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Sind Influencer:innen die Medienmacher:innen von morgen?

Sie hat 474.000 Follower auf Instagram. Ihr Ziel: Politik über soziale Medien für junge Menschen nahbar zu machen. Dazu führt Louisa Dellert, ursprünglich auf Fitnessthemen spezialisiert, regelmäßig Interviews mit Spitzenpolitiker:innen. Ihr besonderer Fokus liegt auf umweltpolitischen Geschichten. Sie ist außerdem gern gesehener Gast in Talkrunden wie „Hart aber fair“. Im Fachjournalist nimmt sie Stellung zum Thema „Instagram und Journalismus – wie passt das zusammen?“

Welche Berufsbezeichnung würdest du für dich selbst wählen?

Ich selbst sage immer, ich bin selbstständig, Moderatorin und auch Unternehmerin, ich habe ja den grünen Onlineshop naturalou.de gegründet. Die Berufsbezeichnung „Influencerin“ wurde mir von außen angetragen. Ich komme nicht darum herum, den Begriff „Influencerin“ zu verwenden, denn alles andere wird – glaube ich – nicht verstanden. Den Begriff „Sinnfluencerin“ mag ich nicht, das ist wieder so ein Stecken in Schubladen. Das impliziert ja, dass hinter meiner Arbeit ein Sinn steckt und dass sie besser ist als die von anderen Influencer:innen, die sich nicht jeden Tag mit Politik auseinandersetzen. Das wertet die anderen ab – und deshalb würde ich mich nicht selbst als Sinnfluencerin bezeichnen wollen.

In welchen Momenten fühlst du dich als Journalistin?

Gar nicht. Ich bin ja keine Journalistin, das habe ich auch nie von mir behauptet. Denn ich habe ja keinen journalistischen Background. Ich habe das weder studiert noch habe ich in journalistischen Formaten mitwirken dürfen. Das ist wieder etwas, was die Medienmacher und die Journalist:innen aus mir machen. Die Frage „Das ist journalistische Arbeit – ist sie nun eine Journalistin oder nicht?“, die wird in eurer Bubble ausgetragen.

Aber ich werde schon so wahrgenommen, denn das ist schon journalistische Arbeit, wenn ich etwas recherchiere, Fragen stelle, Interviews führe. Deshalb habe ich dieses Label drauf. Aber ihr seid ausgebildet. Ihr wisst genau, wie man mit Informationen umgeht. Wie man einen Artikel verfasst. Wie man mit Zitaten umgeht. Wie man Texte aufbaut. Da sind die Skills noch mal ganz andere.

Was treibt dich an?

Dass ich selbst vieles nicht verstehe. Es gibt viele Themen, bei denen ich Fragezeichen habe. Wo ich merke, da habe ich vielleicht Vorurteile gehabt oder falsch gedacht oder gehandelt. Ich habe überhaupt kein Problem damit, mich selbst zu reflektieren und es mir einzugestehen, falls ich einen Fehler gemacht habe. Und ich habe auch kein Problem damit, zuzugeben, etwas (noch) nicht zu wissen.

Ich glaube, selbst unter euch Journalist:innen ist es ja so, dass man vor Interviews mit Spitzenpolitiker:innen so ein bisschen Schiss hat: Stelle ich jetzt die richtigen Fragen? Sind die scharf genug? Was sagen meine Kolleg:innen dazu? Bei mir ist es inzwischen so: Ich stelle einfach die Fragen, die mich interessieren, weil ich eine Antwort darauf haben will. Und mache mir da gar nicht so einen Stress, was andere sagen könnten, ob sie denken: Och, Louisa, das musst du doch wissen!

Deine Influencer-Kollegin Diana von Löwen bezeichnet sich als „Übersetzerin“. Passt das?

Finde ich gut, finde ich sinnvoll. Sie ist ja auch eine Art Übersetzerin für ihre Community, die vielleicht gar nicht versteht, was in der Süddeutschen Zeitung steht oder was da im Bundestag abgeht, wenn da Debatten geführt werden. Die Politiker:innen sind da in ihrer Bubble und sprechen ihre Sprache mit ihren Fachbegriffen und denken vielleicht gar nicht daran, dass andere Lebensrealitäten nicht jeden Tag 24 Stunden mit Politik zu tun haben – und dann auch Dinge nicht verstehen oder nachvollziehen können. Deswegen sehe ich sie da auch als Übersetzerin für ihre Zielgruppe, um denen Politik nahezubringen.

