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Storytelling: Die zwölf Stationen der Heldenreise

Berührender noch als der schiere Kampf gegen das Böse alleine ist die Entwicklung eines Helden. Dabei geht es – vereinfacht gesagt – darum, wie ein normaler Mensch wie Sie und ich mit Schwächen und Fehlern durch das Bestehen von Herausforderungen allmählich zum Helden wird. John Laster von Pixar bringt es auf den Punkt: Ein werdender Held braucht Probleme, einen Mentor, der ihm hilft, einen Plan zu entwickeln, und eine Reise, die er besteht. Wenn das alles gut gemacht ist, braucht es keinen Gegner im klassischen Sinne mehr. 

Joseph Campbell (1904-1987) hat 1949 die Heldenreise in einem Buch vorgestellt, nachdem er viele Mythen und Geschichten analysiert hat. Nach und nach wurde die Heldenreise immer beliebter und dient heute als Rahmen unzähliger Blockbuster. Die Heldenreise ist sogar Grundlage einiger Coaching- und Therapie-Formate.

Eine Heldenreise ist zwar deutlich komplexer, benötigt dafür nicht den klassischen Gegner, was gerade im Business große Vorteile haben kann. Gleichzeitig wird die Rolle des Mentors offensichtlicher und wichtiger. So richten sich neben vielen anderen George Lukas‘ Star Wars, George Miller Mad Max und Pixars Toy Story oder Findet Nemo genau nach der Heldenreise. Campell und Lukas arbeiten sehr eng zusammen.

Das Wachstum eines Helden, an dessen Ende eine tiefgreifende Erkenntnis steht, erzeugt natürlich noch viel größere Identifikation und Nähe. Der Zuschauer kann sich in den Helden hineinversetzen, denn er ist – zumindest am Anfang – ein ganz normaler Mensch. Und auch der Weg zum Helden wird vom Mentor begleitet und er reift langsam.

Deshalb ist die Heldenreise besonders gut geeignet, wenn man sich selbst oder sein Unternehmen darstellt. Man kämpft nicht gegen einen Gegner, sondern gegen sich. Genauer gesagt gegen sein früheres Ich auf dem Weg zum Helden-Ich.

Man ist nicht von Beginn an der Held und am Ende muss man sich auch nicht als den Helden darstellen, sondern kann die Erkenntnis in den Mittelpunkt stellen. Die Gefahr der Angabe oder der Selbstverherrlichung ist also mit der richtigen Wortwahl auszuschließen.

Christopher Vogler (*1949) hat die Heldenreise dann überarbeitet und etwas übersichtlicher in 12 (statt 17) Stationen zusammengefasst. Die Reise des Helden ist natürlich eine symbolische Reise, keine Fahrt irgendwohin. Diese zeige ich Ihnen hier in Kurzform auf:

Die 12 Schritte der Heldenreise

  1. Die gewohnte Welt

Am Ausgangspunkt ist der spätere Held ein normaler Mensch, der nichts Besonderes hat und vor allen noch kein Held ist. Vielleicht ist er sogar eher benachteiligt oder schwach. Er lebt in seiner gewohnten, langweiligen oder unzureichenden Welt, in der Status quo herrscht. Eine Welt, wie sie viele der Zuhörer selbst kennen oder sich gut vorstellen können. Dabei gibt es einige Informationen, die für die spätere Reise von Bedeutung sein werden, beispielsweise Fähigkeiten, Wissen und Erfahrungen. Keine besonderen, keine heldenhaften, ganz normale, wie sie viele Menschen ähnlich haben.

  1. Der Ruf

Der Held wird von einem Herold zum Abenteuer gerufen. Es gibt einen initialen Auslöser, der ihn herausfordert und ein Bedürfnis weckt. Dieser Auftrag ist es, der den wahren Sinn des Lebens und das Potenzial des Helden offenbart. Dabei wird ein äußeres Problem oder ein innerer Mangel (auch beim Publikum) getriggert. Der entscheidende Schmerzpunkt. Auch hier etwas, das möglichst viele Zuhörer nachvollziehen können. Die Aufmerksamkeit ist auf das Thema gelenkt, dem Zuhörer wird klar, worum es eigentlich geht.

