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Schlägt in diesem Wahljahr die Stunde des politischen Journalismus?

Am 26. September wählen die Bürgerinnen und Bürger den 20. Deutschen Bundestag. Im Wahlkampf wird bislang allerdings selten über Inhalte geredet. Dabei stehen große Themen wie beispielsweise der Klimawandel oder die künftige Finanzierung des Sozialstaats auf der Agenda, mit der sich die Kanzlerkandidaten profilieren könnten.

Welche Themen werden in den Redaktionen gesetzt, wie kritisch die Parteiprogramme hinterfragt? Der Chefredakteur des gemeinnützigen Recherchenzentrum CORRECTIV, Justus von Daniels, ordnet den Ist-Zustand ein.

Herr von Daniels, wie tiefgründig ist der politische Journalismus in diesem Bundestagswahljahr 2021?

Im politischen Journalismus gibt es natürlich beides, tiefgründige und flache Analysen, Berichte oder Interviews. In diesem Jahr ist auf jeden Fall eine höhere Spannung spürbar. Die Berichterstattung über die Corona-Krise ist, gerade weil sie uns alle so direkt betrifft und schon so lange beschäftigt, sehr differenziert. Ähnlich ist es mittlerweile bei Themen rund um die Klimakrise. Im Wahlkampf werden daher auch die Aussagen der Parteien dazu von den Medien differenzierter eingeordnet.

Bei den anderen Themen hängt es natürlich auch davon ab, welche Inhalte Parteien anbieten. Wenn von der Seite wenig kommt, gibt es natürlich auch weniger zu berichten. In diesem Jahr liegen die Schwerpunkte klar auf dem Klima, den Folgen der Corona-Krise und auch auf der Wohnungsfrage. Zum Thema Rente sehe ich dagegen wenig inhaltliche Auseinandersetzung und daher auch weniger Berichterstattung.

Am Wahlabend lassen die öffentlich-rechtlichen Sender in ihren Gesprächsrunden und Wahlanalysen häufig Politikwissenschaftler zu Wort kommen, die das Wahlergebnis einordnen. Inwiefern fehlt Ihnen diese fachliche Expertise in der Medienberichterstattung bereits vor der Wahl?

Nach der Wahl geht es ja um die direkte Einordnung der Wahlergebnisse und die möglichen Regierungskonstellationen. Da sind Politikwissenschaftler:innen auf jeden Fall gefragt.

Vor den Wahlen sollte es vor allem um die Auseinandersetzung mit den Themen gehen, die das Land beschäftigen. Dafür sollten die jeweiligen Fachleute in die Berichterstattung einbezogen werden, um zum Beispiel eine faktenbasierte Bilanz zu ziehen, was in den vergangenen Jahren politisch umgesetzt wurde, oder um zu erkennen, welche Dimension ein Problem hat. Expertise ist daher immer hilfreich. In der Corona-Krise haben wir gesehen, wie gut es sein kann, Fachleute intensiv zu Wort kommen zu lassen. Die Substanz wird vom Publikum offenkundig geschätzt.

In diesem Wahljahr geht es auch oft um Nebensächlichkeiten in der Beobachtung der Kanzlerkandidaten. Außerdem stehen Vorwürfe im Raum, die Medienberichterstattung sei insgesamt zu „Grün“ gefärbt. Können sich die Bürgerinnen und Bürger dennoch sicher sein, dass sie umfangreich informiert werden über die politischen Inhalte der zur Wahl stehenden Volksvertreter und ihrer Parteien? Oder gibt es Themen, die überhaupt nicht gesetzt werden in den Redaktionen?

Zu allen Wahlen kommt der Vorwurf, dass der Journalismus zu sehr um die Personen und zu wenig um Themen kreist. In diesem Jahr ist die Aufmerksamkeit aus zwei Gründen nachvollziehbar höher: zum einen steht die Amtsinhaberin nicht mehr zur Wahl, zum anderen kämpfen diesmal nicht zwei, sondern drei Personen ums Kanzleramt. Wir lernen gerade drei Kandidat:innen kennen und versuchen, sie einzuschätzen. Da können auch Nebensächlichkeiten interessant sein, um zu bewerten, wie sich ein Kandidat in bestimmten Situationen schlägt. Wichtig ist nur, die Kritik im Verhältnis zum tatsächlichen Vorwurf zu sehen. Da fehlte in so manchen aufgeregten Kommentaren eine Einordnung.

