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Unbias the News: „Es geht darum, es besser zu machen, wenn man es besser weiß“

Journalist*innen berichten als Beobachter über Diversity und Inklusion – aber wie sieht es in den Redaktionen selbst aus? Die Organisation Hostwriter hat sich intensiv mit dieser Frage beschäftigt. Und mit „Unbias the News“ ihr eigenes journalistisches Projekt gestartet, das in Sachen Repräsentation und ausgewogenerer Berichterstattung mit gutem Beispiel vorangehen möchte. Managing Director Mercy Abang erzählt im Interview, wie Hostwriter Journalist*innen vernetzt und was sie mit Unbias the News verändern möchten.

Im Januar dieses Jahres haben Sie und Julia Vernersson als Managing Director Hostwriter übernommen, Gründerin Tabea Grzeszyk macht ja ein Sabbatjahr. Wie war der Start für Sie?

Der erste Monat war wie eine Achterbahnfahrt. Mein formeller Titel ist Managing Director, das stimmt, aber ich gebe nicht so viel auf diese Titel. Wir arbeiten alle als ein Team zusammen. Letzte Woche haben wir das „Sinking Cities Project“ gestartet. Wir wollen mehr Projekte zum Klimawandel machen und mehr Lokaljournalismus von vorderster Front zu Klimathemen.

Hostwriter wurde im Jahr 2014 gegründet mit dem Slogan „Find a story, find a colleague, find a couch“. Sind eure Ziele noch die gleichen wie damals?

Ja, denn es war eine brillante Idee der Gründerinnen Tabea Grzeszyk und Tamara Anthony. Aber wer einen Prozess ins Rollen bringt, weiß natürlich nicht, was an dessen Ende steht. Hostwriter wurde gegründet mit dem Ziel, Journalist*innen untereinander zu vernetzen. Dem Team wurde aber immer mehr das Problem struktureller Barrieren in den Medien bewusst. Wir sprechen weiter über Cross-Border-Journalismus, sehen aber auch die Probleme in unserer eigenen Branche: Dass Journalist*innen in den Redaktionen nicht gleich behandelt werden und Geschichten nicht so veröffentlichen können, wie sie sollten. Warum also nicht etwas tun, anstatt nur darüber zu reden. Der Rest der Arbeit findet aber natürlich auch noch statt.

Hostwriter hat mittlerweile mehr als 6.000 Mitglieder in mehr als 150 Ländern. Wie hilft eure Organisation dabei, Journalist*innen zu vernetzen?

Ich arbeite nicht nur bei Hostwriter, ich habe selbst auch schon als Journalistin von dem Portal profitiert. Ich wurde zum Beispiel von der Deutschen Welle für ein Rechercheprojekt in Nigeria angeschrieben.

Es ist toll zu sehen, wie sehr Journalist*innen von dem Portal profitieren. Jeden Tag teilen sie neue Jobmöglichkeiten miteinander. Manchmal schreiben mich Leute an, die nach einer Person mit bestimmten Fähigkeiten suchen, und ich vermittle ihnen einen Kontakt. Die mehr als 6.000 Mitglieder sind mittlerweile ein weltweites Netzwerk.

Geht es vor allem darum, Journalist*innen mit bestimmten Fähigkeiten für einen Job zu suchen?

Ja, aber auch darum, seine Couch zur Übernachtung anzubieten. Ich finde die Couch-Idee hervorragend. Als ich Mitglied von Hostwriter wurde, sagte jemand zu mir: „Immer, wenn du beruflich in Köln zu tun hast, kannst du in meinem Haus übernachten.“ Wenn ich mich auf deiner Couch ausruhen kann an den zwei Tagen, an denen ich deiner Stadt bin, hast du schon mehr für mich getan, als ich mir je vorstellen könnte!

Man hilft sich gegenseitig unter Kolleg*innen, aber natürlich auf respektvolle Weise. Es ist ein seriöses Portal. Sollte es einen Vorfall geben, werden Journalist*innen direkt gesperrt.

Es ist sicher nicht nur die Couch, sondern es sind auch die persönlichen Begegnungen, die dadurch entstehen.