Das mache ich ja auch: das, was im Bundestag gesagt wird, in einer anderen Sprache wiedergeben, damit meine Community es versteht. Ich probiere, im Internet Brücken zu bauen zwischen meiner Community und Themen, die so nicht bei meiner Community ankommen würden, wenn ich sie nicht behandeln würde.

Inwiefern fühlst du dich von der Politik ernst genommen?

Ich fühle mich schon ernst genommen von Politiker:innen, auf jeden Fall. Ich weiß natürlich auch, dass das an meiner Reichweite liegt. Weil die wissen, dass das viele Leute erreicht, wenn ich ihnen Fragen stelle. Aber ich werde ernst genommen.

Und fühlst du dich auch von Journalist:innen ernst genommen?

Das ist so eine Sache: Mal so, mal so. Ich glaube, dass viele deiner Kolleg:innen uns Influencer:innen als Konkurrenz ansehen, weil wir auf eigene Faust unsere eigene Reichweite haben. Ich persönlich fände es schöner, wenn da noch mehr Miteinander stattfinden würde.

Wenn ich ein Thema habe, bei dem mir einfach der journalistische Background fehlt, dann ist es total schön, wenn ich auf eine(n) Journalist:in zugehen und sagen kann: Ich habe die Reichweite, du die Expertise: Wollen wir zusammen an diesem Thema arbeiten? Eigentlich sollte es ja unser aller Ziel sein, Themen nach vorne zu bringen und nicht unser Ego.

Was glaubst du: Sind Influencer:innen die Medienmacher:innen von morgen?

Einzelne können es sein. Es findet ein Wandel statt: Es gibt immer mehr Influencer:innen in den Medien, im Fernsehen, in Talkshows. Sie arbeiten mit Medienhäusern zusammen, weil diese gemerkt haben: Wir haben so ein bisschen verschlafen, die junge Zielgruppe anzusprechen, und können von den Influencer:innen noch eine Menge lernen.

Ich würde nicht sagen, dass die Influencer:innen allein die Medienmacher:innen von morgen sind – aber sie gestalten die Medien mit.

Ein Beispiel: Der YouTuber Rezo, dessen Video „Die Zerstörung der CDU“ 14 Millionen Mal angeschaut wurde, schreibt mittlerweile Kolumnen für Zeit-Online – ist das kritisch zu sehen?

Nein. Denn dadurch erreicht er ja hoffentlich das, was Die Zeit auch möchte: dass junge Leute seine Kolumne lesen und dadurch mit journalistischen Inhalten in Verbindung gebracht werden – und dann vielleicht nicht nur die Kolumne lesen, sondern auch andere Inhalte. Nur weil er kein Journalist ist, heißt das nicht, dass er nichts zu sagen hat und nicht gut schreiben kann.

Warum kommst du – im Gegensatz zum klassischen Journalismus – so gut bei der jungen Zielgruppe an?

Ich glaube, das macht einfach die Persönlichkeit. Besonders die junge Zielgruppe ist inzwischen so gepolt, dass sie a) nicht mehr ellenlange Texte lesen will und b) unterhalten werden will. Die Aufmerksamkeit geht einfach runter; das sind so acht Sekunden, die man gefühlt noch hat, um Interesse zu wecken. In dieser Zeit muss das sitzen. Das sieht man ja daran, was auf YouTube abgeht oder auf TikTok. Diese Mischung aus Privatem, womit man sich identifizieren kann, plus die Themen, die ich anspreche. Das bringt die Leute dazu, mit am Start zu bleiben.

Aber meine Zielgruppe ist ja auch so alt wie ich, die Leute sind ja mit mir gewachsen. Die im Alter meines Bruders, die 14-/15-Jährigen, die folgen nicht mir, die folgen ganz anderen: jüngeren Gamern, YouTubern, TikTokern.

Und wie können Medienhäuser sich auf das Mediennutzungsverhalten der Jugend einstellen? 

Ich finde es wichtig, dass ausführlich über Themen berichtet wird. Aber der Journalismus muss akzeptieren, dass vielleicht die Leute im ersten Step nur mit ein, zwei inhaltlichen Punkten konfrontiert werden. Und dann tiefer einsteigen können, wenn sie das wollen.

