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So klappt es mit der Selbstständigkeit

Die Autorin Melanie Raabe kennt die Herausforderungen als Freiberuflerin. Medienschaffenden gibt sie Tipps, wie das Arbeiten als Selbstständige:r gelingt. Zudem benennt sie die fünf schmerzhaftesten Fehler, die frisch gebackene Freiberufler:innen keinesfalls machen sollten. Ein Buchauszug  

Viele, die von ihrer Kreativität leben, arbeiten als Freiberuflerinnen und Freiberufler.

Als ich mich 2007 selbstständig gemacht habe, war ich glücklich über die neu gewonnene Freiheit – und ich habe nie wieder einen Blick zurück geworfen. Wenn ich in den letzten dreizehn Jahren jedoch eines gelernt habe, dann dass: Wir sind alle unterschiedlich, und freiberufliches Arbeiten ist nicht für jedermann. Wenn man darüber nachdenkt, freiberuflich oder selbstständig zu arbeiten, muss man verschiedene Dinge gegeneinander abwägen.

Wer frei arbeitet, muss oftmals – zumindest am Anfang – um jeden einzelnen Auftrag kämpfen. Dass am Ende des Monats genügend Geld reinkommt, um halbwegs davon leben zu können, hängt immer davon ab, wie es gerade so läuft. Wenn eine Flaute eintritt, verdient man gar nichts. Das ist bei Angestellten natürlich anders. Auch wenn man mal tagelang nur die Zeit absitzt, weil nichts zu tun ist, wird man für jede einzelne Minute bezahlt, profitiert von Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall und so weiter. Viele Menschen wollen das nicht aufgeben. Ich finde diesen Wunsch nach relativer finanzieller Sicherheit absolut verständlich.

Trotzdem habe ich mich entschieden, frei zu arbeiten. Ich war zunächst als freie Journalistin unterwegs und haben nebenher literarisch geschrieben. Ich mag es, meine eigene Chefin zu sein und selbst darüber zu bestimmen, was ich mit meiner Zeit mache. Ich kann mich meistens gut selbst motivieren, und finanzielle Sicherheit finde ich zwar sehr attraktiv, doch steht sie bei mir nicht an allererster Stelle. (Das möchte ich hier gar nicht glorifizieren. In den ersten Jahren meiner Selbstständigkeit lief es gar nicht gut; oft genug war es enorm knapp mit der Miete, und ich erinnere mich noch sehr gut an die Zeit, in der ich mit löchrigen Chucks an den Füßen und billigen Tütensuppen im Bauch herumlief.)

Hier sind in aller Kürze die wichtigsten Dinge, die ich gelernt habe:

Nummer eins – Struktur schaffen

Wie wichtig mir Struktur ist, habe ich bereits deutlich gemacht. Angestellten ist ein Rahmen vorgegeben. Sie wissen, wann sie arbeiten und wann sie nach Hause gehen sollen. Pausenzeiten sind festgelegt, Urlaubstage auch.

Wenn wir uns frisch im Dasein als Selbstständige wiederfinden, gibt es diese Struktur nicht mehr. In den meisten Fällen arbeiten wir erst einmal von daheim. Entweder weil wir es so wollen oder weil wir uns gar kein Büro, keine Werkstatt, kein Atelier leisten können. Das heißt: Niemand außer uns selbst kontrolliert, wann wir aufstehen, wann wir mit der Arbeit anfangen, wie lange die Mittagspause dauert und so weiter. Wir sind umgeben von unserem Privatkram.

Manche von uns sind erst einmal überwältigt von dieser neuen Freiheit und haben Schwierigkeiten damit, wenn das soziale Korsett, in das wir bisher eingeschnürt waren, wegfällt. Ich habe schnell festgestellt, dass ich mir mein eigenes Korsett bauen muss, um produktiv sein zu können.

Für besonders wichtig halte ich eine regelmäßige Aufstehzeit. Die muss nicht besonders früh sein, darum geht es nicht. Es geht um einen geordneten Start des Arbeitstages, um kreative Routine. Ich habe eine Aufstehzeit gefunden, die für mich funktioniert und die ich an den meisten Tagen einhalte. Gleichzeitig ist es mir aber auch wichtig, von der hart erarbeiteten Freiheit, die ich genieße, zu profitieren. Wenn ich am Vorabend mal lange feiern war, schlafe ich hin und wieder aus. Es geht nicht um Perfektion, es geht um die richtige Mischung.