Genau. Ich komme ja nicht zu dir, um bei dir Fernsehen zu schauen. Sondern wir kommen so miteinander ins Gespräch. Aus so einem Gespräch können neue Möglichkeiten entstehen.

Aber abgesehen davon bringen uns diese Begegnungen als Community zusammen und wir helfen einander gegenseitig.

Welchen Herausforderungen begegnen Journalist*innen für gewöhnlich, wenn sie mit anderen kollaborieren möchten?

Als Journalistin kann ich aus meiner eigenen Erfahrung sprechen. Ein Thema ist oft die Gleichbehandlung bei der Bezahlung. Dass man gesagt bekommt, weil du auf diesem Teil der Erde lebst, hast du keinen Anspruch auf die gleiche Bezahlung.

Dieses Ungleichgewicht sieht man auch bei den Auszeichnungen. Bei manchen Ehrungen werden kaum Menschen aus bestimmten Regionen berücksichtigt. Nicht, weil sie ihre Arbeit nicht hervorragend machen oder sich nicht anstrengen. Das bringt dich zum Nachdenken: Willst du mir damit sagen, in manchen Regionen haben Journalist*innen nicht die gleichen Fähigkeiten? Als Organisation möchten wir solche Themen ins Gespräch bringen.

Wie und warum ist dann euer Projekt „Unbias the News“ entstanden?

„Unbias the News“ gibt es jetzt ein knappes Jahr. Manche Leute glauben aufgrund unserer Reichweite gar nicht, dass wir eine kleine Organisation sind. Wir sind extrem schnell gewachsen. Eigentlich gehen Jahre ins Land, bis ein Medienunternehmen Fuß fasst. Die Reichweite, die wir erzielt haben, die über 800 Pitches für Geschichten, die eingereicht wurden, das alles war phänomenal. Mehr als 15 Medien haben unsere Stories zweitveröffentlicht. Nicht nur Indie-Medien, auch große Häuser. Das zeugt von der Qualität der Geschichten, die wir veröffentlicht haben.

Euer journalistisches Portal finanziert sich über Spenden und über die Zweitveröffentlichung eurer Geschichten?

Das ist richtig. Wir arbeiten mit Indie-Medien zusammen. Auf unserer Webseite haben wir die Medien aufgeführt, die unsere Geschichten veröffentlicht haben.

Eines eurer Ziele ist es auch, Filterblasen in den Medien platzen zu lassen. Wie kann man sich diese Filterblasen vorstellen?

Schauen wir doch mal, wie Medien weltweit strukturiert sind. Es haben sich darin Schleusenwärter etabliert, die schon so lange da sind, dass bestimmte Menschen keinen Zugang haben. Man braucht sich nur die demografische Struktur in den Redaktionen anzusehen; also diejenigen, die für das Agenda Setting weltweit verantwortlich sind. Wie viele Frauen gibt es in den Redaktionen? Wie viele People of Colour? Arbeiten hauptsächlich Männer, weiße Männer, in den Redaktionen?

Mich interessieren besonders LGBTQ-Themen. Ich würde erwarten, dass Redakteur*innen die Themen aus der Perspektive der Community betrachten können. Dafür müssen diese in den Redaktionen repräsentiert sein.

Ein anderes Beispiel ist die Gesundheit von Müttern rund um Schwangerschaft und Geburt. Ich will damit nicht sagen, dass Journalist*innen eine medizinische Ausbildung absolviert haben müssen. Es gibt aber Aspekte der Mutterschaft, die Männern entgehen können. Eine Frau hat vielleicht selbst erlebt, wie sich eine postpartale Depression anfühlt.

Es geht also um den strukturellen Bias und eine ausgewogene Repräsentation in den Redaktionen und in den Geschichten.

Wie ist deine persönliche Erfahrung mit diesem Thema als Journalistin aus Nigeria?

Ich habe als Fixer und Stringer gearbeitet und weiß um die Rolle, die ich bei manchen Geschichten hatte. Doch ich wurde nie namentlich erwähnt. Ich wurde ausgelöscht. Dabei war ich diejenige, die alle relevanten Interviewpartner auswählte, vom Anfang bis zum Ende der Geschichte. Aber es ist, als wäre ich nie dabei gewesen.