Der Journalismus muss sich mehr auf die Art des Medienkonsums von jungen Leuten einlassen. In Medienhäusern müssen meiner Meinung nach – und das passiert ja nach und nach – einfach auch junge Leute sitzen. Dann müssen die sich Praktikant:innen ranholen oder einmal im Monat mit der Zielgruppe zusammensetzen, beispielsweise die Blattkritik mit jungen Leuten machen, damit sie wissen: Wie kommt das an, verstehen die das überhaupt, was wir hier machen? Ich glaube, da ist noch einiges nachzuholen.

Wie kann Influencing den klassischen Journalismus bereichern?

Das hängt erst einmal davon ab, ob der Journalismus es zulässt, Influencer:innen nicht als Konkurrenz anzusehen, sondern als Bereicherung. Dann kann man voneinander lernen, wie man – wenn die Zielgruppe ausstirbt, die der Journalismus jetzt bedient – an die Zielgruppe herankommt, die Influencer:innen bedienen. Das alleine ist ja schon eine Bereicherung, da in den Austausch zu gehen.

Du bezeichnest dich als „digitale große Schwester“ deiner Community – mit dem entsprechenden Einfluss. Wo muss dieser für dich seine Grenze haben?

Ich rufe generell zum Wählen auf. Aber ich rufe nicht zum Wählen einer bestimmten Partei auf. Um meine Follower:innen nicht zu beeinflussen, sage ich zum Beispiel nicht explizit, was ich wähle. Jede(r) soll sich seine eigene Meinung bilden.

Was beachtest du bei Kooperationsanfragen?

  1. a) Ob ich das für sinnvoll halte, ob ich das auch in mein Leben integrieren würde. b) Wer ist die Marke, die brand dahinter? c) Wie ist die ethisch und in puncto Nachhaltigkeit aufgestellt? Und nicht zuletzt natürlich: d) Bezahlen die mir Geld dafür? Meine Miete, meine Mitarbeiterinnen, mein Leben kann ich mir sonst nicht finanzieren. Und da sage ich inzwischen: Ich kann nicht alles umsonst machen.

Ich habe gelesen, wenn du mit Menschen aus der Politik oder politischen Parteien zusammenarbeitest, fließt kein Geld. Ist das so?

Da gibt es bei mir nicht mal den Gedanken, mich dafür bezahlen zu lassen. Aber da muss man auch fairerweise sagen: Da gibt es auch von Politiker:innenseite oder Parteienseite nicht den Gedanken. Ich werde da schon behandelt wie eine Journalistin – und Journalist:innen werden ja hoffentlich auch nicht dafür bezahlt …

Wie gewährleistest du größtmögliche Objektivität?

Die kann ich nicht immer gewährleisten. Aber ich glaube, dass es auch Journalist:innen manchmal schwerfällt, Objektivität zu gewährleisten. Deswegen finde ich es manchmal ein bisschen schade, dass Influencer:innen so gebasht werden dafür.

Bei mir als Influencerin wird es immer sehr kritisch gesehen. Ich kann nicht mehr tun, als Hinweise zu den Artikeln zu stellen, dass sich die Leute nicht einzig und allein auf meinen Blogeintrag verlassen sollen. Dass sie kritisch sein und noch andere Berichterstattungen lesen sollen. Und ich habe auch ehrlicherweise keine Lust, bei jeder Story zu sagen: Bitte guckt auch noch mal woanders. Denn schließlich sind die Leute ja erwachsen und müssen auch noch selber ihren Kopf einschalten. Und wenn ich mal beim Spiegel nachsehe, da heißt es auch nicht: Bitte guckt auch bei der Süddeutschen vorbei, damit ihr das noch mal aus einer anderen Perspektive betrachtet.

Beim Journalismus passiert das gar nicht – von mir wird das erwartet. Da müssen wir schon noch mal überlegen, ob das der richtige Weg ist …

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Louisa Dellert ©Laura Hoffmann

Louisa Dellert, geboren 1989, ist Unternehmerin, Online-Aktivistin, Podcasterin und tauscht sich in den sozialen Medien mit Menschen aus den unterschiedlichsten Lebensrealitäten über gesellschaftspolitische Themen aus. Politik, Umweltschutz, Feminismus – immer wieder lädt sie Expert:innen ein, gemeinsam über unsere Zukunft zu sprechen und nach Lösungsansätzen zu suchen. Sie ist Gründerin des Less Waste Online Shops NATURALOU. Außerdem hat sie bereits zwei Bücher geschrieben. Das erste Buch, „Mein Herz schlägt grün“, erschien im April 2018, das zweite, „WIR. Weil nicht egal sein darf, was morgen ist“, wird im August 2021 veröffentlicht.

www.louisadellert.com

@louisadellert

 

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