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Serienkritik zu The Paper: Eine Zeitung wird zum politischen Werkzeug

Mit The Paper nahm der Streamingdienst Netflix seine erste Balkan-Serie ins Programm. Sie zeigt den prekären Zustand der Pressefreiheit im heutigen Kroatien.

Es ist lang genug gut gegangen. Das ist der bittere Trost, der den Redakteuren der fiktiven Tageszeitung Novine bleibt, um die sich alles in der kroatischen TV-Serie The Paper dreht. Vor 2016, dem Jahr, in dem die erste Staffel der Serie einsetzt, konnten sie noch frei berichten. Vor allem die politischen Kolumnen der Starjournalistin Dijana Mitrović (Branka Katić) haben dem Blatt den Ruf der letzten unabhängigen Meinungsinstanz von Rijeka, der drittgrößten Stadt Kroatiens und Handlungsort der Serie, beschert. Dies ändert sich, als der Vorstandsvorsitzende der Zeitung, Josip Vuković (Damir Lončar), beschließt, Novine an den Baumagnaten Mario Kardum (Aleksandar Cvjetković) zu verkaufen.

Kardum ist durch kroatische Schwarzarbeiter in Deutschland reich geworden. Mit diesem Reichtum geht eine Macht einher, die Vuković zum Verkauf drängt: „Ich habe keine Chance gegen diese Leute. Sie hätten die Inserenten gezwungen, keine Werbefläche mehr zu kaufen. Sie hätten meine besten Leute gekauft. Die Banken hätten mir Druck gemacht. Sie hätten mich fertiggemacht.“ Kardums Gründe für den Erwerb der Zeitung bleiben für die Redakteure von Novine zunächst undurchsichtig, doch es hat alles mit dem tödlichen Autounfall zu tun, der in der Eröffnungsszene den düsteren Ton dieser Serie vorgibt.

Berichterstattung mit Schlagseite

Mit dem Verkauf von Novine an Kardum ändert sich die Berichterstattung der Tageszeitung nachhaltig. Sie wird zunächst gesteuert von Kardums Allianz mit Ludvig Tomašević (Dragan Despot), dem korrupten Bürgermeister von Rijeka. Chefredakteur Martin Vidov (Zijad Gračić), der um seinen Posten bangt, versucht, der Beeinflussung seines Blattes anfangs mit vorauseilendem Gehorsam zu begegnen. Als Jungredakteurin Tena Latinović (Tihana Lazović) eine Story zum Dienstleistungsunternehmen Tetra pitcht, mit dem Bürgermeister Tomašević Geldwäsche im großen Stil betreibt, weist Vidov sie zunächst harsch zurück. Erst als er erfährt, dass seine Stelle an seine Mitarbeiterin Alenka Jović (Olga Pakalović) geht, forciert er aus Rache die Veröffentlichung des Artikels, dem eindeutige Belege für diese (korrekten) Anschuldigungen noch fehlen. Das Ganze endet in der Verbrennung dieser Druckauflage – und über den Flammen wacht die neue Chefredakteurin Alenka. Sie wird fortan als Marionette für die Absichten Kardums agieren und jede Veröffentlichung größerer Recherchen mit ihm absprechen. Ihre zweite Amtshandlung ist die Entlassung von Tena.

Zurückgehaltenen Informationen und Bauernopfern begegnet man im Verlauf der ersten und zweiten Staffel von The Paper noch häufiger. Die Bilder, mit denen diese Themen verhandelt werden, strotzen vor Symbolkraft, die man für übertrieben halten könnte. Doch die Idee und das Drehbuch stammen von Ivica Djikić, Autor mehrerer Romane und politischer Biografien sowie ehemaliger Journalist. Von 2009 bis 2010 hat er für die Tageszeitung Novi List in Rijeka geschrieben, die 2011 an den Bauunternehmer Albert Faggian ging. Dalibor Matanić, der Regisseur der Serie, nimmt in aktuelleren Interviews Abstand davon, The Paper als Schlüsselserie mit direkten Bezügen zu realen Machthabern und Unternehmern zu begreifen. Aber die ursprüngliche Intention der Serie ist dennoch, einen Niedergang der Pressefreiheit in Kroatien zu beschreiben, wie er im Gespräch mit dem Branchenportal Screen Daily darlegte: „Wir wollten die Ereignisse und sozialen Umbrüche erkunden und verstehen, die den Journalismus in unserem Land zerstört haben.“

