Wenn ich aufmerksam verfolge, was der andere postet, liked oder kommentiert, verstehe ich besser, wie er tickt.

Was sind Don’ts?

Bitte nicht penetrant sein! Natürlich muss ich auf Leute zugehen. Aber andererseits braucht es Fingerspitzengefühl, ob der andere gerade seinen Kopf dafür frei hat. Wenn nicht, dann ist es kontraproduktiv, zu insistieren. Nehmen wir an, ich habe eine spezielle Frage: Will oder kann die von mir kontaktierte Person weiterhelfen oder nerve ich die total? Mit zunehmender Erfahrung entwickelt man auch ein Gefühl dafür, welche Kolleg*innen oder Vorgesetzte ähnliche Wertvorstellungen haben wie man selbst und an wen man sich wofür wendet.

Zu den Don’ts gehört für mich auch, wildfremden Menschen zum Geburtstag zu gratulieren. Wenn ich länger mit jemandem zusammengearbeitet habe, freue ich mich natürlich über seine Geburtstagswünsche. Aber ansonsten frage ich mich doch etwas irritiert: „Was willst du von mir?“

Als unangemessen empfinde ich es auch, wenn sich jemand, den ich überhaupt nicht kenne, mit der plumpen Frage an mich wendet: „Haben Sie vielleicht einen Job für mich?“ Ich kann mich ja nur für jemanden einsetzen, mit dem ich selbst schon mal zusammengearbeitet habe und von dem ich überzeugt bin. Wobei es auch da wahnsinnig auf die Art ankommt, wie jemand das macht. Unverkrampft klingt beispielsweise der Satz: „Ich bin gerade auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Wenn Sie mal was hören, denken Sie gerne an mich.“

Wie bleibt man bei Online-Zusammenkünften in Erinnerung?

Klingt banal – aber natürlich ist es sinnvoll, seine Kamera einzuschalten. Mal ganz abgesehen davon, dass es für Vortragende nicht schön ist, statt in Gesichter nur auf schwarze Kacheln zu gucken. Ich habe es mir angewöhnt, während Online-Meetings gleich Kontaktanfragen zu verschicken.

Als Journalismus Lab organisieren Sie selbst Veranstaltungen wie Online-Seminare und -Talks. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Unsere Online-Veranstaltungen bekommen viel Zuspruch und funktionieren sehr gut – das freut uns. Auch wenn mittlerweile eine gewisse „Zoom-Müdigkeit“ zu erkennen ist. Umso wichtiger ist es für Institutionen, sich gute Formate auszudenken.

Um Raum zur Vernetzung zu schaffen, bringen wir beispielsweise in Online-Spaces zufällig Leute zusammen, indem die Teilnehmenden einer Gruppe zugelost werden. Sie unterhalten sich über branchenrelevante Themen und lernen sich darüber kennen. Unserer Erfahrung nach ist es wichtig, auch digitale Freiräume zum Netzwerken zu geben.

Welche Vorteile für das Netzwerken hat Corona vielleicht auch?

Wir als Veranstalter haben ganz klar Vortragende bekommen, die sonst nicht zugesagt hätten, da der Aufwand viel geringer ist als bei einem Live-Event. Von München aus für eine halbe Stunde nach Düsseldorf zu kommen – das ist bei einem engen Zeitplan oft schon ein Hinderungsgrund.

Auch für viele Teilnehmende ist es einfacher, sich ein Online-Ticket zu kaufen – so können sie die Veranstaltung leicht in ihren Arbeitsalltag integrieren. Aus heutiger Sicht scheint es vollkommen absurd, für 15 Minuten Vortrag zwei Tage irgendwo hinzureisen.

Und auch für Veranstalter macht es Dinge einfacher und kostengünstiger, wenn sie online stattfinden und nicht mit Catering und allem Pipapo.

Aber trotz aller Zeitersparnis, trotz der ökonomischen und ökologischen Vorteile von Online-Events: Bei Präsenzveranstaltungen nimmt man immer irgendwelche Gespräche oder Kontakte mit, die einen inspirieren.

Welche Learnings haben Sie als Journalismus Lab aus dieser Zeit gezogen?

Wir als Veranstalter denken schon darüber nach, wie wir das in Zukunft organisieren werden. Digital allein kann es nicht sein; wir stellen uns eine gute Mischung vor.

Glauben Sie, dass etwas von den coronabedingten Veränderungen im Netzwerkverhalten bleiben wird?

Der Trend zu hybriden Events wird mit Sicherheit auch in der Post-Pandemiezeit bestehen bleiben – und so die Möglichkeit geben, unkompliziert aus der Ferne an spannenden Veranstaltungen als Speaker*in oder Teilnehmende dabei zu sein. Und das ist auch gut so.

Das Gespräch führte Ulrike Bremm.

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV)

© Dorothea Näder/Landesanstalt für Medien NRW

Simone Jost-Westendorf leitet das Journalismus Lab der Landesanstalt für Medien NRW. Ihre Mission ist, Projekte und Persönlichkeiten aus der Medienbranche gezielt zu unterstützen, um Journalismus innovativer, nutzerzentriert und konkurrenzfähig zu machen. Simone Jost-Westendorf war zuvor Redaktionsleiterin beim deutsch-französischen TV-Sender ARTE, arbeitete als freie Film-Producerin und leitete das Online-Magazin politik-digital.de in Berlin.

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