Was die Themen angeht: Man kann sich insgesamt schon gut informieren. Es gibt mehr Formate, die sich bemühen, die Inhalte des Wahlkampfes verständlich zu erklären. Natürlich werden nicht alle Facetten der Wahlprogramme ausgeleuchtet, die Konzentration liegt auf den großen Streitthemen. Das ist aber auch in Ordnung, weil wir letztlich mit den Parteien eine politische Haltung wählen, nicht einzelne Programmpunkte. Leider fallen dabei einige Themen runter, die relevant sind. Da würde ich mir gelegentlich kreativere Übersichten in den Medien wünschen, gerade für Menschen, die ihre Wahlentscheidung an einem nicht so heiß diskutierten Thema fest machen möchten.

Der Wahlkampf folgt eigenen Gesetzen. Inwieweit laufen die Medien diesem Mechanismus hinterher?

Natürlich reagieren Medien in der Regel auf das, was in der Welt geschieht; sie sollen ja auch beobachten und einordnen, was ist. Insofern greifen sie in erster Linie das auf, was in den Wahlkämpfen vorkommt. Viele Themen, gerade wenn sie trockener sind oder nicht so leicht auf einen Merksatz runtergebrochen werden können, bleiben natürlich auf der Strecke. Aber da beobachte ich, dass Lokalzeitungen, Fachmedien oder TV-Formate eigene Schwerpunkte bilden, in denen auch leisere Themen vorkommen.

Das Problem ist, dass solche Formate oft punktuell sind und viele das nicht mitbekommen. Was da helfen könnte, sind verständliche Übersichten oder Dossiers. Die müssen allerdings gut kuratiert sein und nicht einfach nur verwandte Themen bündeln. Da sollten wir alle in der Branche mehr Kreativität üben, auch was die grafische Aufbereitung von Themen angeht.

Ihr Recherchenetzwerk hat auf seiner Website einen Schwerpunkt zur Bundestagswahl 2021 gesetzt. Der Deutschlandfunk bietet ebenfalls einen umfangreichen Überblick. Der MDR stellt online sogar sein Konzept zur Wahlberichterstattung vor. Offenbar gibt es noch genügend Informationen, die aufbereitet werden müssen. Sind diese Zusatzangebote für Sie eine Ergänzung für den politischen Journalismus oder eine Notwendigkeit?

Unser Ziel ist, mit unserem Projekt zur Bundestagswahl so viele Menschen wie möglich zu informieren. Wir haben uns bewusst mit dem Bundesverband Deutscher Anzeigenblätter zusammengetan, um breitflächig Zielgruppen zu erreichen. Die Wochenblätter erreichen bis zu 20 Millionen Menschen.

Der Markt wird immer fragmentierter. In unserer Gesellschaft ist es längst nicht mehr so, dass wir einen gemeinsamen Informationskern zu einzelnen Themen haben. Gerade vor einer Wahl ist es aber wichtig, zu verstehen, worum es bei den in der Öffentlichkeit diskutierten Themen geht. Genau das leisten viele Medien auch, aber diese Informationen wollen wir noch mehr in die Breite tragen. Insofern ist es keine Ergänzung zu anderen Medien, die sonst gefehlt hätte, sondern es ist eher ein Versuch, einen guten Überblick für eine große Leserschaft anzubieten. Und das möglichst verständlich.

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

CORRECTIV ist ein spendenfinanziertes Recherchezentrum, das die demokratische Zivilgesellschaft stärken will. Mit investigativen Recherchen decken die Reporterinnen und Reporter systematische Missstände, Korruption und unethisches Verhalten auf. Seit der Gründung im Jahr 2014 wurde CORRECTIV mit mehr als 30 Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Grimme Online Award und dem Helmut Schmidt Journalistenpreis.

Fotocredit: privat

Justus von Daniels ist seit 2019 gemeinsam mit Olaya Argüeso Chefredakteur von CORRECTIV. Neben investigativen Recherchen zu den geheimen Kanälen des Lobbyismus oder illegalen Parteispenden entwickelt er die Idee der Bürgerrecherche weiter. Er ist Volljurist und seit 2012 hauptberuflich als Journalist tätig. Erst als freier Mitarbeiter für Die Zeit und den Tagesspiegel, ab 2015 als investigativer Reporter bei CORRECTIV.

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