Was vielen anfangs schwerfällt, sind regelmäßig Pausen. Wenn wir frei arbeiten, laufen wir Gefahr, zu Workaholics zu mutieren. Ich halte Pausen nicht sklavisch ein, versuche aber zumindest mittags eine zu machen, um etwas Anständiges zu essen. Früher hielt ich das für Zeitverschwendung, inzwischen habe ich aber festgestellt, dass ich nach der Pause viel frischer bin, dass ich die „verlorene“ Zeit locker rausarbeite.

Ähnlich wie mit den Pausen sieht es mit Wochenenden und mit Urlaub aus. Niemand hindert uns daran, die Wochenenden durchzuarbeiten, und festgelegte Urlaubstage existieren ohnehin nicht mehr. Ich mag jedoch Wochenenden. Zwar habe ich keine klassische Fünf-Tage-Woche, aber oft arbeite ich an Wochenenden deutlich weniger und lasse den Wecker aus. Wahrscheinlich ist das der Grund, weshalb Montag mein produktivster Tag in der ganzen Woche ist.

Zudem bin ich ein großer Fan von kleinen Urlauben. Die müssen nicht teuer sein. Liebe Menschen besuchen, die in einer anderen Stadt leben, oder schlicht Urlaub daheim machen und die eigene Umgebung mit frischem Blick erkunden, wandern gehen, Museen besuchen, Streifzüge durch weniger bekannte Stadtviertel unternehmen – all das kann unheimlich bereichernd sein.

Nummer zwei – Grenzen ziehen

Als Freiberuflerinnen und Freiberufler müssen wir uns nicht nur eine eigene Struktur schaffen, wir müssen auch Grenzen ziehen. Zeitliche Grenzen. Und räumliche Grenzen – indem wir uns beispielsweise einen Teil unseres Ein-Zimmer-Apartments als Arbeitsecke abtrennen. Hin und wieder müssen wir aber auch anderen Grenzen aufzeigen. Als ich begonnen habe, frei zu arbeiten, hat mein Umfeld schnell festgestellt, dass ich plötzlich den ganzen Tag daheim war. Für viele Menschen heißt daheim sein, frei zu haben. Und das heißt wiederum, dass alle, die wirklich gerade frei haben – weil sie Urlaub haben, in den Semesterferien, in Rente oder was auch immer sind – dich tagsüber anrufen, um zu plaudern oder weil sie mit dir an den Badesee fahren möchten. Manchmal heißt das auch, dass diejenigen in deinem Umfeld, die angestellt sind und feste Zeiten einhalten müssen, der Meinung sind, dass du in Zukunft alle Amtsgänge erledigen solltest, die in der Familie so anfallen, dass du jederzeit einkaufen gehen kannst, dass du tagsüber kochen, putzen oder Kinder betreuen kannst, weil du ja zu Hause bist. Dieses letzte Problem hatte ich zwar nicht, habe es aber in meinem Umfeld oft genug mitbekommen. Mach dir und allen anderen frühzeitig (und liebevoll) klar, dass du zu Hause arbeitest und genauso vorankommen musst wie alle, die in Angestelltenverhältnissen arbeiten. (Und vielleicht sogar noch ein bisschen mehr.)

Freiberuflich zu arbeiten heißt vor allen Dingen: für alles selbst verantwortlich zu sein. Wer es sich leisten kann, sollte dennoch versuchen, die wichtigsten ungeliebten Arbeiten auszulagern. Ich würde Wochen brauchen, um meine Steuererklärung zu machen. In dieser Zeit schreibe ich lieber drei neue Kapitel! Alle Aufgaben, die ich ungerne mache und nicht abgeben kann, versuche ich, gebündelt an einem Tag anzugehen. Einmal in der Woche, einmal im Monat – je nachdem.

Eine Aufgabe, die übrigens für viele, mich eingeschlossen, unter die besonders ungeliebten Arbeiten fällt, lässt sich unter Eigenwerbung zusammenfassen. Es ist ein Dilemma. Um potenzielle Kooperationspartnerinnen, Auftraggeber und Kundinnen zu gewinnen, müssen wir der Welt klarmachen, dass wir gut sind. Aber viele von uns haben ein Leben lang gelernt, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen. Mir ist es stets schwergefallen, mich selbst zu promoten. Falls du das ebenso ungern tust wie ich, dann solltest du ganz besonderen Wert auf die Dinge legen, die für dich sprechen. Deine Homepage und deine Social-Media-Accounts beispielsweise. Und vielleicht kannst du die Selbstpromotion irgendwann outsourcen. An eine gute Agentur zum Beispiel.