Private Verflechtungen und wechselnde Allianzen

Für dieses Ansinnen taucht Matanić die eigentlich malerische Hafenstadt Rijeka in gelb-gräuliche Bilder. Die Hauptfiguren von The Paper wandern in ihr von modernen Hochglanzbauten zu Industrieruinen und pendeln zwischen feinen Restaurants und schäbigen Kaschemmen – Gegensätze, die ihre eigenen Persönlichkeiten widerspiegeln. So hat die als unbestechlich geltende Starkolumnistin Dijana eine Affäre mit Marko Mladenović (Mijo Jurišić), der nicht nur die rechte Hand von Bürgermeister Tomašević und in den Tetra-Skandal verwickelt ist, sondern auch noch der Ehemann von Dijanas Schwester Anja. Auf ungünstige Weise privat verstrickt ist auch Dijanas Kollege Andrej Marinković (Goran Marković): Als engagierter Journalist ist er dem tödlichen Autounfall mit Fahrerflucht auf der Spur, der die Serie eröffnet hat. Doch all seine Recherchen werden geblockt vom Polizisten Toni Nardelli (Alen Liverić), seinem Trauzeugen und guten Freund. Andrej steckt zudem in einer kriselnden Ehe mit Alenka, die ihm, als sie Chefredakteurin von Novine wird, sowohl beruflich als auch privat den Laufpass gibt.

Als wären diese komplizierten Privatverflechtungen nicht schon hinderlich genug für die Berichterstattung, bleibt auch das Machtgefüge in den oberen Etagen der Redaktion instabil. Der Choleriker Kardum bricht mit Tomašević, als er erfährt, dass seine Ehefrau einst eine Affäre mit dem Bürgermeister hatte. Währenddessen schmiedet der entlassene Chefredakteur Vidov neue Allianzen. Zum einen wendet er sich an den Erzbischof Bilaver (Zdenko Botić), der einen engen Kontakt zu Kardums Mutter Dubravka (Edita Karađole) pflegt. Zum anderen tut er sich mit den geschassten Geschäftsführern von Novine zusammen, dem Ex-Spion Blago Antić (Zdenko Jelčić) und dessen Sohn Dario (Ivica Pucar). Die nutzen das Zerwürfnis zwischen Kardum und Tomašević und beschließen, sich an den Stärkeren der beiden zu hängen: den Bürgermeister. „Und wenn er mit Kardum fertig ist, gibt er uns unsere Zeitung zurück“, ist die Hoffnung vom gewieften Blago.

Schon die erste Staffel von The Paper präsentiert damit ein dichtes Erzählgewebe, das den Zuschauern einiges an Aufmerksamkeit abverlangt. Um die 80 Figuren sind in diese Geschichte über korrupte Machenschaften, eine instrumentalisierte Presse und moralische Heuchelei verstrickt. Der Vergleich mit David Simons Serie The Wire (2002 – 2008), die die kriminellen Strukturen Baltimores durchleuchtete, liegt nahe. Ivica Djikić diente sie als Ermutigung und Inspiration, einen kritischen Blick auf die Zustände der Presse in Rijeka zu richten.