  1. Die Weigerung

Diesem Ruf verweigert er sich zunächst. Entweder er ignoriert oder überhört ihn, vermutlich fühlt er jedoch Zweifel, Unsicherheiten, Ängste, insbesondere die Angst vor Veränderung, Verpflichtung hierzubleiben und sein Leben weiterzuleben, womöglich weiterhin für andere da zu sein, Pflichten zu erfüllen. Oder er fühlt sich schlicht nicht fähig und hält sich nicht für den Richtigen. Denn würde er das einfach cool angehen, wäre er schon ein Held und vielleicht sogar ein Angeber.

  1. Der Mentor

Nun begegnet er seinem Mentor und magischen Helfer. Vielleicht ist dies auch ein alter Bekannter, dann übernimmt dieser jetzt die Rolle des Mentors. Dabei kann es sein, dass der Protagonist den Mentor jetzt noch nicht als seinen Mentor erkennt – und auch die Zuhörer nicht unbedingt. Er überzeugt ihn, die Reise anzutreten, und das Abenteuer beginnt. Dabei verleiht er ihm Wissen oder stattet ihn mit Weisungen, Waffen oder sonstigen Hilfsmitteln aus.

  1. Die erste Schwelle

Der Held überschreitet die erste Schwelle, von der es jetzt kein Zurück mehr gibt. Die Suche beginnt. Mit diesem Schritt ins Abendteuer verlässt der künftige Held seine gewohnten Grenzen und Regeln und betritt die unbekannte. In der neuen Welt gibt es andere Grenzen und Regeln, die er erst herausfinden, verstehen und lernen muss. Er übernimmt die Verantwortung, das Ziel zu erreichen.

  1. Bewährungsproben

Der Held wird vor erste Bewährungsproben gestellt und trifft dabei auf Verbündete und Feinde. Seine Metamorphose beginnt unweigerlich und er erkennt mit jeder Herausforderung, dass er weitermachen muss und nicht mehr zurückkann. Sein Wille zur Metamorphose wächst mit jedem Schritt. Natürlich gewinnt er nicht jedes Mal sofort, muss experimentieren und muss Schritt für Schritt weiterkämpfen, um von Stufe zu Stufe zu gelangen. Dabei muss er Versuchungen widerstehen und auch lernen, wer ein wahrer Verbündeter bzw. Feind ist und wer ihn womöglich täuscht. Denn Verbündete können sich später als Feind entpuppen und umgekehrt. Und das manchmal sogar mehrmals. Anders als in der klassischen Dramaturgie müssen die Herausforderungen nicht stets vom selben Gegner ausgehen (der ja personell vielleicht überhaupt nicht existiert, weil der Gegner ein innnerer ist), sondern es können viele kleine Prüfungen mit unterschiedlichen Gegnern sein (Findet Nemo: Taucher, Haie, Strömung, Fischer…)

  1. Der Tiefpunkt

Nun dringt er bis zur tiefsten Höhle vor, zum gefährlichsten Punkt, und trifft dabei auf den Gegner. Die krisenhafte Zuspitzung legt das Kernproblem schonungslos offen. Der Zuhörer fragt sich, ob der mittlerweile lieb gewonnene Protagonist es jemals schaffen kann. Der aber breitetet sich notgedrungen auf den nächsten, alles entscheidenden Schritt vor, das mögliche Scheitern stehts vor Augen.

  1. Die Prüfung

Hier findet die entscheidende Prüfung statt: die Konfrontation mit dem Gegner und die Überwindung desselben oder was immer ihn zurückhält. Eine Konfrontation mit etwas Innerem oder Äußerem aus seiner alten Welt, das er überwinden oder zurücklassen muss. Etwas, was über ihn und seine Zukunft entscheidet. Das ist der Wendepunkt (Plot point), wenn er gewinnt. Und natürlich gewinnt unser Held, oder?