Nummer drei – Keinesfalls vereinsamen!

Wenn wir frei arbeiten und das auch noch im Home Office, verbringen wir plötzlich viel mehr Zeit daheim als zuvor. Dementsprechend haben wir weniger Sozialkontakte. Schließlich haben wir keine Kolleginnen und Kollegen mehr. Ich brauche viel Ruhe, um arbeiten zu können, und hätte große Schwierigkeiten, in einem Großraumbüro zu überleben. Dennoch fällt selbst mir hin und wieder die Decke auf dem Kopf. Für gewöhnliche fahre ich dann zu meinem Lieblingscafé. Dort kann ich ebenfalls in Ruhe arbeiten, habe aber Menschen um mich. Die Crew kennt mich, manchmal plaudern wir ein bisschen. Das reicht schon. Das leise Stimmengewirr, das über der Szenerie liegt, die belebten Straßenkreuzungen, die ich von meinem Lieblingsplatz aus beobachten kann – all das genieße ich sehr.

Viele meiner Freundinnen und Freunde, die ebenfalls frei arbeiten, haben sich ihre eigenen Rituale geschaffen, um der Einsamkeit tagsüber zu entgehen. Sei es eine tägliche Kaffeepause, in der man sich zwanzig Minuten mit einem Kumpel trifft, der um die Ecke wohnt und ebenfalls im Home Office arbeitet, sei es, dass man in der Mittagspause regelmäßig die Oma facetimed – der Kreativität sind da wirklich keine Grenzen gesetzt. Ein zusätzlicher positiver Effekt, der dafür spricht, für eine kurze Kaffeepause das Haus zu verlassen: So kommt man wenigstens mal an die frische Luft! Ich erinnere mich an Zeiten in meinem Freiberuflerinnen leben, in denen ich tagelang nicht draußen war. Im Nachhinein muss ich zugeben: Das ist nicht die gesündeste Art zu leben!

Für viele ist es eine ideale Lösung, sich in einer Bürogemeinschaft einzumieten. Das muss man sich aber erst einmal leisten können. Inzwischen gibt es in den größeren Städten Co-Working-Cafés oder andere Räume. In denen man sich tageweise einbuchen kann. Auch das kann keine Alternative sein.

Fünf schmerzhafte Fehler, die wir im frisch gebackenen Freiberufler*innendasein keinesfalls machen sollten

  • Brutto und netto verwechseln und dumm dastehen, wenn das Finanzamt die Steuern eintreiben will
  • Honorare oder Gagen zu niedrig ansetzen, indem man z.B. bei einem Auftritt nur die reine Zeit auf der Bühne bedenkt, nicht die Vorbereitung und alles Drum und Dran
  • Jahrelang Tag und Nacht arbeiten, weil der Job Spaß macht und sich nicht nach Arbeit anfühlt – und schließlich ausbrennen
  • Nicht genügend Zeit für den Papierkram (Finanzamt! Künstlersozialkasse! Berufsversicherungen! Usw…) einplanen, weil man so beschäftigt damit ist, kreativ zu sein
  • Erst einmal ein schickes Büro mieten, um repräsentieren zu können, und davon ausgehen, dass die Aufträge dann schon kommen

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch „Kreativität. Wie sie uns mutiger, glücklicher und sträker macht“ von Melanie Raabe, erschienen im btb Verlag, München 2020. 

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Die Autorin Melanie Raabe wurde 1981 in Jena geboren. Sie ist gescheiterte Schauspielerin, gescheiterte Tänzerin, gescheiterte Lyrikerin. Erst, als sie damit begann, Prosa zu schreiben, fand sie eine künstlerische Heimat. Für ihre erste Veröffentlichung brauchte sie zwar zehn Jahre und fünf Anläufe, aber ihr offizieller Debütroman „Die Falle“ wurde 2015 schließlich zu einem Bestseller. 2016 folgte „Die Wahrheit“, 2018 „Der Schatten“ und 2019 „Die Wälder“. Melanie Raabes Werke werden in über 20 Ländern veröffentlicht, mehrere Verfilmungen sind in Arbeit. 2019 erschien „Der Abgrund“, eine Hörspielserie aus der Feder der Autorin. Gemeinsam mit Künstlerin Laura Kampf betreibt Melanie Raabe einen wöchentlichen Podcast rund um das Thema Kreativität, „Raabe & Kampf“.

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