Vom Informationskrimi zum Politthriller

So konzentriert sich die erste Staffel auf die Übernahme von Novine und die Weitergabe brisanter Informationen öffentlichen Interesses, die zu großen Teilen aber niemals veröffentlicht werden. Mitunter wirkt die Erzählung durch unzählige Treffen und Dialoge etwas ermüdend, gewinnt dann aber zum Ende hin wieder an Fahrt, als Dubravka Kardum kompromittierende Bilder zu Ludvig Tomašević an Dijana gibt. Da sie diese aufgrund der Allianz von Blago Antić und Martin Vidov mit dem Bürgermeister nicht mehr in Novine veröffentlichen kann, gibt diese sie weiter an das aufstrebende Online-Portal Izvor (deutsch: „Quelle“), für das ihre Ex-Kollegin Tena inzwischen arbeitet.

Die Kooperation mit der (digitalen) Konkurrenz, um Rechercheergebnisse und brisante Informationen veröffentlichen zu können, zeichnet sich als einziger Ausweg in The Paper ab, wenn es um einen Resterhalt der Pressefreiheit geht. Dass das Online-Portal politisch weitgehend unabhängig ist, ist aber nur ein kleiner Trost angesichts der Profitgier seiner Betreiber. Diese mündet in effekthascherischem Klick-Journalismus: „Verbrechen, Unfälle, Tragödien. Auf das klicken die Leute wie verrückt“, beschreibt Chefredakteur Bruno (Jakov Vilović) seiner neuen Angestellten Tena die Ausrichtung des Portals. Tenas ehemaliger Vorgesetzter bei Novine, Nikola Martić (Trpimir Jurkić), analysiert es treffender: „Der Pöbel mag es lustig. Unterstrichen in Schwarz. Eine Zeile Titten, eine Zeile Ärsche und eine Zeile Drama.“

Inzwischen allseits bekannte und diskutierte Probleme des heutigen Journalismus – wie sinkende Auflagen und Werbeeinnahmen, Digitalisierung und Tabloidisierung – werden in The Paper verschränkt mit den strukturellen Problemen der Balkan-Region: Korruption, Machtmissbrauch und die niemals ruhende politische Vergangenheit.

In der zweiten Staffel wird die Erzählweise rasanter, werden die Bilder noch drastischer: Es geht um den Präsidentschaftswahlkampf von Ludvig Tomašević, der auch nach der Veröffentlichung der kompromittierenden Bilder nicht von seinen Zielen ablässt. In House of Cards-Manier verfolgt The Paper, wie er ohne Skrupel nach der Macht greift, die ihm die kritische Berichterstattung über seine Person bald gänzlich vom Hals schaffen wird. Die Journalisten von Novine haben mehr Repressalien und schließlich auch Gewalt zu erdulden als in der ersten Staffel. Und wie nahe die Serie damit an die Realität kommt, zeigte sich in diesem Frühjahr, als kroatische Journalisten gegen gezielte Einschüchterungskampagnen von Politikern demonstrierten.

Was The Paper betrifft, war dies nur der Mittelteil in einem Dreiakter über das Ende der Pressefreiheit in Kroatien. Die dritte und letzte Staffel wird voraussichtlich 2020 erscheinen, und sich nach dieser Konzentration auf Medien und Politik die Justiz vorknöpfen.

INFOKASTEN ZUR SERIE:
The Paper
(Originaltitel: Novine)
Kroatien, ab 2016. 23 Episoden in 2 Staffeln
Episodenlänge: ca. 50 Min.
Idee/Drehbuch: Ivica Đikić
Regie: Dalibor Matanić
Kamera: Danko Vučinović
Besetzung: Branka Katić, Aleksandar Cvjetković, Zijad Gračić, Olga Pakalović, Zdenko Jelčić u.v.m.
Erstausstrahlung im kroatischen Fernsehsender HRT. Verfügbar auf Netflix.
Trailer:
Staffel 1: https://www.youtube.com/watch?v=gK3FsUzPhRE
Staffel 2: https://www.youtube.com/watch?v=tPvdbuIVe6k

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Dobrila_KonticDobrila Kontić, M.A., studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften, Englische Philologie und Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin und Journalismus am Deutschen Journalistenkolleg (DJK). Sie betreibt das Onlinemagazin culturshock.de.

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