  1. Die Belohnung

Der Held kann nun den materiellen oder immateriellen „Schatz“ oder „das Elixier“, konkret einen Gegenstand (Stein der Weisen, Heiliger Gral, Prinzessin…) oder abstrakt besonderes, neues Wissen rauben. Oder sagen wir mitnehmen, denn es steht ihm nach dem Sieg natürlich zu. Es ist genau der Schatz, den er die ganze Zeit versucht hat, zu bekommen. Egal ob ihm das vollkommen bewusst war oder er es erst jetzt erkennt. Jeder Schritt, den er seit dem Überschreiten der Schwelle gemacht hat, hat nur dem Erreichen des Ziels gedient.

  1. Die Rückkehr

Nun muss er den Rückweg in seine bekannte Welt antreten. Nicht immer will er das, schließlich hat er in der neuen Welt Glückseligkeit und Erleuchtung, sagen wir besser: Erkenntnis, gefunden. Zudem kennt er nun die Regel und hat womöglich neue Begleiter lieb gewonnen. Er tritt jedoch unbedingt den Rückweg an, der durchaus genauso gefährlich sein kann, wie der Weg damals in die neue Welt. Möglicherweise unterstützt ihn dabei einer seiner neuen Begleiter oder sein Mentor, insbesondere, wenn er durch die Prüfung womöglich noch verletzt oder geschwächt ist. Er übertritt mit seiner Belohnung die Schwelle in seine alte Welt.

  1. Die Erkenntnis

Der äußere oder der innere Feind ist besiegt, die Suche gewonnene Weisheit, das Elixier, die Erkenntnis, die neue Weisheit befindet sich in der Hand des Helden. Der Schatz bedeutet mehr Verständnis für uns selbst und die Menschheit, bessere Kenntnis unserer eigenen Komplexität, Schwächen und Potenziale. Er ist durch das Abenteuer zu einer neuen Persönlichkeit gereift. Er löst damit einen Werteschwenk aus und teilt im besten Falle seine Erkenntnis zum Wohle aller mit der ganzen Welt. Er erlebt nun das Gleichgewicht zwischen der materiellen und der immateriellen, der äußeren und der inneren Welt. Die Erkenntnis stellt natürlich auch für die Zuschauer einen hohen Wert dar. Im Film können Helden sterben, wichtig ist die Erkenntnis. Im Business überlebt der Held selbstverständlich und ist an der Erkenntnis gewachsen. Sie macht ihn zu dem Experten, der er heute ist.

  1. Die Heimkehr

Das Ende der Reise. Der Rückkehrer wird zu Hause mit Anerkennung belohnt. Seine neue Meisterschaft beider Welten führt zur Freiheit von der Angst vor dem Tod, die wiederum Freiheit zum Leben ist. Dies wird manchmal als Leben im Augenblick bezeichnet, wobei weder die Zukunft vorweggenommen noch die Vergangenheit bedauert wird. In Ihrer Geschichte geht es darum, wie sich Ihr Leben, Ihre Expertise, Ihr Angebot verändert hat. Verändert hat zum Mehrwert des Kunden.

Diese 12 Schritte mögen am Anfang erschlagend wirken. Doch wenn Sie sich dranmachen, Ihre Geschichte nach diesen 12 Schritten aufzubauen, werden Sie merken, es funktioniert. Zumal Sie kein Spielfilm-Drehbuch oder dicken Roman schreiben wollen. Sie wollen eine kurze Geschichte, die Ihr Publikum gewinnt.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch „Facts tell, Storys sell“ von Michael Moesslang, erschienen im Remote Verlag, Hückelhoven 2020. 

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

Der Autor Michael Moesslang ist Experte für Präsentation, Körpersprache, Rhetorik, Lampenfieber sowie Erfolgs-Autor. Er hält Vorträge und gibt Präsentationstrainings und Rhetorikseminare sowie Performance-Coachings. Weiter Informationen über Moesslang finden Sie hier.

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