Das möchten wir bei „Unbias the News“ anders machen: Egal, welche Rolle du eingenommen hast, du wirst namentlich erwähnt. Journalist*innen reisen zum Beispiel nach Afrika und logieren in den schönsten Hotels. Dann sagen sie Fixern, was sie für sie tun sollen, was ja auch okay ist. Und am Ende fliegen sie in ihren hübschen Kleidern zurück nach London. Und die Personen, die den ganzen Tag herumgerannt sind und sich für den Bericht die Füße wund gelaufen haben, werden nicht erwähnt. Und dann sagen alle, lasst uns aufstehen und diesen Journalist*innen eine Auszeichnung verleihen.

Ich möchte ihnen damit nicht die gute Arbeit absprechen. Sondern betonen, dass jede Rolle namentlich erwähnt werden muss. Denn nur so können die anderen Journalist*innen auch in ihren Karrieren vorankommen.

Manche könnten einwenden, dass eine vollkommene Ausgewogenheit nicht möglich ist.

Wir bringen diese Diskussion über Diversity und Inklusion in die Öffentlichkeit – und die Veränderung wird allmählich kommen. Vor vielen Jahren warst du kein Journalist, wenn du nicht bei der Deutschen Welle, BBC oder CNN gearbeitet hast. Heute gibt es sogar Newsletter, Morning Brew zum Beispiel, die mehr als 100 Mitarbeitende beschäftigen. Wer hätte gedacht, dass mal eine Zeit kommt, in der jeder sein eigenes Medienunternehmen haben kann.

Es ist ein Prozess. Gegen die Veränderung kann man nicht ankämpfen. Es geht darum, das Rad neu zu erfinden, sich zu innovieren und es besser zu machen, wenn man es besser weiß.

Euer neues Projekt ist das „Sinking Cities Project“. Worum geht es dabei?

Es geht um Städte, die vom steigenden Meeresspiegel betroffen sein werden. Zum Beispiel in meinem Heimatland Nigeria. Und wie dort dennoch weiter in Küstengebieten gebaut wird, als gäbe es diese Prognosen nicht. Überschwemmungen sind nicht mehr nur Theorien aus Büchern. In Deutschland ist es letztes Jahr passiert. Sie sind ein Indiz für den Klimawandel.

Wir haben uns also die Berichte mit den Listen der Städte angesehen, die in den nächsten 50 Jahren vom steigenden Meeresspiegel betroffen sein werden. Und gesagt, lasst uns aus diesen Städten berichten. Vielleicht lenkt es Aufmerksamkeit auf das Thema und bringt Politiker*innen dazu, es ernst zu nehmen.

Welche Zielgruppe habt ihr für „Unbias the News“ vor Augen?

Mit „Unbias the News“ möchten wir auch andere Redaktionen ansprechen. Wir möchten diesen zeigen, dass wir Geschichten veröffentlichen, die von ihnen abgewiesen wurden. Wir wollen zeigen, dass manche Themen richtig ziehen können, wenn man ihnen eine Chance gibt.

Und wir haben politische Themen und Entwicklungsthemen, wo wir Menschen, die sich für diese Bereiche interessieren, ansprechen. Wir haben zum Beispiel Feedback bekommen von Leuten, die für das UNDP, das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen, arbeiten.

Unsere Zielgruppe ist eher zwischen 18 und 40 Jahren alt. Was wir machen, ist nicht für jeden. Wir glauben, dass wir etwas zur globalen Gemeinschaft beitragen können. Aber wir möchten auch, dass Redaktionen auf das Gesprächsthema rund um „Unbias the News“ aufmerksam werden und erkennen, dass es möglich ist, etwas zu verändern.

Vielen Dank für das Interview, Mercy!

Das Interview wurde von Julia Monge mit Mercy Abang auf Englisch geführt und ins Deutsche übersetzt.

Titelillustration: Esther Schaarhüls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV)

Mercy Abang begann ihre Karriere als politische Korrespondentin und Reporterin in Nigeria. Sie arbeitete unter anderem für Aljazeera MEDIA Network und als Reporterin von den Vereinten Nationen in New York. Women in Journalism Africa (WiJ Africa) zählte sie 2021 zu den 25 „Most Powerful Women in Journalism“. Anfang 2022 wurde sie Managing Director bei Hostwriter.

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